Eine Besprechung: Die unendliche Geschichte

17. May 2018 | in Familie | Medien

“Äußerlich haben wir alles, innen sind wir arme Teufel. Wir können keine Zukunft sehen, wir können keine Utopie finden.”

Ich kann mich gut erinnern, wie ich irgendwann als 12-Jährige Alien 4 gesehen habe. Zusammen mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder auf einem Motelbett in Florida sitzend, unter uns die Flecken aller anderen Gäste, neben uns die Eiswürfel aus dem Automaten. Jedenfalls hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt alles aus der Alien-Reihe gelesen und war insofern literarisch verdorben: ich hasste den Film. Er schien mir so wenig im Vergleich zum Buch. Dabei war das Buch sogar dem Film nachempfunden, und nicht der Film dem Buch. Aber all das, was ich aus den Büchern zu kennen schien, wollte im Film keinen Platz haben.

Nun ist die Alien-Saga (insbesondere der vierte verfilmte Teil) vielleicht nicht das allerbeste Beispiel zu illustrieren, wie allein die Visualisierung einer Geschichte die Rezipientin, den Rezipienten um etwas berauben kann: ihrer respektive seiner Phantasie nämlich.

Wie komme ich darauf? Wir lesen gerade die Bibel dieses Gedankens: Die unendliche Geschichte.

Ich bin schon eine Weile um dieses Buch herumgetänzelt, nie ganz sicher und wissend, ob es bereits der richtige Zeitpunkt wäre, Julius daraus vorzulesen. Und dann lag es mir neulich so offenkundig in der Bibliothek gegenüber, dass ich gar nicht anders konnte, als es mitzunehmen.

Ich muss dazu sagen, dass ich selbst als Kind das Buch nie gelesen, nur den Film gesehen habe. Meine Erinnerung daran ist insofern nahezu erloschen, jedenfalls an den Verlauf der Geschichte. Ich konnte mich sehrwohl noch an Fuchur, den Steinbeißer und daran erinnern, wie sehr die Handlung mich in Aufruhr versetzt hat – ja, dass ich sie regelrecht fürchtete. Mehr aber auch nicht. Und so ist und war uns die Lektüre der unendlichen Geschichte eine Reise ins Unbekannte. Uns beiden. Meinem Sohn und mir.

Es ist das erste Buch, das ich Julius vorlese, von dem ich selbst gefesselt bin, weil es Seite um Seite vermag, weil Phantásien, seine Gestalten und Welten vermögen, den eigenen Horizont zu sprengen. Jeder Abschnitt ist eine Entdeckung für sich, für die Protagonisten wie für seine Begleiter, die der Geschichte außen vor stehen: Etwa Bastian, der genau wie wir Leser zunächst nur über dem Buch sitzt, anstatt darin stattzufinden, bis das Blatt sich wendet.

Eine Bekannte erzählte mir vor kurzem, sie sei sich als Kind nie so sicher gewesen, ob ihr das selbe Schicksal blühe wie Bastian, während sie las. Und ich nehme an, das ist Teil der Faszination, weil mit diesem Buch die Grenzen dessen verschwimmen, was wir meinen begriffen zu haben; Darüber hinaus vielleicht eine Dimension existiert, die uns verschlossen bleibt, unsere Kinder aber vielleicht noch erahnen.

Michael Ende hat das einmal so formuliert:

Wenn der Mensch nicht zu einem richtigen Erwachsenen geworden ist, jenem entzauberte(n), banale(n), aufgeklärte(n) Krüppelwesen, der in einer entzauberten, banalen, aufgeklärten Welt so genannter Tatsachen existiert, dann lebt in ihm das Kind fort, das bis zu unserem letzten Lebenstag unsere Zukunft bedeutet.

Und auf die Frage, was er denn mit der unendlichen Geschichte bedeuten wolle, das geantwortet:

Ich habe kein philosophisches System, das mir auf jede Frage eine Antwort bereithält, keine Weltanschauung, die fertig ist – ich bin immer unterwegs. Es gibt zwar einige Konstanten, die sozusagen im Zentrum stehen, aber nach den Rändern hin ist alles offen und vage.

Nun muss man Endes Roman selbstredend in Referenz und als Ausdruck einer Zeit verstehen, zu der sich die unendliche Geschichte im Widerstand formuliert: einer entzauberten, weil von funktionierenden Zombies (wie Hannah Arendt die Deutschen nach 1945 einmal so gut beschrieben hat) bevölkerten Nachkriegszeit.

Seine Kritiker mahnten die unendliche Geschichte vor allem als Eskapismus an – als Realitätsflucht. Eine Geschichte, die von narzisstischen Motiven besetzt sei (ähnlich wie bei Peter Pan). Tatsächlich nimmt die unendliche Geschichte im letzten Drittel immer düstere Schattierungen an, und beschreibt an Bastians Wesenszügen, welchen Einfluss Macht auf einen Menschen haben kann:

Was ihn [Bastian] an Atréjus und Fuchurs am meisten verdross, trotz der Versöhnung, war die unbezweifelbare Tatsache, dass sie ihn wie ein unselbstständiges Kind behandelten, für das sie sich verantwortlich fühlten und das sie gängeln und anleiten mussten. Wenn er es sich recht überlegte, dann war es schon vom ersten tag ihres Zusammenseins an so gewesen. Wie kamen sie eigentlich dazu? Offenbar fühlten sie sich ihm aus irgendeinem Grund überlegen – auch wenn sie es dabei gut mit ihm meinten. Ohne Zweifel hielten Atréju und Fuchur ihn für einen harmlosen, schutzbedürftig Jungen. Und das passte ihm nicht, nein, das passte ihm ganz und gar nicht! Er war nicht harmlos! Das sollten sie noch sehen! Er wollte gefährlich sein, gefährlich und gefürchtet. Einer, vor dem sich jeder in Acht nehmen musste – auch Fuchur und Atréju.

Für Julius und mich scheint mir wiederum etwas anderes viel wesentlicher während der Lektüre: die Begeisterung für die Geschichte und wie sie so wunderbar fein geschrieben ist, aber auch die vielen kleinen Wahrheiten im Guten, die sich in ihren einzelnen Kapitel wiederfinden:

In diesem Augenblick machte Bastian eine schwerwiegende Erfahrung: Man kann davon überzeugt sein, sich etwas zu wünschen – vielleicht jahrelang -, solang man weiß, dass der Wunsch unerfüllbar ist. Steht man aber plötzlich vor der Möglichkeit, dass der Wunschtraum Wirklichkeit wird, dann wünscht man sich nur noch eins: Man hätte es sich nie gewünscht.

Oder:

Wiederum ein paar Tage später hatten sie noch einmal ein sehr wichtiges Gespräch. Bastian hatte dem Löwen die Inschrift auf der Rückseite des Kleinodes gezeigt. “Was mag das bedeuten?”, fragte er. “Tu, was du willst, das bedeutet doch, dass ich alles tun darf, wozu ich Lust habe, meinst du nicht?” Graógramáns Gesicht sah plötzlich erschreckend ernst aus und seine Augen begannen zu glühen. “Nein”, sagte er mit jener tiefen, grollenden Stimme, “es heißt, dass du deinen Wahren Willen tun sollst. Und nichts ist schwerer.” “Meinen wahren Willen?”, wiederholte Bastian beeindruckt. “Was ist das?” “Es ist dein eigenes tiefstes Geheimnis, das du nicht kennst.” “Wie kann ich es denn herausfinden?” “Indem du den Weg der Wünsche gehst, von einem zum andern und bis zum letzten. Das wird dich zu deinem Wahren Willen führen.” “Das kommt mir eigentlich nicht so schwer vor”, meine Bastian. “Es ist von allen Wegen der gefährlichste”, sagte der Löwe.

Jedenfalls trifft uns die unendliche Geschichte genau zum richtigen Zeitpunkt: Julius, der sich darin so wunderbar verlieren kann und ohnehin allein ein großer Fan der unendlichen Geschichte ist, weil darin Drachen vorkommen. Und mich, weil es meinen dieser Tage doch recht ausgeprägten Durst nach Utopien stillt in einer Welt, die genau solche Szenarien für mein Befinden zu häufig negiert, deren Menschen sich eher in Ängsten vor der Zukunft einrichten (Stichwort Künstliche Intelligenz etwa) und vergangenen Zeiten nachsinnen, anstatt sich für etwas einzusetzen, sich zu mobilisieren, sich zu politisieren, das es wert wäre, davon zu träumen.

“Das habe ich befürchtet”, murmelte Atréju. “Was denn?” “Du hast schon wieder einen Teil deiner Erinnerung verloren”, antwortete Atréju ernst, “diesmal hängt es mit der Verwandlung der Acharai in die Schlamuffen zusammen. Du hättest es nicht tun sollen.” “Bastian Balthasar Bux”, ließ sich jetzt der Glücksdrache vernehmen, “wenn du auf meinen Rat Wert legst, dann mache von jetzt an keinen Gebrauch mehr von der Macht, die Auryn dir gibt. Sonst läufst du Gefahr, auch noch deine letzten Erinnerungen zu vergessen – und wie soll es dir danach noch gelingen, dorthin zurückzukehren, woher du gekommen bist?” “Eigentlich”, gestand Bastian nach einigem Überlegen, “wünsche ich mir gar nicht, dorthin zurückzukehren.” “Aber das musst du!”, rief Atréju erschrocken. “Du musst zurück und versuchen, deine Welt in Ordnung zu bringen, damit wieder Menschen zu uns nach Phantásien kommen. Sonst geht Phantásien früher oder später von Neuem zugrunde und alles war umsonst!”

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