“Eine heiße Tasse kann bis zu 30 Prozent der Körperoberfläche eines Säuglings oder Kleinkindes verbrühen”

07. December 2021 | in Familie | Parenting

Uff. Ein schweres Thema, aber eben auch so wichtig. Heute am 7. Dezember ist “Tag des brandverletzten Kindes”. Brandverletzungen sind schlimm, das wissen wir alle. Genauso gefährlich sind allerdings auch Verbrühungen – und sie sind die Hauptunfallursache für Babys und Kleinkinder. Und es geht so schnell… Wie oft hat man mal die Kaffeetasse in der Hand und das Baby auf dem Arm (oder nimmt das Baby hoch)? Solche Situationen kennen wir wahrscheinlich alle. Wir haben uns mit Adelheid Gottwald unterhalten, die 1993 Paulinchen e.V. gegründet hat, warum Aufklärung auch heute immer noch so wahnsinnig wichtig ist und wo Gefahren für Kinder lauern – gerade jetzt zur Weihnachtszeit.

Liebe Frau Gottwald, Sie haben vor über knapp 30 Jahren Paulinchen gegründet. Wie kam es dazu?

Ich bin selbst Mutter eines brandverletzten Kindes und bei mir war damals ein Zufall nötig, damit mein Kind in eine Spezialklinik kam. Auch die zweite Gründerfamilie hat damals nur eine gute Behandlung für ihr brandverletztes Kind bekommen, weil sie im Urlaub zufällig einen Spezialisten kennengelernt hatte. Das kann und darf so nicht bleiben, dachten wir damals. Deshalb ist Paulinchen schon seit Jahren Anlauf- und Informationsstelle für Familien mit brandverletzten Kindern. Dann hatten wir die Idee, dass wir als Betroffene auch Präventionsarbeit machen sollten.

Hat sich denn seit dem etwas getan?

Ja! Die Schwerstbrandverletzungen bei Kindern sind weniger geworden. Das waren hauptsächlich Grillunfälle, weil zum Beispiel viel flüssiger Spiritus oder gar Brandbeschleuniger verwendet wurden. Wir machen jedes Jahr zum Beginn der Grillsaison ganz viel Aufklärung über die Gefahren beim Grillen.

Heute ist Tag des brandverletzten Kindes. Ist die Vorweihnachtszeit denn besonders gefährlich für Kinder?

Der Tag des brandverletzten Kindes möchte auf die immer noch viel zu hohen Unfallzahlen mit Verbrennungen und Verbrühungen aufmerksam machen und zeigen, wie man Kinder schützen kann. In diesem Jahr lautet das Moto: “Advent, Advent – es brennt!” In der Advents- und Weihnachtszeit kommen Kerzen zum Einsatz und wenn es kalt wird, werden Kaminöfen angeheizt. Wir raten Eltern von kleinen Kindern, auf echte Kerzen zu verzichten und auf geprüfte Lichterketten oder LED-Kerzen als sicherere Alternative zurück zugreifen. Man sollte Kindern nie brennende Kerzen in die Hand geben, wie das leider immer wieder bei Krippenspielen passiert. Auch darf man Kinder nie mit brennenden Kerzen und offenem Kaminfeuer alleine lassen. Die Kaminofenscheiben werden so heiß, dass (kleine) Kinder, die daran fassen, schwerste Verbrennungen der Handinnenflächen erleiden.

Sie schreiben auf ihrer Website, dass gerade Kinder unter fünf Jahren gefährdet sind – warum ist das so?

Kinder im Alter bis fünf Jahre sind besonders gefährdet, weil sich die Reichweite des heranwachsenden Säuglings/Kleinkinds täglich vergrößert. Wenn beispielsweise Krabbelkinder anfangen, sich aufzurichten, ziehen sie leicht an herabhängenden Tischdecken und ziehen damit alles, was auf dem Tisch steht zu sich herab, leider oft auch heißen Tee oder Kaffee. Man sollte nie etwas Heißes trinken oder essen, wenn ein Kind auf dem Arm oder Schoß ist. Wir empfehlen Eltern immer mal wieder das kindliche Umfeld auf Gefahren zu prüfen und die Sicherheitsmaßnahmen entsprechend anzupassen. Gute Tipps zum Schutz kann man auf unserer Website finden.

Das heißt, so richtig gefährlich wird es für Kleinkinder und Babys zu Hause, wenn sie mobiler werden?

Hauptunfallursache für Kleinkinder sind Verbrühungen mit heißen Flüßigkeiten. Denn die entwickeln einfach ganz plötzlich neue Reichweiten und Kräfte. Deshalb sollte man auf keinen Fall etwas Heißes in der Nähe eines Kindes trinken. Unfälle mit heißem Tee oder Kaffee passieren in Deutschland fast täglich. Meist schütten Kinder sich vom Kinn abwärts die heiße Flüßigkeit über, das nennt man dann eine Latzverbrühung. Auch Oberarm und Schulter sind oft betroffen. Da Babys und Kinder unter zwei eine besonders dünne Haut haben, gibt das tiefe Verbrennungen – schon ab 52 Grad. Es braucht nur wenige Sekunden, um die Haut vom Baby zu schädigen. Als Eltern unterschätzt man oft, wie lange Kaffee oder Tee braucht bis er abgekühlt ist. Schon eine heiße Tasse kann bis zu 30 Prozent der Körperoberfläche eines Kleinkindes verbrühen. Das ergibt tiefe Verbrennungen und muss oft operiert werden. Die Babys müssen dann noch bis zu anderthalb Jahre Kompressionsbekleidung tragen, damit die Haut und das Narbengewebe heilen kann.

Wenn es doch passiert.. Was sollte ich als erstes tun, wenn mein Kind sich verbrüht hat?

Bei einer Verbrühung sollte man schnell die durchnässte Kleidung entfernen, einschließlich Windel und die verletzten Stellen mit handwarmem Wasser 10 bis 15 Minuten kühlen und sofort den Notarzt rufen mit 112. Bitte nicht das ganze Kind kalt abduschen oder gar mit Eis kühlen, hier besteht Unterkühlungsgefahr für das Kind.

Als ich gerade ein Baby bekommen hatte, war ich das erste Mal allein mit zwei Kindern zu Hause. Unbemerkt hatte mein knapp Zweijähriger die Herdplatte angestellt, auf der ein Wasserkocher aus Plastik stand. Wir legten uns gerade alle zum Mittagsschlaf hin, als glücklicherweise der Rauchmelder anging. Als ich in die Küche kam, schlug der Wasserkocher schon hohe Flammen. Ich will mir nicht ausmalen, was passiert wäre, hätten wir keinen funktionierenden Rauchmelder gehabt… Sind das bekannte Szenarien?

Ja, absolut… Es kann leicht passieren, dass Kinder an Knöpfen und Schaltern spielen und dabei aus Versehen ein Elektrogerät eingeschaltet wird. Was für ein Glück, dass sie einen Rauchmelder hatten, es ist ganz wichtig die Wohnung oder das Haus mit Rauchmeldern auszustatten.

Stichwort Weihnachtszeit: Sind Wunderkerzen auch gefährlich?

Wunderkerzen sind sehr, sehr heiß, man sollte sie Kindern nicht in die Hand geben, leicht könnten Funken die Kleidung entzünden. Auch können Kinder sich daran die Finger verbrennen. Relativ gefahrlos könnte man draußen im Freien Wunderkerzen in die Erde, in Sand oder Schnee stecken und mit Abstand das Abbrennen beobachten. Bitte auch keine Wunderkerzen an den Weihnachtsbaum hängen, die trockenen Zweige könnten sich leicht entzünden.

Vielen Dank Frau Gottwald!

Bei Paulinchen e.V. könnt ihr euch weitere Info-Materialien anschauen und runterladen. Außerdem gibt es kostenlose Broschüren, die ihr euch zu schicken lassen könnt, zum Beispiel auch für Kitas in verschiedenen Sprachen.

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