Eingeimpft – Ein Interview mit David Sieveking

Die „Impffrage“ polarisiert uns Eltern immer wieder blitzschnell aufs Neue. Dabei streben wir doch im Grunde alle nach demselben Ziel: ein gesundes Kind zu haben. Mit Eingeimpft gewährt uns David Sieveking Einblick in seine ganz persönliche Auseinandersetzung mit der leidigen Debatte. Völlig ungeschminkt und erfrischend sachlich macht er sich auf die Reise, die vielen Fragen zu beantworten, die sich ihm und seiner Frau Jessica plötzlich stellen, als es um die Impfung der eigenen Tochter geht. Im Gespräch mit Felicitas erzählt er uns u.a. wie es hinter den Kulissen der Dreharbeiten zuging und wie er zu der Erkenntnis gekommen ist, dass sich die Impfdebatte um mehr als das gewohnte „entweder oder“ drehen sollte.

Das Thema “Impfen” ist ja ein heißes Thema, das durchaus Freundschaften oder familiäre Beziehungen belasten kann. Wie läuft das ab in einer Partnerschaft, wenn man auf einmal merkt, dass man sich diesbezüglich uneinig ist? Wart ihr immer so diplomatisch, wie es im Film dargestellt ist?

Ich bin jetzt kein Streithahn von Natur aus und es war nicht so, dass laufend die Fetzen geflogen sind, sobald die Kamera aus war. Aber wir haben sicherlich nicht die allerbrenzligsten Konfliktsituationen gefilmt, das wäre in einem autobiografischen Film, in dem ich selber Regie führe auch schnell unglaubwürdig und ich wollte ganz bestimmt keine lärmige Reality-Soap drehen. Aber klar: Nicht immer ging es diplomatisch zu bei uns! Trotzdem denke ich, dass es wichtig ist, bei solchen Sachfragen einen kühlen Kopf zu bewahren und die Hysterie rauszunehmen. Als ich anfing, mich so richtig in das Thema reinzuknien, ist in Berlin ein Vater, der die Masernimpfung seines Kindes gegen den Willen der Mutter durchsetzen wollte, vor Gericht gezogen. Er bekam Recht, aber danach reichte die Frau die Scheidung ein. Sowas wollte ich bei uns tunlichst vermeiden. Ich finde es sehr erstrebenswert, Menschen mit vernünftigen Argumente zu überzeugen, anstatt sie zu etwas zu zwingen, was sie eigentlich nicht wollen. Genauso muss man auch seinen eigenen Standpunkt hinterfragen, das schafft dann auch Vertrauen, wenn man es nicht mit jemanden zu tun hat, der auf Teufel komm raus Recht behalten will. Mit meiner Lebensgefährtin war es dann glücklicherweise auch so, dass wir beide aufeinander zugegangen sind und uns in der Mitte getroffen haben bei der Impfentscheidung.

Wann hattest du das Gefühl, daß eure private Auseinandersetzung untereinander sowie mit dem Thema für ein großes Publikum von Interesse sein würde?

Ziemlich bald nach der Geburt unserer Tochter, als mit zwei Monaten die erste Ladung Impfungen anstanden und ich merkte, dass wir Eltern uns da nicht einig waren, merkte ich, dass das auch für viele andere Mütter und Väter ein heißes Eisen ist. Am Spielplatz gab es hitzige Diskussionen und schnell wurde man in eine Ecke gestellt: entweder als durchgeknallter Impfgegner oder als gehirngewaschenes Pharma-Herdentier. Als eine Kinderärztin mir dann noch zuflüsterte, dass sie vor der Kamera gar nicht offen übers Impfen sprechen könne, war klar, dass das ein relevantes spannendes Thema ist, wo man mehr Licht ins Dunkel bringen sollte.

Du hast dich monatelang mit der Impffrage auseinandergesetzt, hast mit etlichen Experten gesprochen. In dem Verlauf fällt es euch leichter, ein Haus zu kaufen, als eine Impfentscheidung zu treffen. Hinterfragen wir als Eltern heutzutage einfach zu viel? Ist die Impfskepsis vielleicht eine Ausdrucksweise unseres Hanges zum Perfektionismus?

Grundsätzlich finde ich es richtig, nicht einfach blind zu vertrauen, auch wenn es scheinbar eine einhellige Expertenhaltung gibt. Auch den Fachleuten muss man auf die Finger schauen und ihre Positionen hinterfragen. Problematisch wird es, wenn man den Spezialisten nicht traut, ihnen generell Korruption unterstellt, aber dem erstbesten Tipp aus dem Internet folgt, der mit großer Wahrscheinlichkeit noch viel weniger wissenschaftlich fundiert und potenziell gefährlicher ist. Wenn man anfängt beim Thema Impfen selber zu recherchieren muss man viel Zeit mitbringen und sich darauf einstellen, dass auch die Fachleute unterschiedliche Ansichten haben und es keine einfachen, klaren Antworten gibt. Die heutige Impfskepsis ist sicherlich Ausdruck unseres Informationszeitalters, also der Möglichkeit für jeden unmittelbar an Unmengen von Informationen zu gelangen, die man aber gar nicht richtig bewerten und einordnen kann. Es gibt durch diese Möglichkeiten den Anspruch, ja alles richtig zu machen und ständig die Panik mit einer Entscheidung falsch zu liegen. ‚Darf das Kind eine Weintraube essen? Lieber schnell mal googeln!‘ Gerade bei Fragen, die sich um Kinder drehen, reicht es ja nicht mehr, es so zu machen, wie es die Eltern oder Großeltern gemacht haben, sondern man versucht mit der Zeit zu gehen, auch wenn es dabei ein Trend sein kann, es wieder so zu machen wie früher. Das führt zu Verunsicherung, besonders bei so komplexen Zusammenhängen wie Impfen und Infektionskrankheiten. Wenn man dann noch generell misstrauisch ist gegenüber Behörden und Ärzten wird es schnell schwierig. Es ist ja wichtig kritisch zu sein und sich auch noch eine Zweit- oder Drittmeinung einzuholen. Aber oft mündet die Kritik am Mainstream in eine naive unkritische Haltung gegenüber unseriösen Quellen, da muss man auf der Hut sein.

Ihr zeigt das Auf und Ab so schön – von der Angst vor einem Impfschaden, zum überzeugten Nicht-Impfen, dann zur Angst vor Erkrankungen… Nicht zu impfen scheint ganz schön anstrengend zu sein. Wie war das für Euch? Wünscht man sich vielleicht, man wäre unwissend und könnte einfach gutes Gewissens impfen?

Auf jeden Fall habe ich mich manchmal danach zurückgesehnt, beim Impfen einfach nur auf den Arzt zu hören, wie ich das gemacht hatte, bevor ich Vater wurde. Rückblickend hatte meine Prä-Papa-Zeit als unreflektierter Impfbefürworter etwas bestechend Unkompliziertes! Auch meine kurze Zeit als „Impfverweigerer“ hatte etwas verführerisch Einfaches. So schwarz-weiß funktioniert das Leben aber nicht. Es gibt keine perfekte Lösung in Gesundheitsfragen, alles ist dauernd in Veränderung und man muss Mittel und Maßnahmen ständig hinterfragen und anpassen. Man wird nicht drum rum kommen, sein ganzes Leben lang weiter zu recherchieren.

Welche Rolle spielen Außenstehende? Wie haben Freunde und Familie auf eure Debatte reagiert?

Da gab es alle möglichen Ansichten. Diejenigen, die sich auch schon mit Impfen beschäftigt hatten, waren natürlich neugierig zu was für Schlüssen wir gelangen würden. Einige Medizinerfreunde reagierten besonders pikiert, von wegen: „Was wollt ihr denn da rausfinden? die Sache ist doch glasklar: Impfen ist einfach gut und basta!“ Auffällig ist beim Impfen, dass selbst unter guten Freunden bei diesem Thema unüberwindbare Grenzen auftauchen und man die Sache am liebsten dann gar nicht mehr anspricht, weil es einen so zur Weißglut bringt. Eine Freundin kam nicht mehr zu Besuch, als sie hörte wir hätten unsere Tochter nicht geimpft. Von einem Kollegen hörte ich, er würde seine Kinder grundsätzlich nicht mehr mit ungeimpften Kindern spielen lassen. Ein Onkel von mir wunderte sich hingegen, wie wir überhaupt in Erwägung ziehen könnten, einem kleinen unversehrten Baby dieses Zeugs einzuspritzen. Er vertritt die Ansicht, ein Kind dürfe man erst impfen, wenn es das selber entscheiden könne. Mein Vater und seine anderen Brüder finden diese Haltung unverantwortlich, weil es ja beim Impfen auch darum geht, die Schwachen in der Bevölkerung vor einer Ansteckung zu bewahren – der sogenannte Herdenschutz. Wenn man sich umhört, wird einem klar, dass beim Impfen durch viele Familien ein Riss geht. Ich habe meinen Film ja schon bei ein paar Festivals aufgeführt und das schöne ist, dass er wirklich eine Brücke bildet: auch ein polarisiertes Publikum kann mit dem Film etwas anfangen. Sowohl Impfgegner wie Befürworter fühlten sich gut unterhalten und konnten für sie interessante Erkenntnisse gewinnen.

Du scheinst erleichtert, als eure Töchter die ersten Impfungen bekommen. Wie geht es für euch mit dem Thema weiter?

Ich war erleichtert, als sich meine Recherchen schließlich sinnvoll zusammenfügen ließen und wir endlich zu einer Entscheidung gekommen waren. Aber wenn man dann mal weiß, was man impfen will, muss das Kind ja auch noch halbwegs gesund sein, damit man das ohne Bedenken machen kann. Als es dann schließlich passierte, war ich heilfroh, weil sich das über die Jahre natürlich extrem aufgeladen hatte, ich wusste ja was alles schief gehen konnte. Es war dann Ironie des Schicksals, dass unsere Tochter nach ihrer ersten Impfung gleich weiter geimpft werden wollte, sozusagen die Antithese zu ihren überbesorgten Eltern. Aber nach der Impfung ist tatsächlich vor der Impfung. Im Prinzip wollen wir unsere Kinder jetzt nach dem gleichen Schema impfen. Aber die Kinder werden ja auch immer größer, ihre Lebensbedingungen ändern sich, vielleicht muss man Reiseimpfungen vornehmen, eine Impfung auffrischen. Und natürlich gibt es dauernd spannende neue Forschung und Entwicklung, die man einbeziehen sollte. Das Thema wird uns ein Leben lang begleiten, da gibt es keine ultimativen Lösungen. Es befinden sich unheimlich viele Impfstoffe in Entwicklung, nicht nur gegen Infektionskrankheiten. Beispielweise gibt es vielversprechende Entwicklung von Impfungen gegen Krebs, die das menschliche Immunsystem gezielt gegen bösartige Tumorzellen scharf machen. Mich begeistert ja die Möglichkeit, durch die sogenannten Lebend-Impfungen unser Immunsystem so zu stimulieren, dass wir generell mit besseren Abwehrkräften dastehen und Infektionen ganz allgemeine besser trotzen können. In dem Bereich „Immun-Training“ steckt unheimlich viel Potenzial für die Menschheit.

Nicht jeder kann so wie du intensive Recherchen durchführen. Viele von uns handeln stattdessen aus dem Bauch heraus. Findest du das problematisch? Fehlt der respektvolle Dialog zwischen Ärzten und besorgten Eltern?

Nur auf den Bauch zu hören finde ich genauso schwierig, wie seine Intuition komplett zu ignorieren. Wenn man etwas gefühlsmäßig ablehnt, sollte man das ernst nehmen, aber auch kritisch überprüfen. Man kann auch aus dem Bauch raus sehr falsch liegen. Umgekehrt sollte man Gefühle nicht einfach wegdrücken, oft gibt es einen vernünftigen Hintergrund, den man nicht gleich erklären und begründen kann. Das Arzt-Patienten-Verhältnis scheint mir bei vielen Menschen heutzutage gestört, beziehungsweise kein gutes Vertrauensverhältnis zu sein. Jedenfalls merke ich, dass viele meiner Bekannten, jetzt nachdem ich einen Film übers Impfen gemacht habe, von mir wissen wollen, wie sie genau impfen sollen. Natürlich gehen die alle auch zu Ärzten, aber offenbar sind sie da misstrauisch. Ich sage dann, dass ich kein medizinscher Ratgeber bin und nicht Medizin studiert habe, aber ermuntere, den Fachleuten gute Fragen zu stellen und sich nicht zu leicht beeindrucken zu lassen, wenn man mal einem ärztlichen Rat nicht gleich folgen sollte. Ich denke die Ärzte sollten sich mehr Zeit zur Aufklärung nehmen beim Impfen und auch seltene Komplikationen als Risiko beim Impfen nicht aussparen, sonst wird das Feld der Impfschäden dem Internet und zweifelhaften Quellen überlassen. Richtige Aufklärung beim Impfen würde die Ärzte zwar Zeit und Nerven, aber sicherlich mehr Vertrauen schaffen. Allein eine Packungsbeilage würde schon viele Fragen beantworten, die Eltern haben, aber die kriegt praktisch niemand beim Impfen. In der Klinik wird einem doch auch selbst bei einem klitzekleinen Routineeingriff der „Worst Case“ beschrieben. Trotzdem entscheiden sich die meisten Patienten, dem Rat des Arztes zu folgen. Man wird einfach skeptisch, wenn einem in der Praxis erklärt wird, beim Impfen gäbe es gar nichts zu befürchten, höchstens ein bisschen Hautrötung oder ein wenig Fieber und man dann aber selber herausfindet, dass es tatsächlich schwere Impfkomplikationen und Impfschäden gibt. Da wittert man gleich eine Intrige und fällt schnell auf Verschwörungstheorien rein. Impfen ist wirklich eine heilige Kuh im Gesundheitswesen, jedwede Kritik muss vermieden werden, da sonst die Impfbereitschaft der Bevölkerung zurückgehen könnte. Aber wenn man das zu sehr auf die Spitze treibt, schießt man ein Eigentor.

Was ist deine Antwort auf den Vorschlag “Impfpflicht”?

Politiker und Meinungsmacher fordern schnell Sanktionen und Zwangsmaßnahmen, um der angeblich grassierenden Impfmüdigkeit Herr zu werden. Dabei schießt man meiner Meinung nach bei uns mit Kanonen auf Spatzen. In Deutschland sind gerade mal ein bis drei Prozent richtige „Impfgegner“, die sich wirklich aus Überzeugung heraus den Impfprogrammen entziehen. Einer großen Umfrage von 2016 zufolge empfinden zwar 11 Prozent der Bevölkerung Misstrauen gegenüber Impfungen, doch bei der Einschulung liegt die Impfquote der Kinder um die 96 Prozent. Eine Impfpflicht hätte gute Chancen, da sogar kontraproduktiv zu wirken. In Frankreich, wo ein weitreichender Impfzwang herrscht, gibt es europaweit mit über 40 Prozent die meisten Impfskeptiker. Auch in den USA, wo der Zugang zu Kindergärten, Schulen und Unis nur für Geimpfte erlaubt ist, wird die Impf-Debatte viel schärfer geführt als hier, man spricht dort von einem „Impf-Krieg“. Ich finde, die besten Mittel in diesem Diskurs sind fundierte Aufklärung und gute Argumente. Es wird sich nämlich kein überzeugter Impfgegner durch Repressalien davon abhalten lassen, einen alternativen Arzt aufzusuchen, der den Aufkleber ins Impfheft macht, ohne die Spritze anzusetzen. Man sollte die Sorgen und Ängste der Kritiker ernst nehmen und die Möglichkeit einbeziehen selber falsch zu liegen, dann hat man das beste Rezept für eine gesunde und vernünftige Impfbereitschaft in der Bevölkerung.

Danke für das Interview, David, und deinen aufschlussreichen Film!

“Eingeimpft” von David Sieveking läuft ab dem 13. September in deutschen Kinos. Mehr Infos findet ihr hier.

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