Eine Woche ohne Kind – schlimm, komisch, schön und überraschend

01. October 2014 | in Familie | Muttergefühle

SAM_0254Dass Babys in den ersten Wochen und Monaten „ganz viel Mama“ brauchen, das wissen wir. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt für die erste Trennung? Bei mir war das – für kurze Zeit – recht früh. Mal ausgehen, zu einem Termin, zur Pediküre. Ein paar Stunden das Kind beim Papa lassen, das habe ich schon nach wenigen Wochen gemacht. Es war immer komisch, aber auch toll.
Irgendwann kam dann die erste Nacht. Xaver war etwas über ein Jahr alt und schlief zum ersten Mal bei seiner Oma, die er über alles liebt. So sehr, dass er bei ihr sogar (so ziemlich das erste Mal) durchschlief. Von da an übernachtete er immer mal wieder dort, ein Mal sogar ein ganzes Wochenende. Wir haben das Riesenglück, eine Oma in der Stadt zu haben, die auch noch eine absolute Super-Oma ist und die die Zeit mit ihrem Enkel regelrecht einfordert. Ein, zwei Tage war ich also mittlerweile schon ohne Xaver gewesen. Er hatte Oma und Papa als weitere Bezugspersonen völlig akzeptiert, an mehr traute ich mich dennoch nicht ran.

Eine ganze Woche ohne Kind…

Als dann aber die Flüge für Formentera gebucht wurden, war schnell klar: es lassen sich keine zwei Wochen finden, in denen mein Freund und ich beide weg können. Er schlug vor: “Wir machen eine Woche zu dritt und dann bleibe ich noch eine Woche alleine mit Xaver bei meinem Vater.” Ich war begeistert! Viele meiner Freundinnen hatten in dem Alter (fast eineinhalb) das Gleiche gemacht. Ohne Kind wegfahren! Camilla hat ja auch letztens geschrieben, dass sie das sehr genossen hat.
Ich freute mich also… Erst mal. Denn je näher der Abschied rückte, desto weniger hatte ich noch Lust auf eine Woche ohne ihn. Überhaupt: eine Woche! Das kam mir so unfassbar lang vor.

Immer wieder sah ich meinen kleinen, großen, frechen Jungen an und mir graute richtig davor, ihn so lange nicht bei mir zu haben. Vielleicht liegt es daran, dass er gerade so süß ist. Plappert, Bussis gibt, okay auch viel beißt und rummeckert, aber eineinhalb ist so ein bisschen mein Lieblingsalter bisher. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich merkte, dass er die Trennung richtig spüren würde. Ich hatte Angst. Vor dem schlechten Gewissen, vor Tränen, vor Bestrafung von seiner Seite, weil ich ihn so lange alleine lassen würde.
Denn von meinen Freundinnen – vor allem von denen, die getrennt leben und oft längere Zeit ohne Kind sind – wusste ich, dass das passieren kann: dass das Kind sauer und traurig ist beim Wiedersehen, dass es weint und schimpft und sich nicht etwa freut. Und: dass das mit dem Alter eher schlimmer wird. Marie war eine Woche ohne Junio gewesen, als dieser 10 Monate alt war und hatte das Gefühl, er hat es kaum gemerkt. Jetzt jedoch, wo die beiden sich durch die Trennung der Eltern oft längere Zeit nicht sehen, hat auch sie solche Erfahrungen gemacht. Sie konnte mir auch wertvolle Tipps geben: Bloß kein FaceTime! Dann ist er nur traurig, weil er dich sieht, aber merkt, dass du ja gar nicht wirklich da bist.

Tränen beim Abschied

Der Abschied war dann auch tränenreich. Erst winkte Xaver und gab mir ein Bussi, aber als ich auf die Fähre lief, merkte er wohl: die geht echt! Er lief mir hinterher: „Mama, Mama!“ Es war grauenhaft. Natürlich hatte ich ihm die Tage vorher erklärt, dass ich weg fahren würde, dass ich aber wiederkommen würde, dass ich in Berlin auf ihn warten würde und so weiter. Und ich bemühte mich auch beim Abschied die Fassung zu bewaren. Wie in der Kita. Mein Freund machte kurzen Prozess, ich lief hoch, er nahm ihn auf den Arm, beide winkten, ich heulte wie ein Schlosshund, was Xaver aber dank Entfernung und Sonnenbrille sicher nicht gesehen hat.
Tja und dann: dann kam die Freiheit. Und die war ziemlich süß. Der erste Tag alleine war ein Sonntag, ich genoss ihn in vollen Zügen. Frühstück mit Freundinnen, auf zum Designer-Flohmarkt, eine Weinschorle in der Sonne (Day-Drinking! Wie lange habe ich das nicht gemacht!) ein Abstecher zum Berlin Festival, und zum Abschluss ein Glas Champagner. Ich fühlte mich wie 20, wild, frei, tausend Leute getroffen. Es war großartig. Zuhause dann: Stille, der Kühlschrank leer, das Bett ungemacht, auch großartig. Wie früher.
Die Woche ging schnell rum. Ich war auf der einen Seite überrascht, wie gut ich mich ablenken konnte. Ständige Dates mit Freundinnen (Kühlschrank immer noch leer), viel Arbeiten (ohne Zeitdruck! Kein Kita-Termin!), Sport (keine Ausreden mehr), Einladungen. Auf der anderen Seite überraschte es mich auch, wie wahnsinnig sehr ich Xaver vermisste. Abends konnte ich kaum einschlafen, vor Vermissung und Sorge. Es tat richtig weh. Oft wachte ich morgens auf, dachte an sein Lachen, an seine Patschefüße und hatte einen Kloß im Hals. In sein Zimmer konnte ich überhaupt nicht gehen, da wurde mir gleich ganz anders. Mehrmals täglich bekam ich Updates vom Papa: “Alles gut. Hat gut geschlafen, gut gegessen, die Hitze macht ihm zu schaffen, er vermisst dich…”. Ich sah mir immer wieder Videos an. Xaver, wie er fleißig Tierstimmen nachmacht (Muuuuuhhhhh). Wie er ausflippt, als er eine Katze sieht (wildes Winken, Allooo Allloooo, Da Da Da Da!). In dieser Woche ist mir erst so richtig aufgefallen, wie unfassbar sehr ich dieses Kind liebe. Wie sehr man jemanden vermissen kann und – so süß das Leben alleine auch war, keine Verpflichtungen, keine nächtlichen Störungen, kein Druck – so sehr vermisste ich meinen Alltag mit Kind. Allein schon, wie er jeden Morgen strahlend im Bett steht: MAMAMAMA! Plötzlich musste ich mir wieder einen Wecker stellen, ich glaube das war das erste Mal, seit er auf der Welt ist.

Das Wiedersehen

Am Donnerstag fuhr ich mit Marie nach Köln auf  eine Messe. Die Woche steckte da bereits in den Knochen, ich war praktisch ständig unterwegs gewesen, viel Wein und Geldausgeben inklusive – Kühlschrank immer noch leer. In Köln war es anstrengend, ich hatte wenig Zeit, mir Gedanken über den Grad des Vermissens zu machen.
Und am Samstag abend kamen meine beiden Männer wieder. Ich war so aufgeregt wie schon sehr lange nicht mehr, als ich zum Flughafen fuhr. Wie würde es sein? Würde er weinen, sich freuen? Ich sah die beiden bereits durch das Fenster an der Gepäckausgabe. Xaver sah müde aus, hatte einen Schnuller im Mund. Mir kamen sofort die Tränen. Er entdeckte mich. Und strahlte! Winkte! War überrascht, aber sichtlich erfreut, er lief zum Fenster und starrte mich an. Mir liefen die Tränen runter. Oh Gott, welch Erleichterung. Als Xaver mich ein paar Minuten später “live” wieder sah, war es ihm dann aber doch zu viel. Er wollte nicht auf meinen Arm, sagte immer nur “Bapa!” “Bapa!” Er drückte mich sogar weg von ihm. Nach ein paar Minuten aber, hatte er sich irgendwie schon wieder daran gewöhnt, dass ich zurück war. Er ließ sich von mir herumtragen, hörte interessiert zu, als ich erklärte, dass wir jetzt wieder zusammen sind. Kinder sind halt doch manchmal so flexibel. Wie schnell hat er die neue Situation einfach wieder angenommen! Zuhause war ich die glücklichste Mutter der Welt. Xaver und ich busselten uns ab, er lief glücklich in der Wohnung umher, war sichtlich froh, wieder zuhause zu sein. Wir schliefen in dieser Nacht in einem Bett und ich umarmte ihn die ganze Zeit. Auch in den Tagen danach war ich wahnsinnig happy. War das schöne Wiedersehen die unschönen Gefühle der Woche davor wert?

Gemischte Gefühle

Ich weiß nicht, ob ich es noch mal so buchen würde mit einem Kind in dem Alter. Mein Freund ist der festen Überzeugung, dass Xaver mich wahnsinnig vermisst hat. Er hat mich mehrmals gesucht und war oft quengelig. Wieder zurück, wirkte er gelöst, erleichtert. Das tut mir im Nachhinein unheimlich leid. Ich wünschte, ich hätte ihm diese Gefühle ersparen können. Auf der anderen Seite: ist es nicht auch ein Lernprozess, eine Art Gewinn an Urvertrauen, wenn man weiß, dass Mama immer wieder kommt? Gehört es nicht auch dazu, zu lernen, mit schlechten Gefühlen umzugehen und vor allem: zu lernen, dass sie vorbei gehen? Ich weiß es nicht. Aber ich für meinen Teil konnte die Woche partiell sehr genießen (Jeder ohne Kinder, der mir erzählt, wie anstrengend sein Leben sei, kann mich mal. Es ist SO VIEL weniger anstrengend!), ich habe das Wiedersehen richtig gefeiert und mir hat die Woche auch sicher ganz gut getan. Für Xaver war es aber eben teilweise nicht so schön, zumindest sagt das mein Gefühl. Auch wenn man merkt, dass es für die Bindung zu seinem Vater sehr gut war. Fazit also: Ich würd’s nicht wieder machen, aber toll war’s irgendwie trotzdem!

PS: Das Wiedersehen auf den Bildern ist natürlich nur eines nach der Kita. Aber ich fand’s so passend!

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