Eltern, Ex-Paar, WG-Team – Unser Nestmodell

21. April 2021 | in Alleinerziehen | Familie

„Mama und Papa trennen sich.“

Vor drei Monaten haben meine Ex-Freundin und ich das unserer Tochter gesagt. Und seitdem arbeiten wir daran, dass unsere Familie für uns alle drei in neuer Form weiter bestehen bleibt. Das ist für uns alle drei nicht leicht. Ich schwanke regelmäßig zwischen „es ist für alle besser so“ und „ich habe als Vater und Freund doppelt versagt.“

Wir haben alle drei Ängste und Sorgen. Es gibt viel Diskussionsstoff zwischen meiner Ex und mir, es gibt Frust und Ärger. Aber es gibt auch eine gemeinsame Idee für die Zukunft: Wir wollen als Familie zusammenbleiben. Wir wollen unserer Tochter soviel Kontinuität wie möglich geben.

Weniger Stress für sie heißt mehr für uns

Deswegen haben wir uns auch für das Nestmodell als neue Wohnform entschieden. Eine noble Idee, mit vielen Vorteilen und etlichen Fallstricken. Nestmodell heißt im Kern: Unsere Tochter ist immer an einem Ort, unserem Familiennest. Sie muss nicht wie im Wechselmodell zwischen den verschiedenen Wohnungen von Mama und Papa hin- und herpendeln. Ihr Zuhause bleibt ihr Zuhause, ihr Rückzugsort. Sie braucht nichts doppelt. Wir glauben, es erspart ihr jede Menge emotionalen Stress. Das Pendeln und den Stress übernehmen wir. Einer von uns fliegt alle paar Tage ein. Und wenn wieder ausgeflogen wird, dann geht es in unsere neue gemeinsame WG, die wir uns als Ex-Paar teilen.

Ein doppeltes Nebeneinander

Wer nicht gerade für unsere Tochter verantwortlich ist, wohnt in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung, die jetzt unser zweites Zuhause werden soll. 25 Minuten vom Nest entfernt, einmal quer durch Berlin. Als Vater bin ich sehr froh, dass wir diese Lösung gefunden haben. Als Mensch, der neu anfangen muss, empfinde ich es als maximal herausfordernd. Denn es heißt: Meine Ex-Freundin und ich wohnen zwar nicht mehr miteinander, aber doppelt nebeneinander. Im Nest sieht es aus wie vor der Trennung. Es war immer „unsere“ Wohnung. Überall sind Fotos von uns, Erinnerungen, Geschichten. Aber weil es die gemeinsame Familienwohnung bleibt, kann ich auch nicht einfach sagen, dass ich hier oder dort mal einfach so etwas verändern will. Ich bin hier zwar abends alleine, aber irgendwie auch nicht. Wir teilen uns hier nach wie vor ein Bett. Wir waschen unsere Wäsche gegenseitig. Unsere jeweiligen individuellen Macken – das was man in der Beziehung schon nicht mochte, aber ausgehalten hat – kriegen wir nach wie vor alltäglich mit: Mich nerven z.b. herumliegende Schuhe oder die Art, wie der Müll getrennt wird wesentlich mehr als früher. Und das jetzt in zwei statt in einer Wohnung.

Wir bleiben ein Team

In unserer kleinen Ex-Paar-WG haben wir beide ein eigenes Zimmer. Darauf habe ich bestanden, weil ich physischen Raum „für mich“ brauche, nur für mich, eine Tür zum zumachen. Auch weil ich nicht im selben Bett schlafen will, in dem auch ein potentieller „Neuer“ meiner Ex-Freundin liegt. Wir haben abgemacht, dass neue Menschen nur in diese Wohnung kommen dürfen, nicht ins Nest. Aber natürlich stresst es mich trotzdem, wenn ich daran denke, dass ich irgendwo Spuren eines potentiellen Nachfolgerns entdecken könnte. Die Gespräche mit jemand „Neuem“ stelle ich mir auch seltsam vor. („Wer wohnt den in dem anderen Zimmer?“ / „Ach, da wohnt die Mutter meiner Tochter“.)
Es ist paradox. Meine Ex-Freundin und ich sehen uns zwar nur noch ein- bis zweimal die Woche (wir haben mit unserer Tochter verabredet, dass es weiter „Familienmomente“ gibt), aber trotzdem gibt es, jenseits unserer Verantwortung als Eltern, jetzt doppelt alltäglichen Kommunikations- und Abstimmungsbedarf. Wer putzt wann wo und wie oft? Wer kauft für welche Wohnung was? Alles so Themen, die auch in den glücklichsten Beziehungen nicht gerade die Highlights sind und die wir jetzt mit einem neuen Status auch neu miteinander verhandeln.

Das Gute ist: Es zwingt uns, dass wir uns auch als Ex-Paar jenseits unserer Tochter miteinander Mühe geben müssen, dass wir aufeinander achten müssen. Wir bleiben auch jenseits unserer Tochter ein Team. Bei allen Schwierigkeiten: Das tut uns im Umgang miteinander im Moment ganz gut. Und uns ist wichtig, weiter miteinander Umgang zu haben, weil wir unserer Tochter mitgeben wollen: Geborgenheit und Familie, das funktioniert auch, wenn die Eltern getrennt sind.

Es gibt nur ein Zuhause

Aber natürlich hat sich auch das Leben unserer Tochter trotz der gebliebenen Konstanten radikal geändert. Sie ist sechs Jahre alt, sie hat in aller Konsequenz noch nicht verstanden, was Trennung bedeutet. Aber sie spürt, dass die Veränderungen der letzten Monate permanent sind. Und man merkt, wie es in ihr rattert. Auch in unserem Modell sagt sie mir regelmäßig, wie sehr ihr Mama fehlt. Sie fragt mich, wann Mama endlich wieder da ist. Sie will auch mal in der ominösen anderen Wohnung schlafen. Und sie will immer wieder wissen, wann wir alle zusammen etwas machen und alle in „unserer“ Wohnung sind. Wir haben ihr jetzt einen Kalender geschenkt, in dem an jedem Tag steht, wer bei ihr ist. Das hilft ihr, weil es ihr eine sichtbare Planbarkeit gibt.

Sie findet es mittlerweile normal, wenn ich alle paar Tage „tschüss, ich hab‘ Dich lieb“ zu ihr sage und mich auf den Weg mache. Begeistert ist sie nicht. Ich auch nicht. Es macht mich noch immer traurig, wenn ich die Tür hinter mir zumache. Wenn ich in der WG ankomme, fühle ich mich wie ins Exil vertrieben. Zuhause ist das nicht für mich. Ich habe angefangen, die Zeit für mich und die zurückgewonnene Spontanität zu genießen. Trotzdem bin ich froh, wenn ich nach ein paar Tagen wieder „nach Hause“ kann. Zuhause ist, wo meine Tochter lebt.

Die zweitbeste Lösung

Alles in allem: Ein klarerer Cut wäre mir für mich lieber gewesen. Natürlich wäre die beste Lösung ein Nest und zwei individuelle Wohnungen. Das ist für uns aber unbezahlbar. In eine andere WG will ich auch nicht, denn der große Vorteil unser WG ist ja: Ich habe sie immer für mich allein.
Weder meine Ex-Freundin noch ich glauben, dass das ewig funktionieren wird, was wir gerade probieren. Gerade wenn es irgendwann wirklich feste „neue“ Menschen geben wird. Es ist ein Übergang, ein langsameres Entkoppeln. Für den Moment ist aber das Beste, was wir als Ex-Paar für unsere Tochter tun können.

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