Let’s talk about: Selbstoptimierung statt Scheidung?

Und auf einmal bin ich in der Phase meines Lebens angekommen, in der sich meine Freunde und Bekannte scheiden lassen. Ich bin kaum noch auf Hochzeiten eingeladen. Für die meisten Menschen in meinem Umfeld ist die Familienplanung abgeschlossen und das anfängliche Kinderglück passé. Es geht nicht mehr ums Stillen, Windeln und Brei vs. Baby-led Weaning (Hach, waren das noch Zeiten). Im Gegenteil, egal wo ich hinhöre, scheint es zu kriseln. Eine meiner engsten Freundinnen ist jetzt alleinerziehend und viel zufriedener als zuvor. Doch es scheint offensichtlich, dass es immer noch verpönt ist, sich als Frau neu zu orientieren, das Projekt “glückliche Familie” ad acta zu legen. Auf den Schulhöfen meiner Kinder tauschen sich Frauen untereinander bis zum Abwinken über Paartherapie, Sexratgeber und Selbstfindungsbücher aus.

Und da gibt es tatsächlich die Theorie, dass es eh egal ist, mit wem man sein Leben teilt, solange man mit sich selbst im Reinen ist. Moment mal. Selbstoptimierung statt Scheidung? Ich verstehe den Ansatz und ich stimme zu, dass es wichtig ist, an sich selbst zu arbeiten. Trotzdem hadere ich mit mir, wo Frau die Grenze ziehen sollte. Wie viel sollen wir uns verbiegen, um unsere Ehe zu retten? Wovor haben wir Angst? Bewegen wir uns mit so einer Denkweise nicht rückwärts in unserer Emanzipationsgeschichte? Und was signalisieren wir hiermit eigentlich unseren Kindern?

“Als starke Frau ziehe ich sowieso nur Männer an, die mich brauchen, und für solche habe ich keine Zeit,” lachte eine Freundin kürzlich. Ich muss ihr schon recht geben, denn wie viele Frauen beschreiben ihre Männer bitte als zusätzliche Kinder? “Ehe ist sowieso nur eine überholte, längst unrealistische Institution, die Frauen unterdrückt,” behauptet eine weitere Freundin. Männer hielten sich doch seit Jahrhunderten nicht an das Versprechen zur ewigen Treue, und jetzt, wo wir Frauen mal mehr Dampf machen und uns auch in den Jahren nach den Kindern gerne nochmal neu definieren, sähe dies jeder als Revolution. Die dritte Freundin hält dagegen, Ehe sei eben harte Arbeit.

Ein innerer Konflikt

Frauen meiner Generation sind in einer ganz neuen Position. Ich behaupte, viele von uns durchleben einen inneren Konflikt zwischen unserer Sozialisierung und einem Wunsch zur Authentizität. Unsere Großmütter gehörten noch zu der Generation von Frauen, die einfach oftmals keine Möglichkeiten hatten – Geschlechterrollen waren klar getrennt und vielleicht gerade deshalb schafften es viele bis zur Goldhochzeit. Und irgendwie sind diese Werte doch immer noch in uns verankert. Der Wunsch nach einer Familie – Mama, Papa, zwei Kinder. Der Glaube an die ewige Treue – oder warum heiraten so viele von uns (noch)? Und ich frage mich, machen wir uns da nicht manchmal etwas vor?

Frauen sind gelangweilt

Das US-Magazin The Atlantic verkündete kürzlich, dass sich Frauen mehr als Männer von langjähriger Monogamie wie gelähmt fühlen, obwohl uns von klein auf beigebracht wird, dass wir dafür gemacht sind. Passenderweise erzählte mir letztens bei einem Kaffee eine Bekannte, dass sie unzählige Frauen in ihrer Akkupunkturpraxis gegen Libidoverlust behandelt. Das Interessante an der Sache, behauptete sie, sei, dass die meisten nach ein paar wenigen bis ein paar mehr Behandlungen realisieren, dass mit ihrer Libido alles vollkommen okay ist. Das Problem sei: Sie stehen nicht auf ihre Männer. “Im Grunde wissen wir doch gar nichts über weibliche Sexualität,” behauptet sie. Stimmt. Tun wir auch nicht. Zumindest nicht genug. Bücher wie dieses von Sozialforscherin Wednesday Martin setzen jedoch wichtige neue Trends in dem diesem Bereich.

Und was machen wir jetzt damit? Wenn wir laut The Atlantic gelangweilt sind, warum bleiben wir dann? Hoffen wir, die Langeweile vergeht und ist vielleicht nur eine Midlife-Krise? An dieser Stelle wage ich zu behaupten, dass wir den Begriff Midlife-Krise eventuell hinterfragen sollten. Ist so eine Krise wirklich Ursache weiteren Übels oder vielleicht eher ein Symptom unserer unrealistischen Anforderungen an Mann und Frau? Isabel schrieb ja bereits vor Kurzem schon zum Thema Mama Burn-Out. Diese permanente Selbstoptimierung, der wir uns hingeben, erhöht unsere Mental Load doch gravierend.

Authentizität vs. soziale Normen

Und ich frage mich, wovor wir denn Angst haben? Vor dem Unbekannten? Davor, wie eine Scheidung das Leben unserer Kinder beeinflusst (in Gedanken “ruiniert”)?

Ich war selbst Scheidungskind und wuchs komplett ohne meinen Vater auf. Damals war ich für viele Jahre das einzige Kind, das ich kannte, mit so einer Familienkonstellation. Meine Kindheit war in vielerlei Hinsicht von der Abwesenheit meines Vaters geprägt und das ultimative Ziel schien immer gewesen zu sein, dass zu einer richtigen Familie Mama und Papa gehören. Mittlerweile sieht unsere Gesellschaft doch ganz anders aus, und wir scheinen uns von dieser “Heile Familie auf Deubel komm raus” – Philosophie losgelöst zu haben. Bei einem Spaziergang außerhalb der Großstadt erklärte mir eine Bekannte letztes Wochenende, dass es ihr Ziel als Mutter sei, ihre Kinder so aufwachsen zu lassen, dass sie sich bedingungslos geliebt und akzeptiert fühlen. Nur habe sie realisiert, dass dies unmöglich sei, wenn sie sich selbst und ihnen etwas vorlügt. Nachdem sie ihre 13-jährige Ehe geschieden habe, könne sie ihren Kindern ganz anders begegnen. Authentisch glücklich zu sein sei doch die Hauptsache, behauptete sie.

Verderben wir also wirklich das Leben unsere Kinder, wenn wir “das Familienglück” nicht aufrecht erhalten? Warum fühlt es sich wie eine riesige Niederlage an, wenn wir vielleicht doch nicht die Erfüllung als Mama im Eheleben finden? Glauben wir, dass wir egoistisch handeln, wenn wir unser eigenes Glück priorisieren? Und überhaupt, wo hört Self Care auf und wo fängt Egoismus an?

Es heißt doch immer so schön, dass wir unseren Kindern vorleben müssen, auf sich selbst zu achten. Ich finde, es gehört dazu, aktiv zu hinterfragen, welche Message wir ihnen bezüglich Beziehungen mit auf den Weg geben.

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