Kinderhaben anderswo: Dana in Bosnien und Herzegowina

26. February 2019 | in Alltag | Familie | Gesellschaft | Parenting

Aufgrund der großen Nachfrage und weil es auch uns viel Spaß gemacht hat, geht unsere Kinderhaben Anderswo-Serie aus 2017 jetzt weiter. So spannend ist es zu sehen, wie das mit den Elternsein in anderen Ländern läuft! Erzählungen die uns inspirieren, die das Fernweh wecken und vor allem eins zeigen: Egal wo, Kinderhaben ist ein großes Abenteuer – umso schöner wenn man es teilen kann! Heute erzählt uns Dana von ihrer Zeit mit Baby und Mann in Sarajevo…

Wie ich nach Sarajevo kam

Knapp vier Jahre ist es her, dass es meinen Mann und mich aus beruflichen Gründen nach Sarajevo gezogen hat.
Wir haben uns 2012 in Kamerun kennengelernt. Ich war dort drei Jahre lang als Entsandte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) tätig, als er auf einer kurzen Evaluierungsmission vorbeischneite und einen bleibenden Eindruck bei mir hinterließ. Mein Mann arbeitet im Bereich der internationalen EZ an der Finanzierung von erneuerbaren Energien. Wie das Leben so spielt, sollte ich keine zwei Wochen später nach Deutschland zurückkehren und wir blieben in Kontakt. Es folgten anderthalb Jahre Fernbeziehung zwischen Frankfurt a.M. und Berlin, bevor wir zusammenzogen und frisch verlobt unsere gemeinsame Zukunftsplanung angingen.
Wir verbrachten weitere zwei Jahre in Frankfurt und fühlten uns dort sehr wohl. Dennoch kam in uns langsam aber bestimmt der Wunsch auf, noch einmal gemeinsam ins Ausland zu gehen. Bevor wir uns kennenlernten, hatten wir beide bereits mehrere Jahre im Ausland gelebt – überall von Zentralamerika, den USA, England, mehreren Ländern in Afrika bis in den Pazifik. Wir hatten Lust auf etwas Neues und freuten uns, dass sich bereits im Sommer 2015 für meinen Mann die Gelegenheit einer Entsendung nach Sarajevo ergab. Unsere Hochzeit verwandelte sich somit in ein rauschendes Abschiedsfest mit unseren Familien und Freunden.

Unser Alltag

Wir wohnen hier sehr zentral in einer großen Altbauwohnung in einem Haus aus österreichisch-ungarischen Zeiten. Die Zusammensetzung unserer Nachbarn ist wie ein Querschnitt der Gesellschaft Sarajevos in seinen besten Zeiten: hier leben bosnische Muslime, Kroaten und Serben sowie Menschen aus anderen Ländern unter einem Dach. Neben einer Arztpraxis gibt es einen Politiker des alten Establishments und eine Vertreterin der neuen multiethnischen Intellektuellenpartei die Seite an Seite mit jungen Familien, einem Unternehmer, einer selbstständigen Konditorin, mehreren Expats und einem ehemaligen nationalen Fußballidol wohnen.

Die Altstadt ist ein paar Minuten zu Fuß entfernt und wir lieben es, alles direkt um die Ecke zu wissen – Einkaufsmöglichkeiten, Kinos, einen großen Park und natürlich Spielplätze für unseren Sohn. Der wohl größte logistische Segen für ein Leben mit Kind hier in Sarajevo ist, dass es an fast jeder Ecke Filialen einer großen deutschen Drogeriemarktkette (DM) gibt, deren Angebot dem in der Heimat gleicht. Auch sonst fehlt es an nichts Wesentlichem, was die Versorgung angeht. Wertige Spielsachen und schöne Klamotten sind eher Mangelware, aber damit kann man leben. Ein positiver Aspekt ist, dass die überschaubare Auswahl hier einem viel Zeit spart, wenn ich daran denke, wie viele Stunden zum Teil beim Entwirren des Überangebots in Deutschland draufgehen.

Die Geschichte ist allgegenwärtig

Über 20 Jahre nach Kriegsende prägt die Belagerung Sarajevos seine Bewohner bis heute. Bei einem Spaziergang durch die Stadt sieht man noch viele Einschusslöcher, die meisten Fassaden sind aber wieder hergerichtet. Es gibt eine wilde Mischung aus modernen Häusern, Betongebäuden aus der Zeit des Sozialismus, kunstvollen Villen der österreichisch-ungarischen Periode der Stadt und schließlich die wunderschöne osmanische Altstadt, Baščaršija, voller kleiner Holzmoscheen und ruhiger Innenhöfe.

Auf so beengtem Raum bietet wahrscheinlich keine andere europäische Hauptstadt eine so große Vielfalt. Ich liebe es, in meiner Freizeit auf Entdeckungstouren zu gehen. Auch nach über drei Jahren hier gibt es immer etwas Neues zu sehen.

Im Gegensatz zu anderen Auslandsaufenthalten in unserer Vergangenheit gestaltet sich der Alltag hier in Sarajevo ziemlich „normal“. Das fängt schon damit an, dass die Stadt grundsätzlich sicher ist und man sich überall frei bewegen kann. Die Lebenshaltungskosten sind insgesamt wesentlich geringer als in anderen Großstädten Europas und wir wissen es sehr zu schätzen, dass wir uns Unterstützung bei der Kinderbetreuung und im Haushalt leisten können.

Luka geht, seitdem er knapp 15 Monate alt ist, in eine kleine bilinguale Kita, in der Englisch und Bosnisch gesprochen wird. Außerdem haben wir eine Babysitterin, die regelmäßig einspringt, wenn wir mal abends ausgehen wollen oder wenn Luka krank ist und nicht in die Kita gehen kann.
Es gibt eine große Auswahl städtischer und privater Betreuungseinrichtungen. Wir haben viele Freunde, die ihre Kinder den Großeltern in Obhut geben, wenn sie wieder arbeiten gehen. Die erweiterte Familie spielt hier immer noch eine weitaus größere Rolle als bei uns in Deutschland. Dies hat sicherlich auch finanzielle Gründe. Exakte Zahlen gibt es nicht, es wird aber geschätzt, dass die Arbeitslosigkeit im Land bis zu 40 Prozent oder sogar mehr beträgt. Zudem beträgt der durchschnittliche Lohn umgerechnet rund 400 Euro im Monat und es kommt nicht selten vor, dass Gehälter Monate zu spät ausgezahlt werden.

Vor Lukas Geburt habe ich von hier aus selbstständig im Bereich Kommunikation für ein Berliner Startup gearbeitet.
Danach habe ich mich eine ganze Weile voll auf ihn konzentriert und nebenbei angefangen, mich ehrenamtlich für das 2017 ins Leben gerufene War Childhood Museum zu engagieren.
Der Initiator des Museums, Jasminko Halilović, war selber gerade einmal 4 Jahre alt, als der Krieg ausbrach. Er gründete das Museum als Denkmal für seine eigenen und die Erfahrungen anderer Kinder, die im Krieg aufwuchsen. Das Museum stellt persönliche Gegenstände sowie Berichte von Zeitzeugen aus und zielt darauf ab, durch Aufklärungsarbeit das Bewusstsein für Themen zu schärfen, die aus Kindheiten im Krieg resultieren. Anfangs widmete sich das Museum ausschließlich den Erfahrungen von Kindern während des Krieges in Bosnien und Herzegowina. Es ist nun allerdings im Begriff zu expandieren, um die Geschichte der von Krieg betroffenen Kinder auf der ganzen Welt zu erzählen, einschließlich derer aus jüngsten Konflikten in Syrien und der Ukraine. Das War Childhood Museum erhielt 2018 für seinen weltweit einzigartigen Ansatz und enorm bewegenden Beitrag zum kulturellen Erbe den renommierten Council of Europe Museum Prize.
Das vergangene Jahr über habe ich es vor allem genossen, meinen kreativen Ideen freien Lauf zu lassen, zu Nähen und zu Fotografieren. Zuletzt habe ich von Luka und Sarajevo inspiriert eine kleine Kollektion an Kinderklamotten zusammengestellt.

Diesen Sommer neigt sich unsere Zeit in Sarajevo dem Ende zu. Wir blicken einerseits mit Wehmut auf unseren nahenden Abschied aus dieser wundervollen Stadt, die uns als Familie so stark geprägt hat. Andererseits empfinden wir auch große Vorfreude auf die Rückkehr nach Deutschland und alles, was dort auf uns wartet.

Die Geburt

Für uns stand sehr schnell fest, dass ich für die Geburt zurück nach Deutschland reisen würde.

Leider ist das hiesige Gesundheitssystem seit dem Zusammenbruch Jugoslawiens total heruntergewirtschaftet und marode. Es herrscht ein akuter Mangel an Ressourcen, Korruption ist weit verbreitet und qualifizierte Fachkräfte verlassen das Land am laufenden Band. Deutschland steht dabei ganz oben auf der Wunschliste an Zielen.

In der Regel gehen Frauen hier in Sarajevo für die Geburt in das große öffentliche Universitätskrankenhaus. Es gibt im Land noch eine Handvoll privater Einrichtungen, welche unseres Wissens jedoch häufig noch schlechter für Notfälle ausgestattet sind.
Das hiesige Krankenversicherungswesen deckt alle regulären Kosten für Untersuchungen und die Geburt ab, allerdings ist es nicht unüblich, den Ärzten seines Vertrauens schon weit im Voraus zusätzliche monetäre Anreize zu setzen, damit sie am Tag X für einen auch wirklich da sind. Ähnliches gilt für das Pflegepersonal, das sich häufig entsprechend des „Trinkgeldes“, das man ihnen zukommen lässt, mal engagierter und mal weniger für einen einsetzt.

Alles, was man im Laufe seines Krankenhausaufenthaltes braucht, muss man hier übrigens selber mitbringen. Laut mehrerer Freundinnen, die hier entbunden haben, sollte man sicherheitshalber Schmerzmittel und ggf. Faden für einen Kaiserschnitt, Binden, Milchpumpe, antiseptisches Duschgel gegen MRSA, Seife zum Händewaschen, Klopapier usw. in die Kliniktasche packen.
Kaiserschnitte sind hier zwar nicht die Regel, werden aber doch sehr häufig durchgeführt. Offiziell sollten sie nur Frauen bekommen, bei denen ein akuter medizinischer Grund dafür besteht; es besteht aber auch die Möglichkeit dafür zu bezahlen, wenn man unbedingt einen haben möchte.

Tough love: Mit rauhem Ton und ohne Partner im Kreißsaal

Partner dürfen bei der Geburt seit einigen Jahren nicht mehr im Kreißsaal anwesend sein, erhalten aber Telefonnummern von der Station der Frau und des Kindes, um sich nach der Geburt nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen. Die Kreißsäle sind für drei bis sechs Frauen ausgestattet, die ohne Privatsphäre spendende Wände oder Vorhänge ihre Kinder zur Welt bringen. Im Falle einer Kaiserschnittgeburt wird die Mutter mindestens 24 Stunden von ihrem Kind getrennt. Die Mütter werden in diesen Stunden auf der Intensivstation untergebracht. Bei natürlichen Geburten dürfen die Mütter ihre Kinder allerdings häufig auch erst Stunden später im Arm halten, wenn sie mehrfach darum bitten. Generell werden Mütter und Kinder den gesamten Zeitraum ihres Klinikaufenthalts (2-3 Tage bei natürlichen Geburten, 3-5 bei Kaiserschnitten) getrennt von Besuchern (inkl. der Väter) untergebracht. Zu Besuch kommen können zwar alle, allerdings trennt grundsätzlich eine Glasscheibe Mütter und Babies von ihren Besuchern. In der Klinik herrscht nämlich ein akutes Problem mit Krankenhausbakterien (insbesondere MRSA). Stillberatungsangebote gibt es hier so gut wie keine und der Umgangston von Krankenschwestern während und nach der Geburt ist nach allem, was ich gehört habe, sehr rau und oft gefühlskalt. Militärischer Drill zum Aufstehen, Kind versorgen und Anweisungen befolgen sind die Regel – egal ob eine natürliche Geburt oder ein Kaiserschnitt gerade hinter einem liegen. Geburtsvorbereitungskurse werden dezentral von den lokalen Gesundheitszentren angeboten, allerdings sind sie tendenziell schlecht besucht. In der Klinik sind es in der Regel auf Geburtshilfe spezialisierte Krankenschwestern, die bei der Geburt assistieren. Das lokale Krankenversicherungssystem sieht außerdem vor, dass eine Pflegekraft ein- bis zweimal nach der Geburt zu einem nach Hause kommt, um nach dem Wohl des Babys und der Mutter zu schauen. Dabei geht es allerdings weniger um medizinisch-fachliche Dinge als um das gemeinsame Einleben. Es scheint nicht annähernd mit meinen persönlichen Erfahrungen der Nachsorge im Wochenbett vergleichbar. Dies ist aber auch wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Hebammen, wie wir sie in Deutschland als autonom agierende Gesundheitsfachkräfte gewohnt sind, hier nicht gibt. Insgesamt bleibt festzuhalten, dass ein ganz akuter Mangel an Aufklärung und Begleitung von werdenden Eltern herrscht. Dies hat zur Folge, dass viele Mütter – wenn überhaupt – nur kurz stillen und Flaschenmilch häufig nicht nur als praktischer, sondern auch für gesünder als Muttermilch erachtet wird. Einer Bekannten ist es nach der Geburt ihres zweiten Kindes per Kaiserschnitt in der größten Geburtsklinik des Landes hier in Sarajevo passiert, dass das abgepumpte Kolostrum einfach weggeschmissen wurde, um dem Neugeborenen stattdessen Milchpulver zu geben, weil dieses „steriler“ und „besser“ sei. Ähnlich wie in Deutschland in den 60er und 70er Jahren haben die Hersteller von Milchpulver und Ersatzmilchprodukten hier großen Einfluss auf die gängige Meinung, ohne dass Frauen gleichzeitig über Vor- und Nachteile aufgeklärt werden oder Beratung beim Stillen bekommen.
In den knapp 12 Monaten, die ich unseren Sohn gestillt habe – und das wirklich überall – habe ich zu meiner großen Überraschung kein einziges Mal missbilligende Blicke oder blöde Kommentare dafür bekommen. Ganz im Gegenteil! Ich hatte das Gefühl, dass es eher wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde. Hoffentlich besteht also noch Grund zur Hoffnung, dass sich die Situation hier im Laufe der nächsten Jahre verbessern wird und mehr Frauen eine informierte Entscheidung fällen können, wie sie ihr Kind ernähren möchten.

Die meisten Ausländerinnen, mit denen ich mich ausgetauscht habe, sind in ihre Heimatländer nach Kroatien, Österreich oder Großbritannien gegangen, um ihre Kinder auf die Welt zu bringen.
Wenn man einen unproblematischen Geburtsverlauf hat, geht hier in der Klinik sicherlich alles gut, mal abgesehen von den emotionalen Wunden, die die oben genannten Erfahrungen häufig hinterlassen – nur wer will schon das Risiko eingehen, wenn man die Wahl hat?

Zur Vorsorge hatte ich hier für den Ernstfall zwar einen Frauenarzt, die meisten Untersuchungen habe ich allerdings in Deutschland machen lassen, wenn wir für Familienfeste oder andere Anlässe zu Besuch waren. Diese Lösung kam mir zum einen entgegen, weil ich so keine sprachlichen Hürden überwinden musste. Sehr viele Leute hier sprechen zwar Deutsch und/oder Englisch, gerade bei fachlichen Themen bezogen auf die erste Schwangerschaft war es im gewohnten Kontext aber einfacher und angenehmer. Zum anderen, ist die generelle Herangehensweise zu gesundheitlichen Dienstleistungen hier eine ganz andere als in Deutschland. Beispielsweise werden viele Untersuchungen in der Regel nicht direkt beim Arzt in die Wege geleitet, sondern man muss in ein separates Labor gehen, in dem man eigenständig erläutern muss, was genau benötigt wird. Dieser Mangel an fachlicher Begleitung hat mir überhaupt nicht gefallen.

Glücklicherweise hatte ich eine unkomplizierte Schwangerschaft und konnte bis zur 36. Schwangerschaftswoche in Sarajevo bleiben, bevor ich für die Geburt nach Deutschland geflogen bin. Dort hatte ich dann noch knapp 2 Monate Zeit, um von allerhand schöner geburtsvorbereitender und Freizeitangeboten zu profitieren – Yoga, Treffen mit meiner Hebamme, kleine Ausflüge mit meiner Familie, einem Nähkurs usw. Es war herrlich! Zwei Wochen vor meinem ausgerechneten Termin kam dann auch mein Mann nach und konnte aus dem Berliner Büro seines Arbeitgebers und ganz zum Schluss von Zuhause arbeiten, bis es Anfang März 2017 endlich soweit war und unser Sohn Luka auf die Welt kam. Die Geburt und der Aufenthalt in der Klinik fühlte sich verglichen mit dem, was mich wahrscheinlich in Sarajevo erwartet hätte, wie Luxus an. Wir hatten ein Familienzimmer, wurden von sehr engagiertem Personal betreut und konnten alles gemeinsam erleben – naja, bis auf die Wehen 😉

Wenig Vertrauen in Impfschutz

Lukas erste Früherkennungsuntersuchungen konnten wir noch vor unserer Rückkehr nach Sarajevo bei seinem Kinderarzt in Deutschland machen lassen. Wir haben uns an den deutschen Impfkalender gehalten und waren erleichtert, als er alle Grundimpfungen hinter sich hatte, da hier in Sarajevo keineswegs von einem durchgeimpften Herdenschutz die Rede sein kann. Während es zu jugoslawischen Zeiten noch allumfassende Impfprogramme gab, lassen heute immer mehr Eltern ihre Kinder nicht impfen (man spricht von bis zu 50%). Dabei sind Impfungen in Bosnien und Herzegowina nicht nur kostenlos, sondern eigentlich auch obligatorisch. Zurückzuführen sind die niedrigen Impfraten u.a. auf das typische Problem der Fehlinformation zu Impfstoffen in den sozialen Medien, mangelndes Vertrauen in das Gesundheitssystem und Versorgungsprobleme. Viele Bekannte mit kleinen Kindern, die hier impfen lassen wollten, berichteten von Engpässen bei Impfstoffen und von Kinderärzten direkt geäußerte Sorgen vor unterbrochenen Kühlketten bei Lebensimpfstoffen. Solche Geschichten tragen verständlicherweise nicht dazu bei Impfraten zu steigern, um das eigene Kind und die Gemeinschaft zu schützen.

Was mir am besten gefällt: Die Menschen

Natürlich kann man nicht generalisieren, aber einige Dinge sind uns bei vielen Bosniern aufgefallen, so zum Beispiel ein ausgeprägter Sinn für Selbstironie, ein rabenschwarzer Humor und eine sehr direkte Art. Unsere Freunde und Bekannten hier sind uns nicht zuletzt so ans Herz gewachsen, weil sie enorm gastfreundlich und zuvorkommend sind und sich selbst nicht so ernst nehmen. Auf ihre ganz eigene Trotzigkeit (den so genannten „Inat“) sind sie in Bosnien und Herzegowina sogar ein bisschen stolz, und in der Tat: sie scheint im Alltag und auch in der Politik immer wieder durch.

Ein dermaßen kinderfreundliches Umfeld, wie wir es hier von unseren Mitmenschen mittlerweile gewohnt sind, kann man sich anderswo nur wünschen. Wenn man mit dem Kleinen unterwegs ist, fühlt man sich oft, als wäre man mit einem Star unterwegs. Immer wieder wird gewinkt, man bekommt liebevolle Kommentare, ein Lächeln oder Luka ein „high five“ mit auf den Weg. Wir scherzen häufiger, dass sein zweiter Name mittlerweile „mašallah“ ist, da Wildfremde es so oft sagen, wenn sie ihn sehen. Auf Arabisch bedeutet „mašallah“ wörtlich “Was Gott will“. Wenn etwas gut ist, dann bedeutet das, dass Gott es so gemacht hat. Für viele Menschen hier ist es ein Synonym für „sehr gut“ oder „toll“. Hier gehört es auch zum guten Ton, dass man  auf der Straße gerne ungefragt Ratschläge an junge Eltern verteilt. So beugen sich Fremde regelmäßig beim Vorbeigehen in Lukas Kinderwagen und zuppeln an seiner Mütze oder seinen Socken, damit er auch ja nicht friert. Die große Angst geht um, wenn man mit feuchten Haaren vor die Tür geht. Dann, so wird man schnell belehrt, holt man sich bestimmt einen Zug (hier „propuh“ genannt) und wird einen einen qualvollen Tod sterben oder keine weiteren Kinder mehr kriegen können, etc. Amüsiert beobachten wir regelmäßig die aufkeimende Panik in der Straßenbahn, wenn ein Tourist einmal unvermittelt ein Fenster herunterlässt. Dann wird es unter wütendem Gemurmel schnell wieder geschlossen oder die Menge schiebt sich fluchend in einen anderen Teil des Waggons.

Reise- und Entdeckungsmöglichkeiten

Sarajevo ist eine einzigartige Stadt voller Geschichte und dabei verhältnismäßig klein und gut überschaubar. Man kann sie problemlos zu Fuß, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Taxi erkunden. Sarajevo rühmt sich als Stadt der Festivals. Zu jeder Jahreszeit ist hier etwas los. Gerade findet hier beispielsweise das Europäische Olympische Jugendfestival (EYOF) statt. Die Umgebung Sarajevos ist ein wahres Paradies für Outdoor-Fans und das Festival weckt freudige Erinnerungen an die Olympischen Winterspiele von 1984, von denen die Bewohner Sarajevos bis heute voller Stolz reden. Ein weiteres Highlight ist das Sarajevo Filmfestival, welches jeden Sommer stattfindet und die Stadt in eine trubelige Glamour-Metropole verwandelt.

Eine tolle Natur

Bosnien und Herzegowina hat unglaublich beeindruckende Landschaften zu bieten und ist für uns ein toller Ausgangspunkt für die Entdeckung des Balkans geworden. Schon vor Lukas Geburt nutzten wir – so oft es nur ging – die Gelegenheit, andere Städte und Regionen besser kennenzulernen und die Seen, Berge und Nationalparks Bosnien und Herzegowinas zu erkunden. Außerdem gehören hier im Sommer regelmäßige Ausflüge ans Meer zum Pflichtprogramm. Als Luka knapp 6 Monate alt war, sind wir mehrere Wochen mit dem Auto einmal quer durch den Balkan gefahren – über Kroatien nach Montenegro, Albanien, Nordmazedonien und Griechenland. Von dort setzten wir nach Italien über, um unsere Runde um die Adria zu vollenden. Die vielen Besucher, die uns unsere Zeit hier versüßt haben, waren häufig treue Wegbegleiter auf unseren Entdeckungsfahrten. Bevor wir im Sommer umziehen, wollen wir noch einiges von unserer „Bucket List“ streichen, u.a. einen Roadtrip nach Rumänien und einen Besuch der kroatischen Insel Vis.

Was mich nervt: Schlechte Luft im Winter

Sarajevo liegt in einem Tal und ist umgeben von Bergen. Was eigentlich sehr idyllisch ist, bis der Winter einkehrt und damit regelmäßig Smog die Stadt umhüllt. Die häufigen Inversionswetterlagen in Kombination mit Abgasen aus alten Autos sowie dem Verbrennen von Kohle zum Heizen führen dann dazu, dass die Feinstaubwerte durch die Decke gehen. Im Dezember 2018 war Sarajevo sogar kurzzeitig die am stärksten verschmutzte Stadt der Welt.

Raucherei

Leander Steinkopf beschrieb Sarajevo in seinem Artikel „ Leben und Lähmung in Sarajevo“ passender weise als den „verrauchtesten Kurort der Welt“. Man kann dem Qualm kaum entkommen. Nichtrauchereinrichtungen lassen sich leider an einer Hand abzählen und Rauchen ist hier so alltäglich wie anderenorts das Atmen. Gerade wenn man mit Babies und Kleinkindern unterwegs ist, kann dieser Zustand eine echte Zumutung sein. Wir versuchen, dem Dunst so oft wie möglich zu entkommen und frequentieren in unserer Freizeit Orte, die wir in den letzten Jahren als „Nichtraucheroasen“ entdeckt haben. Außerdem verbringen wir möglichst viel Zeit draußen, nicht zuletzt in den umliegenden Bergen.

Keine Angebote für die Kleinsten

Für frischgebackene Eltern und ihren Nachwuchs gibt es hier in Sarajevo leider bisher keine nennenswerten Angebote an Kursen oder Gruppen, weder für die einheimische Bevölkerung noch für Expats. Das war zu Beginn, aus Berlin kommend, etwas ernüchternd, hat aber dafür gesorgt, dass ich kreativ werden musste, um unseren Alltag zu strukturieren. Rückblickend bin ich sehr happy, wie es gelaufen ist, und würde meine hiesige „Babygang“ nicht missen wollen. Kurz nach unserer Rückkehr aus Deutschland haben wir einige gleichgesinnte Eltern kennengelernt, mit denen wir regelmäßig spazieren gingen und Spieltreffen organisierten – meist reihum bei einem von uns zuhause (nicht zuletzt wegen des Mangels an rauchfreien Cafés/Restaurants). Das war insbesondere im ersten Winter Gold wert, als Luka anfing zu robben/krabbeln. Außerdem habe ich in dieser Zeit eher durch Zufall eine gute neue Freundin gewonnen – Alma, eine ausgebildete Trainerin und Physiotherapeutin, die mir private Rückbildungsstunden gegeben hat und sich herzlichst um Luka kümmerte, während ich schwitzend ihren Anweisungen folgen durfte.

Nun, da Luka etwas älter ist und laufen kann, gibt es glücklicherweise mehr Möglichkeiten für Unternehmungen in der Stadt. Es gibt viele Indoor-Spielplätze unterschiedlichster Art, die gerade in der kalten Jahreszeit sehr beliebt sind. Im Gegensatz zu Deutschland haben sie lange Öffnungszeiten und kosten kein Vermögen. Was andere Spielplätze angeht, ist Sarajevo nicht gerade gesegnet, man findet aber durchaus einige, die ausreichend in Schuss sind, dass man guten Gewissens ein paar Stunden die Woche dort verbringen kann.

Am schönsten ist es jedoch, wenn wir mit der kürzlich wieder aufgebauten Gondelbahn auf den Hausberg Trebević fahren. Dort wartet eine Reihe an Freizeitangeboten – Spaziergänge durch den Wald und entlang der alten olympischen Bobbahn, der Picknickpark Brus mit seinem Streichelzoo und Spielplatz oder die Sommerrodelbahn in Sunnyland mit Panoramablick über die Stadt.

Hier könnt ihr Dana auf Instagram folgen. 

Kommentare