“Diese maßlose Angst, die einen plötzlich begleitet, wenn man ein Kind bekommt…” Lena Stahl über ihren Film “Mein Sohn”

18. November 2021 | in Medien

Hach, letzte Woche war ich gleich zwei Mal im Kino. Das war ohnehin schon toll, aber besonders schön war es, das Debüt von Lena Stahl „Mein Sohn“ kurz vor dem offiziellen Kino-Start (der ist heute!) sehen zu dürfen. Ich kenne Lena schon lange und man kann sich, wenn man nicht im Film-Business arbeitet, ja kaum vorstellen, wie lange sich ein solches Projekt zieht. Insbesondere, wenn auch noch eine Pandemie dazwischen kommt! Aber jetzt läuft „Mein Sohn“ mit Anke Engelke und Jonas Dassler in den Hauptrollen, wie gesagt, ab heute im Kino. Der Film hat sogar das Prädikat „Besonders wertvoll“ erhalten! Zurecht, wie ich finde. Es geht um Marlene und ihren Sohn Jason, die beiden machen sich nach einem schweren Unfall auf die Reise. Mit dem Auto, nur Mutter und Sohn. Und eben genau weil „Mein Sohn“ eine Mutter-Sohn-Story ist, in der elterliche Gefühle eine große Rolle spielen, fand ich es richtig schön, mit Lena nochmals über den Film zu sprechen.

Liebe Lena, erstmal herzlichen Glückwunsch zu diesem Film. Erzähl doch mal. Du hast selbst einen Sohn, haben deine eigenen Erfahrungen bei der Entwicklung des Drehbuchs eine Rolle gespielt?

Also es war so: Ich hatte eigentlich ein anderes Projekt geplant, an dem ich schon lange saß. Das wurde dann aber immer größer und teurer und mir wurde irgendwann klar, dass es als Debüt nicht zu realisieren war.

Dann habe ich eine Skizze hervorgeholt, die ich geschrieben hatte, als mein Sohn auf die Welt kam. Es ging um diese maßlose Angst, die einen plötzlich begleitet, wenn man ein Kind bekommt und um den Satz von Goethe „Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“ Den finde ich schön und so wahr. Aber in dem Moment, wo man ein Kind bekommt, da zieht die Angst ein. Ich finde, es ist eine lebenslange Aufgabe, mit dieser Angst umzugehen.
Insofern hast du Recht. Die Idee zum Film kam, als mein Sohn geboren wurde. Das lag auch daran, dass ich damals, direkt nach der Geburt, wirklich um sein Leben bangen musste. Es war eine komplizierte Geburt. Aber ich denke, alle Eltern wissen, was ich meine. Dafür muss man nicht mal eine Leben-oder-Tod-Situation erlebt haben. So viele Eltern kommen jetzt auf mich zu und sagen: „Die Geburt an sich ist ja schon traumatisch.” Es reicht ja schon, plötzlich für ein so kleines Wesen verantwortlich zu sein. Das kann überwältigend und auch überfordernd sein.

Im Fall von Marlene geht es letztendlich dann aber um eine Re-Traumatisierung. Ihr Sohn ist bereits erwachsen, sicher dachte sie oft, er sei jetzt aus „dem Gröbsten“ raus. Man kennt das ja selbst, dass man mit jedem Lebensjahr des Kindes irgendwie denkt: „Jetzt kann nicht mehr so viel passieren“. Dabei ist das natürlich ein Irrglaube. Das muss Marlene auch erleben. Und wie gesagt, ich denke, es hört wahrscheinlich nie auf, dass man lernen muss, mit dieser Angst umzugehen und sie auch loslassen zu können. Angst ist also das große Thema des Films. Und zwar nicht nur bei Marlene, sondern auch bei ihrem Sohn Jason. Dieser scheint wiederum keine Angst vor Nichts zu haben. Das ist natürlich auch ein Thema. Er muss im Laufe der Geschichte lernen, Ängste zuzulassen und verstehen, dass das Leben auch aus schmerzhaften Erfahrungen besteht und man Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen muss.

Diese Re-Traumatisierung, von der du sprichst, die wird ja im Film nicht direkt ausgesprochen. Man spürt zwar mehrmals: „da war etwas“. Aber es wird nie gesagt, was genau geschehen ist. Ich denke, so ist es in vielen Familien. Dass Traumata aus der Vergangenheit einfach totgeschwiegen werden. Oder?

Absolut und das ist natürlich auch im Thema verankert. Übrigens war die Vergangenheit im Film ursprünglich mal präsenter, aber wir haben dann bewusst immer mehr reduziert. Denn es geht ja genau darum: Dass die beiden nicht darüber sprechen. Was macht das mit der Beziehung? Und ich denke, auch das ist ein Konflikt, den viele Eltern kennen. Wie viel gebe ich preis, was spreche ich lieber nicht an, auch um mein Kind zu schützen? Um es nicht zu belasten? Das ist eine Frage, die Eltern für sich entscheiden müssen, ich will das gar nicht bewerten. Marlene hat sich für den Weg entschieden, nicht darüber zu sprechen. Und ich kenne das auch aus meiner eigenen Kindheit so. Meine Eltern haben über viele Dinge einfach nie mit mir gesprochen. Ich habe immer gemerkt, da ist irgendwas, aber ich wusste nicht, was. Und das setzt einfach eine Grenze in der Eltern-Kind-Beziehung. Wie gesagt, ich will das nicht bewerten. Aber mir ging es tatsächlich auch darum, dass es etwas mit der Beziehung macht, wenn man nicht offen miteinander ist, aus welchen Gründen auch immer. Ich finde es übrigens auch gesellschaftlich spannend, dass wir generell über Dinge, die uns versehrt haben, so wenig sprechen. Obwohl es doch gerade diese Erlebnisse sind, die uns stark prägen. Ich stelle mir oft die Frage, wie viel wir eigentlich je über einander wissen.

Für mich ist es fast ein bisschen eine Urangst, den Kontakt zu meinen Kindern zu verlieren, wenn sie langsam erwachsen werden. Kennst du das auch?

Ja, natürlich, das ist ein großes Thema. Mein älteres Kind ist zum Beispiel recht frisch in der Schule und das ist ja schon eine erste Zäsur. Er geht seinen eigen Weg. Ich muss lernen, loszulassen, ich weiß immer weniger, was er eigentlich den ganz Tag macht. Mein größtes Ziel ist, dass er das Gefühl haben kann, mit mir alles besprechen zu können. Ich unterstütze ihn, natürlich ohne dass ich ihn „verhätscheln“ will. Klar, ich will einen Mann erziehen, der mit Werten in die Welt geht. Aber Kinder sind eben auch immer sehr ihr eigener Mensch, schon wenn sie auf die Welt kommen. Ich finde das so faszinierend, wie viel Charakter von vornherein da ist. Und ich will daran natürlich für immer teilhaben.
Für mich ist es immer die größte Bestätigung, wenn mein Sohn mir auch sagen kann, was er scheiße an mir findet. Oder dass wir streiten – und uns versöhnen können. Dass wir Entschuldigung sagen. Dass wir uns sagen, dass wir uns lieb haben. Das kenne ich alles aus meiner Familie einfach nicht so. Diese gemeinsame Sprache und diesen Umgang auf Augenhöhe. Diese Dinge spielen auch in „Mein Sohn“ eine Rolle. Und ich glaube übrigens, dass das nicht nur ein Thema für Mütter ist. Ich mag es nicht, wenn es heißt, der Film sei ein “Frauenfilm“. Mich haben so viele Männer angesprochen, die das alles nachvollziehen können. Ich habe mich mit so vielen Vätern von älteren Kindern unterhalten, die genau das erleben. Wie sich die Kinder langsam entfernen und immer weniger preisgeben, den Eltern gegenüber.

Es ist aber ein Frauenfilm, insofern, als dass er von vielen Frauen gemacht wurde. Aber auch von jungen Männern! Also, um es mal so zu sagen, es war kein einziger „alter, weißer Mann“ im Team. Das war auch eine interessante Erfahrung, weil diese jungen Männer viel weniger in Kategorien denken. Und sie haben alle berichtet, dass sie diese Themen kennen mit ihren eigenen Müttern.


Habt ihr bei den Dreharbeiten eigentlich alle wirklich einen Roadtrip gemacht?

Ja, tatsächlich. Es war mir total wichtig, dass wir das so chronologisch wie möglich drehen. Was für die Schauspieler natürlich auch ein Riesengeschenk ist. Das hat die Dynamik sehr beeinflusst. Wir sind alle gemeinsam gewachsen. Mit dem Film. Das war toll! Wir hatten mit Anke und Jonas zwei lebensnahe und unprätentiöse Hauptdarsteller, die uns allen immer vermittelt haben, dass in einem Boot sitzen, egal, was passiert. Es war natürlich nicht immer alles „happy-go-lucky“ und wir hatten zudem recht wenig Geld für das, was wir uns vorgenommen hatten. Eine Reiseproduktion ist teuer und aufwändig aber cinematografisch war es wiederum unbezahlbar, die Orte zu finden, die das ausdrücken, was mir wichtig war. Es sollte ja quasi eine Reise von der Großstadt in die Wildnis sein. Das war das Bild und ich wollte zeigen, was das mit einem macht. Die Weite, die Ruhe, auch die Dunkelheit. Dann die Berge. Das hat ja schon eine enorme Wirkung, gerade, wenn man aus der Stadt kommt. Da muss man erst mal lernen, diese Leere auszuhalten. Und genau das haben wir alle zusammen erlebt und sind gemeinsam in diesen Prozess gegangen.

Für ein Debüt ist der Film sowas von hochkarätig besetzt – wie hast du das geschafft?

Bei Anke war es so, dass ich schon im Exposee eine Vorstellung hatte, dass sie die perfekte Marlene wäre. Also habe ich den Film für sie geschrieben , auch wenn es waghalsig war. Ich hatte sie damals in einer sehr berührenden kleinen Rolle im Fernsehfilm „Wellness für Paare“ von Jan Georg Schütte gesehen und sie hat mich echt umgehauen. Gleichzeitig hat sie ja diesen Humor, der auch zum Leben dazu gehört – gerade in den dunkelsten Momenten. Ich bin dann tatsächlich mit dem Exposee an ihre Agentur herangetreten. Und sie hatte Interesse! Als das Buch fertig war, haben wir uns getroffen und sie war von da an mit größtem Engagement dabei.

Auch Jonas stand damals schon fest, das war alles noch vor „Der goldene Handschuh“. Er war noch kein Shooting Star, das war 2018. Wir wollten im Herbst anfangen, haben die Dreharbeiten dann aber für ihn auf Mai 2019 verschoben. Ende 2019 war der Film fertiggestellt und einen Monat später kam Corona. Der Film lag nun tatsächlich knappe zwei Jahre… Mit Hannah war ich schon für das andere, größere Projekt im Gespräch, das ich hoffentlich als nächstes realisieren kann. So habe ich sie dann auch für „Mein Sohn“ gewinnen können. Ich freue mich enorm, dass der Film jetzt auch in allen „Nebenrollen“ so toll besetzt ist.

Ich dachte so, dass ich mir das auch wünschen würde, wenn mein Sohn 20 ist, dass wir noch mal eine große Reise zusammen machen…

Ja, total! Ich wünsche mir das auch. Ich habe sowas nie gemacht mit meinen Eltern. Mein Vater ist mittlerweile verstorben und ich finde es im Nachhinein sehr schade. Ich fahre jetzt schon oft mit einem Kind alleine weg. Das ist immer sowas Besonderes, ich liebe das! Gerade wenn man zwei Kinder hat, dann lernt man das Kind so anders kennen, In gewisser Weise ist man regelrecht auf Augenhöhe, so allein unterwegs. Exklusive Zeit mit einem Kind ist etwas, das man sich immer erkämpfen sollte, und womit man nie aufhören sollte. Insofern ist das ist eine gute Idee. Vielleicht sollte ich meinen Kindern das Versprechen dafür jetzt schon abnehmen!

Genau! Danke Lena. Und viel Erfolg mit dem Film!

Fotos: © 2021 Warner Bros. Entertainment

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