Drei Schwangerschaften – zwei Kinder. Charlottes kleine Geburt.

31. August 2018 | in Familie | Geburt | Muttergefühle | Schwanger

Irgendwie denke ich mir immer, dass es besonders schlimm ist, wenn gleich die erste Schwangerschaft eine Fehlgeburt wird. Das ist natürlich Quatsch, dennoch hat mich Charlottes Geschichte genau deshalb besonders berührt. Sie war relativ unerwartet – und doch sehr gewünscht – schwanger geworden und musste gleich eine große Enttäuschung erleben. Heute hat sie zwei Kinder, die kleine Geburt ist Teil ihrer Geschichte. Danke für deine offenen Worte, Charlotte!

Im April 2012: wir sind 23 und 24 Jahre alt beide Studenten und seit zweieinhalb Jahren liiert. Die Liebe ist groß und wir werden in wenigen Wochen heiraten. Einen Kinderwunsch haben wir auch und so setze ich die Pille ab. Bis September tut sich nichts, meine Zyklen sind unregelmäßig und ich habe deutlich an Gewicht zugenommen. Bei einem Routinebesuch bei meiner Frauenärztin bekomme ich die Verdachtsdiagnose Polyzystisches-Ovarialsyndrom. Die Diagnose wird bestätigt und zusätzlich erfahre ich, dass ich eine Schilddrüsenunterfunktion und eine Insulinresistenz habe. Ich werde medikamentös eingestellt und muss abnehmen. Die Ärztin hofft, dass sich meine Zyklen stabilisieren, wenn ich abnehme. Psychisch geht es mir sehr schlecht, ich habe große Ängste niemals Kinder bekommen zu können. Auch die Medikamente setzen mir zu. Mein Mann beendet das Studium. Vor Weihnachten telefoniere ich nochmals mit der Ärztin, da der Zyklus bereits 90 Tage andauert. Sie möchte den Zyklus medikamentös beenden und dann erneut einen Hormonstatus erheben. Ich bekomme ein Rezept und beginne, die Tabletten zu nehmen. Mein Mann soll einen Termin beim Urologen machen.

Müdigkeit und Übelkeit

In den Weihnachtsferien bin ich furchtbar müde, sehr gereizt und mir ist immer leicht übel. Kurzzeitig habe ich die Idee, schwanger zu sein, verwerfe sie aber wieder. Es kommt zu einer Blutung, ganz leicht, ich hatte mit mehr gerechnet. Der Termin bei der Frauenärztin steht bevor und ich bin sehr aufgeregt. Am Abend vorher sitze ich bei meiner Mutter in der Küche und weine viel, die Ängste nehmen überhand. Im Sprechzimmer berichte ich der Frauenärztin davon wie es mir geht, von der Müdigkeit und der Übelkeit. Sie bittet mich, einen Ultraschall machen zu dürfen. Ich willige ein. Beim „schallen“ entgleiten ihr die Gesichtszüge und sie sagt „Ich fasse es nicht, sie sind schwanger, da schlägt das Herz.“ Es wäre nicht zu erwarten, dass die Tabletten zur Auslösung der Blutung das Baby geschädigt haben, sagte die Ärztin noch. Ich konnte es nicht fassen, ich war tatsächlich schwanger und schon in der siebten Woche. Im Spätsommer sollten wir Eltern werden.

Drei Tage später werde ich 24 Jahre alt, und entdecke ein bisschen Blut im Höschen. Ich mache mir keine großen Sorgen. Einige Tage später wieder Blut, mehr Blut. Ich rufe bei der Ärztin an, sie sagt mir, dass ich mich ins Bett legen soll. Es wird etwas besser, aber die Blutung bleibt, am nächsten Tag rufe ich erneut an und man sagt mir, ich solle abends kommen, als letztes Patientin. Den Tag verbringe ich im Wechselbad der Gefühle, mal voller Hoffnung – mal kurz vor der Verzweiflung. In der Praxis werde ich mit gedrückter Stimmung empfangen, alle wissen anscheinend was bei mir los ist. Ich werde lange und sehr gründlich geschallt, es tut auch etwas weh. Es ist kein Herzschlag zu finden, egal aus welcher Perspektive. Das Baby ist im Vergleich zum letzten Besuch kaum gewachsen. Es muss an meinem Geburtstag gestorben sein. Ich nehme alles sehr verschwommen wahr, weinen kann ich nicht. Die Stimmung ist gedrückt. Die Ärztin beginnt mich über die Möglichkeiten aufzuklären, die ich nun habe. Sie klärt mich auf, dass ich warten könne, bis das Baby von alleine abgehen würde. Dann könne der Abgang medikamentös unterstützt werden, oder man könne eine Ausschabung machen lassen. Sie klärt mich auch darüber auf, dass man im Zweifelsfalle bei einem natürlichen oder medikamentös unterstützten Abgang noch nachträglich eine Ausschabung machen müsste. Die Entscheidung liegt bei mir. Ich bin fix und fertig, die letzten Monate haben mir zugesetzt und ich will es einfach beenden, das tote Baby soll raus aus meinem Bauch. So entscheide ich mich für die Ausschabung. Die Ärztin schlägt mir einige Kliniken und Praxen vor und verspricht am nächsten Morgen in der Wunschklinik anzurufen und sich dafür einzusetzen, dass ich am nächsten Tag auf dem OP-Plan stehe.

Erinnerungen aufbewahren

Am nächsten Morgen, mein Mann hat seinen ersten Arbeitstag. Ich mache ich mich auf den Weg zur Klinik. Die Ärztin ruft an und sagt mir, bei wem ich mich in der Klinik melden solle. Dort werde ich nochmals untersucht und die Diagnose verhaltene Fehlgeburt/Missed Abortion wird bestätigt. Der Arzt sichert mir zu, dass ich noch heute operiert werde. Er fragt mich, ob ich noch Fragen hätte, meine einzige Frage ist, ob die OP in Vollnarkose stattfinden könne. Er sagt, dass dies selbstverständlich sei. Nun muss ich zur OP- und Narkoseaufklärung. Es zieht sich alles, alle gehen sehr einfühlsam mit mir um. Schlussendlich bekomme ich ein Bett in einem Zweibett-Zimmer. Die Schwestern sind sehr lieb und aufmerksam und auch die Zimmernachbarin ist großartig. Nachmittags werde ich in den OP gebracht dort warten eine ganz liebevolle OP Schwester und der Anästhesist, die mich auf die OP vorbereiteten. Irgendwann fange ich an zu weinen und kann gar nicht mehr aufhören, der Anästhesist streichelt mir die Wange und sagt, dass alles wieder gut werden wird. Der OP füllt sich, alle stellen sich vor, aber ich nehme alles nur noch schemenhaft war. Dann bin ich weg und wache im Aufwachraum wieder auf, der Eingriff hat vielleicht 20 Minuten gedauert. Eine Schwester holt mich ab und bringt mich zurück auf Station. Später merke ich, dass ich leichte Krämpfe in der Gebärmutter habe. Man gibt mir ein Schmerzmittel und etwas zu essen. Abends kommt noch mal der Arzt, der mich morgens untersucht hat, er bietet mir an, über Nacht zu bleiben. Meine Mutter ist aber schon auf dem Weg, um mich abzuholen. Wir kommen nach Hause, es fühlt sich komisch an, wieder hier zu sein. Der Traum vom Baby ist zerplatzt. Mein Mann kommt von der Arbeit und mein Bruder kommt. Wir essen Pizza im Bett und gehen früh schlafen. Den Rest der Woche bin ich krankgeschrieben. Ich bleibe die Woche im Bett liegen, ab und zu gehe ich spazieren. Nach ein paar Tagen kaufe ich eine hübsche Schachtel, in die ich die paar Erinnerungsstücke lege, die zu dieser Schwangerschaft gehörten. Ein Ultraschallbild, den Schwangerschaftstest. Die Schachtel lege ich auf meinen Nachttisch und schaue mehrfach täglich rein. Später schreibe ich einen Brief an unser Baby, auch den lege ich dazu. Nach einiger Zeit lege ich die Schachtel auf das Regal neben dem Bett. Heute liegt die Schachtel im Wohnzimmerschrank.

Heute…

Heute fünfeinhalb Jahre später haben wir zwei gesunde und natürlich auch ganz wunderbare Kinder. Wir halten es für uns so, dass wir zwei Kinder haben, ich aber drei Mal schwanger war. Ein Sternenkind haben wir nicht, all diese Begriffe sind uns zu kitschig. Wir haben ein Kind verloren, das wir nie kannten. Es ist für uns eine Fehlgeburt. Ich erzähle offen von dieser Fehlgeburt und habe im Laufe der Jahre von vielen Fehlgeburten erfahren. Manche Frauen haben mir hinter vorgehaltener Hand erzählt, dass auch sie eine Fehlgeburt hatten. Mit anderen haben wir uns in großen Runden ausgetauscht. Man liest immer wieder, wie viele Frauen es theoretisch trifft, aber erst wenn man anfängt, darüber zu sprechen erfährt man wie viele Frauen eine Fehlgeburt hatten. In der Zeit nach der Fehlgeburt war mir mein Mann etwas fremd geworden, wir mussten beide lernen, mit dem Verlust umzugehen und uns wieder annähern.

Diese Erfahrung hat mich demütig gemacht, ich weiß jetzt, wie kostbar eine Schwangerschaft ist, dass es nicht selbstverständlich ist, problemlos schwanger zu werden und wie man sich fühlt, wenn das große Glück einer Schwangerschaft ausbleibt – und ich kenne die grausamen Gedanken, die man nach dem Verlust eines Babys hat.

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