Familie kann auch ganz anders aussehen!

13. October 2020 | in Alltag | Familie | Parenting

Papa-Mama-Kind(er). Die Kleinfamilie. Machen irgendwie fast alle so, oder hatten es zumindest mal so geplant. Ein-Eltern-Familien gibt es natürlich auch noch, Mama-Mama-Kind(er), Papa-Papa-Kind(er) und Patchwork-Modelle. Aber ist das überhaupt zeitgemäß? Gefühlt sprechen in unserem Umfeld gerade alle darüber, wie man es anders machen könnte. Denn das vielbesungene Dorf, um ein Kind großzuziehen, braucht es wirklich, und Soziolog*innen sprechen schon lange davon, dass die Kleinfamilie ausgesorgt hat und auf Dauer nicht funktioniert. Die österreichische Soziologin und Autorin Mariam Irene Tazi-Preve sagt sehr klar: “Wir müssen Familie größer denken” – und sie formuliert es noch radikaler: “Zwei Bezugspersonen sind für ein Kind jedoch zu wenig”. (Das ganze Interview gibt es hier).

Deshalb haben wir uns neulich bei Instagram bei Euch erkundigt, ob und falls ja in welcher Form ihr von der klassischen Konstellation Mama-Papa-Kind abgewichen seid. Denn sind wir der Meinung, dass man viel mehr lesen sollte über diese anderen Modelle, es gibt so eine interessante Bandbreite, wie Familienleben aussehen kann! Deswegen freuen wir uns sehr, dass ihr so rege mitgemacht habt und haben hier einige Antworten mal aufgeschrieben.

Das Mehr-Generationenhaus

Den Anfang macht Janina, 37 Jahre alt. Sie und ihr Mann Tim leben mit vier Kids, (Zwillinge im Alter von zwei Jahren, ein fünfjähriges und ein sechsjähriges Kind), mit ihrer Mama (68), einem Hund und einer Katze in einem Mehr-Generationenhaus. Janinas Mama lebt im Erdgeschoss, ihre Wohnung ist altersgerecht umgebaut, Janina und ihr Mann sind im ersten Obergeschoss zu Hause und die Kids haben ihre eigene Etage unter dem Dach.

Janina war mit den Zwillingsmädels schwanger, als sie und ihr Mann das Haus suchten, und damals mussten sie angesichts gleich zwei neuer Familienmitglieder schnell aus ihrer viel zu kleinen Wohnung ausziehen. Ihre Mutter wohnte zu dem Zeitpunkt 20 Kilometer entfernt, und Janina war selbst mit ihrer Mutter und Großmutter unter einem Dach aufgewachsen, deswegen kam ihr der Gedanke, das für sich und ihre Familie genauso zu machen. Gesagt, getan: Sie kauften ein Haus, Mama half beim Papierkram und zog vom Dorf in die Stadt. Für sie auch super: Alles fußläufig, und wenn sie irgendwann nicht mehr gut zu Fuß sein sollte, können Janina und Tim ihr einfach unter die Arme greifen. Den Großeinkauf machen sie ohnehin schon jetzt für alle.

Drei Generationen in einem Haus

Ein Win-Win für alle, denn Janinas Mama kann sich um die Kids kümmern und da sie im Ruhestand ist, ist sie meistens zu Hause. “Für uns ist es ein absoluter Luxus, dass wir zum Beispiel zur Arbeit gehen können, auch wenn die Kids mal wieder wegen Schnupfen nicht in die Kita können. Die Oma hilft auch sonst im Alltag, sie kann die Kids zur Kita bringen und abholen, es sind nur fünf Minuten zu Fuß”, erzählt Janina. Manchmal kümmert sich ihre Mama auch um die Wäsche, dann übernehmen wieder sie und ihr Mann, es läuft alles Hand in Hand. “Für meinen Mann ist es mit Schwiegermutter im Haus nicht immer einfach, aber sie ist zum Glück kein Schwiegermutterschreck”, lacht Janina.

Ihr Sohn Jimi (5) genießt die Zeit bei Oma ganz besonders: Jedes Wochenende übernachtet er bei ihr. Das ist auch für die Großmutter richtig schön, denn ehe sie in Rente ging war sie Pflegemutter – mit vier Enkelkindern im Haus ist es also ein bisschen so wie früher, wo Toben, Kinderlachen und Spielen ihr Leben bestimmt haben. Janina sagt: “Nächsten Monat wohnen wir jetzt zwei Jahre hier zusammen und ich bin immer wieder froh, dass wir uns dafür entschieden haben”.

Die doppelte Paar-WG

Vor nahezu sechs Jahren zogen Chiara und ihr Partner mit einem befreundeten Paar zusammen. “Wir hatten Lust, das Alltagsleben nicht nur im mit dem Partner, sondern auch mit anderen Menschen zu teilen”, erzählt sie. “Im letzten Jahr kündigte sich dann unser Baby an und wir mussten entscheiden: sollen wir getrennte Wege gehen, oder bleiben wir zusammen? Als die Entscheidung fiel, dass wir auch mit Kindern weiter gemeinsam leben wollen, waren wir sehr froh, aber natürlich gab es auch Zweifel und Ängste.” Zum Beispiel, ob sie, Partner und Baby genug Privatsphäre haben würden. Was würden die Mitbewohner sagen, wenn das Baby immerzu schreit? Würden sie es aushalten? Und, ganz wichtig: Wie passen alle in die Wohnung?

Chiara und die anderen beschlossen dann gemeinsam, das durchzuziehen. Und sind von ihrer zentralen Wohnung in ein Haus mit Garten am Stadtrand gezogen. “Wir teilen uns das Wohn- und Esszimmer, die Küche und natürlich den Garten, dazu hat jedes Paar seine eigenen Räume. Außerdem haben wir ein gemeinsames Auto und kaufen gemeinsam ein – beides funktioniert wirklich problemlos”, erzählt Chiara. “Dass wir in diesem schönen Haus mit Garten leben können funktioniert auch nur, weil wir vier arbeitende Personen sind, die die Miete gemeinsam zahlen können.”

Vor einem halben Jahr kam ihr Sohn zur Welt, und jetzt kann Chiara mit Sicherheit sagen, dass die Entscheidung, weiter zusammen zu wohnen, für alle genau die Richtige war. Die erste Zeit mit Baby war so entspannt, wie sie nur sein kann. Weil es eben mehr als zwei Personen gibt, die den Haushalt schmeißen können. “Unsere Mitbewohner haben uns wirklich immer geholfen und auch Aufgaben abgenommen”, sagt Chiara. “Es kamen aber auch noch weitere positive Aspekte hinzu, über die wir vorher gar nicht nachgedacht hatten: Wir waren nicht die Einzigen, die sich an dem neuen Baby gefreut haben und es war für uns so schön zu sehen, wie sehr auch unsere Mitbewohner den Kleinen lieben gelernt haben. Einsam war man mit dem Baby auch nie, es gab immer eine erwachsene Person, mit der man reden konnte. Und es war immer jemand da, der mal kurz nach dem Kleinen schauen konnte!”. Toll, oder? Was für ein Win-Win!

Es gab aber natürlich auch Situationen, in denen es zu zweit entspannter gewesen wäre (man kann ja schließlich nicht alles haben!): Zum Beispiel, wenn vier Personen jeweils eine andere Idee davon hatten, was dem schreiendem Baby fehlen könnte. “Da mussten wir als Paar lernen, ganz klar als Eltern für ihn einzustehen – auch eine wichtige Erfahrung”, beschreibt es Chiara.

Vor kurzer Zeit ist dann Baby Nummer Zwei eingezogen – und es läuft wunderbar! Die Mitbewohner hatten ja schon mal eine erste Zeit mit Baby miterlebt und sind dadurch sehr entspannt. “Wir freuen uns, wieder ein Neugeborenes im Haus zu haben. Und vor allem können wir es alle kaum erwarten, bis die beiden miteinander spielen können!”, sagt sie.

Full House mit Mama und Oma

Carmen hat uns ebenfalls geschrieben, sie erlebt jeden Tag viele urkomische, verrückte, natürlich auch schwierige Situationen – gerade wegen Corona waren die Monate im Frühjahr SEHR intensiv – doch sie kann sich für die aktuelle Situation keine bessere Konstellation vorstellen. “Manchmal habe ich das Gefühl ich lebe in einer richtig guten Sitcom, und bin so stolz, darin eine Hauptrolle neben meinen Familienmitgliedern spielen zu dürfen”, schreibt sie uns. Herrlich!

Carmen und ihr Mann Oskar sind vor 1.5 Jahren mit ihrer Tochter von München in eine Kleinstadt im bayerisch-schwäbischen Land gezogen – und zwar zu Carmens Elternhaus, zu ihrer Mutter nebst Partner. Kaum waren sie ein paar Wochen da, zog dort noch Carmens 79-jährige Oma ein! Sie kann nicht mehr so gut alleine, ist aber für ein Altersheim viel zu fit. Und ihre Schwester Isabel wohnte ohnehin schon wieder bei Muttern, weil sie nach ihrem Studium eine Beamtenstelle im Landkreis bekommen hatte. Zu guter Letzt verschlug es zeitweise auch noch Carmens kleinen Bruder zu Mama, weil er coronabedingt arbeitslos war (er wohnt jetzt aber wieder in einer Großstadt).

Und wie funktioniert das – mit VIER Generationen unter einem Dach? “Sehr gut, da wir viel miteinander reden und unser Haus sehr groß ist und dadurch jeder seinen eigenen Bereich mit Schlaf- und Badezimmer hat”, sagt Carmen. “Natürlich gibt es hin und wieder Reibereien, da wir eine große Küche haben und das Essen – wie bei so vielen – ein elementares Thema ist.” Ihr werdet das sicher kennen: Jeder hat so seine Vorlieben. Bei Carmen ist die Schwester gegen Gluten allergisch,  Carmen isst kein Fleisch, ihre Mama liebt Mehlspeisen und ihre Großmutter wäre nur mit Fleisch und Wurst am glücklichsten. Haha! “Für uns als berufstätige Eltern ist es dennoch eine Traumkonstellation, weil wir uns immer auf die Familie verlassen können und sich immer jemand Zeit nimmt und Lust hat, unsere Tochter zu betreuen”, sagt Carmen. “Unsere Tochter hat bei jedem Familienmitglied eigene Rituale und besonders beliebte Aktivitäten. Ich denke, das prägt sie ebenfalls auf eine spezielle Art.”

Da jeder im Haus dadurch stark an der Erziehung von Carmens Tochter beteiligt ist, haben sie und ihr Partner zu Beginn ein paar prinzipielle „Erziehungsregeln“ aufgestellt. “Auch wenn wir sie mittlerweile gelockert haben, hält sich jeder an unsere grobe Vorstellung von Erziehung und respektiert unsere No-Gos (wie z.B. Süßigkeiten direkt vor dem Abendessen oder Schlafen gehen, langes Fernsehen, etc.).” Total gut, oder? Wenn diese Eckpunkte festgelegt sind, ist es für alle einfach viel entspannter und klarer. Carmen fasst ihr Erfolgsrezept übrigens so zusammen: “Eine Mischung aus sehr sehr viel Kommunikation, genügend Raum und Toleranz, viiiiel Salat und einer guten Partie Schafkopf!”. Wie sympathisch.

Co-Parenting mit einem schwulen Freund

Kristin hat sich ebenfalls gemeldet und ihre Konstellation finden wir super spannend – sie hat eine 18 Monate alte Tochter, gemeinsam mit einem schwulen Freund! “Wir wollten beide ein Kind und haben uns nach etwas Überlegen für Co-Parenting entschieden. Ich hatte und habe keinen Partner und wollte mit Mitte/ Ende 30 nicht darauf warten, noch jemand passendes zu finden”, beschreibt sie die Initialzündung.

Mittlerweile sind beide von dem Modell total überzeugt. Im Vorfeld haben sie lange nachgedacht, vieles abgesprochen, geklärt, wie sie die Elternschaft finanziell regeln wollen (beide haben ein gemeinsames Konto, auf das sie je einen Prozentsatz ihres Gehalts für alle Ausgaben rund um das Kind überweisen). Sie haben natürlich über Erziehungsprinzipien gesprochen, über Aufgabenteilung und ganz allgemein die Vorstellungen von der Zukunft. “Das hat alles gepasst und wir leben ein 50:50 Modell. Wir leben in getrennten Wohnungen, aber in der Nähe und teilen uns die Betreuung und Besorgungen. Urlaube machen wir mal zusammen, mal einzeln, ich derzeit aber immer noch mit Kind, weil ich noch stille”, erzählt Kristin.

Die gemeinsame Tochter hat ihre Basis derzeit eher in Kristins Wohnung, aber nach der Kita ist sie meistens bei Papa, und seit Kurzem übernachtet sie auch zwei- bis dreimal die Woche bei ihm. “Meine persönliche Erfahrung ist, dass unser Modell eigentlich nur Vorteile bringt. Wir leben super gleichberechtigt und stimmen uns gemeinsam ab, unterstützen uns beruflich und privat, jeder bringt seine Stärken ein. Wir sind alle drei sehr glücklich”, sagt Kristin.

Übrigens: Kristin ist es wichtig, anderen Frauen mit Kinderwunsch Mut zu machen, diesen Weg in Erwägung zu ziehen. Ihr hat dabei auch das Blog PlanningMathilda geholfen. “Rechtlich ist es nicht anders als unverheiratet Eltern zu werden, wir haben vor der Geburt u.a. eine Vaterschaftsanerkennung gemacht. Ich kann nur jeder Frau, die einen Kinderwunsch, aber keine/n Partner/in hat, raten offen zu sein für andere Modelle. Für mich ist und uns war es die beste Lösung und wir haben eigentlich auch nur Unterstützung bekommen. Es war insgesamt alles viel einfacher als gedacht, auch wenn sich das Leben mit Kind natürlich erstmal um 180 Grad dreht. Ich würde nicht tauschen wollen”, schrieb sie uns. 

Fernbeziehung mit Kleinkind

Cristina hat uns ebenfalls geschrieben und ihr Modell ist ganz besonders: Ihr Mann Victor und sie sind seit nach dem Abi ein Paar, hatten zunächst eine Fernbeziehung, als sie nach Wien zog, um dort Psychologie zu studieren. Zwei Jahre später zog ihr Mann nach und setzte sein Elektrotechnik-Studium dort fort. Nach dem Studium verschlug es Cristina nach Prien am Chiemsee, Victor wiederum hatte seinen Traumjob in Wien gefunden.

Seit 2014 haben sie also eine Fernbeziehung – und 2017 kam Sohn Neo zur Welt, als Cristina in der Ausbildung zur Verhaltenstherapeutin in München steckte und zusätzlich einen Vollzeitjob als Psychologin in einer Klink am Chiemsee hatte. Jetzt leben die beiden also in Wien und am Chiemsee. Victor kommt jeden Donnerstag abends oder Freitag morgens zu Cristina und Neo und bleibt bis Sonntag, mit dem Zug. Cristina genießt das Landleben, schätzt das slow-living dort total, mag es, dass die Menschen grüßen, lächeln und ratschen. Vor allem im Lockdown war für sie das Landleben mit Wald und dem Chiemsee vor der Tür wirklich viel wert. Victor hingegen liebt Technik und ist einfach ein Stadtmensch. “Er kann sich über einen Fleck auf dem Shirt immens aufregen, liebt die Hektik und die Vielfalt einer Großstadt”, sagt sie.

Cristina bekommt oft fragende, irritierte und innerhalb der Familie auch vorwurfsvoll-kritisierende Rückmeldungen aufgrund dieser Entscheidung “Aber ich denke, dass, solange Neo zwei zufriedene Eltern hat, die zwar beruflich verschiedene Wege eingeschlagen und unterschiedliche Vorlieben haben, aber eine Brücke zwischen ihren Welten bauen konnten, unsere alternative Bubble völlig in Ordnung ist”, sagt sie.

Schwierigkeiten gibt es natürlich immer mal wieder: “Die sind vor allem bürokratischer Natur, zum Beispiel was Steuern oder das Elterngeld angeht, und natürlich ist es auch eine organisatorische Herausforderung, wenn der Babysitter zum Beispiel kurz vor dem Elternabend im Kindergarten absagt. Unter der Woche bin ich quasi alleinerziehend. Aber wir schaffen es trotzdem irgendwie, auch mal Zeit für uns zu finden”, sagt sie. Für die beiden zählt in Sache Beziehung „Qualität statt Quantität“. “So kommt es vor, dass wir uns gegenseitig unter der Woche nach 15 Jahren Beziehung vermissen dürfen”, sagt Cristina. Und das hat doch auch was.

Sohn Neo wächst zu alledem noch dreisprachig auf und beide Eltern hoffen, dass er von diesen verschiedenen Welten und Kulturen profitiert. “Und dass er daraus mitnehmen kann, dass Familie nicht einer Norm entsprechen muss sondern einfach nur gelebt und gefühlt werden darf.”

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