Das Phänomen von Kindern an der Leine

11. May 2016 | in Gesellschaft | Parenting

Kinder sind keine Hunde. Das dachte ich als ich zum ersten Mal ein Kleinkind an der Leine sah. Damals war ich noch nicht Mutter und schockiert von dem Anblick des angeleinten Babys. Ich wollte aber auch nicht zu schnell verurteilen und dachte mir: Ok, vielleicht gibt es dafür eine Erklärung. Heute, als Mama eines drei-jährigen, kann ich sagen: Nein, es gibt dafür immer noch keine Erklärung. Aus dem tiefsten Inneren heraus könnte ich mir nicht vorstellen, meinen Sohn an die Leine zu nehmen. Die Vorstellung, wie es sich anfühlen würde, wenn er in eine Richtung rennen will und an der Leine zieht, und ich halte ihn zurück, wie den Dackel, mit dem ich als Kind einmal Gassigehen durfte – furchtbar.

 

Vor Kurzem habe ich dann auf einem Flughafen diese Szene im Bild oben gesehen: Dieses Mal war es ein richtiges Geschirr und nicht ein bunter, niedlicher “Rucksack”. Obwohl ich diese Rucksäcke fast noch schlimmer finde: Auf den ersten Blick ein süßes Rucksacktierchen und man sieht gar nicht was vor sich geht, im zweiten entdeckt man die Leine. Oft ist mir das zum Beispiel in London oder New York aufgefallen.

Natürlich habe ich Momente mit meinem Sohn erlebt, an denen ich manchmal dachte, eine Leine wäre praktisch: Auf dem Flughafen, wenn er kreuz und quer durch die Duty-Free-Shops rennt und auch mal das ein oder andere Produkt mitnehmen will. Oder wenn ich den Einkauf nach Hause trage und Junio den Spielplatz entdeckt, zack, weg ist er und man steht da mit den schweren Tüten. Auch wenn man mehrere Kinder hat, kann eine Leine wohl helfen. Man kann sicher sein, dass keines der Kinder auf die Straße läuft.

Und ja, Kindersicherheit im Alltag ist ein wichtiges Thema, aber bitte, muss es wirklich eine Leine sein? Ist das nicht entwürdigend? Und was macht es wohl mit der Psyche der Kinder, ständig angeleint zu sein?

Wilde Kinder

Kleinkinder, die nicht an der Leine sind und wild umher rennen können anstrengend sein. Ständig ruft man Stop, ständig muss man aufpassen. Aber lernen nicht die meisten Kinder irgendwann an der Hand zu gehen? Ich vertraue meinem Sohn und weiß, dass er nicht plötzlich auf die Straße läuft. Es gab eine Phase, da war das nicht einfach, da hat er noch nicht verstanden, dass auf die Straße rennen einfach nicht geht. Klar, gab es Situationen an denen ich laut schreien musste und wir beide dann einen kleinen Schock hatten. Aber anders lernt man es doch auch nicht, oder? Und wenn ich wusste, dass es richtig gefährlich wird (zum Beispiel beim Warten auf die U-Bahn), dann kam er auf meinen Arm oder in den Buggy. Man könnte kritisieren, dass Kinder im Buggy ja auch festgeschnallt werden, theoretisch ist das ja auch unmenschlich. Ich habe Junio aber nie gezwungen im Buggy zu sitzen oder er hat nur kurz protestiert – und wenn er laufen wollte, durfte er laufen. Irgendwie war das einfach kein Thema.

In Ausnahmesituationen ok?

Selbst in seltenen Fällen (wie zum Beispiel am Flughafen) müssen Kinder eben auch lernen, wie man sich zu verhalten hat. Wie oft habe ich Junio schon hinter Absperrungen am Gate wieder hervorholen müssen, die Sicherheitsleute fanden das natürlich nicht gut, aber hatten auch immer ein Lächeln auf den Lippen. Kinder halt. So sehr ich hin und her überlege, die Leine wäre nichts für mich und meinen Sohn, selbst wenn sie gesellschaftlich akzeptiert wäre. Was meint ihr – Do or Don’t?

 

Foto: Stefano Casertano

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