“Ich bin Feministin – aber nehme wieder die Pille”

03. May 2022 | in Gesellschaft

Für unsere Gastautorin war genau das viele Jahre ein Widerspruch. Sie fand hormonelle Verhütung einen zu großen Eingriff in ihren Körper und ärgerte sich im Nachhinein darüber, die Pille so lange genommen zu haben.

Warum sie sich nun, mit über 40, doch wieder für hormonelle Verhütung entschieden hat, erzählt sie uns heute.

Auf den ersten Blick muss ich selbst stutzen bei der Überschrift. SO unfeministisch ist es ja dann doch nicht, die Pille zu nehmen? Vor 40 Jahren war sie immerhin ein Symbol für weibliche Selbstbestimmung, das darf man nicht vergessen. Aber ich habe selbst in den letzten Jahren so viel gegen hormonelle Verhütung Stimmung gemacht, dass es mir mittlerweile selbst fast peinlich ist, dass ich mich wieder für sie entschieden habe.

Erster Freund – Pille. So war das damals einfach.

Doch von vorne: Ich bin Ende der Siebziger geboren und als ich mit 16 Jahren meinen ersten festen Freund hatte, verschrieb mir mein Gynäkologe die Pille. Das wurde damals nicht in Frage gestellt, das war einfach so. Aufklärung über Nebenwirkungen? Über Geschlechtskrankheiten? Alles Pustekuchen. Ich nahm sie mehr als zehn Jahre lang, vertrug sie immer gut. Ich bin eine von denen, die wirklich keine nennenswerten Nebenwirkungen hatten. Libido: normal, Stimmung: gut, Gewicht: normal. Als ich sie mit Ende 20 dann aber absetzte, merkte ich, was los gewesen war, bzw. was nun, ohne hormonellen Einfluss los war. Mein Zyklus brauchte ewig, um sich zu normalisieren. Ich hatte Stimmungsschwankungen und starke Blutungen, wenn ich denn eine Blutung hatte. Vor allem aber: Ich wurde nicht schwanger. Und das war ja der Grund gewesen, warum ich die Pille abgesetzt hatte!

Erst zwei Jahre später klappte es, der Zyklus hatte sich irgendwann doch eingependelt. Ich trug mein erstes Kind aus, war glücklich – und schwor mir, nie wieder Hormone zu nehmen. Im Freundeskreis machte ich Werbung für “Pillenfrei leben”, erzählte meinen Freundinnen, wie sie bei mir alles aus dem Lot gebracht hatte und ermutigte sie, ebenfalls abzusetzen (die meisten nahmen sie – wie ich – seit vielen, vielen Jahren…). Ich fand es unmöglich, dass so wenig über die Nebenwirkungen aufgeklärt wird, dass jungen Mädchen wegen Pickeln oder Regelschmerzen einfach so die Pille verschrieben wird. Das sehe ich eigentlich auch immer noch so… Meine Töchter sollen auf jeden Fall nicht so früh damit anfangen!

Weil wir nicht gleich ein zweites Kind wollten, ließ ich mir zwischendurch eine Kupferspirale einsetzen. Ich hatte wieder eine starke Perioden-Blutung, aber war ansonsten zufrieden. Wenigstens keine Hormone, so dachte ich. Die Pille war für mich das Gegenteil von feministischem Denken und Handeln.

Dann kam das Hormon-Chaos

Vor vier Jahren habe ich mein zweites Kind bekommen, wieder ein Mädchen. Ich bin nun Anfang Vierzig und – was soll ich sagen – nach der zweiten Geburt war bei mir hormonell gefühlt alles durcheinander. Meine Gynäkologin sagt, das sei einfach das Alter. Mein Gefühl sagt, es hatte auch etwas mit der Schwangerschaft zu tun. Bei jeder Schwangerschaft sortiert sich der Hormonhaushalt ja neu, ich war in dieser Schwangerschaft ein emotionales Wrack, auch körperlich ging es mir schlecht, ich nahm 25 Kilo zu – die volle Packung. Nach der Stillzeit war mein Zyklus schnell wieder regelmäßig, aber ich spürte ihn so enorm im Alltag, es wurde wirklich belastend.

Ich bin Abteilungsleiterin in einer großen Firma, habe 20 Leute unter mir. Ich arbeite 35 Stunden und komme mit dem Workload eigentlich gut klar, außerdem liebe ich meinen Job, ich bin wirklich gerne Chefin. Seit ich nach der Elternzeit wieder eingestiegen bin, hatte ich aber an mehreren Tagen im Monat den Eindruck, den Job nicht mehr gut machen zu können. Ich wurde etwa eine Woche vor Einsetzen der Periode dermaßen launisch, missgünstig und reizbar, ich hatte es wirklich kaum unter Kontrolle. Mitarbeiter*innen, die ich eigentlich schätze und fördern will, gingen mir dermaßen auf die Nerven. Ich wurde oft laut, war ungeduldig. Ich fand mich selbst eine richtig schlechte Führungskraft. Also habe ich versucht, Mitarbeiter*innen-Gespräche eher auf den Beginn des Zyklus zu legen. Denn da ging es mir blendend. Um den Eisprung herum sprühte ich vor Energie und war leistungsfähig, klar im Kopf, konnte gut delegieren. Aber natürlich klappt das nicht, immer alles um den Zyklus herum zu legen. Ich versuchte auch Mönchspfeffer, alle möglichen natürlichen Dinge – nichts half. Wie gut meine Nerven mit den Kindern am Ende des Zyklus war, muss ich sicher nicht dazu schreiben. Es war mir so oft vor mir selbst peinlich, ich hatte einfach so schlechte Nerven, so schlimme Laune, ich motzte meine Mitarbeiter*innen an und meine Kinder leider auch. Wenn ich mich im Büro gut zusammen nehmen konnte, kam die Laune abends oft umso schlimmer zuhause heraus. Auch mit meinem Mann habe ich rund um meine Periode herum immer gestritten.

Es war wirklich krass. Mein Körper funktionierte wie ein Uhrwerk und ich fiel jeden Monat aufs Neue auf ihn rein. Dachte: Alles ist so anstrengend! Dieser Mann macht mich wahnsinnig! Wie nervig können Kinder sein! Dann kam die erlösende Blutung, ich sah wieder klar. Und merkte, dass nicht mein Alltag, mein Mann, oder meine Kinder das Problem gewesen waren – sondern ich und meine Hormone.

Zu meinen Launen kam ein übergroßes Schlafbedürfnis (In der ersten Phase des Zyklus schlief ich dafür schlecht), eine gewisse Fahrigkeit, ich war schwitzig, genervt. Die schlechte Phase ging jeden Monat ziemlich kurz nach dem Einsprung los – und hielt etwa eine Woche an, bis zur Monatsblutung, die es aber auch in sich hatte. Schmerzen, Krämpfe – und viel Blut. Ich musste mich am ersten Tag der Blutung oft krank melden. Laut meiner Gynäkologin war das alles normal. “Mit vierzig geht das los – mit 45 wird es noch stärker”, so ihr O-Ton.

Ich halte mich für eine Feministin.

Ich finde, man sollte das Weibliche feiern und in den Alltag integrieren, auch in den Arbeitsalltag.

Aber ich habe es selbst nicht gut hinbekommen.

Dazu kamen körperliche Veränderungen. Nach der zweiten Schwangerschaft war ich nie wieder schlank geworden, meine Brüste hingen schlaff und leer an mir herunter. Ich fand das okay, ich muss nicht mehr superschlank sein. Aber diese Weichheit, dieses schlaffe Gewebe, es gefiel mir nicht. Ich begann acht Monate nach der Geburt mit Sport, ging von da an viel zum Squash und zum Schwimmen. Ich machte mehr Sport denn je – aber mein Körper veränderte sich nicht. Und immer, wenn ich mal über die Stränge schlug – Weihnachten, Ostern… hatte ich danach gleich noch mal zwei Kilo mehr drauf und bekam sie kaum mehr runter. Auch das, laut Gynäkologin, völlig normal. Der Stoffwechsel verändert sich in dem Alter und auch das Gewebe.

Zudem war meine Haut unrein. Vor allem in den Wochen vor der Periode kämpfte ich plötzlich mit Pickeln an Kinn und Nase. Richtige Eiterpickel! So etwas hatte ich nie gehabt. Dazu sprießten dunkle Haare rund um die Brustwarzen. Auch das hatte ich nie gehabt. Ich ließ den Hormonspiegel prüfen – nichts Auffälliges. Ich versuchte es weiter mit natürlichen Mitteln – nichts half. Also drückte ich Pickel und zupfte Haare. Und schimpfte auf den Zyklus, so wie meine Freundinnen und gefühlt jede zweite Frau auf Instagram.

Es war auch alles nicht so wirklich schlimm. Die meisten Tage im Monat fühlte ich mich okay. Hatte meinen Körper in seiner neuen Verfassung akzeptiert. Aber das Thema Verhütung stand halt auch noch im Raum. Mein Mann ist ein gleichberechtigter und moderner Typ – aber von einer Vasektomie konnte ich ihn nicht überzeugen. Das ärgerte die Feministin in mir natürlich auch maßlos. Schließlich hatte ich mich jetzt fast zehn Jahre lang um die Verhütung gekümmert. Wir benutzen Kondome. Als meine Gynäkologin dann bei einer Vorsorge-Untersuchung anmerkte, es könnte sein, dass bei mir eine verstärkte Form von PMS vorliege (Anm. d. Red. PMDS – prämenstruelle, dysphorische Störungen) ich könnte doch auch wieder die Pille nehmen, reagierte ich fast erbost. Die Pille! Niemals wieder Hormone!

Ich will hier auch keine “Werbung” für die Pille machen. Es gibt gute Gründe, warum sie ab 40 nicht mehr empfohlen wird. Das Thrombose-Risiko ist dann einfach wirklich erheblich erhöht. Man kann dieses aber übrigens individuell mit einem Bluttest feststellen lassen. Dazu das Risiko für Herzkreislauferkrankungen. Es ist nicht ohne, jeden Tag Hormone zu schlucken. Für die meisten ist es wahrscheinlich nicht die beste Wahl. Es wird auch eher die Mini-Pille empfohlen, wegen dem niedrigen Östrogen-Gehalt. Und niemand weiß, wie es den Frauen dann geht, wenn sie sie doch irgendwann absetzen. Ob alles, was die Wechseljahre so mit sich bringen, dann verstärkt eintritt. Eventuell muss man dann wieder mit künstlichen Hormonen gegensteuern – natürlich ist anders.

Es ist einfach individuell…

Wie so viele Dinge im Leben, ist der Hormonhaushalt einer Frau aber eben eine sehr individuelle Sache. Nicht jede hat so stark PMS, wie ich es hatte. Bei den meisten Frauen wirkt sich hormonelle Verhütung eher “negativ” auf den Körper und das Gewebe aus. Manche haben Endometriose – und auch hier kann die Pille helfen. Ich dachte in den Wochen, nachdem meine Frauenärztin mit das vorgeschlagen hatte, viel daran. Wie gut vielleicht vieles sein könnte mit Pille. Ich würde endlich wieder ausgeglichen sein. Nicht den Höhen und Tiefen des Zyklus ausgeliefert. Vielleicht würde ich wieder einen festen Busen bekommen. Wir müssten keine Kondome mehr verwenden. Meine Libido wäre vielleicht auch etwas ausgeglichener, ohne Pille hatte ich rund um den Eisprung extrem viel Lust (so viel, dass es mich manchmal auch belastete, weil ich ich im Job zum Beispiel schwer konzentrieren konnte und immer an “das Eine” denken musste), den Rest des Monats dagegen kaum Interesse an Berührungen. Vielleicht wäre alles einfacher?

Das Thema beschäftigte mich. Als ich mich meiner engsten Freundin anvertraute, lachte sie erst. “DU? Die Pille?” Wie gesagt, ich hatte immer auf hormonelle Verhütung geschimpft in den letzten Jahren. Zudem wandte sie auch ein, ob es nicht sein könnte, dass mich die Wechseljahre dann umso schlimmer erwischen, wenn ich sie irgendwann absetze? Aber an sich, meinte sie: Versuch es doch. Meinungen ändern sich. Vielleicht geht es dir dann wirklich besser. Beim nächsten Frauenärztin-Termin sprach ich alles an. “Hormone sind so individuell, wie Frauen sind. Viele vertragen die Pille nicht gut und empfinden sie als fremdbestimmend. Anderen hilft sie sehr. Probieren sie es aus und beobachten sie sich in den ersten Monaten gut. Wenn sie das Gefühl haben, sich nicht wohlzufühlen, können wir noch mal eine andere Pille ausprobieren. Oder sie eben wieder absetzen.” Ich entscheid mich für die Pille, die ich zuletzt genommen hatte. Weil ich die immer gut vertragen hatte. Das war auch noch eine der Pillen, die so sehr in der Kritik standen, weil sie das Thrombose-Riskiko extrem erhöhen. Und eine teure Pille war es noch dazu. Über 15 Euro pro Monat! Aber ich traute mich an nichts anderes heran, ich war eh so skeptisch.

Für mich funktioniert es einfach wirklich gut.

Bei der nächsten Monatsblutung schluckte ich die erste Pille. Mit fast 42. Wie verrückt, wer hätte das gedacht. Es fühlte sich die ersten Tage komisch an, jeden Tag eine Tablette zu schlucken. Dann wurde es normal. Ich hatte im ersten Monat immer mal wieder Zwischenblutungen. Aber ich fühlte mich schon am Ende des ersten Blisters das erste Mal seit Jahren stabil. Kein Energie-Abfall, keine Launen. Erleichterung. Nun nehme ich also seit sechs Monaten wieder die Pille. Es geht mir gut damit. Thrombose ist bisher zum Glück nicht passiert (ich achte extrem darauf, wenn mir ein Bein, eine Vene schmerzt, bin ich sofort in Alarmbereitschaft!), meine Brüste sind tatsächlich voller geworden. Ich habe zwei Kilo abgenommen, alles sieht fester aus. Libido ist okay. Das hohe Sex-Aufkommen rund um den Eisprung von früher vermisse ich jetzt allerdings ein bisschen, ebenso die Energie, die ich in der guten Phase oft hatte. Sonst vermisse ich nichts. Die meisten meiner Freundinnen hatten schlechtere Erfahrungen mit der Pille gemacht als ich: Depressionen, Gewicht, spannende Brüste, fehlende Libido.

Jedoch: Ich gehöre wohl zu den Frauen, die sie gut vertragen. Und der sie nun sogar hilft. Ich hätte das nie gedacht, wirklich nie. Aber es ist wohl so, wie meine Frauenärztin sagt: Jede Frau ist einfach anders. Groß rumposaunen tue ich es dennoch nicht, dass ich nun wieder täglich Hormone nehme. Es passt so gar nicht zu meiner feministischen Lebensphilosophie. Aber ist das nicht eigentlich Quatsch? Es gibt nicht “DEN” feministischen Weg. Für mich ganz persönlich ist alles einfacher, seit ich meinem Zyklus nicht mehr ausgeliefert bin. Mal sehen, wie ich in fünf Jahren darüber denke. Aber im Moment bin ich so ausgeglichen und stabil, wie ich seit vielen Jahren nicht war.

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