Ob und wann braucht mein Kind ein eigenes Kinderzimmer?

03. November 2016 | in Alltag | Familie

So ein kleiner Mensch, frisch auf der Welt, frei von allem, was wir uns als Lebensstandard eingerichtet haben und deshalb oft als unverzichtbar begreifen – braucht ja eigentlich nicht viel: Einen sauberen Popo, einen vollen Magen, viel Liebe, vor allem Nähe und Annahme.

Hier interessiert erst Mal nicht, ob die Erstausstattung aus Kaschmir gestrickt, die Wickelkommode antik oder das Tragetuch doch nur Second bzw. sogar Third Hand erworben ist. Ich glaube, die allerwenigsten Eltern meinen, dass es in diesem Stadium eines eigenen Kinderzimmers bedarf und wenn doch bereits ein eigener Raum eingerichtet sein sollte, wird er oft ja doch nur zum Schlafen und Wickeln genutzt.

In meinem Bekannten- und Freundeskreis waren die wenigsten Eltern jedenfalls schon vor der Geburt komplett ausgestattet. In der Regel gab es kein Extra-Zimmer, das vor der Schwangerschaft etwa als Büro oder Gästeschlafplatz genutzt worden wäre. Die Wohnungen wurden stattdessen mit der Schwangerschaft oder nach der Geburt, manchmal erst während des ersten Lebensjahres angepasst.

Das Kinderzimmer als Budgetfrage

Uns ging das als junge Kleinfamilie 2012 ebenso. Ich bin quasi zur Geburt meines Sohns nach Berlin gezogen, weil sein Papa hier studierte. Die Entscheidung fiel letztlich aber erst zum Bergfest in der Schwangerschaft und so blieb uns nicht mehr viel Zeit, eine gemeinsame Wohnung zu finden. Julius’ Vater lebte damals mit einem Freund in einer dieser wüst grauen DDR-Platten am Alexanderplatz. Als Single aufregend, als Familie schwierig: im Aufzug schimmelten regelmäßig Fäkalien und nachts wanderte der Security-Dienst die oberen Etagen ab, um Junkies hochzunehmen, die es nicht geschafft hatten, sich im Blaulicht des Eingangsbereichs ihre Nadel zu setzen.

Als wir schließlich über einen Zufall und den Zuruf im Bekanntenkreis an eine 2-Zimmer-Wohnung in Pankow gerieten, waren wir letztlich froh, überhaupt und einigermaßen adäquat unterzukommen. Im Rückblick waren unsere Ansprüche an die Größe der Wohnung aber auch nicht hoch. Wir hatten bis dahin immer nur in Wohngemeinschaften oder sehr kleinen Apartments gelebt. Das gemeinsame Budget hätte mehr als die 2-Zimmer sanierter Altbau auf einem schon damals recht angespannten Berliner Wohnungsmarkt ohnehin nicht erlaubt. Ich hätte aber ganz gewiss auch nicht gemeckert, wenn wir in eine dieser riesigen Berliner Altbaupaläste mit Flügeltüren und glänzendem Parkett eingezogen wären und sich darin ein eigenes Zimmer für Julius ergeben hätte. Ich bin mir recht sicher, dass ich ein solches Zimmer quadratzentimeterweise dekoriert hätte und schier Amok gelaufen wäre, wenn ich damals die Möglichkeit und den Kopf dazu gehabt hätte.

Kinderzimmerinsel anstelle eines eigenen Raums

Inzwischen leben wir zwar in einem anderen Kiez, aber ein eigenes Kinderzimmer hat mein Sohn deshalb trotzdem (noch) nicht. Die zwei Zimmer in der neuen Wohnung sind in Wohn- und Schlafzimmer unterteilt. Ohnehin ist der Raum, der speziell Julius zugedacht ist, eher sukzessive als mit einem Schlag gewachsen. Anfangs gab es diesen Korb mit einer überschaubaren Zahl an Beiß- und Spielwerk sowie ein paar Wimmelbüchern neben dem Sofa, irgendwann dann eine eigene Ecke im Wohnzimmer und inzwischen eine „Kinderzimmerinsel“ im mit 30qm² nur zum Nächtigen für meinen Geschmack ohnehin zu groß angelegten Schlafzimmer.

Gespielt hat Julius letztlich ohnehin immer da, wo wir gerade waren – mit dem Klopapier neben der Dusche, in der Küchenschublade mit den vom letzten Backen noch etwas krustig anmutenden Plätzchenausstechern oder den vom Herbstwetter schmuddeligen Schuhen an der Garderobe. Das ist bis heute unverändert. Letztlich schleppt mein Vierjähriger seine Dinosauriersammlung immer eher zum Küchentisch, als dass er alleine und hinter Mauern von mir getrennt über seinem Spielzeug hängt, während ich das Abendessen zubereite.

Als wäre das kindliche Chaos auf ein Kinderzimmer zu dezimieren

Kurzum: Eine Notwendigkeit zum eigenen Kinderzimmer kann ich gerade für uns noch nicht erkennen – selbst im sich anbahnenden alljährlichen Winter-Dilemma an der Spree. In der Regel wird ohnehin die gesamte Wohnung gekapert, wenn Kitakumpel oder Freunde und deren Kinder zu Besuch sind. Wir Erwachsenen verschanzen uns dann in der Küche und lassen den Nachwuchs nebenan die Wohnung auseinander nehmen.

Vielleicht wäre das tendenziell anders, wenn es diesen Extraraum fürs Kind gäbe, an dessen Grenzen das Chaos endete. Zumindest beobachte ich das bei Freunden, deren Kinder die Legotürme eben auf dem Spielteppich im eigenen Zimmer anstatt auf der Kommode in der Stube aufbauen. Aber aufgeräumt müssen die Quadratmeter ja ohnehin werden, ob wir sie nun Kinderzimmer nennen oder es doch nur der Wäscheständer im Schlafzimmer ist, der zur Höhle umfunktioniert wird.

Letztlich geht es in dieser Frage wohl auch eher darum, inwieweit wir Eltern unseren Rückzugsraum, eine zum Großteil cleane Wohnung brauchen, in der wir unseren Kindern eben nicht gestatten, alles in Beschlag zu nehmen und das Kinderzimmer als Ort gestaltet wird, in dem der Nachwuchs sein darf, ohne den teuren Wohnzimmerteppich oder irgendeinen anderen Teil des schicken, aber nicht kindgerechten Interieurs in Gefahr zu bringen.

Westliche Dekadenz im Quadratmetern gemessen

Und ja, ich denke in dieser Hinsicht auch oft, dass die Annahme, dem Kind stünde ein eigenes Zimmer zu – ja, es bedürfte sogar dieses Raumes – eine sehr westliche Vorstellung ist. Ich will hier gar nicht anfangen von #firstworldproblems. Am Kinderzimmer zu sparen spießt das Thema Dekadenz sicher am falschen Ende auf. Aber angesichts eines global betrachteten Quadratmeter-Standards, sind die eigenen bundesrepublikanischen Kinderzimmersorgen dann eben doch relativ. Vor allem, wenn dieser Raum nur besteht, weil man das eben so macht, weil sich hierzulande eben eingebürgert hat, für jede Person in der Kleinfamilie einen eigenen Raum anzumieten.

Nun gibt es in meinem Leben nur dieses eine Kind. Ich kann mir vorstellen, dass die Kinderzimmerfrage mit zunehmender Zwergenschar anders zu formulieren ist. Zumal irgendwann ja auch die Schulzeit, ganz zu Schweigen von der Pubertät ins Familienleben einbricht und spätestens dann zur Disposition steht, inwieweit sich die Kinderzimmerlosigkeit mit der Realität eines Schulkindes verträgt, ob es dann eben doch diesen stillen Rückzugsort braucht und der Küchentisch sich nicht mehr eignet, um daran Hausaufgaben zu erledigen. Bestimmt gibt es auch den einen oder anderen Threenager, der wutentbrannt gen Kinderzimmer tobt und dort die Tür vor den nicht kompromissbereiten Eltern zuschlägt.

Julius rennt in solchen Situationen eben eher zum Sofa und vergräbt dort die hochrote Rübe unter Kissen. Dass die allermeisten seiner kleinen Freunde ein eigenes Kinderzimmer haben, bekommt er natürlich mit. Ich kann mir auch vorstellen, dass Julius schon bald einen eigenen Raum beanspruchen wird. Und den soll er dann auch haben.

Wie habt ihr die Kinderzimmerfrage gelöst und ab wann glaubt ihr, braucht ein Kind unbedingt einen eigenen Raum?

 

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