Ein persönlicher Bericht: Annett und die Frühgeburt ihrer Tochter in der 25. SSW

30. June 2017 | in Geburt | Schwanger

Ich kann mich noch sehr deutlich daran erinnern, wie ich feststellte, schwanger zu sein. Das Gefühl ist für mich bis heute abzubilden als sei es gestern erst gewesen: Es war mir an jenem Morgen in meinem Frankfurter Büro von einem Moment auf den anderen klar, dass es so sein müsste. Und so war es dann auch. Der Schwangerschaftstest in der Mittagspause schlug quasi innerhalb von Sekunden an. Da war ich schon in der siebten Woche und hatte eine ganze Weile lang überhört- und sehen, was sich an Symptomen eigentlich hätte deutlich bemerkbar machen müssen. Und so wie sich mit diesem Tag schlagartig alles veränderte, war auch unmittelbar klar: Dieses Kind in mir würde bleiben, als sei in Zement gemeißelt, dass alles gut würde. Und so erlebte ich meine Schwangerschaft in diesem Gefühl der absoluten Sicherheit.

Ich weiß aber auch, dass es nicht allen Schwangeren so geht. In meinem Freundeskreis gibt es ein paar Frauen, die regelrecht bangen mussten, deren Schwangerschaft alles andere als unproblematisch verlief. Frauen, deren Schwangerschaften von Sorgen und Komplikationen überschattet waren. Annett ist so ein Fall. Wir kennen uns, seitdem unsere Söhne noch ganz klein sind, erlebten ein, zwei Sommer recht intensiv miteinander und so auch dann ihre zweite Schwangerschaft. Ich weiß noch, wie wir Frauen in diesem Hinterhof, in dem wir uns so oft versammelten, mit ihr bangten, als sich bei ihr sehr früh Komplikationen abbildeten: Blutungen und ein Hämatom in der 8. SSW. Viele Tage, die sie seitdem und früh liegen musste und dann der große Schock, als in der 19. SSW ihre Fruchtblase sprang und ihr die Ärzte im Krankenhaus keine Chance für sie und ihr Kind einräumten. Man legte ihr damals sogar recht unmittelbar einen späten Schwangerschaftsabbruch nahe.

Aber Annett hörte nicht auf zu glauben, dass es einen Weg geben könnte und kämpfte um jeden Tag, den ihr Ungeborenes unter ihrem Herzen gedeihen durfte. Ihre Tochter wurde schließlich in der 25. SSW geboren, als mit einsetzenden Wehen die Geburt nicht mehr aufzuhalten war. Die Ärzte sagten ihr damals, dass ein Drittel der so Frühgeborenen einen solchen Start nicht überlebten. Ein weiteres Drittel würde es schaffen, wenn auch mit gesundheitlichen Einschränkungen und das letzte Drittel würde ohne Konsequenzen aus einer so frühen Geburt hervorgehen.

Ich wusste bis dahin nicht mal, dass ungeborene Kinder überhaupt überleben können, wenn die Fruchtblase springt, sie quasi auf dem Trockenen oder nur noch in einer Pfütze Fruchtwasser sitzen. Umso erstaunlicher finde ich, wie Annetts Tochter sich durchgebissen und alle Pessimisten Lügen gestraft hat.

Heute erzählt uns Annett als Gastautorin diese Geschichte – vor allem, wie sie die Zeit mit ihrer so sehr kleinen Tochter auf der Neonatologie erlebt hat.

Ich könnte diesen Artikel mit den Worten beginnen: „Juhu, wir bekommen ein zweites Kind!“. Denn genau das waren meine Gedanken, als ich nach über einem Jahr Hoffen und Bangen endlich wieder einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen halten konnte.

Doch stattdessen beginne ich lieber mit den „harten Fakten“ unserer zweiten Geburt, denn diese waren es, an denen ich mich in den ersten Tagen und auch den weiteren Wochen auf der Neointensivstation immer festgehalten habe.

Die ersten Zahlen, die uns in dieser Zeit begegneten (und selbst ein Jahr später immer noch viele Experten in Staunen versetzten) waren: 25+6, 570g, 33cm. Das sind die Geburtswerte unserer Tochter. Sie wurde nach einer mehr als komplizierten und schwierigen Schwangerschaft 100 Tage zu früh geboren und verbrachte bis zu ihrer Entlassung im März 2015 103 Tage auf der Intensivstation für Frühgeborene.

Schaue ich noch heute in meine Kalenderaufzeichnungen aus dieser Zeit, stehen dort hauptsächlich weitere solcher Zahlen. Alles dreht sich um Körpergewicht (zum ersten Kilo gab es einen Luftballon an den Inkubator; was für ein Meilenstein), Körpergröße, Nahrungsmengen, die über die Sonde gegeben wurden und gerade mal im einstelligen Milliliter-Bereich liegen, und ganz viele erste Male. Nicht nur das erste Kilo war ein großer Erfolg, sondern auch das erste Mal zu kuscheln (zu känguruhen) anstatt nur ihre Hand zu halten oder die Hand auf ihren Körper zu legen; sie das erste Mal hören zu können, denn das war durch die Beatmungsmaschine in der ersten Zeit überhaupt nicht möglich.

Das erste Mal selbstständig die Windeln zu wechseln, die anfangs kaum größer als ein Taschentuch waren und sie pflegen zu dürfen. Selbst das erste Bad, was beim zweiten Kind nicht mehr als solche Besonderheit gelten dürfte, schließlich hat man das beim ersten ja schon tausend Mal gemacht, war ein ganz besonderer Augenblick. Der erste Besuch vom großen Bruder, der alle Maschinen drumherum super interessant fand und entgegen unserer Ängste alles viel entspannter empfand und aufnahm als wir es uns gedacht haben. Und sie das erste Mal zu stillen! Ich hätte niemals geglaubt, dass das überhaupt klappen könnte, aber sie stellte sich da als wahres Naturtalent heraus. Zwar reichte ihre Kraft anfangs kaum für zwei, drei Schlucke aus, doch selbst das war schon ein unbeschreibliches Gefühl.

Man kann auf der Neointensivstation einfach nur da sein. Mehr geht nicht.

Ich könnte noch mehr dieser (unserer) Meilensteine auflisten, doch was eigentlich hinter all diesen Zahlen, Fakten und ersten Malen steckt, ist ein großes Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit, des Nicht-mehr-tun-könnens. Man kann auf der Neointensivstation einfach nur da sein. Mehr geht nicht. Ich konnte für mein 33cm „großes“ Baby, das noch 3 Monate geschützt, gewärmt, genährt, geschaukelt und geborgen in meinem Bauch sein sollte, nicht mehr tun, als einfach nur da zu sein. Ich konnte für sie weder das Atmen übernehmen, noch die Nahrungsaufnahme. Weder das Wachsen und Zunehmen, noch den Schmerz abnehmen bei jeder einzelnen Injektion und Infusion. Ich konnte für sie nicht diese dämliche Magensonde (entweder durch Nase oder Mund) aushalten und konnte auch nicht die Atemmaske für sie tragen, die ihre zarte Nase und ihr wunderschönes Gesicht immer so deformiert hat.

Ich konnte für sie nicht die lauten Geräusche und das ständige Piepen ihres eigenen Überwachungsmonitors oder das der anderen Frühgeborenen im Zimmer ausstellen und konnte ihr auch nicht das helle Licht nehmen, das bei jeder Untersuchung, bei jedem Besuch auf sie einfiel. Und ich hätte es so gern für sie getan. Ich hätte gerne irgendetwas für sie getan. Mehr, als „nur“ da zu sein, mehr als „nur“ zu kuscheln oder „nur“ meine Muttermilch für die Sondierung abzupumpen.

Und neben diesem Gefühl der Ohnmacht nichts „Richtiges“ tun zu können, gaben diese Zahlen mir etwas, woran ich mich festhalten, mich orientieren konnte. Etwas Konkretes, etwas, das ein Vorankommen, eine Entwicklung zeigte in der Zeit des Nicht-verstehen-könnens. Sie machten diese Zeit, die geprägt war von Unsicherheiten, Ängsten und emotionalen Achterbahnfahrten zumindest teilweise greifbarer. Und auch wenn heute einige Erinnerungen an die Zeit auf der Neointensiv und gerade auch an viele dieser Zahlen verblassen, so bleiben folgende Fakten wahrscheinlich für immer präsent: 570g und 33cm.

Wie es nach der Neonatologie weiterging

Annett hat ihre Tochter entgegen aller anfänglichen Prognosen schließlich und nach über 100 Tagen mit nachhause nehmen dürfen. Sie sagt, abseits des Krankenhauses hätte sie ihr zweites Kind dort noch einmal neu kennenlernt. Ihrer Tochter geht es unterdessen gut. Sie hatte trotz ihrer so frühen Geburt keine Hirnblutungen und auch die sechs Wochen Schwangerschaft ohne Fruchtwasser haben keinen Lungenschaden verursacht oder sogenannte Kontrakturen – also versteifte Gelenke, wie sie Kinder unter solchen Bedingungen und ob der Zwangslage in der Gebärmutter manchmal entwickeln. Einzig die Augen hätten behandelt werden müssen, nachdem ihre Tochter eine Frühgeborenen-Retinopathie entwickelt hatte, wie es in der Fachsprache heißt. Eine Folge der anfänglich hochdosierten und zusätzlichen Sauerstoffgaben. Weil das aber so früh erkannt und behandelt worden sei, gingen die Ärzte von keinen weiteren Auswirkungen aus.

Ganz ohne Hürden, meint Annett, sei die Zeit natürlich trotzdem nicht gewesen und sie und ihre Familie hätten auch immer mal wieder Rückschritte hinnehmen müssen. Wie etwa die Lungenentzündung, die ihre Tochter mit drei Wochen entwickelte und ihr das ohnehin mühselige, selbstständige Atmen zusätzlich erschwerte.

Im Abgleich zu Familien und deren Kindern, die sie auf der Neonatologie kennengelernt habe und all den Komplikationen, wie sie bei so extrem Frühgeborenen zuweilen aufträten (neben Hirnblutungen und Lungenschäden zum Beispiel auch Herzfehler), sei ihre Tochter aber sehr unbeschadet davon gekommen. Wenn das im Krankenhaus auch noch nicht absehbar gewesen sei, sagt Annett, und sie während dieser Zeit nur habe vertrauen können.

Annetts Tochter hat sich regelrecht ins Leben gekämpft und feiert dieses Jahr ihren dritten Geburtstag. Sie sei ein sehr lebensfrohes und lustiges Kind, sagt Annett und “wir unglaublich dankbar, dass uns dieses kleine Fräulein Wunder geschenkt worden ist.”

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