‘Heile Welt’- Blase oder Reale Welt? Gedanken einer Deutsch-Amerikanischen Mutter

05. September 2018 | in Familie | Gesellschaft | Parenting

Andere Länder, andere Sitten. Klar. Das betrifft auch Erziehung. Egal auf welcher Seite des Atlantiks, wir Eltern wollen nur das Beste für unsere Kinder. Doch je mehr, und vor allem bewußter, ich mich zwischen den USA und Deutschland bewege, desto intensiver beschäftige ich mich mit der Frage. wie sich unterschiedliche Erziehungsmaßnahmen auf unsere Kinder auswirken. Bietet unsere heile Welt in Südkalifornien eigentlich genug Raum zur vollen Entfaltung sozial starker Menschen? Ab wann sollten Kinder mitten im Leben stehen? Und welcher Ansatz entspricht eigentlich mehr meiner persönlichen Philosophie als Mutter?

Wo soll das noch hinführen?

Ein Thema ließ mich diesen Sommer in Deutschland nicht mehr los. Es begann mit dem Bild eines Jungen, der eines Morgens in Düsseldorf mit dem Schulranzen bepackt alleine in die U-Bahn stieg. Er war geschätzte neun Jahre alt und wirkte zielsicher und selbstbewusst.  Variationen dieses Bildes fielen mir danach täglich auf: der Erstklässler einer Freundin, der morgens alleine den Schulweg antritt; die große Schwester in der S-Bahn, die ihre kleinere Schwester von der Ferienfreizeit abholte; der 10-jährige Sohn einer Freundin, der eben schnell zum Späti um die Ecke ging, um noch ein beim Einkauf vergessenes Stück Butter zu besorgen. Kinder morgens und mittags alleine auf dem Schulweg zu sehen, und auch sonst alleine auf der Straße, war für mich nach zwölf Jahren in den USA etwas sehr Ungewohntes geworden. Und ich fragte mich, als ich an diesem besagten Morgen in Düsseldorf den Jungen beobachtete, während ich auf eine Freundin wartete, inwiefern sich diese Freiheiten auf die soziale Kompetenz unserer Kinder auswirkt. Und, im Umkehrschluss, begann ich zu grübeln, was ich meinen Kindern vorenthalte, wenn ich sie weiterhin in einer Gesellschaft großwerden lasse, in der solche Freiheiten einfach unvorstellbar sind.

Ich bin gegen Verallgemeinerungen und weiß, dass es in beiden Gesellschaften prominente Ausnahmen gibt. Zudem ist meine Erfahrung in den USA durch meine Existenz als weiße, gut situierte Mutter geprägt und nicht zwingend repräsentativ für Mütter anderer Gruppen. Aber man hört immer wieder von Fällen, in denen Eltern für Erziehungsmaßnahmen bestraft werden, die in Europa als ganz normal angesehen werden. Selbst einer Freundin ist es mal passiert, dass ein Nachbar das amerikanische Pendant zum Jugendamt anrief, weil sie ihr Baby draußen schlafen lassen hat, im Kinderwagen vor der Wohnungstür, in einer abgeschlossenen Wohnanlage. Ich wurde dann vom amerikanischen Jugendamt angerufen und zu meiner Freundin und ihren Kompetenzen als Mutter befragt. Der Sachbearbeiterin erklärte ich unter anderem, dass es in skandinavischen Ländern Gang und Gäbe sei, Babys im Kinderwagen draußen schlafen zu lassen, selbst im kältesten Winter. Und kürzlich in Chicago rief ein Nachbar die Polizei, weil ein 8-jähriges Mädchen alleine ihren Hund um den Block Gassi führte. Da fragt man sich doch wirklich, wo das noch hinführen soll.

Ich habe diesbezüglich nationale Trends mal genauer unter die Lupe genommen. Eine US Studie besagt, dass im Jahr 1969 48% der Schüler vom Kindergarten (der US Kindergarten entspricht in Deutschland einem Vorschuljahr) bis zur 8. Klasse zur Schule liefen oder Fahrrad fuhren. 2009 waren es nur noch 13%. Laut dieses Artikels ergab eine Umfrage des Forsa Instituts, dass sich in Deutschland im Jahr 1970 91% der Grundschüler allein auf den Schulweg machten, aber im Jahr 2012 waren es nur noch 50%. Obwohl in beiden Ländern die Zahlen drastisch zurückgegangen sind, fällt die große Diskrepanz zwischen ihnen doch auf. Deutschland ist quasi jetzt auf dem Stand der USA im Jahr 1969. Hier muss man allerdings einräumen, dass die zwei Statistiken nicht komplett vergleichbar sind, da die US Zahlen auch noch die Gruppe der 5-6-Jährigen sowie Mittelschüler bis einschließlich der 8. Klasse beinhaltet. Nähmen wir in Deutschland Schüler der weiterführenden Schulen noch hinzu, wären die Ergebnisse um einiges höher.

Ein Leben in der Blase

Nun kann man natürlich argumentieren, dass in den weiten Vereinigten Staaten die Schulwege um einiges länger sind als in Deutschland. Das sind sie auch vielerorts, aber die Situation sieht in urbanen Zentren, auch in laufbaren Städten wie New York City, nicht sehr anders aus. Der zentrale Unterschied, so möchte ich behaupten, liegt tatsächlich am Erziehungsansatz. Und hier unterscheiden sich die beiden Kulturen doch gewaltig: In den USA ist man als Elternteil vornehmlich darauf bedacht, sein Kind so lange wie möglich von allem Bösen dieser Welt zu schützen (ich werde hier nicht auf die Widersprüchlichkeit dieser Philosophie eingehen, wenn man bedenkt, wie weit verbreitet Gewalt, sei es im TV, in Videospielen oder gar in Form von Waffenbesitz doch von vielen toleriert, wenn nicht zelebriert wird). Man kreiert eine Blase, eine oft sehr homogene, heile Welt. Sind die Kinder dann groß und gehen zum College, sind sie mit wenigen, urbanen Ausnahmen weiterhin in einer Blase voller Gleichaltriger und Gleichgesinnter. Erst nach dem College, wenn man arbeitet, so lautet der Spruch, ist man “in the real world” – in der realen Welt. Schon seit Jahren frage ich mich, ist man das in Deutschland nicht von Anfang an? Ist es nicht immer noch das Ziel vieler deutscher Eltern, die Kinder früh auf eigenen Beinen zu haben? Nicht, weil man sich der Verantwortung entziehen will, sondern weil man sozial kompetente und schlicht lebensfähige Menschen heranziehen möchte.

Eltern verboten!

Kinderspielplätze verdeutlichen diesen Unterschied ziemlich gut. Ein Paradebeispiel für den deutschen Erziehungsstil ist doch der typische Abenteuerspielplatz. Die Idee ist es, dass Kinder spielerisch ihre Grenzen testen können und sich dabei auch mal wehtun dürfen. Im Prenzlauer Berg gibt es ja sogar einen Spielplatz, an dem Eltern, abgesehen von den wochenendlichen Familientagen, unerwünscht sind. Ich finde das super. Ich gehöre nämlich zu den Eltern, die auf dem Spielplatz lieber quatschen, am besten mit einem Kaffee in der Hand, als mit meinen Kindern das Klettergerüst zu erklimmen. In den USA habe ich mich von Anfang an geweigert, wie die Mehrheit der anderen Eltern jeden Schaukelschwung mit einem “Good jooooob!” zu bejubeln. Dort ist so ein Spielplatz-Besuch nämlich Familiensache – je involvierter, desto liebender scheint die Annahme zu sein. In vielen Kreisen wird der Helikopter-Erziehungsstil hier tatsächlich begrüßt.

Mit Freiheiten, wie zum Beispiel den Schulweg alleine zu bestreiten, Nachmittags zu Freunden zu laufen oder einen Einkauf im Späti zu erledigen, schenken wir unseren Kindern ein großes Stück Vertrauen und Verantwortung. Und nur so können sie doch erst richtig gedeihen und über sich hinaus wachsen. Ich bedauere sehr, dass ich meinen Kindern diese Erfahrungswerte in den USA so nicht mit auf den Weg geben kann. Denn auch ich möchte meine Kinder zu Menschen erziehen, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen, die soziale Kompetenzen haben, die über ihre eigenen Altersgruppen hinausreichen, die ihre Umwelt wahrnehmen und mit ihr interagieren. Zudem ist es doch so, dass man ironischerweise seine Kinder nur kurzfristig beschützen kann, bevor der Schuss nach hinten losgeht. Langfristig fehlen ihnen dann schlicht Jahre von wichtigen Erfahrungswerten, durch die sie erst aktive Teilnehmer unserer Gesellschaft werden.

Der Junge in Düsseldorf jedenfalls war durchaus in der realen Welt. Vielleicht fiel er meinem amerikanischen Auge genau deshalb auch so auf. Meine Tochter sieht das übrigens ähnlich. Für sie wäre das reizvollste an einem Umzug nach Deutschland, dass sie dann wohlmöglich alleine zur Schule gehen dürfte, “wie die deutschen Kinder, denn die dürfen ja ALLES!” Naja, darüber müssen wir dann nochmal reden.

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