Eine Geburt unter Pandemiebedingungen

31. March 2021 | in Geburt

Anna habt ihr ja dank diesem Post schon mal kennenlernen dürfen! Wir mögen sie sehr und freuen uns deshalb maßlos, dass sie uns heute ihren zweiten Gastartikel zur Verfügung stellt: einen Geburtsbericht. Anna ist verheiratet, lebt in der Nähe von Stuttgart und ist seit Kurzem Mutter von drei Kindern. Ihr drittes Kind kam im November 2020 zur Welt – ein “Coronababy”, wie manche sagen. Wie das so war, ein Geburt in der Pandemie und mit weiteren “Risikofaktoren”, wie eine mögliche Anpassungsstörung und einem höheren Geburtsgewicht – das erzählt uns Anna heute. Danke!

Wenn unsere Tochter später erzählt, dass sie im November 2020 geboren ist, werden die Älteren wissend nicken und sagen: „Ah, ein Corona-Baby!“ Neben dem unsäglichen „höhö, deine Eltern hatten wohl zu viel Zeit im Lockdown“ wird auch immer mitschwingen, dass wir Schwangerschaft und Geburt während einer Pandemie durchlebt haben. Das ist eine Erfahrung, die einige Familien machen müssen, und die vielleicht auch noch lange Zeit die Geburtssituationen begleiten wird.

Schon während der Schwangerschaft fühlten wir den Unterschied zu denen der großen Brüder, denn mein Mann war bei keiner der Voruntersuchungen dabei. Als im März 2020 der Schwangerschaftstest positiv war, dachten wir noch, dass es bis November vielleicht besser werden könnte. Ironischerweise war der Tag des positiven Tests genau der Tag, an dem die Kindergärten schlossen. Bis heute frage ich mich, wie ich die darauf folgenden zwölf Wochen vollständig daheim mit den Großen, heftiger Übelkeit und abgesperrten Spielplätzen hingekriegt habe. Die Antwort könnte lauten: Paw Patrol und der Mittagschlaf des Mittleren.
Je näher der Termin rückte, desto klarer war, dass ich in einem sogenannten “Lockdown light” gebären würde. Ausgangsbeschränkungen und andere Maßnahmen wurden Anfang November in Baden-Württemberg wieder verstärkt und zu dem Ziel, das Baby so lange wie möglich im sicheren Bauch zu haben, kam natürlich das Allerwichtigste: nicht anstecken. Mein Mann und die Kinder gingen ihrem üblichen Alltag nach, aber darüber hinaus vermieden wir alle Kontakte. Eine Schwangerschaftsdepression und Symphysenlockerung zwangen mich allerdings dazu, eine Haushaltshilfe zu beantragen.

Freitag 20.11.2020

Der Tag begann wie sonst auch. Mein Mann David arbeitet freitags nicht und brachte die Großen zum Kindergarten. Danach gingen wir zusammen einkaufen. Für den Nachmittag sollte unsere Einzelbetreuerin kommen, um mit den Jungs ein bisschen raus zu gehen. Sie würde zur Sicherheit ein paar Sachen zum Übernachten mitbringen, denn es waren nur noch vier Tage bis zum ET. Wir kauften also einfach mehr ein und fuhren wieder nach Hause. Dort legte ich mich aufs Sofa und schlief ein. Einmal wurde ich wach, weil mein Mann mich fragte, ob ich auch gleich noch eine Tiefkühlpizza haben möchte, bevor er die Jungs abhole. Ich nickte und schlief weiter. Er weckte mich nochmal und sagte, sie wäre jetzt fertig. Aber ich konnte nicht aufstehen. Also aß ich im Liegen und schlief weiter, bis die Großen heim kamen und zu mir aufs Sofa wollten. Mein Mann hielt sie zurück und verzog sich mit beiden ins obere Stockwerk für Mittagschlaf und Mittagspause.
Als ich das nächste Mal wach wurde, war es 14:30 Uhr. Ich drehte mich um und fühlte das Fruchtwasser über meine Schenkel fließen. Da war er also, der Blasensprung, mit dem alle meine Geburten starteten. Unser großer Sohn würde später sagen, er hätte ein POPP gehört, kurz bevor ich laut „DAVID“ schrie. Wenn er nur wüsste, dass der POPP bei seiner Geburt damals so laut war, dass sein Vater davon wach wurde.
Als mein Mann ins Erdgeschoss kam, sah ich in seinem Gesicht den „Funktionieren“-Modus. Er hing am Telefon und rief alle an, die sich für die Bereitschaft gemeldet hatten. Unsere Einzelbetreuerin Antje war schon im Bus, aus dem sie schnell ausstieg, um ins Taxi zu wechseln. Wir hatten ihr schon vor Wochen Geld dafür gegeben. Als sie kam, war mein Mann dabei, meine Kliniktasche ins Auto zu bringen und mir beim Umziehen zu helfen. Unser großer Sohn ist Autist und so mussten wir ihn nebenbei auf ein paar heftige Tage vorbereiten. Die ganzen Umstände und was alles passieren würde, haben wir natürlich schon monatelang immer wieder mit ihm durchgesprochen. Der Mittlere schlief noch und würde sich später über Antjes Anwesenheit freuen. Warum wir es so eilig hatten? Die Geburten der Großen hatten vier und dreieinhalb Stunden vom Blasensprung bis zum ersten Schrei gedauert. Und wir wussten ja, dass wir sicher noch die pandemiebedingten Sicherheitsvorkehrungen im Krankenhaus durchmachen mussten. Mein Mann hatte auch schon im Kreißsaal angerufen und wir konnten uns auf den Weg machen.

Erst Mal ein Test

Im Ruiter Krankenhaus gingen wir mit Masken auf Mund und Nase durch die Tiefgarage ins Treppenhaus, wo ein Securitymann hinter Plexiglas uns nur fragte: „Kreißsaal?“ Wir nickten und durften weiter gehen. Von meinem Anmeldungstermin wusste ich, dass man sich eigentlich zu Nachverfolgungszwecken registrieren musste. Am Kreißsaal angekommen, warteten wir draußen bis eine der Ärztinnen für einen Corona-Test Zeit hatte. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich immer nur vom Nasenabstrich, aber nicht vom Rachenabstrich gehört. Es stellte sich als recht schwierig heraus, da meine Zunge irgendwie immer im Weg war, um dem Brechreiz vorzubeugen. Zum Glück durfte ich den Test selber machen, die Ärztin machte dann noch den Nasenabstrich. Nach kurzer Wartezeit konnte ich dank negativem Test in einen der Kreißsäle. Mein Mann half mir aus der mittlerweile nassen Hose und ich bekam eine Netzunterhose mit Einlage. Mein Oberteil zog ich auch gleich aus, weil ich noch einen Zugang für Antibiotikum bekam. Und dann hieß es warten. Wehen kamen zu dem Zeitpunkt nur ab und zu.
Plötzlich wurde es unruhig. Zwei Ärztinnen standen vor mir und man erklärte mir, dass das Antidepressivum, dass ich seit SSW 35 nahm, Anpassungsschwierigkeiten¹ bei unsere Tochter verursachen könne. Zudem sei sie gemäß der gerade durchgeführten Untersuchung mit geschätzten 4400gr (+/- 500gr) recht schwer, was zusätzlich zu Komplikationen führen könne und ein Kaiserschnitt sei auf einmal auch nicht mehr auszuschließen. Mir wurde ganz anders. Das größte Problem war, dass das Krankenhaus, in dem ich gerade saß, keine Neonatologie hatte. Also schlug man mir vor, mich per Krankentransport ins Klinikum Esslingen zu überführen. Man hätte schon angerufen, ein Kreißsaal wäre frei, aber sie wüssten nicht wie lange. Ich stimmte zu und alles wurde in die Wege geleitet. Wir warteten 90 Minuten auf den Krankentransport.

Als die beiden Sanitäter:innen (natürlich mit Maske) mit der Trage kamen, hatte ich schon ein paar Wehen mehr, aber nicht so richtig viele. Das war eigentlich auch der einzige Grund, warum ich nicht nervös wurde. Man schnallte mich also an und als ich am Aufzug zu meinem Mann sagte „Es gilt wie immer: Wenn was ist, geh mit dem Baby mit!“ kamen mir doch die Tränen. Wir wussten beide nicht, was als Nächstes kommen würde, als er zum Personenaufzug weiter und aus meinem Sichtfeld ging. Es war 19:00 Uhr.
Zwei Minuten später sahen wir uns schon wieder im Erdgeschoss und ich konnte auch schon wieder lachen. Der Weg ins andere Krankenhaus beträgt bei normalem Verkehr ungefähr 30 Minuten, in denen dank der holprigen Straßen immer öfter Wehen kamen. Ich unterhielt mich mit der Sanitäterin, die mit mir hinten saß, über Corona, über Geburten und zwischendurch ermahnte sie ihren Kollegen am Steuer, doch mir zuliebe ein bisschen vorsichtiger zu fahren.
Das Klinikum Esslingen kenne ich aus verschiedenen Situationen leider sehr gut und so lotste ich die beiden vom Krankentransport bis in die Geburtsabteilung, wo man schon auf mich wartete. Ich kam erstmal in ein Untersuchungszimmer und ans CTG. Die Ärztin erschallte dieselbe Größe und das Gewicht wie die andere Ärztin ein paar Stunden zuvor. Die Problematik bei Babys über 4kg ist der Moment, wenn der Kopf draußen ist und die Schulter raus kommen soll. Sehr schwere Babys bleiben da manchmal stecken. Da unser großer Sohn aber bei Geburt 4230gr wog und ich ihn vaginal geboren habe, sah man hier keine Probleme.
Es war 20:22 Uhr und da lag ich also auf der Liege, das CTG piepte vor sich hin und die Wehen wurden verdächtig intensiv. Nebenbei hupte es in meiner Tasche wie wild – ich wusste, mein Mann versuchte, mich zu erreichen. Aber die Tasche lag zwei Meter von mir entfernt und ich konnte mich nicht weg bewegen.
Und dann kam sie, die Wehe, die ich nicht mehr veratmen konnte. Ich klingelte und versuchte klar zu machen, dass es jetzt los ging und wo denn überhaupt mein Mann sei. „Wir bereiten gerade noch den Kreißsaal vor. Und ihr Mann darf erst dazu kommen, wenn die Geburt los geht. Wir sagen dann im Foyer Bescheid.“ In meinem Kopf schrie es „Aber es geht doch los!“
Später würde ich sehen, dass mein Mann mir um 20:54 Uhr schrieb, dass man ihn nicht aus dem Foyer nach oben ließ.
Endlich kam eine Hebamme und bat mich in den Kreißsaal. Als sie mich fragte, ob ich noch mal aufs Klo will, wollte ich eigentlich nicht, willigte aber ein, weil ich jegliches Gefühl dafür verloren hatte, was ich wollte und was gerade passierte.

“Aber es geht doch los!”

Dann kam die nächste Wehe und die Hebamme sagte: „Nicht pressen, so ein schweres Baby bekommen wir nicht auf dem Klo!!“ Als hätte ich da Lust drauf. Ich sagte also nur: „Ich versuche es ja, aber wir sollten jetzt wirklich rüber.“ Außerdem war jetzt auch der Schleimpfropf abgegangen. Also Einlage rein, Hose hoch und möglicherweise habe ich so etwas wie „Go go go!“ gerufen und bin über den Flur gerannt. Im Kreißsaal fragte mich jemand, wo mein Mann sei, vielleicht fragte auch ich. Und endlich sagte jemand: „Ruf im Foyer an!!“
Man half mir aus der Hose und in dem Moment, als mein Körper die Liege berührte, kam die nächste Wehe und ich durfte endlich pressen. Der Kopf war zu sehen. Eine weitere Wehe und der Kopf war zu einem Drittel raus. Da öffnete sich die Tür und mein Mann stürmte herein. Er kam an meine Seite und hielt meine Hand, während schon die nächste Wehe kam. Der Kopf war nun genau zur Hälfte raus. Wenn man mich fragt, war das der schmerzhafteste Moment in allen drei Geburtssituationen und deswegen konnte ich einfach nicht aufhören, zu pressen. Aber die Hebamme rief „Stop, stop! Das Baby kommt jetzt!“ Keine Ahnung, warum sie das sagte, aber ECHT JETZT? WIRKLICH?
Sie riet mir zu hecheln bis zur nächsten Wehe, was ich auch tat. Mit dem nächsten Pressen war der Kopf ganz raus und ich sollte wieder stoppen und das Baby arbeiten lassen. Ich spürte, wie sie sich raus arbeitete und bei der nächsten Wehe presste ich sie bis zum Oberkörper raus. Alle riefen „Hände ans Kind!!“ und ich streckte meine Hände irgendwie Richtung Baby, aber wohl nicht genug. „Hände ans Kind!!!“ Ich erfasste sie mit beiden Händen und zusammen mit Hebamme und Ärztin legte ich sie mir auf die Brust. Es war 21:00 Uhr. Maya war da.

Neonatologie, Sauerstoffzufuhr, Überwachung aller Werte ….

Meinem Mann wurde eine FFP2 Maske gegeben, die er ab jetzt tragen sollte. Das passierte eigentlich schon bei Betreten des Kreißsaals, aber ganz offensichtlich war er da zu beschäftigt gewesen.
Der Kinderarzt, der vorher schon gerufen wurde, prüfte die Sauerstoffsättigung unserer Tochter, die von Minute zu Minute weiter abfiel. Als es kritisch wurde, gingen alle nach nebenan, mein Mann durfte mit und er wird mir später erzählen, dass die Sättigung bis 49% fiel und man sie an die Sauerstoffzufuhr gehängt hat.

Obwohl unsere Tochter tatsächlich 4270gr schwer war, war die Geburtsverletzung nur minimal, sogar nur so klein, dass sie nicht mal genäht werden musste. Und so lag ich lange Minuten alleine im Kreißsaal und konnte nur hoffen, dass alles gut ginge. Irgendwann kamen alle zurück, Maya durfte auf meinen Arm und der sehr nette und einfühlsame Kinderarzt erklärte uns, wie es nun weiter ging: Neonatologie, Sauerstoffzufuhr, Überwachung aller Werte bis sie die Anpassungsstörungen überwunden hätte. Das könnte bis zu 7 Tage dauern. Und für mich einen weiteren Corona-Test, dessen Ergebnis ich dann in ein paar Tagen auf Station bekommen würde. Bis dahin trug ich ein orangenes Band am Arm.
Auf Station hatte ich ein Einzelzimmer und musste die Maske nur tragen, wenn Personal im Raum war. Mein Mann durfte ein Mal am Tag rein ins Krankenhaus (er hatte sogar einen Passierschein), aber so lange bleiben, wie er wollte. Bei einem Mehrbettzimmer muss man sich da natürlich absprechen. In den Stunden nach Geburt blieb er bis ein Uhr nachts mit mir auf dem Stationszimmer, niemand schickte ihn weg. Das war sehr schön und gleichzeitig wollte ich irgendwie meine Ruhe.
Nach 24 Stunden wurde die Sauerstoffzufuhr von unserer Tochter abgenommen, nach zwei Tagen kam das Corona-Testergebnis negativ zurück und nach vier Nächten durften wir endlich heim. Und ab ins Wochenbett!!

¹ Hat ein Kind nach der Geburt Schwierigkeiten, sich an ein Leben außerhalb des Mutterleibs zu gewöhnen, spricht man von Anpassungsschwierigkeiten oder einer Anpassungsstörung (auch Depressionszustand genannt). Diese kann stark oder schwach ausgeprägt sein. Eine Anpassungsstörung beginnt bei einem Apgar-Score von weniger als sieben Punkten und zeigt sich an Symptomen wie verzögerter Atmungsbeginn, verlangsamter Herzschlag (Bradykardie), Blässe oder bläuliche Haut- oder Schleimhautfärbung (Zyanose), geringer Muskeltonus, fehlende oder schwache Reflexe.
Ein Neugeborenes mit Symptomen wird nach der Erstversorgung sanft stimuliert. Die Maßnahmen sind abhängig davon, wie stark die Anpassungsstörung ist. Bei einer schwachen Anpassungsstörung reicht es meist, dem Kind ein wenig Sauerstoff zu geben. Unter Umständen muss dieser über eine Atemmaske verabreicht werden.

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