Die Mär von der Gewohnheit

06. October 2015 | in Familie | Parenting

Es gibt eine Sache, die mich immer total wurmt, wenn über Babies, Kinder und Erziehung gesprochen wird: Wenn Neu-Mamas verrückt gemacht werden, obwohl es überhaupt keinen Grund dazu gibt. Hier ärgern mich viele Dinge: Ärzte die blöde Tipps geben, Krankenschwestern, die verwirren, Freunde und Verwandte, die es gut meinen, aber alles noch schlimmer machen. Sollten wir hieraus vielleicht sogar eine Serie machen? Tipps, die ihr euch nicht zu Herzen nehmen müsst?

Ein Klassiker: Das mit der Gewohnheit. “Gewöhn ihm das nicht an!” “Mach das nicht, sie gewöhnt sich daran!” “Das sollte aber nicht zur Gewohnheit werden!” – Insbesondere bei Babies!

Kleine Wesen, große Bedürfnisse

Ich finde einfach, es stimmt nicht. Am Anfang ist da ein kleines Wesen, das ziemlich laut schreien kann, wenn es nicht bekommt, was es will. Es will mit Körperkontakt schlafen? Wundervoll. Es will an der Brust einschlafen? Warum nicht? Würden wir doch auch alles so machen wollen. Es will nuckeln? Ein Schnuller kann toll sein, oder eben die Brust, oder der kleine Finger. Es will geschunkelt werden? Mach’s einfach.

Es gibt viele Dinge, die mein Kind sich mal angewöhnt (und mittlerweile teilweise schon wieder abgewöhnt) hat, die unter die Kategorie “bloß nicht angewöhnen” fallen. Und ich hatte und habe überhaupt keine Sorge, dass das alles für immer so bleiben würde und wird.

Alleine einschlafen und im eigenen Bett schlafen

Thema Einschlafen: Xaver ist früher abends fast nur an der Brust eingeschlafen, als mich das genervt hat (weil auch der Papa ins Bett bringen sollte), habe ich ihm die Milchflasche angewöhnt. Irgendwann kam da dann keine Pulvermilch mehr rein, denn mit eineinhalb fand ich ihn zu alt für angereicherte Milch. Als mich die Milch generell genervt hat, kam die Teeflasche, und als das nicht mehr nötig war: haben wir die Teeflasche eben auch abgewöhnt. Irgendwann wurde Zähneputzen zum Muss vor dem Einschlafen, statt Flasche-nuckelnd einzuschlafen, musste der Schnuller herhalten. Alles passierte immer, wenn der Zeitpunkt richtig war, das merkt man dann schon, oder wenn es wirklich nicht mehr auszuahlten war. Er schläft mittlerweile alleine ein, ohne Händchenhalten und kuscheln, außer er verlangt danach. Dann bekommt er das (meistens). Und es gibt noch Schnuller und Kuscheltuch, irgendwann wird auch das wegfallen. Auf die Schnuller-Entwöhnung bereite ich ihn jetzt schon langsam vor.

Die meisten Babies schlafen wunderbar an der Brust ein. Solange das für die Mutter toll ist, ist das eine wundervolle Sache! Wenn die Mutter sich davon befreien will – probiert man eben etwas anderes. Die Milchflasche, den Schnuller. Schunkeln, Singen. Es gibt so viele Möglichkeiten. Viele Kinder wollen in den Schlaf begleitet werden – auch hier, solange das für alle gut ist – why not! Wenn es die Eltern irgendwann stresst, ständig mit den Kindern einzuschlafen und keinen Abend mehr zu haben: probiert einfach etwas anderes.

Stichwort Schlafen: Xaver hat die ersten Monate bei uns im Bett geschlafen, das war am Praktischsten. Weil ich nachts oft so Panik hatte, dass er unter der Decke sein könnte, habe ich ihn auch viel ins Beistellbettchen gelegt. Als er zu mobil wurde, haben wir das Gitter an sein Bettchen gemacht und ihn aber nach wie vor neben unserem Bett gelassen. Als er nachts unruhig wurde (vermutlich weil mein Freund so laut schnarcht!), haben wir ihn weiter weg gestellt. Als der Zeitpunkt richtig schien (etwas mehr als ein Jahr) kam Xaver in sein eigenes Zimmer. Heute lautet die Regel: er schläft dort ein und darf nachts rüberkommen. Das tut er so jede zweite bis dritte Nacht. Langsam wollen wir ihn in Richtung: “du darfst morgens rüberkommen” bewegen, denn er raubt uns nachts noch zu oft den Schlaf. Mal sehen.

Wo das Kind schläft, auch das muss jede Familie individuell entscheiden. Es gibt Babies und Eltern, die von Anfang an gut in getrennten Räumen schlafen, die meisten Mamas mögen das Baby aber gerne nah bei sich haben. Im Bett, am Bett, im Zimmer, total egal, Hauptsache alle bekommen genug Schlaf. Und irgendwann kann das Kind immer noch ins eigene Zimmer ziehen, der Zeitpunkt hierfür wird mal wieder individuell entschieden.

Und DURCHSCHLAFEN

Und nachts? Ich halte viel von dem Satz: “mach nachts nichts, was du nicht immer machen willst”, deswegen wurde bei uns nie gespielt nachts, wir haben früh aufgehört zu wickeln, usw. Aber es ist eben auch nicht so, als würde es nie wieder anders gehen, wenn man mal ein paar Nächte durchgestillt, oder durchgeschunkelt hat. Xaver hatte einfach Phasen. Phasen, in denen er nachts vier Milchflaschen getrunken hat, Phasen in denen er von acht bis acht durchgeschlafen hat. Phasen in denen er die halbe Nacht gebrüllt hat und wir ihn durch die Wohnung getragen haben, Phasen in denen er von 3 bis 5 hellwach war. Das Einzige, was er jetzt wirklich als Gewohnheit mitgenommen hat, sind ab und an Tee nachts und das Rüberkommen. Aber alles kein Grund, sich zu stressen.

Ich bin es müde, mich zum Thema durchschlafen zu äußern. Ich glaube, die wenigsten Babies und Kinder machen und können das dauerhaft. Am Ende müssen alle ihren Weg finden – es gibt unzählige Möglichkeiten!

Windel, Schnuller, Kakao – alles doofe Angewohnheiten. So what?!

Im Prinzip gewöhnen wir (also die meisten von uns) den Kindern ja auch die Windel an, wir gewöhnen ihnen ab, Signale zu ihren Körperausscheidungen zu geben. Und irgendwann gewöhnen wir – gemeinsam mit den Kindern – ihnen genau das dann wieder an. Xaver hat als Baby klare Signale gegeben, wann er musste – ich habe sie ignoriert, denn er hatte ja eine Windel an. Irgendwann habe ich sie wieder sehr ernst genommen, viel mit ihm darüber gesprochen, ihn oft ohne Windel gelassen. Heute ist er tagsüber komplett ohne Windel unterwegs, nachts braucht er sie noch (wenn das mit dem Tee mal aufhören würde)…. aber ich muss im Großen und Ganzen sagen: bei Xaver ging das alles so schnell und problemlos – jeder andere Weg wäre anstrengender gewesen!

Überhaupt ist mein Weg ja oft, einfach den einfachen Weg zu wählen. Wenn es mit Schnuller gut klappt, warum ihn dann nicht benutzen? Wenn das Kind in der Trage glücklich ist, warum dann nicht einfach den Kinderwagen stehen lassen? Und wenn es die Mutter oder das Kind irgendwann nervt, dann versucht man es eben anders. Mit Hingabe und Geduld und dem richtigen Zeitpunkt klappt das eigentlich immer wundervoll.

Die Bedürfnisse von Babies und Kindern ändern sich so schnell, ich finde wirklich nicht, dass man sich – vor allem in den ersten Wochen und Monaten – wegen Gewohnheiten stressen muss. Die gibt es doch da noch gar nicht! Babies muss man nicht umprogrammieren und sie müsen auch nicht immer alles so machen, wie wir uns das vorgestellt haben. Im Idealfall sind sie einfach zufrieden, auf welche Art und Weise auch immer.

Später wird das ein bisschen trickreicher, wenn der Zweijährige mal jeden Abend Kika kucken und Kakao trinken darf, sind die Diskussionen natürlich etwas intensiver, wenn diese Angewohnheit die Eltern dann doch irgendwann stört. Aber nicht unmöglich!

Ich finde, es macht unötig Druck, wenn man Müttern, vor allem jungen Müttern Angst macht, sie könnten ihre Kinder “versauen”, weil sie ihren Bedürfnissen zu sehr nachgehen. Wenn man sich eine doofe Sache angewöhnt – dann gewöhnt man sie sich eben wieder ab, wenn sie zu sehr nervt. Manchmal geht das auch ganz von selbst. So sehe ich das.

Wenn also jemand zu euch sagt: Das solltest du dem Kind nicht angewöhnen! Dann sagt sich einfach: Wieso? Für uns ist es gerade am besten so. Wenn es mich nervt, dann mache ich es eben wieder anders.

 

PS: Auf dem Bild ist Xaver wenige Monate alt. Er schläft mit Schnuller und Kuscheltuch (astrein angewöhnt), vermutlich ist er auch in der Trage eingeschlafen (am liebsten ist er dort eingeschlafen und wollte dann aber befreit werden…)

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