Let’s talk about: Ab wann sollten wir mit unseren Kindern über Sex sprechen?

27. August 2020 | in Parenting

Über Sex. Nicht über Aufklärung. Über echten Sex. Und über Pornos. Vor ein paar Tagen stolperte ich über eine Kampagne aus Neuseeland und freute mich. Weil ich mir darüber schon oft Gedanken gemacht habe. Das Video ist lustig, aber hat eine sehr ernste und wichtige Message: Sprecht mit euren Kindern über Pornographie. Ein unbekleidetes Paar steht vor der Haustür einer Familie und sagt zu der Mutter: Ihr Sohn schaut uns im Internet an. Diese Filme sind für Erwachsene gemacht und wir wollen ihm erklären, dass die Realität anders aussieht.

Das ist ein Thema, über das ich schon oft mit Freund*innen gesprochen haben und die Reaktionen waren geteilt. Dabei finde ich, sie sollten einstimmig sein. Wir müssen mit unseren Kindern über Sex sprechen. Über echten Sex, über Beziehungen, über Consent. Und zwar am besten BEVOR diese den ersten Porno sehen.

Und das wird früher sein, als es bei uns der Fall war – seien wir mal realistisch. Ich denke, ich war etwa 14, als ich das erste Mal mit einem Porno in Berührung kam. Und das war früh für die Neunziger! Freunde hatten mit dem Ausweis des großen Bruders einen solchen Film in der Videothek ausgeliehen. Die Jungs saßen kichernd davor, ich schämte mich. Man sah ALLES, mehr als bei den Softpornos auf RTL, die ich mal mit einer Freundin abends heimlich gesehen hatte, als ich bei ihr übernachtet hatte. Man sah aber viel weniger verstörende Dinge, als man heute sehen kann, wenn man ein beliebiges Porno-Portal im Netz aufruft.

“Aber das sehen die doch nicht so früh!” Das glaube ich nicht. Klar, die meisten Eltern werden kinderfreundliche Oberflächen für ihre Kids auf Tablets und Smartphone haben, auf denen bestimmte Schlagwörter und auch Seiten gesperrt sind. Aber ein Kind wird das nicht haben und bei diesem einen Kind werden es sich dann alle ansehen. So wie meine Freunde damals mit 14 einen Weg gefunden haben, an Pornos ranzukommen, so werden die – vermutlich eher 11-Jährigen – Kids heute auch einen Weg finden.

Kinder sind neugierig – und finden einen Weg

Eine Freundin erzählte mir von ihrem Bruder, der damals sogar Pornoheftchen aus dem Kiosk im Ort gestohlen hatte und von einer Familie, in der der Vater seine Pornovideo-Sammlung mit Micky Maus Aufdruck getarnt hatte – was die Kinder natürlich bald herausfanden und sie heimlich ansahen. Kids interessieren sich einfach ab einem gewissen Alter für Sex und für alle Dinge, die ihnen verboten und spannend erscheinen. Sie finden einen Weg, sich das dann auch anzusehen, mehr zu erfahren. Der 9-Jährige Sohn von Freunden hat vor Kurzem schon mal SEX bei Google eingeben und auf Videos geklickt. Kinder sind schlau – und technisch fit sind sie noch dazu.

Deshalb will ich mit meinen Kindern früh und detailliert darüber sprechen, dass echter Sex in der Regel nichts damit zu tun hat, was man in Pornos sieht. Dass echte Menschen anders aussehen (Schamhaare haben zum Beispiel), dass man in der Realität gemeinsam Lust auf Sex hat, dass man bespricht, was der eine will und was der andere. Dass man gemeinsam rumprobieren muss, bevor das richtig Spaß macht, dass es auch Pannen geben kann. Dass Frauen nicht automatisch alles gut finden, so wie das in den Filmen meistens der Fall ist, Männer übrigens auch nicht. Dass manche Szenen verstörend sein können und wie sie dann damit umgehen können. Das wird sicher peinlich – für uns beide. Aber ich glaube, es ist unheimlich wichtig.

Natürlich finde ich es vor allem wichtig, dass mit Jungs zu besprechen. Früh und immer wieder, wenn es sich ergibt. Vielleicht beim Wandern, so wie Rike Drust es hier beschreibt. Vielleicht, wenn das Thema aufkommt. Vielleicht, wenn Jungs Phasen haben, in denen sie immer wieder “Hihi, Muschi” oder andere komische Worte für Geschlechtsteile sagen – und sich somit anscheinend für diese interessieren. Eine Freundin hat genau diese Phase mit ihrem Sohn direkt genutzt und ihm anhand eines anatomischen Bildes detailliert das weibliche Geschlecht erklärt. Mit allen Funktionen. Auch der der Klitoris. Ich dachte gleich: wie großartig! Da wächst eine Generation heran, die weiß, wie der weibliche Körper funktioniert – ein Gewinn für alle. Ich glaube, über einvernehmlichen Sex, über Grenzen zu sprechen, ist auch eine gute Prävention, damit die eigenen Söhne nicht sexuelle Gewalt ausüben. Ein Thema, das Teresa Bücker hier ganz toll aufgearbeitet hat. Ich bin mit dem Glaubenssatz aufgewachsen, dass Mädchen sich schützen und verteidigen müssen. Aber warum bringt man Jungs eigentlich nicht im gleichen Maße bei, dass sie nicht übergriffig werden dürfen?

Mit beiden Geschlechtern über diese Themen sprechen.

Es ist aber natürlich genauso wichtig, das mit Mädchen zu besprechen, damit sie nicht denken, sie müssten Dinge tun, auf die sie gar keine Lust haben. Damit sie nicht unwürdig irgendwo ihr erstes Mal erleben, sondern genau sagen können, wann sie was wollen. Damit auch sie wissen, dass Pornographie nichts mit der Realität zu tun hat und klar ihre Grenzen abstecken können. In dem Zug kann man dann auch gleich das Thema “Verhütung” und sexuell übertragbare Krankheiten ansprechen. Und auch hier klar machen, dass Verhütung beide Geschlechter angeht. Nicht etwa nur die Mädchen – so wie wir das in den 90ern noch gelernt haben.

Ich weiß, dass vielen das unangenehm ist. Sogar Freund*innen von mir, die sonst eigentlich sehr locker mit dem Thema umgehen, scheuen sich. Sagen: “Das finden die doch selbst heraus.” Mir persönlich wäre die Gefahr zu groß, dass sie selbst dann erst Mal richtig unangenehme Erfahrungen machen, verschreckt sind, verstört vielleicht. Ich hoffe, durch offene, neutrale Gespräche kann ich das auffangen.

Nur wann fange ich damit an? Ich denke, bald. Eingeführt habe ich es schon immer mal wieder. Demnächst wird das Thema “Es gibt da solche Filme im Internet…” das erste Mal fallen. In dem Zuge fände ich es auch angebracht, wenn der Aufklärungsunterricht in der Schule ein bisschen zeitgemäßer würde. Wie wäre es, PornodarstellerInnen mal in Schulen einzuladen und sie von ihrem Job erzählen lassen? Meine ich total ernst, fände ich eine großartige Idee.

 

 

 

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