Kinderhaben als Gefängnis: Die Stummen und die Schreienden

Ich habe da diese eine Freundin, die sich hin und wieder und genau wie ich über Themen echauffiert, die sie irgendwo gelesen respektive aufgeschnappt hat, zuweilen in Blogs wie diesem – zu Elternkrempel also. Zuletzt schien sie jedenfalls nicht an sich halten zu können, als da draußen irgendwer schrieb, wie froh er bzw. sie sei, trotz Kind bei sich geblieben zu sein.

Sie reagierte darauf so: “Ich frage mich, warum man eigentlich nicht bei sich bleiben sollen könnte, wenn man ein Kind bekommt. Schließlich ist das ja im Grunde das normalste der Welt. Man kann außerdem ja auch nur das sein, was man eh ist und bestimmte Anteile kommen dann je nach Phase eben mal mehr, mal weniger zum Tragen.”

Mich trieb dieser Umstand nicht so sehr um wie jene Freundin zu diesem Zeitpunkt. Aber: ich konnte durchaus verstehen, worauf sie hinauswollte. Ich habe nämlich ebenso nicht den Eindruck, dass so ein Kind, alle bis dahin ausgebildeten Wesensmerkmale eines Menschen, sprich seiner Eltern niederreißt. Ganz im Gegenteil: Im Zweifel kommen mit Kind eher Wahrheiten über einen selbst ans Licht, die sich vorab und inmitten der Zerstreuung so eines singulären und kinderlosen Seins vielleicht noch zur Seite schieben haben lassen.

“Ich war beschäftigt mit der Ereignislosigkeit meiner selbst”

Worum es hier eigentlich gehen soll? Über den Ausbruch, bzw. Aufbruch und (vermeintlichen) Stillstand – darüber, inwieweit das Kinderhaben ein Gefängnis ist bzw. so endzeitlich anmutet, wie sich der eine oder andere Junggeselle das vielleicht vorstellt und dann beschließt, sich stattdessen weitere 10 Jahre in der Plötzlichkeit des Seins einzurichten und verächtlich gen Spielplatz schnaubt, dass ihm all diese vollgerotzten Menschen da drüben zu tot seien (mitnichten aber Kinder, sondern nur deren vom Schlafdefizit total deprivierten Erzeuger meint).

Ich wiederum stehe im Supermarkt neben dem Spielplatz, vor, hinter, unter und auf mir ebenso und andere dieser vollgerotzten Menschen – mit einer Ausnahme direkt vor mir am Band: so ein junger Mensch mit glänzendem langen blonden Haar, einer Mom-Jeans, die nicht wie an uns Müttern, sondern tatsächlich gut aussieht, und ohne Kaschmir-Mütze auf der eigenen Rübe und der des gleichbemützten Minimes, die die vom nie enden wollenden Tag zerzausten Haare verdecken sollen. Ich sehe sie an und frage mich, wann mir das alles hier eigentlich passiert ist und dass ich mich eigentlich sehne: nach Aufregung, Irrationalität und Risiko, nach Jugend, Existenzialismus und Ekstase.

Stattdessen sprechen Menschen nur noch auf Eröffnungen von Anwaltskanzleien von meiner Person mit dem Zusatz Jugend (aber auch nur, weil sie nicht um das Kind wissen); falle ich jeden Morgen aus dem Bett, um einen Kakao anzurühren, nur um dann zu hören, der sei ja heiß, heißen Kakao wolle es, das Kind aber nicht: “Ich will kalten Kakao”.

“Nein, sie brauchen keine Psychoanalyse – Gott bewahre ihre Unmittelbarkeit”

Während ich das hier schreibe, wartet das Foto einer jungen Monica Bellucci als Screenshot auf meinem Desktop darauf, mich daran zu erinnern, dass Kakaofragen für einen Moment beruhigend sein mögen, einen aber eben nicht davor verhüten, sich irgendwann wieder die Zunge verbrennen zu wollen.

Und wer sich nun fragt, woher die Zitate da oben stammen: von Karl Heinz Bohrer, der so Anfang des Jahres einer relativ verhaltenen Mara Delius während eines Gesprächs über sein jüngstes Buch begegnete und ich seitdem regelrecht davon besetzt bin, dieses Leben mit Kind nicht in und auf die Vorstellung zu verbringen, ich müsse mich einigermaßen mäßigen, in meinem Wesen zurückhalten, gar verstellen – lieber schweigen als schreien – damit es, dieses Kind, mich ertrüge und zu einem zufriedenen Menschen geriete.

Es ist nicht so, dass ich zu irgendeinem Zeitpunkt dachte, das Kind sei ein Gefängnis. Es ist vielmehr so – und damit kehren wir wieder zu meiner Freundin zurück – dass dieses Kind, die Türen meines früheren Lebens gesprengt hat und wir uns nun zusammen auf den letzten und losen Sockeln der Vergangenheit neu einrichten.

 

 

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