Ehrlich gesagt! – So geht es uns, seit wir Eltern sind. Mit Paartherapeutin Miriam!

11. June 2021 | in Beziehung | Familie

Zusammen ein Kind zu bekommen ist die ultimative Verbindung, mit das Schönste was zwei Menschen zusammen erleben können. Aus zwei wird drei oder mehr. Familie sein. Und trotzdem ist es nicht selten auch so wahnsinnig schwer, neu und überfordernd. So sehr man denkt, auf den neuen Abschnitt des Lebens vorbereitet zu sein, reißt es einem in regelmäßigen Abständen den Boden unter den Füßen weg. Wir wollten wissen: Wie geht es anderen Paaren da draußen? Stolpern wir alle über die selben Steine oder können wir vielleicht sogar noch hier und da voneinander lernen? Regelmäßig möchten wir mit dieser neuen Rubrik Paare zu Wort kommen lassen, die uns erzählen wie sie sich als Eltern so schlagen und vor allem, wie es ihnen dabei geht.

Gestartet haben wir mit der schönen und schlauen Sarah von This is Jane Wayne, die wahnsinnig inspirierende Dinge gesagt und noch lange Eindruck hinterlassen hat. In Teil zwei freuen wir uns auf die wunderbare Miriam Dialo und ihre kleine Familie, die bald Zuwachs bekommt. Miriam arbeitet als Paar- und Beziehungscoach, sie ist also absoluter Profi, wenn es darum geht, eine liebevolle und ausgeglichene Elternschaft zu führen. Oder? Wir waren natürlich mehr als gespannt, ob Miriam und ihr Mann die klassischen Probleme kennen oder sie gekonnt umschiffen. Spoiler: Es ist von beidem was dabei, aber vor allem jede Menge hilfreiche Tipps!

Wer seid ihr und wie lange seid ihr schon zusammen?

Wir sind Miriam und P. mit unserem Sohn (2,5 Jahre) und Baby im Bauch. Ein Paar sind wir seit fast 6 Jahren.

Miriam, du bist mit dem zweiten Kind schwanger. Gibt es bei euch vorab Absprachen, wie ihr das Ganze angeht? Bereitet ihr euch gezielt vor, auf das, was kommt?

Ja, bei uns gibt es grundsätzlich ganz regelmäßig Absprachen und jetzt, vor dem zweiten Kind, sprechen wir über aktuelle Themen ganz besonders.
Wir bereiten uns insofern auf das Leben zu viert vor, als dass wir die letzten Jahre noch einmal reflektieren. Was haben wir erlebt mit unserem ersten Sohn, als Paar und Familie? Was ist gut gelaufen und darf weiter so beibehalten werden? Wir fragen uns entsprechend auch, was anders werden sollte.
Außerdem schauen wir auf Fragen, die neu sind. Wie wir die Elternzeit mit zwei Kindern planen, welche Aspekte rund um die Geburt wichtig sind und wie wir die Wochenbettzeit gestalten wollen. Hier ist uns wichtig, auf unsere individuellen Bedürfnisse, die Bedürfnisse der Familie und auch auf uns als Paar zu schauen. Das ist natürlich nicht immer einfach, aber erfahrungsgemäß unheimlich wichtig. Da hilft uns vor allem dranzubleiben und nicht locker zu lassen. Manche Themen müssen dafür eben auch öfter mal auf den Tisch 😊

Gab es Bereiche, bei denen ihr als Paar, nach Kind Nummer eins, an eure Grenzen gekommen seid?

Ja, in stressigen Phasen kam es durchaus vor, dass wir uns unverstanden gefühlt haben und es mehr Auseinandersetzungen gab. Da konnte es eigentlich um jeden Bereich gehen, der dann so gut wie immer als Symptomträger für das Problem dahinterstand: Zu viele Themen auf einmal, wenig Schlaf, Hormonumschwünge oder fehlende regelmäßige Absprachen.

Wie habt ihr die gelöst?

Der erste Schritt bei uns ist immer das bewusste und ruhige Gespräch. Herausfordernd ist hier besonders, dass wir uns natürlich heute Abend vornehmen können, ein Thema zu besprechen und ausgerechnet dann alles später wird. Hier ist ein Weg für uns, das Gespräch dann möglichst direkt auf den nächsten Tag zu schieben. Dafür priorisieren wir auch mal andere Dinge um.

Auch gemeinsame Zeit als Paar ist ein Lösungsansatz für uns. Gerade nach einem schönen Frühstück zu zweit oder einem Abend als Paar fühlen wir uns wieder näher miteinander verbunden und spüren zudem, warum wir uns füreinander entschieden haben.

Wie wollt ihr diese Konflikte diesmal umgehen?

Die regelmäßigen Absprachen werden wir auf jeden Fall beibehalten. Außerdem möchte mein Mann noch länger in Elternzeit gehen. Für diesen Gewinn nehmen wir auch weniger Einkommen in Kauf. Uns fällt immer wieder erneut auf, wie hilfreich es ist, dass wir hier ähnliche Prioritäten haben. Wir möchten unsere Familie gemeinsam gestalten und uns auf Augenhöhe begegnen.

Welche Tricks helfen euch am besten, wenn es mal nicht rund läuft?

Zeit. Zeit ist das kostbarste Gut. Die versuchen wir uns zu nehmen. Ob als Paar für ein „Krisengespräch“ oder Date – oder auch für einen Männer-/Frauenabend, Papa-/ Mama und Familienzeit. Ein Beispiel aus der letzten Zeit: Nach einem vollen Arbeitswochenende für meinen Mann, haben wir uns für einen kitafreien Papa-Montag und einen Date-/ Familientag am Mittwoch entschieden.
Mut zum unperfekten Leben. Es muss nicht immer alles glatt laufen und perfekt sein. Wir dürfen auch mal diskutieren, uns mit Dingen auseinandersetzen und zeigen, dass nicht immer alles rund läuft. UNSERE Entscheidungen treffen. WIR dürfen entscheiden, wie wir unser Leben gestalten. Und wenn das zum Beispiel mehr Restaurantbesuche und schöne Reisen beinhaltet, ist das ok. Wer lieber auf einen Familienwagen sparen möchte, darf dies ja ebenfalls.
Unterstützung annehmen. Ob im Haushalt, hinsichtlich des Essens oder auch im Sinne einer Beratung. Alles ist erlaubt, hilfreich und unsere Entscheidung

Seid ihr nach dem ersten Kind noch genau so liebevoll und zärtlich miteinander wie vorher? Oder musstet ihr das erst wieder lernen?

Nach der Geburt muss sich sicherlich jedes Paar wieder in die liebevollen Paar-Momente einfinden. Gerade weil anfangs so gut wie jede Sekunde noch ein kleines bedürftiges Baby dabei ist. Das war bei uns auch so. Außerdem weiß ich, auch aus beruflichen Gründen, dass Zärtlichkeiten und Nähe durch viele Aspekte beeinflusst wird: Zum Beispiel dadurch, ob unausgesprochene Themen zwischen uns stehen oder wie wohl wir uns grundsätzlich aktuell fühlen. Genau diese Aspekte können auch vor der Familiengründung dazu führen, dass wir weniger Nähe zulassen (können). Deshalb versuchen wir hier so gut es geht dranzubleiben und unsere Themen zu klären. Alles in allem ist der Unterschied bei uns wohl eher in der Quantität zu finden, da wir mit Kind die Zeiten zu zweit bewusster einplanen und umsetzen müssen/dürfen.

Was hat dich am „Elternsein“ am meisten überrascht?

Ehrlich? Dass es nicht so „schlimm und furchtbar“ ist, wie viele sagen. Ja, natürlich ist es viel Arbeit. Wir schlafen weniger, besonders in der ersten Zeit. Es gibt schwierige Phasen, neue Herausforderungen, Hormoncocktails, weniger Spontaneität und und und …
Aber: Wir können so viele Aspekte selbst gestalten und entscheiden. Es ist möglich, Prioritäten selbst zu setzen und gemeinsam als Team voranzugehen. Zum Beispiel haben wir uns bewusst dafür entschieden, beide nicht in Vollzeit zu arbeiten. So haben wir zwar aktuell weniger Einkommen. Doch der Gewinn ist unbezahlbar: Einerseits schenkt uns dieser Weg mehr Zeit, andererseits können wir beispielsweise bei Krankheiten flexibler reagieren.
Wir haben beide von Geburt an Energie und Zeit für gemeinsame Entscheidungen, die Aufteilung der Erziehung & Betreuung unseres Sohnes, Paarmomente, Reisen, etc. gehabt. Ein weiterer Nebeneffekt: Ich konnte früh auch mal wieder allein raus gehen und mich sogar (nebenberuflich) selbstständig machen.
Oft stecken wir doch viel zu sehr in alten Denkmustern, Glaubenssätzen unserer Eltern oder den Bildern auf den sozialen Medien. Diese Strukturen sind jedoch nur selten das, was uns wirklich glücklich macht. Das beschäftigt uns – besonders jetzt als Eltern – immer wieder.

Welchen Tip würdet du „Eltern to be“ mit auf den Weg geben?

Setzt euch WIRKLICH damit auseinander, was euch glücklich macht. Wie ihr euer Leben gestalten möchtet, was ihr braucht und wie euer individueller Weg aussehen kann. Überlegt und besprecht, welche Rollen ihr habt und braucht, welche Ängste und Glaubenssätze sich ggf. manifestiert haben. Und vor allem: Stellt euch und eure Partnerschaft jederzeit mit vorne an. Auch wenn sich Zeiträume verschieben und phasenweise weniger Zeit da ist als vorher: Die gemeinsame Arbeit an euch und der Partnerschaft bewirkt Wunder: Für euch und eure Familie.

Danke, Miriam!

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