Gleichberechtigt leben – eine Utopie?

24. January 2020 | in Gesellschaft | Vereinbarkeit

Euphorisch hatten wir Pläne gemacht: Die Elternzeit wird aufgeteilt. Das Kind geht mit einem Jahr in die Kita – beide arbeiten gleichwertig, wir teilen uns Haushalt und Kinderbetreuung auf. Wir sind eine moderne Familie. Leider haben uns die etablierten Strukturen da bisher einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ich fühle mich in letzter Zeit ein wenig schuldig. Schuldig, dass wir hier 50/50 propagieren und ich es selbst nicht so richtig auf die Reihe bekomme. Wasser predigen und Wein trinken. Oder passender: Wasser trinken und Wein predigen. Ich hätte es gern anders, aber ich renne – gefühlt – immer wieder gegen eine Wand. Dabei sind mein Partner und ich uns einig. Wir wollen das Gleiche. Und das ist nicht automatisch passiert, sondern weil wir beide viel miteinander reden. Darüber, was wir uns vorstellen, wie wir leben wollen. In der Theorie sind wir dieses moderne Paar. Das 50/50 Paar, über das wir hier so gern schreiben. Aber momentan habe ich den Eindruck, das System will das gar nicht. Es legt einem Steine in den Weg, und manchmal bin ich nicht sicher, ob wir es schaffen, sie aus dem Weg zu räumen.

So viele Steine!

Vom Ehegattensplitting mal abgesehen (für uns eh kein Thema, da wir nicht verheiratet sind), das die Einverdiener-Ehe fördert, läuft auch noch einiges andere schief. Angefangen bei der Geburtsurkunde, deren Ausstellung mehrere Wochen gedauert hat und auch erst nach mehrmaliger Anfrage kam (da gibt es Fälle, bei denen dauert das Monate). Ohne Geburtsurkunde kein (bewilligter) Antrag auf Elterngeld. Aber selbst wenn der Antrag eingereicht ist: Auch hier dauert es oft Monate, bis ein Bescheid kommt – und dann nochmal Monate, bis das Geld da ist. Ein Tipp: Den Antrag schon einreichen selbst wenn Dokumente fehlen (wie zum Beispiel die Geburtsurkunde), dann landet man schon mal auf einem Zuständigkeitsstapel und es dauert nicht mehr ganz so lange. Ich kenne aber eben auch Mütter, die alleinerziehend sind und bis zu sechs Monate auf das Elterngeld warten mussten. Ohne ein Netzwerk, das unterstützt und aushelfen kann, ist das ein existenzielles Problem – und das auch noch in einer so sensiblen Zeit.

Kita-Suche…

Die nächste Hürde: Der Kitaplatz. Denn wer gleichberechtigt arbeiten möchte, der braucht in dieser Zeit eine Betreuung für das Kind. Klar, hatte ich schon von der Kita-Krise gehört. Von Freunden, die stöhnten, es sei so schwierig. Aber wie bei so vielen Dingen im Leben glaubt man sie wirklich erst, wenn sie einem selbst widerfahren.

Bei uns die nüchterne Feststellung: Wir kommen nicht mal auf die Wartelisten. Ausnahmslos alle Kitas in unserem Kiez haben diese bereits geschlossen. Wir haben also nicht mal eine Chance auf einen Platz in der Nähe. Außer bei einer Kita – da hatte ich mich schon im 4. Monat gemeldet – was mir damals reichlich albern vorkam. War es leider nicht. Für diese Kita haben wir leider auch schon eine Absage erhalten. Bundesweit gab es 2018 übrigens über 278 000 Betreuungsplätze für unter Dreijährige zu wenig. Laut statistischem Bundesamt seien 2019 nur 3,7 % mehr in Betreuung als 2018 (davon mehr als die Hälfte der unter Dreijährigen in Ostdeutschland, in Westdeutschland sind es nur ein Drittel). Das ist sehr, sehr wenig.

Bei manchen Kitas wurde ich gleich freundlich auf die Warteliste für 2022 hingewiesen. 2022. Da ist mein Sohn dann drei Jahre alt – und bis dahin? Soll ich meinen Job aufgeben (mein Partner hat die besser bezahlte Festanstellung) und einfach mal noch zwei Jahre zu Hause bleiben? Wenn ich mir das vorstelle, habe das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen. Es muss also ein Wunder geschehen bis August.

Dabei versuche ich noch gar nicht, mein Kind unter einem Jahr irgendwo unterzubringen. “In Finnland besteht sogar für jedes Kind, auch unter Einjährige, ein Rechtsanspruch auf eine öffentliche Kindertagesbetreuungsstätte.” und in Frankreich werden die Kosten für eine Tagesmutter die sich eins-zu-eins ums Baby kümmert übernommen, schreibt Caroline Rosales in ihrem Zeit-Artikel zum Thema Elternzeit. Zustände, von denen wir hier weit entfernt sind. Vielleicht ist das auch einfach ein Teil der Lösung, um endlich all diese mit einem spezifisch deutschem Mutterbild vorbelasteten Diskussionen aus dem Weg zu räumen: Staatlich finanzierte Kinderbetreuung für alle Kinder, egal welchen Alters. Wer nach der Geburt schnell wieder arbeiten will oder muss, findet Betreuung. Wer Zuhause bleiben will und das Kind mit drei in die Kita gibt, kann das auch so tun. Wäre das nicht etwas? Es würde für mehr Gleichberechtigung und individuelle Freiheit sorgen.

Aber zurück in die Realität.

Das nächste Stichwort: Elternzeit. So lange es Arbeitgeber gibt, die Elternzeit als “Elternurlaub” bezeichnen und mit Konsequenzen drohen, wenn man diesen nehmen will, sind wir tatsächlich noch nicht sehr weit gekommen (so passiert im engeren Bekanntenkreis).  Interessant übrigens: Als auch bei uns die Nachricht über etwaige Schwierigkeiten bezüglich der Papa-Elternzeit kam, hatte ICH erstmal ein schlechtes Gewissen und hörte noch weit entfernt die Bekannte von mir, die vor einigen Monaten noch meinte, ich solle doch den Mann mal arbeiten lassen, das sei doch seine Leidenschaft. Äh. Was ist denn mit meiner Arbeit? Ist die nicht wichtig? Aber gut, das ist ein anderes Thema. Denn auch die progressivsten Einstellungen helfen nicht, wenn die Miete nicht bezahlt werden kann. Oder einer seinen Job verliert.

Wo ist das Dorf, das hilft? Die Großeltern wohnen entweder weit weg, oder sind selbst noch voll berufstätig. Auch Freunde sind viel beschäftigt. Wir sind also auf die Strukturen angewiesen. Dabei bin ich ja noch privilegiert: Ich bin in meiner Selbstständigkeit flexibel und kann noch einigermaßen gut drumherumplanen. Wenn ich einen Arbeitgeber hätte, mit gesetztem Wiedereinstiegstermin in Vollzeit, hätte ich jetzt ein großes Problem.

Deutschland macht es uns nicht leicht

Vielleicht muss es einfach immer wieder gesagt werden: Deutschland macht es Familien schwer. Kein “Gutes-Kitagesetz” (abgesehen davon, dass dieses Gesetz nie so gestrickt war, dass es Kitas wirklich verbessern kann, aber das ist wieder ein anderes Thema) kann helfen, wenn es nicht mal genug Kita-Plätze gibt. Genug Erzieher. Wenn dieser Beruf so schlecht bezahlt und so wenig wertgeschätzt wird.

Niemand außer uns hat anscheinend auf dieses Kind gewartet. Die Gesellschaft nicht. Das System nicht. Und deshalb gibt es jetzt auch keinen Platz dafür. Manchmal finde ich das ein wenig traurig. Vielleicht bin ich da aber jetzt auch zu sensibel, nach der 15. Kita-Absage einfach desillusioniert.

Elternurlaub?

Und wenn unverständige Chefs eben wie gesagt die Elternzeit als “Elternurlaub” bezeichnen, fragt man sich, ob hinter der Weigerung, diese zu ermöglichen, tatsächlich Sachzwänge stehen. Ich vermute nicht. Ich vermute, es geht ums Prinzip. So lange es eine Generation gibt, die an den Hebeln sitzt und die all die Arbeit, die Familie und Kinder machen, nicht wertschätzt, wird sich wohl auch nicht viel ändern.

Da ist sie wieder: die Wand, gegen die man rennt, auch wenn der Kopf noch so voll mit Plänen und Überzeugungen ist. Überraschung: Es fühlt sich nicht gut an. Obwohl es anders gehen könnte: es wird von Vätern nicht erwartet, zuhause zu bleiben. Ich dachte irgendwie, wir wären da schon weiter. Und dann die Betreuungs-Problematik – wenn das alles nicht gegeben ist, woher soll dann eigentlich die berühmte Vereinbarkeit kommen?

Dass Schulkinder jetzt ganztagsbetreut werden sollen wird als Novum gehandelt. Was für mich, als ostdeutsches Kind, tatsächlich eine Überraschung ist. Bei uns kamen Kinder nach der Schule selbstverständlich in den Hort. Zum Mittagsessen nach Hause zu Mama? So was gab’s nicht. Mir war gar nicht bewusst, dass so viele Mütter in Deutschland zu Hause auf ihre Kinder warten und nicht arbeiten gehen (können). Wie gesagt, ich dachte, wir wären weiter. Es gibt noch viel zutun. Sprechen wir darüber, immer wieder. Vielleicht gehe ich jetzt doch mal wieder auf eine Demo. Starte eine Petition.

– Aber erstmal weint das Baby.

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