Geschwisterliebe – oder zumindest kein Dauerstreit. Wie bekommt man das hin?

Als wir euch vor einer Weile nach Wünschen für Themen gefragt haben, kam ganz ganz oft: Geschwister. Und ich dachte: Kann ich dazu überhaupt etwas schreiben? Meine Beiden streiten schließlich relativ viel - sind aber auch irre lieb miteinander. Und natürlich gibt es kein Geheimrezept für eine harmonische Geschwisterbeziehung. Ob Geschwister sich letztendlich wohl gesonnen sind und über viele Jahre ein gutes Team bleiben, das hat einfach mit so vielen Dingen zu tun. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass man als Eltern ein paar Dinge beachten kann, um zumindest dazu beizutragen, dass es zwischen Geschwistern einigermaßen harmonisch abläuft.

Wichtig ist dabei, zu wissen, dass Geschwister von Haus aus Konkurrenten sind, je näher sie vom Alter her aneinander sind, desto mehr. Eine gewisse Portion Konflikt ist also mehr als normal und wahrscheinlich sogar gesund! Ich weiß aber auch, wie anstrengend es sein kann, wenn gefühlt andauern um irgendeine Kleinigkeit gestritten wird. Diesen Artikel fand ich zu dem Thema übrigens sehr gut. Und hier kommen noch ein paar Dinge, die ich persönlich versuche, im Alltag mit meinen beiden Kindern zu beachten.

1. Nie vergleichen.

Nicht einmal, um die Kinder zu motivieren. Ich versuche wirklich, der Versuchung zu widerstehen. Sätze wie: “Schau mal, wie gut dein Bruder aufgegessen hat”, “das hat deine Schwester damals aber noch nicht gekonnt…” und so weiter, liegen mir auf der Zunge, man vergleicht ja doch die ganze Zeit. Aber sogar bei Kleinigkeiten sollte man immer versuchen, sich das zu verkneifen. Denn schon harmlose Vergleiche wie: “Dein Bruder kann jetzt schon besser Ball spielen als du”. Oder “Deine Schwester hat ihre Schuhe schon angezogen!” feuern den ohnehin schon vorhandenen Wettbewerb zwischen Geschwistern an. Man kann Unterschiede natürlich dennoch ansprechen, aber eben neutral – ohne Bewertung. “Du kannst gut Ball spielen, er kann gut Fahrrad fahren.”

2. Keine Stempel aufdrücken.

Man sagt, dass Kinder sich ihre Rolle in der Familie suchen und da ist vielleicht auch was dran. Dennoch kann man als Eltern viel zu diesen Rollen beitragen, in dem man den Kindern – oft ganz ohne böse Absichten – Stempel aufdrückt. Einer ist “der Wilde”, einer “der Brave”. Ein Kind das “Teufelchen”, eines “der Tollpatsch”. Sogar wenn man “Großer” und “Kleine” sagt (dabei erwische ich mich andauernd!), weckt das Erwartungen. Und Kinder sind ja nicht eine Charaktereigenschaft, sie haben viele Facetten, so wie jeder Mensch und sie verändern sich auch im Laufe ihres Lebens, zumindest die meisten von ihnen (ich war zum Beispiel ein braves Baby, ein zurückhaltendes Kleinkind, ein störrischer Teenager und dann immer eher wild unterwegs…). Im Freundeskreis berichten mir viele Freunde und Freundinnen, dass sie unter solchen “Kindheitsstempeln” ganz schön gelitten haben, je größer die Familie, je ausgeprägter war das oft. “Ich war immer das Dummerchen”, “sollte immer der starke, große Bruder sein”, “immer das Engelchen” – man kann es nachvollziehen! Und auch harmlose Zuteilungen sind eher doof für die meisten Kinder, siehe “groß” und “klein”. Besser: die Kinder beim Namen nennen.

3. Nicht zu viel von den Ersten erwarten

Für das erste Kind ist es meiner Meinung nach oft am Schwersten. Nicht nur weil die “Entthronung” viel deutlicher ist, als bei allen Kindern, die noch folgen (denn die kennen es ja nicht alleine!), sondern auch weil Eltern oft von ihren Ersten ziemlich viel verlangen. Angeblich von Mädchen sogar noch mehr als von Jungs. Ich habe nie nie nie gesagt: “Du bist jetzt der Große, also…” und dennoch ist es schwer, sich von den Erwartungen frei zu machen, schließlich kommt einem das erste Kind einfach SO groß vor, wenn das Zweite kommt. Irgendwann, als auch das zweite Kind bei uns größer war, habe ich dann das Erste sogar oft bewusst betudelt, weil ich merkte, dass es ein Thema ist, dass das Baby so viel Zuwendung bekommt. Also Schuhe angezogen, beim Anziehen geholfen, solche Dinge. Wichtig finde ich auch, die “gefühlte Wahrheit” der Kinder ernst zu nehmen. Wenn ein Kind (oft das Größere) sich benachteiligt fühlt, dann kann das irre nerven, aber ich sage dennoch nicht: Quatsch, ihr bekommt genau gleich viel! Sondern: Das tut mir leid, dass sich das für dich so anfühlt und ich versuche auch, darauf einzugehen…

Was wir in unserer Familie auch von Anfang an gemacht haben: ich habe viel Zeit mit dem älteren Kind alleine verbracht, so viel wie möglich. Man hat das immer sofort an seinem Verhalten gemerkt, er war ausgeglichener, glücklicher. Meiner Erfahrung nach können (nach den ersten Wochen) Babys viel besser auf ihre Mutter verzichten, als die Erstgeborenen. So war bei uns oft das Baby beim Papa – und der Bruder, zumindest stundenweise, mit mir alleine unterwegs. Noch heute versuchen wir immer wieder Exklusivzeiten für jedes Kind einzuplanen – tut allen gut!

4. Interveniere nur gezielt, und dann sehr bedacht.

Mir fällt immer wieder auf, dass meine Kinder eigentlich besser spielen, wenn sie wissen, dass ich mich nicht in ihre Streitigkeiten einmische, und dass sie kleine Meinungsverschiedenheiten oft selbst auf eine ziemlich faire und anständige Weise regeln. Sie sind jetzt aber auch schon drei und sechs, kleinere Kinder überfordert man mit dieser Einstellung meistens – und außerdem setzt sich dann automatisch das größere Kind durch. Als meine Beiden kleiner waren, saß ich also quasi andauernd daneben und habe geschlichtet und erklärt, mich manchmal als alternativen Spielpartner angeboten, aufgeteilt – oder die beiden getrennt.

Und wenn einer schreit oder ein Streit körperlich wird, dann greife ich natürlich auch heute noch ein. Wichtig ist mir dabei immer, eine möglichst faire und ruhige Rolle zu übernehmen (ruhig… das klappt natürlich nicht immer, ist aber sehr viel effizienter…). Nicht: Wer hat angefangen? Wer hat Schuld? zu fragen, sondern: Was ist passiert? Und dann nicht einseitig zu bestrafen (bringt nur noch mehr Aggression….), sondern eine Lösung zu finden, die für alle passt.

Ich zwinge sie nie zum Teilen, denn ich denke, dass auch dass den Konkurrenzkampf eher anfeuert, ich motiviere sie aber dazu. Ist dir das Spielzeug gerade wirklich so wichtig? Ja? Okay. Wenn nein, könnt ihr es vielleicht abwechselnd haben? Er/sie braucht gerade Zeit für sich, magst du mit mir mitkommen? Manchmal hilft auch nur Trennen oder den Raum wechseln, manchmal gibt’s eine Pause oder einen Snack, damit alle auf andere Gedanken kommen. Wenn ein Kind offensichtlich provoziert oder das andere Kind regelrecht attackiert, versuche ich, den Grund zu finden und mich um dieses Kind zu kümmern. Klingt sicher komisch für Manche, als ob man den Aggressor dann noch “belohnen” würde, aber ich habe nun mal festgestellt, dass das Kind, das sich daneben benimmt, meist irgendwas anderes braucht und bei uns lösen sich Konflikte so leichter… Und es ist recht ausgewogen in unserer Familie, insofern fühlt sich das auch richtig so an (also auf deutsch: beide Kinder sind etwa gleich oft arschig).

5. Die Intentionen verstehen

Ich versuche immer, meine Kinder zu ermutigen, zu verstehen, warum ihr Geschwisterkind sich so verhält. Also: sie will etwas ausprobieren, hat Hunger, er ist müde oder fühlt sich nicht gut, dieses Spielzeug bedeutet ihm/ihr im Moment einfach sehr viel… Ganz oft auch: er oder sie möchte gerade ein bisschen Zeit für sich haben. Das Ziel ist natürlich, dass die Kids verstehen und mitfühlen, anstatt sich sofort angegriffen zu fühlen oder wütend auf ihre Geschwister zu sein.

Ich habe das schon gemacht, als meine Tochter noch ein Baby war, habe ihrem Bruder erklärt, warum sie weint, warum sie ihre Hände in den Mund nimmt, warum sie manchmal so grob nach ihm grapscht. Das ist bei mir so drin, selbst wenn andere Kinder weinen, und die Jüngere sagt: “Da weint ein Baby!”, dann sage ich: “Ja, vielleicht hat es Hunger, oder es ist müde.” Manchmal nervt mich das fast, dass ich Kinderverhalten kaum mehr ansehen kann, ohne es zu hinterfragen. Aber das Schöne ist: Der Ältere nimmt das mittlerweile schon an und sagt von selbst: ich war gerade so motzig, weil ich eigentlich Hunger habe. Oder: Du sollst heute bei mir liegen bleiben, weil ich heute zu viel ohne dich war. Je älter sie werden, je einfacher wird es eben doch – zumindest in mancher Hinsicht…

6. Es ist genug Liebe für alle da.

Während Geschwister “früher” wahrscheinlich wirklich um Nahrung und ums Überleben konkurrierten, geht es heute fast immer um die Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern. Das sagen sie natürlich nicht so, aber wenn man mal hinter die Streitereien schaut, merkt man oft, dass es schlicht darum geht, “nicht zu kurz zu kommen”. Als ich mit dem zweiten Kind schwanger war, konnte ich mir kaum vorstellen, noch mal einen Menschen so sehr zu lieben, wie mein erstes Kind. Aber es geht! Und die Liebe wird nicht geteilt, sie wird einfach verdoppelt. Das sage ich meinen Kindern gefühlt täglich. “Es ist genug Liebe für alle da.”, “Niemand kommt hier zu kurz.” “Ich habe euch beide genau gleich lieb und ich bin für euch beide da.”. Mit dem älteren Kind habe ich das auch schon oft im Detail besprochen. Wie sich das anfühlt und dass ich wirklich kein Kind mehr oder weniger lieb habe. Was ich auch oft sage: “Ich habe euch so lieb, könnt ihr machen, was ihr wollt. Sogar wenn ich sauer auf euch bin, habe ich euch lieb!”. Ich weiß nicht, ob das pädagogisch sinnvoll ist, aber ich habe einfach immer das Bedürfnis, ihnen das zu sagen. Und ich hoffe, dass sie es sich für’s Leben merken…

7. Teamarbeit stärken.

Meine Kinder teilen ein Zimmer und gerade finde ich das noch ideal. Sie lernen, es gemeinsam einigermaßen ordentlich zu halten (okay, da spiele ich auch oft eine Rolle), sie lernen, auf kleinem Raum zusammen oder jeder für sich zu spielen, sie müssen oft aufeinander Rücksicht nehmen (zum Beispiel wenn ein Kind schon schläft). Auch wenn sie zusammen Beeren sammeln, sich beim Anziehen helfen, ein Geschenk zusammen aussuchen – ich merke, dass ihnen das total gut tut. In Zukunft will ich auch noch auf anderen Ebenen versuchen, die beiden als Team zu stärken. Die Spülmaschine gemeinsam ausräumen wäre mein Traum, vielleicht können sie auch bald zusammen kleine Einkäufe erledigen, und so weiter. Die Idee ist, dass sie merken, dass sie ein Team sind und dass sie zusammen mehr erreichen können, als alleine. Dass sie zusammen halten und aufeinander aufpassen – eben das, was alle Eltern sich von ihren Kindern wünschen…

8. Apropos: Dieses Buch! “Geschwister als Team: Ideen für eine starke Familie.” kann ich euch auch ans Herz legen. Es ist das einzige Buch, das ich zum Thema gelesen habe, aber mehr braucht es vielleicht auch nicht. Es steht wunderbar einfühlsam alles drin, was man über Geschwister wissen muss, und Nikola Schmidt gibt viele tolle Tipps, um den Alltag mit mehr als einem Kind zu entzerren. Ich habe mich beim Lesen oft bestätigt gefühlt, aber auch unheimlich viel gelernt (das mit den “Stempeln” zum Beispiel: es war mir vorher klar, aber erst jetzt ist es mir so richtig bewusst!). Dazu gibt es super interessante Exkurse in das Familienleben in anderen Kulturen und die erleichternde Erkenntnis: Geschwisterzwist ist SO normal, und genauso normal ist es, dass wir Eltern manchmal so schnell überfordert sind – weil wir eigentlich Herdentiere sind und unser westliches Kleinfamilienmodell fast zwangsweise Eltern wie Kinder überfordert. Einzige Kritik: das Buch ist – wie so viele Erziehungsratgeber – an mehreren Stellen eindeutig für Mütter geschrieben. Das finde ich immer etwas schade, mein Partner noch mehr. Ich würde mir wünschen, dass da in Zukunft mehr Wert drauf gelegt wird, auch wenn das Zielpublikum sicherlich eher weiblich ist, gibt es doch viele Familien da draußen, wo Vater und Mutter gemeinsam erziehen und beide gleichwertig präsent sind. Aber ansonsten: 100% Empfehlung!

Natürlich kann man all diese Dinge immer umsetzen – und sogar wenn man es schafft, hat man sicher nicht immer Harmonie zuhause. Aber ich persönlich erwarte das auch gar nicht. Bei uns ist oft den halben Tag lang Krach und ich schaffe es natürlich nicht, damit immer so umzugehen, wie ich es mir vornehme. Manchmal bin ich zu erschöpft, manchmal auch genervt, oft raufen meine Kinder einfach so rum, es ist mir zu laut, zu brutal, ständig schreit ein anderes Kind…

Aber eine Maxime zu haben, an die man sich theoretisch klammern möchte, das finde ich persönlich hilfreich ( ich bin dabei aber nicht sehr streng mit mir, heißt: wenn ich laut oder unfair geworden bin, dann entschuldige ich mich, denke noch ein Mal drüber nach und dann ist auch gut). Und das Tolle ist ja: die Kinder kloppen sich gefühlt den ganzen Tag um irgendwas – und später sitzen sie in Eintracht Arm in Arm auf dem Sofa und lesen zusammen oder hören was, oder kuscheln: nachtragend sind sie also definitiv nicht!

Wie läuft es bei euren Geschwisterkindern? Habt ihr noch mehr Tipps?