Die Sache mit der gender-neutralen Erziehung

25. November 2014 | in Familie | Gesellschaft | Parenting

Processed with VSCOcam with c1 presetMein Sohn wollte einen Buggy. Er findet Puppen toll und Buggy fahren noch toller. “BAGGI” war eines seiner ersten Worte. Oma machte sich also auf die Suche und schleppte so ein rosa Plastik-Dings an. Denn Spielzeug-Buggys gibt es natürlich nur in Mädchen-Farben. Seine geliebte Oma hat wirklich gesucht, ein neutralerer war nicht zu finden. “Warum können die nicht mal einen gelben machen, oder einen grünen?”. (Anmerkung: nach langer Recherche habe ich auch welche in neutralen Farben gefunden, aber es stimmt. Die allermeisten sind rosa/pink/lila.)

Röcke tragen / Puppen wiegen

Tja.  Warum gibt es rosa Lego? Warum wird überhaupt unterschieden, welche Spielzeuge für Mädchen und für Jungen sein sollen? Mein Junge, der sich sonst sehr “männlich” gibt, hat eine ausgeprägtes Interesse an Babies. Wenn er einen Kinderwagen sieht, will er reinkriechen, er tätschelt, küsst und bewundert kleine Mini-Babies, beschützt sie, schiebt alle anderen weg. Auch “BEBI” war unter den ersten Wörtern. Entsprechend toll findet er auch Puppen. Er wiegt sie, fährt sie im Buggy umher. Mittlerweile ist auch eine große “BAGGA”-Leidenschaft dazugekommen, aber der Buggy ist immer noch sein Lieblingsspielzeug.

Nun ist es ja zum Glück nicht so, dass man in Berlin Kreuzberg schief angeschaut würde, wenn ein eineinhalb-Jähriger mit einem rosa Buggy herumfährt. Hier sagt auch niemand was, wenn Jungs mit 3/4 Jahren mal Röcke anziehen wollen (machen viele durch, diese Phase, oder? Hatte Xavers Cousin gerade auch…). Ich bin froh, dass er in einem so offenen Umfeld aufwächst – zumindest geben sich alle offen, wir alle wissen, dass bei anderen Dingen gar kein Spaß verstanden wird und die ach so toleranten Kreuzberger plötzlich sehr sehr verkorkst sein können :).

Ich muss da immer an diesen wunderbaren Artikel in der Zeit denken, wo ein Vater mit seinem Sohn auf dem Land solidarisch auch im Rock geht, damit die spießigen Nachbarn nicht kucken. “Es ist nicht meine Aufgabe, ihm das Röcke-tragen auszureden, es ist meine Aufgabe, ihm so viel Selbstbewusstsein zu geben, dass er sie gerne trägt”. Macht das nicht total Sinn?

Jedes Spielzeug für alle

Was aber keinen Sinn macht, sind rosa Überraschungseier. Finde ich zumindest. Oder Adventskalender! Da gibt es jetzt einen in rosa und einen in blau. Ich fände es schöner, wenn Kinder einfach Kinder sein dürften. Wenn sie mit dem gleichen Spielzeug spielen dürfen, wenn sie nicht schon so früh in Kategorien gepackt werden würden. Wenn sie ihre Unschuld und Leichtigkeit ein bisschen länger behalten dürften. Xaver liebt zum Beispiel auch Haarspangen, oft hat er eine “Palme” auf dem Kopf wenn ich ihn von der Kita abhole und zeigt sie mir stolz. Ich fände es schön, wenn er solchen Leidenschaften noch lange ungezwungen nachgehen könnte, ohne sich dabei komisch vorzukommen.

Natürlich erinnere ich mich auch daran, wie ich als 5-Jährige die pinken Lackschuhe durchgesetzt habe, wie ich Barbies, Ponys, den ganzen Kram haben wollte. Irgendwie haben viele Mädchen das in sich. Naja, und sie werden ganz schön von der Industrie und der Gesellschaft gelenkt. Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Und das Angebot an rosa Mädchenkram scheint mir jetzt ungesund größer als noch in den Achtzigern.

Vorsicht bei gewissen Kommentaren

Ist ja alles nicht so schlimm, könnte man sagen. Ist es ja auch nicht. An sich. Aber Barbie, Rosa, Glitzer, GNTM, Heidi Klum, der ganze Kram geht ja an uns Eltern auch nicht spurlos vorbei. Wenn ich höre, dass einjährige Mädchen in der Kita schief angeschaut werden, weil sie gerne drei Teller Nudeln zum Mittagessen essen (während das bei Jungs natürlich normal bis toll ist), wenn kleine Mädchen, fast noch Babies, auf dem Spielplatz “pummelig” genannt werden, während Jungs der gleichen Statur als “stark und kräftig” gelten. Da muss man sich doch Gedanken machen, oder? So gelesen bei Mareice im Kaiserinnenreich.

Kein Wunder, dass da eine Welle der Empörung loszog. So weit ist es also gekommen! Und keiner meint das böse, keiner sagt sowas mit Absicht. Jetzt kann man sagen, der Schönheitswahn und das Rosa, das sind zwei paar Stiefel. Glaub ich aber nicht. Mädchen, die sehr ins Mädchen-Schema reinpassen wollen, wollen dann (oft, meistens, ich weiß es nicht…, aber zu oft ganz sicher!) dünn sein, schön sein, Barbie sein, Prinzessin sein, Model sein. Auch das ist in Maßen nicht schlimm, aber dass es bei (zu) vielen spätestens in den Teenager-Jahren Überhand nimmt, das wissen wir mittlerweile.

Der Versuch, sich neutral zu halten

Deshalb ist es wohl auch vielen so wichtig, ihre Kinder nicht in rosa oder blau zu kleiden und die Spielzeuge möglichst gender-neutral zu halten. Nun, versuchen kann man es ja mal! Sollte ich noch mal eine Tochter bekommen, würde ich mich auch bemühen, sie möglichst wenig von alledem mitbekommen zu lassen. Ihr erklären, dass Frauen, die keine Barbie-Puppen sind, viel cooler sind.
Dabei bin ich selbst ein ganz schönes Mädchen, ich liebe Make-up, Nagellack und kann überhaupt nicht gut klettern und solche Dinge. Trotzdem. Als ich damals erfuhr, dass ich einen Jungen im Bauch habe, war einer der erleichternden Gedanken (denn ich wollte ja ein Mädchen, das hab ich ja letzte Woche gestanden…), dass ich mich wenigstens mit solchen Sachen nicht rumschlagen muss.

Xaver bekommt zu Weihnachten jetzt erst mal eine Küche. “Kochen” ist nach Babies und Baggern nämlich seine dritte Leidenschaft. Beim Küchen-Utensil aussuchen fällt uns jetzt auch wieder auf, dass alles sehr süß-weiblich designt ist. Klar. In die Küche gehören die Mädchen. Pah! Soll rosa doch seine Lieblingsfarbe werden. Soll er doch ein großartiger Hausmann werden. Mir recht!

Wie haltet ihr es mit der Geschlechter-Neutralität? Wird das alles überbewertet oder eher das Gegenteil?

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