Kinderhaben anderswo: Pouline in Australien

17. January 2017 | in Familie | Gesellschaft

Das neue Jahr bringt viel Neues hier auf Little Years, unter anderem eine neue Serie: Kinderhaben anderswo. Schon oft haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wie das Elternsein anderswo auf der Welt so läuft, sei es in unserem Artikel “Weltweite Unterschiede in Erziehungsdingen“, oder in Porträts aus dem Ausland, zum Beispiel aus Japan, Frankreich oder Holland. Jetzt spinnen wir diese Gedanken weiter! Jeden Dienstag werden wir euch von heute an eine Familie vorstellen, die ganz wo anders auf der Welt lebt. Den Anfang macht Pouline, die mit ihrer Familie nach Australien ausgewandert ist und durch deren Erzählungen wir überhaupt erst auf die Idee gekommen sind, diese Serie zu starten. Danke, Pouline! Bühne frei für dich:

WIE ICH NACH AUSTRALIEN KAM:

Dass es mich einmal nach Australien verschlagen würde, hätte ich nie gedacht. 2007 entschloss ich, während meines Studiums in Paris für einen Monat durch Australien zu reisen. Alles war toll und das Land schön, aber niemals hätte ich gedacht, dass ich Jahre später mit meinen eigenen halb-australischen Kindern an jene Orte zurückkehren würde.

Als mich im Mai 2008 ein Freund dazu überredete, im Berliner Club Watergate die Nacht zum Tag zu machen, wusste ich noch nicht, dass mich diese Entscheidung schon bald zurück nach Down Under katapultieren würde. Zwischen Bar und Tanzfläche stand dort ein schwarzhaariger Lockenkopf, der mir unheimlich gut gefiel. Eins kam zum anderen und ich fuhr ihn an diesem Abend in sein Hostel und kritzelte bei Sonnenaufgang meine Emailadresse (ein Telefon besaß ich zu dieser Zeit nicht) auf ein Stück Papier, in der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen.

Die ersehnte Email kam so schnell jedoch nicht und ich geriet in Panik. Hatte er den Zettel verloren? Hatte ich meine Chance auf die große Liebe vermasselt? Am selben Tag fuhr ich auf der Suche nach jenem lockigen Australier zurück in sein Hostel. Sein Name war mir schleierhaft. Australier gab es dort angeblich mehr als nur einen und nach langem Hin und Her mit der Rezeption, entschied ich mich, ein “Wo bist du, lockiger Australier?”-Plakat zu basteln, was sogleich an die Pinnwand am Hostel Eingang platziert wurde.

Lange Rede kurzer Sinn: Mark meldete sich circa eine Woche später aus Prag und bedankte sich für die Fahrt ins Hostel, von meinem Plakat kein Wort. Jahre später, mittlerweile lebte ich mit ihm in Australien, beichtete ich ihm meine Aktion und es stellte sich heraus, dass er an diesem Morgen das Hostel gewechselt und meinen Aufruf nie zu Gesicht bekommen hatte. Gott sei Dank!

Seit Juli 2009 lebe ich nun, mit einer kurzen Unterbrechung in Berlin, in Melbourne, Australien…. Und Mark und ich haben zwei Kinder bekommen!

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GEBURT:

Da ich Kasimir in Berlin per Kaiserschnitt zur Welt gebracht habe und dabei wirklich alles schief lief, was schief laufen kann, wünschte ich mir beim zweiten Mal eine natürlich Geburt. Daraufhin wurde ich hier in ein Programm aufgenommen, bei dem jeder pränatale Check-up von ein- und derselben Hebamme übernommen wird (was ansonsten nicht der Fall gewesen wäre). Man erhoffte sich, dass Frauen, die von einer für sie verantwortlichen Hebamme durch die Schwangerschaft und anschließend die Geburt begleitet werden, Vertrauen und Zuversicht entwickeln und dass es somit einen Rückgang der Kaiserschnitt-Geburten geben würde. Nach der Geburt kommt die Hebamme zwar nur noch einmal zu Besuch, um das Baby und die Mutter zu untersuchen, allerdings gibt es eine landesweite Hotline, die einem 24/7 zur Verfügung steht, um erfahrene Hebammen nach Tricks und Tipps zu fragen. Meine Freundinnen und ich lieben diesen Service! Vor allem in den ersten Wochen nach der Geburt ist man so durch den Wind, dass einem oft die offensichtlichsten Dinge nicht mehr einfallen und es bedarf einer gelassenen Hebamme, darauf hinzuweisen. Um ehrlich zu sein, und obwohl ich anfangs skeptisch war, bin ich ein großer Fan dieser Struktur. Klar, man verzichtet auf den direkten Kontakt mit der Hebamme im Wochenbett, so wie wir es aus Deutschland kennen, allerdings fühlte ich mich nach jedem Telefongespräch gut beraten und betreut. Selbst heute, obgleich meine Jungs nun schon älter sind, scheue ich mich nicht, diesen Service bei Fragen in Anspruch zu nehmen.

Ach ja und die Geburt: Ich wurde also in dieses Programm aufgenommen, die Erfolgsquote habe ich allerdings absolut in den Sand gesetzt, denn Anton kam wieder per Kaiserschnitt zur Welt. Er steckte nach ewigem Pressen und Schmerzen einfach fest und sträubte sich, das Licht der Welt zu erblicken. Wahrscheinlich wollte er so schon früh seinem Bruder in nichts nachstehen!

FREUNDSCHAFTEN:

Was mich wirklich beeindruckt, ist die Kameradschaft der australischen Männer und zum Teil auch der Frauen. Nicht selten hört man von Freundschaften, die schon über Jahre existieren, meist noch aus der Grundschulzeit! Auch der Umgang mit den Eltern von Freunden ist überraschend vertraut und zwanglos. Oft sitzt man mit der älteren Generation bei Wein und Oliven und tauscht Lebensweisheiten. Die Grenzen zwischen Autorität und Kumpel sind einfach locker gesteckt. Ich bin der Meinung, dass es meist zwei Jahre braucht, bis sich Freundschaften in einem neuen Land entwickeln. Ähnlich war es am Anfang auch bei mir. Viele Cliquen sind in meinem Alter einfach schon geformt und als ‘die Neue’ bedarf es Ausdauer und Initiative, sich einen treuen Freundeskreis aufzubauen.

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SCHLAF-KLINIKEN:

Erst kürzlich las ich über sogenannte Sleep-Centres hier in Australien. Persönlich kenne ich niemanden, der mit seinem Baby dort ‘Schlafen gelernt hat’, allerdings scheint es durchaus üblich zu sein, sich dort für ein paar Tage ‘professionell’  zeigen zu lassen, wie das fast Unmögliche möglich ist. Meine Freundin schrieb mir diesbezüglich, dass jungen Eltern früh vermittelt wird, dass Babies ab dem 6. Monat durchschlafen sollten und man erwartet, dass die Mutter ein Jahr lang stillt. Da ich dem ganzen Neugeborenen-Programm hier aus dem Weg gegangen bin, weil ich diesbezüglich ja schon Erfahrung mit meinem ersten Sohn mitgebracht hatte, kann ich nun leider keinen Erlebnis-Bericht liefern. Doch stehe ich solchen Institutionen generell skeptisch gegenüber.

Meine beiden Jungs waren schrecklich Schläfer und wollten ewig nicht durchschlafen. Als Neu-Mutter habe ich Kasimir dann auch sofort in sein eigenes Bett und Zimmer umgesiedelt, in der Hoffnung, dass er so besser schläft. Pustekuchen! Aus heutiger Sicht ein Fehler. Klar, aus Frust und Hilflosigkeit passiert es schnell, dass man von allen Seiten Rat sucht. Dass es da verlockend klingt, den Weg in eine Schlaf-Klink zu gehen, verstehe ich. Doch sollte man sich die Zeit und Ruhe nehmen, um über den Ursprung und die, auf lange Sicht gesehen, positiven Aspekte der Mutter/Vater-Kind Beziehung nachzudenken. Es ist so unheimlich wichtig, vor allem in den ersten Monaten, Nähe und Vertrauen zum Kind aufzubauen. Und dies ist nur durch Nähe und Vertrauen möglich! Eine Schlaf-Klinik veranlasst in meinen Augen genau das Gegenteil.

Drum ist es so wichtig, dass man sich mit Hebammen, anderen Müttern, Großeltern, Freunden oder Ärzten austauscht, um diese anstrengende Zeit nicht alleine bewältigen zu müssen. Der Gedanke, dass ich nicht die Einzige bin, die nachts von Zimmer zu Zimmer wandelt, um ihr Baby zu beruhigen, hat mich in dieser Zeit wirklich bestärkt. Und: es geht vorbei!

ABKÜRZUNGEN:

Die Australier kürzen alles ab! Es ist zum durchdrehen! Aus Australia wird Straya. Aus McDonalds wird Maccas. Aus Barbecue wird Barbie. Aus Vegetables wird Veggies. Aus Afternoon wird Arvo. Aus Biscuit wird Bickie. Aus Christmas wird Chrissy. Aus Comfortable wird Comfy. Aus Cup of Tea wird Cuppa. Aus Mosquito wird Mozzie. Aus Pregnant wird Preggas. Aus Sandwich wird Sammie. Aus Sunglasses wird Sunnies. Aus Devestated wird Devo. Aus Definitely wird Defo. Aus Breakfast wird Brekky. Aus Spaghetti Bolognese wird Spag-Bo. Für mehr: hier und hier.

LEBENSSTANDARD:

Der Lebensstandard in Australien ist sehr hoch. Man wird gut bezahlt (der Mindestlohn liegt bei 12,45 Euro) und die Arbeitslosenrate liegt bei 5,6% (Einwohnerzahl 24,3 Millionen). Allerdings sind die Lebenshaltungskosten extrem hoch. Mieten, Schulen, Brot, Butter, Kaffee, Alkohol…Die Liste ist endlos. Wenn wir am Wochenende Frühstücken gehen, also zwei Erwachsene + zwei Kinder, dann zahlen wir im Durchschnitt 65 Euro. Selbst im lokalen Pub, eine Institution für sich und unter Australiern sehr beliebt, zahlt man für ein Hauptgericht circa 14 Euro. Die Mieten werden pro Woche berechnet und liegen in der Innenstadt bei durchschnittlich 250 Euro/Woche für ein(e) 2-Zimmer Haus/Wohnung.

Wir wohnen in einem kleinen Haus mit drei Schlafzimmern und winzigem Garten. Das gesamte Stadtbild ist mit europäischen Städten nicht zu vergleichen. Es gibt den CBD (Central Business District), der einem Hochhausdschungel gleicht. Dort wohnen viele ausländische Studenten in Micro-Wohnungen. Angrenzende Stadtbezirke bestehen aus größtenteils Einfamilienhäuschen. Neuerdings sprießen hier und da Neubauten aus der Erde, doch diese sind unheimlich schlecht gebaut, ohne Charakter und oft auch mickrig.

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REISEN:

Die meisten Australier sind erfahrene Weltenbummler. Zwar wird das eigene Land auch bereist, aber oft geht es zu beiden Seiten über die Ozeane. Bali und Thailand sind sehr beliebt, da NUR 6 bzw. 9 Stunden von Melbourne entfernt. Für den Australier ein Katzensprung! Denn allein die Strecke von Melbourne (Süden) nach Cairns (Norden) beträgt knapp 3000 km. Zum Vergleich: Hamburg-München 775 km.

Die obligatorische Weltreise bleibt für die meisten jungen Leute hier nicht aus. Wer es sich leisten kann, fliegt jährlich entweder nach Europa oder in die USA.

Und trotzdem, australische Strände, die Wildness und die Wüste im Inneren des Landes sind beliebte Ziele, die in den langen Ferien angesteuert werden. Bushwalking, also Wandern ist, knapp hinter Surfen fast schon Nationalsport!

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KINDERGÄRTEN + ELTERNZEIT:

Oh, es ist eine Schmach! Australische Kindergärten sind private Institutionen und folglich haarsträubend teuer. Gezahlt wird pro Tag und nicht wie in Deutschland pro Monat. Die Tagesgebühr variiert je nach Kindergarten, liegt jedoch im Durchschnitt bei $100 (umgerechnet ca. 74 Euro). Je nach Situation (Alleinerziehende Elternteile, Arbeitslose Eltern etc.) reduziert sich diese Summe geringfügig, allerdings schicken die meisten Familien ihre Kinder gewöhnlich für nur zwei bis drei Tage in die Kita, da die finanzielle Rechnung sonst für viele einfach nicht aufgeht (arbeitet eine Frau mit zwei Kindern im Kindergarten in Vollzeit, verdient sie abzüglich der Kindergartenkosten und Steuern gerade mal $5 pro Tag!). Meine Söhne gehen drei Tage die Woche in den Kindergarten, an den restlichen Tagen bin ich (denn es ist einfach so, dass meistens die Mütter zurückstecken…) für die Unterhaltung der Knirpse verantwortlich. Dementsprechend erfolgreich und gut besucht sind hier die Nachmittagsprogramme. Vom Kids-Yoga, über Schwimmkurse bis hin zu Malstunden, man kommt nicht drumrum, sein Kind zu irgendeiner Aktivität anzumelden, um diese langen Tage einigermaßen mit Inhalt zu füllen. Denn leider gehöre ich nicht zu den Müttern, die sich mit Motivation und Geduld dem stundenlang erzieherischen Basteln widmen können. Mir fällt einfach oft die Decke auf den Kopf, wenn ich mit beiden Kindern zu Hause zwischen Legosteinen und Pinseln sitze, vor allem im Winter. Allerdings muss ich gerechterweise hinzufügen, dass die Kita meiner Jungs ganz toll ist. Da ich den Vergleich mit Deutschland habe, kann ich sagen, dass hier viel für die frühkindliche Entwicklung getan wird. Vor allem die Bereiche Natur, Kultur der Aboriginals und Höflichkeit/menschliches Miteinander, werden stark fokussiert. Einmal im Monat schaut Uncle Bill, ein Vertreter der Aboriginal Gemeinde, vorbei und erzählt den Kindern ‘Dreamtime stories’ – spirituelle Geschichten vom Ursprung der Welt. Die Gruppen sind klein und jeden Tag bekommt man ein umfangreiches Update darüber, wie lange das Kind Mittagsschlaf gemacht hat, wieviel es gegessen und was es im Einzelnen erlebt hat. Es entsteht somit das Gefühl, dass die Kinder dort wirklich einzeln beobachtet und geleitet werden.

Doch auch die Elternzeit existiert so wie wir sie in Deutschland kennen nicht. Gesetzlich geregelt sind 18 Wochen bezahlte Elternzeit. Nach Ablauf dieser Zeit kann zwar weitere Elternzeit beim Arbeitgeber beantragt werden, allerdings unbezahlt. Der Lebensunterhalt für die restliche Auszeit muss aus der eigenen Tasche finanziert werden.

FREUNDLICHKEIT:

Ich bin mir nicht ganz sicher woran es liegt, aber die Australier sind unheimlich freundlich. Am Anfang dachte ich, es sei vielleicht nur aufgesetzt und diese angenehme zwischenmenschliche Besonderheit verfliegt im Nu. Doch nach all den Jahren hier stelle ich mit heiterem Entzücken fest, dass ich mich geirrt habe. Vielleicht ist es die von Eukalyptus-Aroma getränkte Luft, die langen Sommernächte oder der Hochgenuss des ‘Vegemite on Toast’, aber wo ich auch bin, ob im Supermarket an der Kasse, im Stau auf dem Weg nach Hause oder im Baumarkt, ein ‘G-Day’ oder ‘Hello Love’ geht dem Australier leicht über die Lippen. Ich komme nicht drumrum mich zu fragen, ob es eventuell daran liegt, dass wie oben beschrieben, im Kindergarten viel Wert auf Respekt und Freundlichkeit gelegt wird. ‘Excuse me…’, ‘Could I please…’, ‘Would you mind…’ sind alles Formulierungen, die den Kindern hier von Anfang an vorgelebt und mit einer vertrauten Selbstverständlichkeit gebraucht werden. Tratsch und Sticheleien sind tatsächlich fast verpönt, was das Miteinander vor allem unter Frauen sehr angenehm macht. Ich bin viermal im Jahr für eine Woche alleine zu Hause mit den Jungs, da mein Freund geschäftlich im Ausland ist. In dieser Zeit laden uns Spielplatzbekannte regelmäßig zum Abendbrot ein, um mich in dieser Zeit zu unterstützen. Selbst der Anruf bei der Bank oder bei der Steuerbehörde ist eine Wohltat! Höflich wird einem selbst in schwierigen Situation weitergeholfen. Auf dem Weg zur Kita grüßt uns oft die halbe Nachbarschaft. Das ‘How are ya’?’, worauf ich mir am Anfang den Kopf zerbrochen habe, um mit einer adäquaten Antwort entsprechend meines aktuellen Gemütszustands zu antworten, ist hier eher eine Floskel, die zu Beginn jedes Gesprächs gesetzt wird und worauf man einfach nur ‘Good, thanks and you…?’ erwidert. So einfach und unbeschwert. Sicherlich sieht das Ganze in weniger privilegierten Bezirken ein wenig anders aus, doch das Gefühl von Gemeinschaft und Zusammenhalt ist definitiv stärker als das, was ich aus Deutschland gewohnt bin.

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ERZIEHUNG:

Ich beobachte in meinem Umkreis viele verschiedene Erziehungsstile. Ich kenne Paare, die ihre Kinder bis zum Ende der Grundschule rundum behüten und zum Beispiel nicht alleine mit dem Fahrrad zur Schule radeln lassen. Diese Art Eltern scheint oft sehr strukturiert und geradlinig in ihren Regeln und Überzeugungen und ich würde fast behaupten, dass das gängige Konstrukt ‘Heiraten-Hauskauf-Kinder’, auf den Nachwuchs übertragen wird. Ich habe oft das Gefühl, in Sachen Erziehung ein wenig aus der Rolle zu fallen. Meistens sind es Kleinigkeiten, wie zum Beispiel das Toiletten-Training. Kasimir kam hier mit 2 1/2 in die Kita und ging zu diesem Zeitpunkt schon seit 6 Monaten auf die Toilette, so wie die meisten seiner deutschen Kita-Freunde. Das ist hier nicht üblich. Viele Kinder tragen noch mit 3 Jahren eine Windel. Überhaupt, die Eigenständigkeit, zu der ich meine Kinder versuche zu erziehen, wird hier anders interpretiert. Viele Kinder sitzen noch mit 3 oder 4 Jahren im Buggy. Auf dem Spielplatz würde sich kaum eine Mama wagen, sich auf die Bank zu setzen und ihre Kinder einfach machen zu lassen. Es wird viel überwacht, dabeigestanden, gesorgt. Vielen Kindern wird auch das Klettern auf Bäume entweder untersagt oder es steht ein Erwachsener dicht dabei und wacht. Sand gibt es auf den meisten Spielplätzen nicht, denn die Sorge um Katzenkot im  o.ä. im Sandkasten scheint zu groß. Diesen Sommer beobachte ich auch wieder, wie unwohl sich Australier beim Anblick nackter Kleinkinder fühlen. Selbst gleichaltrige Kinder sind dieses Bild nicht gewohnt. Windeln, Windeln, überall Windeln, aber kein nackter Po. Als Anton noch sehr klein war und im Kinderwagen schlief, habe ich ihn oft einfach vor dem Café abgestellt, während ich mir einen Platz im Inneren suchte. Er war immer in Sichtweite, aber ich erinnere mich an Blicke und auch Kommentare von Leuten, die das gar nicht verstehen konnten. Vielleicht bin ich zu gelassen und naiv. Aber ich möchte nicht jedem Wehwehchen nachgehen müssen und meinen Jungs zudem auch das Gefühl vermitteln, dass sie erstens bestimmte Dinge alleine auf die Reihe kriegen und zweitens unbeschwert und selbstbewusst ihre Kindheit leben dürfen. Ich würde sie nie in Gefahr bringen, das ist klar. Aber kleine Grenzüberschreitungen und sich ausprobieren finde ich wichtig.
Manieren haben hier allerdings die meisten Kinder. Die Höflichkeit der Erwachsenen spiegelt sich in den Kindern ganz klar wieder.

WAS MIR AM BESTEN GEFÄLLT:

Die allgemeine Akzeptanz, dass Kinder Teil der Gesellschaft sind. Von Kreide und Plastikbechern in Cafes über freundliche Gesichter, wenn das Kleinkind mal wieder alle Fußgänger durch einen Schreianfall blockiert, bis hin zu täglichen kostenlosen Story-Times (Kinderbücher-Vorlesungen) in den lokalen Büchereien. Ähnlich sieht es übrigens mit der Hundehaltung aus. Da wir selbst bis vor kurzem noch Hundebesitzer waren, kann ich aus Erfahrung sprechen. Ich habe hier in den Jahren keinen einzigen aggressiven Hund kennengelernt. Es ist ganz selbstverständlich, dass Hunde im Park ohne Leine laufen. Das Verständnis zwischen Tier und Mensch ist schlichtweg bemerkenswert. Es scheint ein Kreislauf aus Akzeptanz, Toleranz und Empathie zu sein, welcher den Umgang miteinander, ob Mensch oder Tier, so angenehm macht.

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WAS MICH NERVT:

Die Kälte im Winter! Es ist natürlich nicht so eisig wie in Deutschland, allerdings verharren die Australier im Glauben, dass der gesamte Kontinent mit einem milden Klima gesegnet ist. Das mag in Sydney und dem Rest des Nordens so sein, in Melbourne hingegen ist es einfach kalt! Bei winterlichen Temperaturen zwischen 3C und 9C ist es schier unmöglich die Wohnungen und Häuser hier warm zu kriegen. Auf Isolierung wird beim Häuserbau meist verzichtet und so wachen wir im Winter morgens auf und können unseren Atem sehen!

Wie eingangs schon kurz erwähnt, bin ich sehr enttäuscht darüber, dass der Bildungssektor stark privatisiert ist. Die meisten Familien schicken ihre Kinder auf private Oberschulen (selbst private Grundschulen sind gut besucht). Die Tatsache, dass private Schulen qualifiziertere Lehrer einstellen, ist bedrückend. Wir haben Glück und wohnen in einer Gegend, in der auch öffentliche Schulen gut angesehen sind. Dieses System führt jedoch dazu, dass eine Chancengleichheit absolut ausgeschlossen ist.

SPIELPLÄTZE:

Mein Sohn Kasimir kam 2012 in Berlin zur Welt. Nachdem der erste Sommer mit klitzekleinem Baby schnell vorüber ging und wir den darauffolgenden Winter viel zu Haus verbrachten, konnten wir die langersehnten Sommertage kaum abwarten um – den meisten deutschen Eltern mit Kleinkindern nicht unbekannt – endlich wieder ins Freie zu treten und von Spielplatz zu Spielplatz zu ziehen. Vom Wasserspielplatz bis hin zu unkonventionellen Abenteuerspielplätzen – die Auswahl war riesig. Umso überraschter war ich, als wir zwei Jahre später in Melbourne auf leere Spielplätze trafen. Keine Menschenseele ließ sich blicken, außer uns schien niemand auf die Idee gekommen zu sein, die Nachmittage hier zu verbringen. Lange wunderte ich mich und kam nicht drauf, bis es irgendwann funkte und mir klar wurde, dass die meisten Familien hier in kleinen Häusern wohnen und es sich einfach im angrenzenden Garten nett machen, inklusive Sonnensegel. Zwar wird der Spielplatz gelegentlich besucht, ist jedoch im Vergleich zu Deutschland weitaus weniger beliebt. Die Spielplätze an sich sind in Australien sehr steril. Meist begegnen einem Plastikkonstruktionen und an den Schaukeln sind Sicherheitsketten angebracht. Nun ja, die Australier lieben ihre ‘safety requirements’. Was allerdings toll ist, sind die Sonnensegel, die so gut wie über jedem Spielplatz angebracht sind, sodass man auch in der Mittagssonne dort spielen kann.

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ÜBERNACHTEN:

Eine meiner wohl schönsten und lebhaftesten Kindheitserinnerungen ist das Übernachten mit und bei Freunden. Meine Eltern scheuten sich nicht, Klassenkameraden, Spielplatzfreunde und Nachbarskinder zu uns einzuladen, um die Nacht gemeinsam, auf dem Fußboden zeltend, Kassetten hörend und laut-kichernd zu verbringen. Die Bilder in meinem Kopf aus dieser Zeit sind geprägt von Unbeschwertheit, Kameradschaft und purer Freude. Hier in Australien scheint mir diese Tradition, wie ich sie aus Deutschland bis heute kenne, nicht so stark ausgeprägt. Meine Kinder sind noch recht klein, doch selbst  bei Freunden mit älteren Kindern höre ich selten von diesem Konzept. Als ich letztens die Mama der Kindergartenfreundin meines Sohnes fragte, ob ihre Tochter denn nicht mal bei uns übernachten möchte, stieß ich auf Verwirrung und eine freundliche ‘ich glaub sie ist noch nicht so weit’- Absage. Nun gut, vielleicht sollte ich dem Ganzen einfach Zeit geben und zu einem späteren Zeitpunkt nochmals nachhaken.

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FREIZEIT:

Abgesehen von den Missständen im Bildungssystem, ist die australisch Art zu Leben eine Wonne! Da die meisten Großstädte am Meer gelegen und von Bushland umrandet sind, spielt sich die Freizeit viel in der Natur ab. Im Sommer, verbringen wir die Tage oft mit Freunden am Strand. Das Verrückte ist, dass sich die meisten Australier trotz der schädlichen Sonnenstrahlen hier, direkt in die Sonne werfen und dort stundenlang verharren! Zwar sind Sonnencreme und Sonnenhut hier A und O (in den Kitas und Schulen ist das Eincremen mit Sonnenmilch sowie das Tragen von Hüten Vorschrift), umso krasser ist dieser Widerspruch und ich stand schon oft kurz davor, den Import von Strandkörben in die Wege zu leiten. Sobald der Hunger eintritt, geht es daran, sich einen Platz an den öffentlichen Grillplätzen ‘Barbies’ genannt zu sichern. Diese werden jeden Abend von der Stadt gereinigt und sind sehr beliebt. Und so ‘sizzlen’  (brutzeln) wir mit den Kindern, Freunden und Nachbarn jahrein, jahraus Freitag nachmittags im Park vor uns hin, trinken Wein und zelebrieren das leichte Leben…

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GROßELTERN:

Dass sich die Großeltern ganz selbstverständlich in die Erziehung der Kinder mit einbringen, ist in Australien die Ausnahme. Ich erinnere mich, meine halbe Kindheit und vor allem die großen Ferien bei meinen Großeltern verbracht zu haben. Dort wurde ich mehrere Wochen bespaßt und hab es geliebt, einfach Kind sein zu dürfen und mit leckerer Hausmannskost verwöhnt zu werden.

Überraschenderweise kann sich mein Freund an ähnliche Ferien aus seiner Kindheit erinnern, doch ist es mittlerweile so, dass sich die Generation seiner Eltern mehr und mehr aus dieser Verantwortung stiehlt. Ich musste ewig darum kämpfen, dass die Mutter meines Freundes einen meiner Söhne für einen Tag in der Woche übernimmt. In den Urlaub fahren mit den Enkelkindern? Ein Traum! Mehr als zwei Nächte dort verbringen? Unvorstellbar. Leider ist es nicht nur bei uns so. Im Freundeskreis sieht es ähnlich aus. Die Oma und Opa Generation in Australien hat andere Pläne. Es scheint fast so, als wolle sie sich nicht festlegen. Meine Eltern sowie Großeltern in Deutschland hingegen, können es nicht erwarten, auf die Jungs aufzupassen, sobald wir deutschen Boden betreten. Letzten Sommer waren die beiden tatsächlich einen Monat ohne mich in Obhut meiner Familie und ich bekam sie erst kurz vor unserer Abreise wieder zu Gesicht. Wie erwartet hatten sie eine traumhafte Zeit bei Oma und Opa und den Ur-Großeltern. Schade, dass es hier in Australien nicht ähnlich Norm ist.

 

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NATUR:

Obwohl wir in Melbourne, also im Süden Australiens leben und das Klima hier, im Vergleich zum Norden des Landes eher gemäßigt ist, gibt es hier Tiere und Insekten, die für mich als Berliner Pflanze ungewöhnlich und exotisch sind. Abgesehen davon, dass ich sie einfach nicht kannte und mir das gelegentlich vorbeischauende Possum einen Schrecken einjagt, sind einige von ihnen auch wirklich giftig. So zum Beispiel die Redback Spider, sowie die White-tailed Spider. Sie sind winzig und hochgiftig, eine Kombi, die mich nervös macht! Bei jedem kleinen schwarzen Punkt an der Wand ziehe ich die Jungs aus dem Zimmer, schnappe mir meine Gummihandschuhe und gehe auf Jagd. Mein Herz explodiert jedes Mal fast, wenn ich diese Aktion starte und selbst bei den großen ungefährlichen Huntsman Spiders, bekomme ich rote Wangen und mein Atem setzt unwillkürlich für ein paar Sekunden aus. Rund um den Yarra River, dem großen, braunen Stadtfluss, unweit unseres Hauses, hausen zudem die Schlagen. Dort wo es schön grün und sumpfig ist, machen sie es sich gemütlich und schon oft ist meinem Freund auf dem Weg nach Hause eine solche begegnet. In diesen Momenten heißt es dann Ruhe bewahren und mit Abstand einiger Meter laut auf den Boden stampfen. Normalerweise verschwinden sie dann ruck zuck wieder im Gebüsch und man kann seiner Wege gehen. Den Kindern wird früh beigebracht, wie gefährliche Tiere aussehen und was zu tun ist, wenn man einer Spinne oder Schlange begegnet. Aber auch Kängurus, Emus, Kookaburras, Magpies, Wallabies und Wombats leben hier. Die Pflanzenwelt ist natürlich auch super interessant. Doch auch hier gibt es Arten, die man lieber nicht berühren sollte. Australien ist und bleibt ein Abenteuer.

WEIHNACHTEN:

Weihnachten war mir eigentlich nie wichtig. Die kitschigen und teils übertriebenen Festlichkeiten gingen mir meist auf die Nerven. Als ich dann nach Australien kam und diese bunte Fanfare aufgrund der Jahreszeiten ausblieb (Weihnachten findet hier im Sommer statt, was dazu führt, dass sich die Deko sowie sämtliches Liedersingen und aufwendiges Kochen aufs Minimale reduziert), ging mir das Herz auf! Auf einmal fuhren wir zu Weihnachten an den Strand, statt ins aufgeheizte Wohnzimmer. Wir grillten Shrimps, statt Gans und überhaupt schien mir Weihnachten im Sommer irgendwie weniger aufgesetzt. Klar, manchmal vermisse ich die dörflichen Weihnachtsmärkte und einen Spekulatius hier und einen Lebkuchen da fänd’ ich schon toll. Bestimmte Traditionen wie zum Beispiel das morgendliche Adventskalender-Öffnen, Plätzchen backen oder die mit Kleinigkeiten gefüllten Stiefel an Nikolaus behalte ich trotz der Hitze bei. Doch nun renne ich an Weihnachten eben mit den Jungs ins Meer, schnabuliere süße Mangos und erfreue mich an einem kalten Glas Weißwein.

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WEITERE BESONDERHEITEN:

Im Haus zieht man die Schuhe nicht aus.

Schwimmflügelchen besitzt hier kaum ein Kind. Von klein auf werden sie ohne Hilfsmittel ans Wasser heran geführt. Ab und an bekommen die Kleinen eine Schwimmnudel unter die Arme gedrückt, aber ansonsten lernen die Kinder einfach früh schwimmen.

Die Zahl ‘1’ wird in Australien nicht wie bei uns geschrieben. Stattdessen setzt man einfach einen Strich: I .

Zahnpasta ist unheimlich teuer! Und keiner weiß warum.

Wiener Würstchen werden gegrillt oder gekocht. Roh, so wie ich sie meinen Jungs ab und an als Snack in die Hand drücke, finden Australier eklig.

Vegemite ist Gold! Der schwarze Brotaufstrich, der wie Brühe schmeckt, ist Nationalgericht und in jedem Haushalt zu finden.

Das Schuljahr beginnt im Januar und die meisten Kinder werden mit 5 Jahren eingeschult.

Neighbourhood Gardening, nennt sich das Projekt der lokalen Gemeinde, bei welchem man eine Holzbox beantragen kann, vor seinem Haus platziert und mit Kräutern, Blumen oder ähnlichem bepflanzt.

Fahrradhelme sind in Australien Vorschrift. Auch für Erwachsene.

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