Let’s talk about: meine Schwangerschaft – eine verdammte Hassliebe

15. November 2018 | in Schwanger

Als uns Daniela schrieb, mussten wir schmunzeln. Zu bekannt kam uns dass alles vor!  Außerdem hat Daniela einen mitreißenden Humor an den Tag gelegt. Und weil wir lange keine Schwanger-Themen mehr hatten, dachten wir: Her mit dem ganzen Bericht! Wir sind uns sicher, dass sich viele Leserinnen, die ebenfalls gerade eine Kugel vor sich herschieben, sehr gut mit Daniela identifizieren können. Viel Spaß!

 

So ganz unverhofft passiert es ja nicht. Trotzdem schräg, dieser positive Test. Was nun? Ziemlich genau neun Monate ist der Moment im Badezimmer nun her, in nicht mal zwei Wochen werde ich Mutter sein. Höchste Zeit, das Erlebte der letzen Monate mal Revue passieren zu lassen und Fazit zu ziehen. 

Das erstes Trimester oder wie ich zur Rentnerin wurde

Ich hatte eigentlich gedacht, nicht völlig ahnungslos an das Thema Schwangerschaft heranzugehen. Waren meine Antennen doch schon länger sensibel für das Thema. Ich hörte gespannt bei Erzählungen zu, las Artikel und guckte gerne mal die ein oder andere Baby-Doku. Vielleicht naiv zu denken, dass man danach wüsste, was einen in zehn Monaten Hormon-Party erwartet. Da stand ich also, mit meinem neuen Körper, unkontrollierten Emotionen und der Frage, wer ich in Zukunft nun eigentlich sein wollte.

Es fing damit an, dass ich mich gefühlt zwischen zwei Welten befand. Denn es ist direkt nach dem positiven Test natürlich viel zu früh, sich zu freuen – schließlich muss der erste Arztbesuch noch vier Wochen warten. So spreche ich nur mit dem zukünftigen Daddy und den engsten Freundinnen über die neue Situation. Für alle anderen bin ich plötzlich die, die keinen Alkohol mehr trinkt, sich etwas komisch verhält und deutlich weniger ausgeht als vorher. Ich bin irgendwie nicht mehr ich und spiele eine Rolle. Momentan ist es die Rolle „Ich faste bis Ostern und trinke gerade keinen Alkohol“. Leider ist es mit diesem einen Satz nicht getan, sondern es folgen jede Menge Fragen und somit jede Menge Lügen. Und obwohl ich im Lügen ganz großartig bin, fühle ich mich diesmal beim Märchen erzählen nicht besonders wohl in meiner Haut. Apropos, ich fühle mich tatsächlich nicht wohl in meiner Haut. Ich bekomme von jetzt auf gleich Unmengen an Pickeln im Dekolleté, die ich in meiner „ersten Pubertät“ vergeblich gesucht habe. Meine Brüste werden irgendwie unförmig und so sensibel, dass selbst das morgendliche Einseifen unter der Dusche zur Herausforderung wird. Und dann wäre da natürlich noch der Bauch und mein Brain-gewaschenes-Instagram-Hirn, das mir vorhält, dass erst im fünften Monat eine kleine Wölbung zu sehen sein sollte. Eine Wölbung, die ich schon seit Jahren mit mir rumtrage und die plötzlich ganz besonders weich wird. Keine Spur also erst mal von einem schönen, runden Babybauch. Mit kneifendem Hosenbund, aber noch zu weit entfernt von Umstandsmode, schleppe ich mich durch die ersten 12 Schwangerschaftswochen. Deutlich isolierter als vorher, denn weniger Leute treffen heißt auch, weniger lügen müssen. Dafür ein neuer, ständiger Begleiter an meiner Seite: die Übelkeit, die mir langsam aber sicher auf die Laune schlägt. Bis zu diesem Zeitpunkt könnte man also sagen mein Leben hat sich von einer unternehmungslustigen, sehr fröhlichen, mitteljungen Frau in das einer nörgelnden Rentnerin verändert… Eine die Nachts zwei mal raus muss, ab sechs Uhr Morgens wach liegt, Cracker aus ihrer Manteltasche fischt und diverse Powernaps braucht, um am Abend todmüde ins Bett zu fallen. Überzeugt hat es mich noch nicht bisher, dieses schwanger sein.

Doch zumindest war ich nun beim Arzt und habe jetzt offiziell die Bestätigung bekommen – in Form eines Ultraschallbildes, eines kleinen Herzschlages auf dem Monitor und eines hellgelben Mutterpasses. Der wahrscheinlich erwachsenste Moment in meinem Leben. Und obwohl ich mit meinen 34 Jahren schon so gut wie zur Gruppe „Risikoschwangerschaft“ gehöre, fühle ich mich während des Arztbesuches wie eine Teenagermutter, die doch eigentlich noch viel zu jung ist für all das und eh überhaupt keine Ahnung hat.

Das zweite Trimester – Gefühlshoch und intime Fragen

Pünktlich zum Frühling, es muss der vierte Schwangerschaftsmonat gewesen sein, wird plötzlich alles sehr viel besser und ich finde wieder zu mir. Hello zweites Trimester! Ich strotze nur so vor Energie, das Kotz-Gefühl hat sich verabschiedet, meine Haut und meine Haare strahlen und ich bin wieder ganz die Alte. Bis spät abends draußen sitzen, mit Freunden und Sprudelwasser „um die Häuser ziehen“. Außerdem höre ich nur noch auf mein Bauchgefühl, blende kritische und ermahnende Stimmen aus und genieße meine Freiheiten. Der Schwabbelbauch hat sich in eine kleine, runde Mini-Kugel verwandelt und ich liebe das neue Körpergefühl. Den ganzen Sommer über  kann ich die Plauze so richtig schön raushängen lassen und trage enge Kleider, die ich früher niemals angezogen hätte. Das neue Wohlbefinden trägt mich weiter über die kommenden Monate. Fünfter Monat, sechster, siebter… es fühlt sich großartig an! Streckenweise vergesse ich sogar, dass ich schwanger bin und nur die Fragen Anderer besinnen mich wieder auf meinen wachsenden Zustand. Zwei Fragen scheinen mein Umfeld am allermeisten zu interessieren. Auf Platz eins: „Ist bestimmt hart, neun Monate ohne Alkohol oder?“ Platz zwei: „Und habt ihr denn noch Sex?“ Es scheint die Leute deutlich mehr zu interessieren ob ich noch regelmäßige Orgasmen habe, als zu erfahren wie es mir beispielsweise emotional geht. Ist für mich aber ok.

Die Alkohol-Frage liegt eventuell an meinem sehr feucht-fröhlichen Freundes- und Bekanntenkreis. Aber wie ist es denn nun, den kompletten Sommer, den man sonst mit Weinschorlen draußen verbracht hat, hausgemachte Limo zu trinken? Es ist so easy, dass ich es selber kaum glauben kann. Dachte ich lange Zeit, ein Abend unter Freuden wird erst dann richtig nett, wenn die Lampen ganz leicht anfangen zu leuchten und man so richtig aufdreht, so ist die Erkenntnis um so schöner, dass es reicht, selber zu leuchten. Kitschig ich weiß – und auch ganz schön traurig, dass ich für diese Glückskeks-Weisheit 34 Jahre alt werden musste. Obwohl ich trotzdem nicht noch mal einen Sommer freiwillig auf eisgekühlte Weinschorle verzichten möchte, würde ich im Tausch lieber eine Nacht auf dem Bauch schlafen können, als einen Abend nach Hause zu torkeln.

Und was ist jetzt mit Sex? Auch wenn ich mich immer freue über dieses Thema zu sprechen, bin ich doch ein wenig überrascht, wie einfach diese Frage plötzlich so vielen über die Lippen geht. Gleichzeitig frage ich mich, wieso der Gedanke entsteht, dass Sex plötzlich ein Problem darstellen sollte? Klar haben wir noch Sex. Und es fühlt sich gut an! Liebevoll und nah, trotz der kleinen und größer werdenden Einschränkungen. Sehr gerne wird auch selber Hand angelegt, das hilft mir, mein altes Körpergefühl zu erhalten und die Lust nicht zu verlernen. Lustiges Gimmick beim Orgasmus ist die anschwellende Gebärmutter, die ganz groß und hart wird (sodass man es sogar von außen spürt) und sich dann nach ein paar Minuten wieder zurückzieht. Sehr spannend, dieser neue Körper!

Das dritte Trimester – übers Träume deuten und Nest bauen

So vergehen sie also, die Schwangerschaftsmonate und plötzlich befinde ich mich im dritten Trimester und kann mir mein Leben plötzlich ohne Babybauch gar nicht mehr vorstellen. Die, wie meine Schwangerschafts-App mir verrät, anfängliche Blaubeere ist mittlerweile zu einer Papaya gewachsen, hat ihren eigenen Rhythmus und nervt mit nächtlichem Schluckauf. Eine Art Tamagotchi, das schon zur Familie gehört. Zu dem Zeitpunkt könnte für mich alles so bleiben. Ich bin kein Freund von Veränderungen und habe mich mit dem aktuellen Zustand bestens arrangiert. Doch ist die Natur natürlich nicht blöd, sie zeigt mir den Mittelfinger und leitet langsam aber sicher den Abnabelungsprozess ein. Wie sie das macht? Natürlich mit neuen Wehwehchen! Diesmal in Form von stechenden Rückenschmerzen, ersten Übungswehen, schweren Beinen, Ziehen, oh und hallo Müdigkeit, du bist auch wieder da! Außerdem war es noch nie so schwer, Schuhe anzuziehen, geschweige denn sich die Fußnägel zu lackieren oder die Bikinizone zu rasieren. Dank des niemals endenden wollenden Sommers, kann ich auf meine geliebten Adiletten zurückgreifen und verzichte vorerst auf kompliziertes Schuhwerk. Kann meine Füße eh bald nicht mehr sehen, ist also egal, was da unten passiert.

Viel komplexer sind die Nächte, die jetzt zur Herausforderung werden. Wie kann Schlaf plötzlich so unglaublich ungemütlich sein? Trotz wahnsinnig bequemen Stillkissens liege ich, wenn es hoch kommt, 10 Minuten in einer erträglichen Position, bis es los geht mit dem Drehen von einer Seite auf die andere. Das geht allerdings nur noch mit lautem Stöhnen und Walross-artigen Bewegungen. Dann natürlich der nächtliche Toiletten-Gang. Bei einem bleibt es selten. Wäre ja auch nicht weiter schlimm, wenn ich direkt danach wieder einschlafen könnte. Stattdessen liege ich stundenlang wach, versuche mich mit Podcasts in den Schlaf zu wiegen, oder fange an, in Stillbüchern zu blättern, für die mir sonst die Muße fehlt. Außerdem machen sich Sorgen breit, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren. Bis es dann plötzlich morgens ist und das Gedankenkarussell drei Runden extra gefahren ist. Schlafe ich doch mal durch, träume ich von sprechenden Babies, die mich zurechtweisen, von Freunden, die mich einfach vergessen und mitten in der Pampa alleine stehen lassen. Dazu die skurrilen Sexträume, die leider nur selten mit einem „Happy End“ enden. Ich muss kein großer Traumdeuter sein, um zu verstehen was ich in den nächtlichen Therapiesitzungen verarbeite. Ich lerne jetzt schon, was Schlafentzug mit Laune und Wohlbefinden anrichten kann und kann nur noch müde lächeln, wenn mal wieder der Satz fällt: „Du musst unbedingt ganz viel vorschlafen, bevor das Baby kommt!“ Super Tipp, danke!

Zu guter Letzt, mein Lieblingsthema: der Nestbau! Hatte ich doch wirklich gedacht, dass dieses Thema einigermaßen spurlos an mir vorbei geht, habe ich mich selbst noch mal ganz neu kennenlernen dürfen. Noch nie habe ich mehr Befriedigung dabei empfunden, Dinge zu ordnen, zu putzen, zu arrangieren. Und das jeden Tag aufs Neue. Und wehe, irgendwas wird auf den falschen Platz wieder zurück gestellt, dann ist hier aber was los. Es muss unbedingt alles sauber und aufgeräumt bleiben, bis das Baby kommt. Weitere Hobbies; Babysachen besorgen, Angebote auf Ebay vergleichen und Wickelkommode einräumen. Oh je. Ich werde so wie ich niemals werden wollte und liebe es. Mein Freund schmunzelt nur noch und tröstet mich (und sich) damit, dass es eh nie wieder so aufgeräumt sein wird und nach sieben Jahren „unkomplizierter Freundin“ (Zitat!), es völlig ok ist, dass ich auch mal am Rad drehe. Danke!

Fazit: 

In meinem Fall ist Schwangerschaft eine verdammte Hassliebe. Ein ständiges Auf und Ab. Nur sagt einem das vorher niemand. Schließlich ist die Schwangerschaft doch „so eine tolle Erfahrung“ und „die spannendste Zeit im Leben einer Frau“. Ich möchte die Erfahrung auch absolut nicht missen und natürlich hätte alles viel viel schlimmer sein können, doch sollten wir viel offener auch mal über die düstereren Tage sprechen. Denn die gibt es. In einem Moment schien mir noch die Sonne aus dem Arsch, im nächsten war es stockduster. Gefolgt von einer tiefen Traurigkeit, die ich mir selbst nicht erklären konnte. Und dann dieses schlechte Gewissen, nicht dankbar genug zu sein, für dieses Wunder. Der Kloß im Hals kroch regelmäßig immer weiter hoch und endete nicht selten in Tränen.

Ich denke, ich habe mir oft viel zu viel Druck gemacht und war zu streng mit mir. Ich wollte genau so weiter funktionieren wie zuvor, was größtenteils sogar gut funktioniert hat. Tage, an denen mein Körper aber dann mal richtig schlapp gemacht hat, und ich somit Dates und Verpflichtungen nicht einhalten konnte, haben mich extrem runter gezogen. Oft aus der Angst heraus, zu wenig Zeit zu haben, mein altes Leben noch lang genug zu leben, bevor sich alles ändert. Vor allem aber auch aufrgund einer Panik, nicht gerüstet zu sein für all das Neue, was auf mich und uns zukommen wird. Schwachsinn – wie ich jetzt kurz vor Ende feststellen muss. Aber wie so vieles muss man auch das erst mal alles lernen und sich in der neuen Rolle finden. Kein Druck von außen zulassen und ganz besonders nicht von innen. Umso mehr kann ich nun diese allerletzten Wochen völlig egoistisch genießen und (noch) nach meinen Bedürfnissen leben.

Von Vorfreude ist gerade noch nichts zu spüren. Aber auch das ist sicherlich okay, denn jede Frau ist anders, hat andere Bedürfnisse und setzt unterschiedliche Prioritäten.

Das weiß ich nun am Ende meiner zehnmonatigen, zweiten Pubertät!

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