Kinder betreuen geht nicht “mal so nebenbei”!

12. May 2020 | in Gesellschaft

Wir sind hier im Team ja bislang sehr entspannt mit der ganzen Situation umgegangen. Weil wir es können. Wir haben allesamt gleichberechtigte Männer zuhause, die sich um mindestens die Hälfte der Familienarbeit kümmern, wir haben keine Chefs irgendwo sitzen, die uns Stress machen, wir müssen auch nicht ständig in Zoom Konferenzen so tun, als sei Home Office mit Kindern ein Klacks. Wir haben sogar ein Büro, in dem keiner sonst ist, in das man sich zurückziehen kann. – Ein Kommentar

“In manchen Familien blühen Nähe und Teamgeist, Mütter, Väter und Kinder teilen sich Arbeitsstunden, Küche und Hausaufgaben.” schreibt Meredith Haaf hier in der Süddeutschen, und ja, bei uns ist das tatsächlich zum größten Teil so gewesen. Klar sind wir auch genervt voneinander, alle. Das mit dem Home Schooling läuft mal so, mal so. Aber im Wesentlichen habe ich die letzten Wochen als sehr schön in Erinnerung, habe es sehr genossen, so viel Zeit mit den Kindern und meinem Mann zu verbringen. Ich weiß aber natürlich, dass das den Wenigsten so geht. In den meisten Familien ist die Corona-Zeit eher eine “Vereinbarkeitsorgie”, wie Meredith Haaf es nennt. Und klar, unter diesem Wahnsinn leidet in der Regel ein Familienmitglied besonders: die Mutter. Sie schaukelt alles, was sie vorher eh schon fast alleine gemacht hat nun auch noch gleichzeitig und ganz ohne Hilfe. Und es ist ein großes, gesellschaftliches Problem, dass das so ist – ein Problem, das nun noch sichtbarer wird. Wo sind verdammt noch mal die Väter? Genau jetzt?

Ganz abgesehen von Alleinerziehenden, die ja nun wenigstens einen Anspruch auf Notbetreuung haben. An die hat auch erst Mal keiner gedacht, als es hieß: alle zuhause bleiben und Home Office machen. Das finde ich einen Skandal.

Doch zurück zu meiner kleinen, heilen Welt. Es war okay. Es hatte auch schöne Seiten. Wir haben das gut durchgestanden. Aber sogar bei mir ist jetzt langsam Schluss mit Lustig. Ich bin hochgradig genervt. Sauer. Und das insbesondere, seit gestern eine Email bei mir reinflatterte, mit den Infos, wie und wann mein Sohn nun wieder in die Schule gehen kann. Seit Donnerstag, den 7. Mai ist offiziell, dass Kinder der ersten und der 5. Klasse ab dem 11. Mai in Berlin wieder unter bestimmten Voraussetzungen in die Schule gehen sollen. Ich weiß, dass die Schulen davon überrascht waren, frage mich aber dennoch: was haben die Kultusministerien denn die letzten neun Wochen gemacht? Es war doch klar, dass es irgendwann weitergehen würde? Hätte man sich da nicht schon mal einen Masterplan zurechtlegen können, wie das ungefähr funktionieren könnte?

Ich habe zu keinem Zeitpunkt erwartet, dass es weitergeht wie vorher. Aber ich hätte mir ein bisschen eine Rückkehr in die Normalität für meinen Sohn gewünscht und auch ein bisschen Entlastung für uns als Familie. Beides ist nicht zu erwarten. Mein Sohn kann diese Woche an EINEM Tag für ZWEI Stunden am Nachmittag in die Schule gehen. Ein schlechter Witz? Leider nein.
Wie gesagt, mir ist klar, dass es nicht weitergehen kann, wie bisher. Aber da wäre mehr drin gewesen, da bin ich sicher. Ein paar Stunden täglich, wochenweise, drei Tage – irgendwas. Erstklässler sind keine Kleinkinder, die können sich schon an viele Dinge halten. Außerdem: Es wird warm, es kommt der Sommer. Man hätte draußen unterrichten können, die Zeit nutzen. Wie soll das erst werden, wenn der Herbst und die “zweite Welle” kommen? Wie viele Monate sollen wir noch unsere Kinder Zuhause beschulen? Was ist mit denen, deren Eltern das nicht leisten können? Was ist mit Familien, die vom Jugendamt beobachtet werden? Ich kenne Eltern, die um 4 Uhr aufstehen und Nachtschichten einlegen, um dem allem gerecht zu werden. Andere hatten im April schon ihren Jahresurlaub genommen. Viele hatten schon Burnout-Momente, völlige Erschöpfung, taube Gliedmaßen. Was soll das? Und dann kommt der Startschuss und alles, was möglich ist, sind zwei Stunden pro Woche.

Von den Kita-Kindern fange ich erst gar nicht an.

Mir fehlt einfach ganz klar das Verständnis dafür, dass sich Kinder nicht selbst betreuen und dass Kinderbetreuung auch nicht so nebenbei geht. Warum hat sich das noch nicht rumgesprochen? Kinder betreuen braucht Zeit und ist Arbeit. Erzieher*innen und Lehrer*innen werden für ihre Arbeit bezahlt. Ich bin übrigens nicht dafür, dass wir jetzt ein Corona-Elterngeld bekommen. Warum? Hat auch wieder Meredith Haaf gut in Worte gefasst: “Das klingt nett, geht aber fehl. Denn solche Zahlungen werden immer überwiegend von Frauen beantragt. Die verschwänden ausgerechnet jetzt beruflich von der Bildfläche.” Sie sehe ich das auch. Ich will, dass ALLE sich an der Arbeit beteiligen jetzt. Die Politik, Mütter, Väter – und bitte auch Schulen und Kitas. Kinder sind wichtig. Für alle, für die Zukunft. Und wenn man wollen würde, da bin ich mir einfach so sicher dann wäre so viel möglich. Kinder gehören ganz oben auf die Prioritäten-Liste und in anderen Ländern sind sie das auch.

In Dänemark läuft der Kita- und Grundschulbetrieb bereits seit Wochen weiter – mit Auflagen, aber er läuft. Dort war von Anfang an klar, dass die Kleinsten zuerst wieder in die Einrichtungen gehen. Bevor alle Geschäfte öffnen durften und bevor Fußballspieler oder andere völlig unwichtige Absurditäten überhaupt ein Thema sind.
“Warum wir mit den Kindern beginnen, hat einen medizinischen und einen gesellschaftsökonomischen Grund.” Das hat Ministerpräsidentin Mette Frederiksen gesagt. “Als Gesellschaft können wir viel gewinnen, weil es für viele Familien schwierig ist, einen gut funktionierenden Alltag hinzubekommen, wenn man zuhause arbeitet und gleichzeitig die Verantwortung für vielleicht drei Schul- oder sogar Kleinkinder trägt.”

DIESEN SATZ. Den würde ich in Deutschland einfach auch gerne mal hören. Kleine Kinder sind betreuungsintensiv. Es ist absoluter Humbug, davon auszugehen, dass man Kleinkindbetreuung und Home Office gleichzeitig hinbekommen kann. Das denken die, die hierzulande die Entscheidungen treffen, aber anscheinend. Siehe dieses unsägliche Video zum Muttertag. GENAU SO sieht das jetzt bei uns allen Zuhause aus. Nicht. Wo sind die Väter? Was soll dieses Eiapopeia und Danke? So daneben. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass Kinder in Deutschland eher alle nerven und nicht als wichtig angesehen werden. Und dass auch immer der Geist der 50er Jahre (oder sollte ich sagen der Nazi-Zeit?) durch die Luft weht, der flüstert: “Kinder sind zuhause doch eh am besten aufgehoben, Mama macht das schon!”. In der Corona Krise wird dieses Gefühl jetzt bestätigt und das ärgert mich so kolossal. In Schweden sind die Schulen und Kitas erst gar nicht geschlossen worden. Zu wichtig für das Funktionieren der Gesellschaft. Nicht, dass ich alles toll finde, was in Schweden passiert aber Familien und Gleichberechtigung haben dort einfach einen hohen Stellenwert. Und hier?

Wo sind die kreativen Ideen der Politik, der Schulen und der Kitas? Wollen die gar nicht? Denken die eigentlich auch, dass das eh nicht so wichtig ist? Dass die Eltern, insbesondere die Mütter das schon alles gleichzeitig hinbekommen? Hinterher kann man sie ja auf Kur schicken, das geht schon.

Ich war selten so froh in Deutschland zu leben, wie in den letzten Wochen. Ich war sogar ein bisschen stolz, dass wir das mit dem “Flatten the Curve” so gut hinbekommen haben. Aber jetzt bin ich wirklich sauer. Darüber, dass wir Familien so überhaupt keine Rolle spielen. Ich weiß, dieser Vergleich kam jetzt schon oft, aber was soll das, dass die Bundesliga jetzt engmaschig durchgetestet wird, damit sie auch ja wieder spielen kann? Wo sind solche Möglichkeiten und Ideen, wenn es um einen gesellschaftlich WESENTLICH relevanteren Bereich geht, um Bildung, um Familien, um Kinder? Ich kann das einfach nicht fassen. Eine Leserin schrieb uns, wir sollten alle zusammen lauter werden, damit die Politik reagiert. Ich weiss leider, dass das so nicht funktioniert. Dass Lobbyarbeit woanders gemacht wird. Und dass die Bundesliga, genau wie die Autoindustrie sehr intensiv Lobbyarbeit betreibt, während Familien keine Lobby haben.

Geschäfte dürfen öffnen, Restaurants, Schwimmbäder, Sportvereine. Und die Kitas? Weiss man nicht. Und die Schulen? Zwei Stunden pro Woche, beschwert euch mal nicht.

In unserer Schule haben sich die Eltern nun zusammengetan, fragen nach, machen Vorschläge. Dabei weiß ich, dass sie vermutlich nichts dafür können, weil sie die Vorgaben erst seit letzter Woche kennen und sie nicht anders umsetzten konnten. Den Lehrerinnen kann ich sowieso keinen Vorwurf machen, die geben alles. Also habe ich alle Petitionen unterschrieben, die ich gefunden habe. Was können wir sonst noch tun? Hoffen wahrscheinlich. Und irgendwann nach Skandinavien auswandern.

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