Let’s talk about: “Ich hatte einen Schwangerschaftsabbruch”

27. January 2022 | in Familie | Gesellschaft | Letstalkabout

Es ist eines der großen Tabuthemen unserer Gesellschaft: Wenn eine Frau einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lässt, wissen oft nicht mal die Eltern oder besten Freunde davon. Denn kaum ein Thema wird mit so viel Scham und Furcht vor sozialer Ächtung verbunden, wie eine Abtreibung. Wir möchten das sichtbarer machen, weil Abtreibungen nun einmal Teil unserer Gesellschaft sind. Ungewollt schwanger zu werden – das kann wirklich fast jeder Person mit Gebärmutter passieren!

Und eben genau deshalb sollte es auch weder Verurteilungen geben, noch sollte der Prozess so umständlich gestaltet werden… Um das Bild von Schwangerschaftsabbrüchen ein bisschen transparenter zu machen, haben wir in unserer Leserschaft nachgefragt und viele, sehr unterschiedliche und interessante Aspekte kennengelernt: Ganz oft ist es das dritte oder vierte Kind, das man sich einfach nicht mehr zutraut. Oder man wird ungewollt schwanger, während man in einer komplizierten, dysfunktionalen Partnerschaft steckt. Oder aber: Der Zeitpunkt für ein Kind ist einfach nicht der Richtige.

Jede dieser Erzählungen ist anders. Es gibt so viele Facetten und jede Frau hatte ihre Gründe, sich für einen Abbruch zu entscheiden. Keine von ihnen sollte sich rechtfertigen müssen – denn niemand fällt diese Entscheidung leichtfertig.

100.000 Abbrüche jährlich in Deutschland

Bevor wir zu unserem ersten Erfahrungsbericht kommen – vorab noch ein paar Infos und Fakten zum Schwangerschaftsabbruch, um die Geschichten der Frauen noch besser einordnen zu können:

Jedes Jahr beenden etwa 100.000 Frauen in Deutschland ihre Schwangerschaft vorzeitig. Etwa 70 Prozent von ihnen sind zwischen 18 und 34 Jahren alt. Bei vier Prozent aller Abbrüche liegt dieser Entscheidung eine medizinische Indikation zugrunde oder ein Sexualdelikt. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 96 Prozent der Frauen, ihr Recht auf Selbstbestimmung nutzen und den Abbruch aus rein persönlichen Gründen vornehmen lassen. Laut Paragraph 218 des deutschen Strafgesetzbuches ist ein Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich gesetzeswidrig und strafbar und bleibt nur auf Grundlage der sogenannten Beratungsregelung straffrei. Das heißt: Selbst wenn eine Frau genau weiß, dass sie das in ihr heranreifende Kind nicht möchte, muss sie sich vor dem Eingriff zwingend von einer fremden Person „beraten“ lassen, sonst macht sie sich strafbar.

Mehrheit der Frauen bereut Abbruch nicht

Vollzogen werden kann der Schwangerschaftsabbruch in den ersten 12 Wochen nach der Empfängnis. Darüber hinaus ist er nur noch möglich, wenn eine medizinische Indikation vorliegt, z.B. wenn das Kind schwere gesundheitliche Schäden aufweist. Für den Eingriff gibt es zwei Möglichkeiten: den medikamentösen Abbruch mit der so genannten „Abtreibungspille“ (Wirkstoff Mifepriston). Oder die operative Methode, bei welcher der Embryo und die Gebärmutterschleimhaut unter Vollnarkose durch ein Röhrchen „abgesaugt“ werden.

In jedem Fall ist die Entscheidung, die Schwangerschaft zu unterbrechen nie eine leichte. Tatsächlich überwiegt aber bei den meisten Frauen die Erleichterung, diesen Schritt gegangen zu sein. Bestätigt wurde das vor wenigen Jahren in einer Studie der University of California. Die hatte ergeben, dass der Großteil der Frauen, die sich für einen Abbruch entschieden hatten, den Entschluss langfristig als positiv bewerteten – auch wenn 53 Prozent der Frauen angab, dass ihnen die Entscheidung für die Abtreibung “schwer” bis “sehr schwer” gefallen sei. Fünf Jahre später erklärten aber 95 Prozent der befragten Frauen, dass sie ihre Entscheidung nicht bereuten. Als belastend empfanden diese Frauen eher die Stigmatisierung, die oft mit dem Thema einhergeht.

Auch wenn wir die Offenheit der Frauen, die uns ihre Geschichte erzählt haben, begrüßen, möchten wir ihre richtige Namen nicht nennen, um sie vor möglichen Anfeindungen zu schützen. Uns sind Name und Wohnort der Frauen jedoch bekannt.

Die erste Geschichte erzählt Franzi, sie ist 45 Jahre alt, hat zwei Töchter (11, 14), und lebt in „wilder Ehe“ mit dem Vater ihrer Kinder.

Ich wollte immer Mutter werden und hab mich immer mit zwei Kindern gesehen. Als meine beiden Töchter geboren waren, hat sich meine kleine Familie komplett angefühlt. So war es perfekt für mich und auch für meinen Partner. Ein halbes Jahr nachdem meine jüngste Tochter zur Welt gekommen war, fühlte ich mich plötzlich komisch. Da ich aber meine Regel noch nicht wieder bekommen hatte, war ich mir sicher, nicht schwanger werden zu können. Und deshalb dachte ich mir erst einmal nichts dabei. Doch dann wurde das Ziehen in der Brust und im Unterleib so stark, dass ich es nicht mehr ignorieren konnte und einen Schwangerschaftstest machte. Der brachte dann auch gleich die Gewissheit: Ich war tatsächlich schwanger. Meine jüngste Tochter konnte noch nicht mal krabbeln, da wuchs schon ein zweites Kind in mir heran… Meine Gefühle pendelten in dem Moment zwischen Verzweiflung, Verwirrung und Panik. Darüber zu entscheiden, was mit diesem Kind nun passiert, überforderte mich komplett. Ich wollte kein drittes Kind. Aus finanziellen Gründen, aus logistischen Gründen (unsere Wohnung war zu klein dafür, das Auto auch und Urlaube waren zu viert schon ein echter finanzieller Brocken für uns). Und ich wollte auch aus emotionalen Gründen kein drittes Kind. Mein Herz vermisste nichts. Ich war glücklich mit meinen beiden Kindern. Und außerdem war meine Jüngste erst sechs Monate alt. Und damit noch weit weg davon, aus dem Gröbsten raus zu sein. Mehrfach-Stillen, schlaflose Nächte und Rückenschmerzen vom vielen Tragen bestimmten meinen Alltag. Der Gedanke, dass das mit einem dritten Kind in die nächste Runde gehen soll, war für mich kaum ertragbar.

Als ich meinem Partner noch am selben Abend erzählte, schwanger zu sein, reagierte er sehr verständnisvoll. Hätte ich das Kind gewollt, hätte er mich unterstützt. Aber er war auch der Meinung, dass unsere Familie, so wie sie ist, vollkommen ist und ein weiteres Kind uns überfordern würde – aus den gleichen Gründen, die mir schon durch den Kopf gegangen waren.

Ich bin dann zu meiner Frauenärztin. Die machte nochmals einen Test, der meinen bestätigte. Ich war zu dem Zeitpunkt etwa in SSW 3 oder 4. Zum Glück reagierte meine Ärztin sehr verständnisvoll und empathisch, als ich ihr von meiner Entscheidung, das Kind nicht zu wollen, erzählte. Sie versuchte gar nicht erst, mit mir zu diskutieren und mich zu etwas überreden zu wollen. Nach dem Motto: Sie sind doch erst 35 und gesund. Sie schaffen das schon. Dafür war ich ihr total dankbar. Sie hat mir die Möglichkeiten erklärt, die ich jetzt habe und ich rief daraufhin die Familien-Beratungsstelle an, um den geforderten Gesprächstermin zu vereinbaren.

An den paar Tagen, die vor dem Abbruch-Gespräch lagen, war ich schon verwirrt und auch verzweifelt und hab alles tausendfach durchdacht und hinterfragt: Kann man das machen? Ist das moralisch? Wie sehr wird mich dieser Schritt emotional belasten? Würde man das doch irgendwie mit drei Kindern hinkriegen? Das war eine echt harte Zeit, in der viele Tränen flossen. Zum Glück ist mein Partner ein sehr realistischer und pragmatischer Mensch. Das hat mir sehr geholfen. Aber am Ende war ich mir ganz sicher, ich schaffe das nicht mit einer Vierjährigen, einem einjährigen Kleinkind und einem Säugling… Das fühlte sich einfach nicht richtig an. Körperlich und mental erschien mir das unmöglich. Und damit war die Entscheidung dann endgültig gefallen.

“Die Methode mit der Abtreibungspille erschien mir zu martialisch.”

Zu dem Gespräch bei der Familienberatung bin ich mit meinem Partner hin. So weit ich mich erinnere, war es auch erwünscht, dass beide daran teilnehmen. Und ich fand es auch gut, da nicht allein durch zu müssen. Ich war in dem Moment aber ganz ruhig und klar, weil ich mir meiner Entscheidung nun ganz sicher war – auch wenn ich in dem Gespräch nochmals ein paar Tränchen verdrückt habe. Trotzdem war es gut, denn danach war das Ganze irgendwie offiziell besiegelt. Die Frau von der Beratungsstelle hatte auch gar nicht viele Fragen und versuchte nicht, uns in irgendeiner Art zu bevormunden oder umzustimmen. Sie hat offenbar ziemlich schnell erkannt, dass wir die Entscheidung gemeinsam und wohlüberlegt getroffen hatten und fand unsere Gründe nachvollziehbar.

Ich machte dann gleich in einer Praxis, die Abbrüche durchführt, einen Termin. Ich hatte mich vorher von meiner Frauenärztin beraten lassen und für den operativen Weg entschieden. Die Pillen-Methode erschien mir irgendwie zu martialisch. Stundenlang darauf zu warten, bis sich der Embryo von selbst ins Klo verabschiedet und dabei mit üblen Schmerzen zu kämpfen – das wollte ich nicht. Den Tipp, mich an diese Praxis zu wenden, gab mir meine Gynäkologin. Denn natürlich steht das nicht auf deren Homepage.

Die Ärztin, die den Eingriff durchführen sollte, war leider ziemlich kühl und schroff. Ich glaube aber nicht, dass sie mich für meine Tat verurteilte – ich glaube eher, das war einfach ihre Art. Vielleicht stumpft man auch etwas ab, wenn man ständig solche Eingriffe vornimmt. Aber auch wenn ich mir eine empathischere Ärztin gewünscht hätte, weil das ja doch eine recht emotionale Sache ist, hat mich ihr Verhalten nicht wirklich aus der Bahn geworfen. Ich ruhte in meinem Entschluss und war mir sicher, das Richtige zu tun. Trotzdem hab ich, als ich dieser Frau gegenüber saß, das erste Mal in dieser Zeit so etwas wie Scham verspürt.

Zu dem eigentlichen OP-Termin ein paar Tage später, bin ich allein hingefahren, weil sich mein Partner in der Zeit um die Kinder kümmern musste. Das war an einem Freitag. Ich lag dann mit drei Frauen im Vorbereitungsraum. Ob die alle für einen Abbruch da waren, weiß ich nicht. In der Praxis wurden ja auch andere Eingriffe vorgenommen. Gesprochen haben wir nicht, irgendwie war jede von uns mit sich beschäftigt. Ich wäre in dem Moment auch lieber allein gewesen. Leider kam ich dann auch noch als Letzte dran. Ich hätte mir eher gewünscht, es als Erste hinter mich zu bringen.

Nach dem Eingriff hat mich mein Partner abgeholt und ich lag dann erstmal zwei, drei Tage flach und hatte mit echt starken Blutungen zu kämpfen. Da ging es mir wirklich schlecht. Aber nur rein körperlich. Emotional war ich eigentlich stabil.

Erzählt hab ich damals niemandem davon. Nicht meinen Eltern und auch nicht meinen Mädels. Erst Jahre später haben meine Freundinnen davon erfahren. Meine Eltern und meine Schwiegereltern wissen bis heute nichts davon. Und das wird auch so bleiben. Wieso sollte ich sie unnötig belasten?

Nach dem Eingriff habe ich zu keinem Zeitpunkt gedacht, dass ich die falsche Entscheidung getroffen habe. Bis heute denke ich, es war absolut richtig und ich bereue nichts. Ich schaue meine Töchter an und weiß: Ich hab nichts falsch gemacht. Ein Abbruch macht einen nicht zu einer schlechten Mutter.

Titelfoto: Gayatri Malhotra

Kommentare