Ihr wollt gleichberechtigte Eltern sein? Teilt die Elternzeit!

22. May 2019 | in Gesellschaft | Vereinbarkeit

Es ist noch nicht lange her, da saß ich mit zwei Freundinnen, die beide noch keine Kinder haben beim Abendessen. Beide supermodern, supererfolgreich, beide in einer glücklichen Beziehung. Beide arbeiten Vollzeit, haben gute Gehälter. So ganz sicher sind sie sich beide nicht, ob sie überhaupt Kinder wollen, aber natürlich steht das im Raum. Irgendwann sprachen wir über Gleichberechtigung und ich erzählte, wie es meistens abläuft: Vor dem ersten Kind ist die Beziehung gleichberechtigt, beide verdienen gut, man teilt alles so einigermaßen (aber den Haushalt macht auch schon vorher eher die Frau).

Dann kommt das erste Kind, die Frau nimmt ein Jahr Elternzeit, in dieser Zeit verfünffacht sich die Arbeit zuhause, macht sie dann alles auch. Er bekommt in dieser Zeit eine Beförderung und arbeitet noch mehr und verdient auch mehr (wissenschaftlich erwiesen. Googelt mal “Fatherhood Wage Premium”). Er nimmt maximal zwei Monate Elternzeit, wenn überhaupt. In der Zeit macht die Familie eine Reise. Sie geht dann in Teilzeit zurück. Verdient weniger (“Motherhood Wage Gap”). Macht immer noch den ganzen Kram zuhause. Holt jeden Nachmittag das Kind ab. Kommt beruflich nicht mehr weiter. Bekommt noch ein Kind. Wird alles noch mehr… ihr kennt den Rest der Geschichte.

Beide sahen mich geschockt an. Uns kann das nicht passieren, sagten ihre Blicke. Aber ja, die Hausarbeit… das machen schon eher sie. Also eigentlich komplett… “aber er KANN das gar nicht!”, sagte eine sogar. Mhhhh… Ich hatte an dieser Stelle das Gefühl, ganz miese Laune zu verbreiten und die Lust auf Familie zu nehmen. Also schloss ich dasThema ab und sagte aber noch: Ihr könnt es ganz einfach umgehen. Teilt einfach die Elternzeit auf!!

Uns kann das nicht passieren.

Tatsächlich glaube ich wirklich, dass es so einfach ist. Ich finde, alle Modelle sollten Platz haben in dieser Gesellschaft. Auch wenn ein Elternteil gerne lange zuhause bleiben möchte, ist das fein. Nur: warum ist es immer die Frau? Warum sind es immer die Frauen, die beruflich zurückstecken und die die ganze unbezahlte Arbeit, die in einer Familie anfällt, machen? Auch hier: man kann das absolut so machen, viele entscheiden sich bewusst dafür und hatten auch schon immer den Traum, mehrere Jahre ganz und voll Mutter zu sein. Aber viele schlittern da eben auch rein. Und ja, ich glaube, wenn man die Elternzeit teilt, dann passiert das eher nicht. Dann bleiben ohnehin schon recht gleichberechtigte Beziehungen auch gleichberechtigt.

Man muss nicht 50/50 machen, also nach sieben Monaten tauschen. Aber mehr als zwei Monate für den Vater sind eine tolle Sache. Und natürlich ist es eher kontraproduktiv, wenn man dann in dieser Zeit in den Urlaub fährt, oder es anderweitig zu zweit macht, denn das Ziel sollte sein:

Papa schaukelt den Laden

Väter, die eine Weile alleine mit dem Kind (oder den Kindern) sind, die den Haushalt und alles, was sonst noch anfällt, mal alleine gerockt haben, die ticken einfach anders. Kinder betreuen und einen Haushalt führen ist keine Wissenschaft, aber es ist Arbeit und es bedarf Struktur und Mitdenken. Das kann man lernen. Frauen können es meistens eh schon besser (weil sie so erzogen wurden), müssen aber auch viel dazulernen, wenn ein Kind mit ins Spiel kommt. Männern geht es oft ähnlich, viele haben aber auch wirklich noch nie eine Spülmaschine angemacht. In der Elternzeit kann man sich diese Skills wunderbar aneignen.

In der Regel ist das Ergebnis nach ein paar Monaten Papa-Zeit: der Vater denkt und fühlt mit. Er merkt, wenn das Kind müde ist und Ruhe braucht, er weiß, dass man Windeln einpacken muss und eine Trinkflasche. Er spürt, wenn Hunger oder andere Dinge anstehen, er weiß, dass nebenbei auch noch die Wäsche gemacht werden sollte, er kennt die Herausforderungen. Er hat einfach einen ganz anderen Sinn für seine Kinder und den Familienalltag entwickelt, niemals würde er sagen, dass die Elternzeit Urlaub sei, oder die häuslichen Arbeiten klein reden, denn er hat es ja selbst gemacht und weiß, dass da Einiges dazugehört.

Schöner Nebeneffekt: die Bindung zu seinen Kindern wird verbessert. Meistens wirkt sich das auf alles aus: auch Jahre später wird Papa genauso oft gerufen wie Mama, kann Papa alle Aufgaben ohne Übergabe übernehmen: ins Bett bringen, Essen vorbereiten, anziehen, baden. Geht alles auch ohne Papa in Elternzeit, aber exklusive Papa-Kind-Zeit macht es einfacher. Ist natürlich alles auch eine Entlastung für die Mutter. Ich persönlich finde es auch unheimlich attraktiv, wenn Väter sich geschickt mit ihren Kindern anstellen und wenn sie “typisch weibliche” Aufgaben übernehmen.

Aber dann sehe ich meine Kinder nicht mehr!

Ich weiß, dass das manche jetzt denken: aber ich will die Zeit mit den Kindern auch haben! Ich will sie nicht verpassen! Und ich kann das mehr als gut nachvollziehen. Obwohl ich fest daran glaube, dass beide Elternteile gleich wichtig für die Kinder sind, ist es eben so, dass sie im Bauch der Mutter heranwachsen, dass sie in vielen Familien in den ersten Monaten oft an der Brust der Mama hängen. Dieses körperliche Vermissen der Kinder, das ist schon etwas sehr Weibliches. Aber es tut allen gut, einen Mittelweg zu finden und Papa auch mal ranzulassen, finde ich.

Man kann flexible Modelle wählen, vielleicht kann die Mutter auch erst mal 75% zurück in den Job gehen, vielleicht geht das langfristig sogar für beide, wenn es finanziell einzurichten ist. Vielleicht kann man die Arbeitszeiten so einrichten, dass man dennoch einige Nachmittage pro Woche mit der Familie sein kann. Mit dem Elterngeld Plus kann man sich den Wiedereinstig im Baukasten-System gestalten, mal er, mal sie, mal Teilzeit und reduziertes Elterngeld on top. Vielleicht sind es am Ende auch doch nur die letzten 2 oder 3 Monate Vaterzeit, dann ist das Kind schon fast ein Jahr alt und es fällt der Mutter leichter, vielleicht hat sie genau dann sogar richtig Lust darauf, mal wieder ohne Kind zu sein.

Wenn lange gestillt wird, kann man mit Abpumpen arbeiten, bei uns kam der Vater auch oft in der Mittagspause zum Stillen vorbei. Die meisten Kinder werden ab einem gewissen Alter auch nicht mehr voll gestillt, morgens und abends stillen kann man wunderbar weitermachen, auch wenn der Papa Elternzeit hat.

Bei uns geht das nicht.

Ich weiß auch, dass viele jetzt sagen: bei uns geht das nicht, finanziell zum Beispiel, oder weil das im Job des Mannes unmöglich ist. Bei manchen mag das auch tatsächlich wahr sein. Aber für Frauen geht es doch auch! IMMER! Und ich bin der festen Überzeugung, dass wir genau die Väter brauchen, die eine Elternzeit beim Arbeitgeber durchsetzten. Sie haben ein Recht darauf und es ist sehr oft möglich, den Ausfall von ein paar Monaten zu überbrücken. Wie gesagt: die Möglichkeiten mal ausloten und eventuell auch etwas durchkämpfen – ganz oft geht es dann eben doch…

Meine eigene Erfahrung

Ich habe es beim ersten Kind so gemacht: nach sieben Monaten ging ich Teilzeit zurück, wir konnten das dank freier Jobs und Erspartem gut managen. Manchmal haben wir das Kind am Nachmittag “übergeben”, das war ein bisschen stressig, hat aber total gut geklappt. Auch als die Elternzeit vorbei war, waren wir dann komplett gleichberechtigt. Beim zweiten Kind wollte ich zuhause bleiben, ich habe nebenbei diese Seite gemacht, aber im anderen Job pausiert, am Ende sogar zwei Jahre. Die Elternzeit des Vaters haben wir in Kapstadt verbracht – er hatte also nie wirklich Alltag mit zwei Kindern. So ging es auch klassisch weiter: er ist beruflich weitergekommen in dieser Zeit, ich kam nicht vom Fleck. Ich will nicht sagen, dass ich das bereut habe, aber ich war ausgebrannt nach zwei Jahren. Ich hatte dann doch irgendwann fast all die unbezahlte Arbeit alleine gemacht und fand den Alltag alleine mit zwei kleinen Kindern sehr kräftezehrend. Der Vater wiederum kannte diesen Alltag kaum, hat ihn kleingeredet. Als ich wieder in meinen Job gegangen bin, haben wir uns neu orientiert: 50/50 war wieder das Ziel, er wollte das auch und peu à peu haben wir es umgesetzt bekommen. Heute teilen wir alles. Er denkt ans Fingernägel schneiden und an Arzttermine, ich mache die Wäsche und kümmere mich um die Kinderklamotten. Und es geht uns allen so viel besser!

Wie gesagt: am Ende entscheidet jede Familie selbst, wie sie sich aufteilen will. Aber ich finde es wichtig, dass Frauen ganz ehrlich in sich reinhorchen und ihre Bedürfnisse umsetzen. Die Papa-Elternzeit ist ein toller Weg zu einer gleichberechtigten Partnerschaft mit Kindern. Und es gibt viele Möglichkeiten, das umzusetzen. Manchmal kann es auch sein, dass man sich einen finanziellen Puffer ansparen muss, um eine Papa-Elternzeit möglich zu machen. Aber sich darüber im Klaren zu sein, dass Gleichberechtigung mit Kindern selten von selbst passiert, sondern dass man dafür was tun muss, das ist sehr gesund. Und die Papa-Elternzeit ist ein wunderbares Tool dafür.

 

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