Die HABA Digitalwerkstatt – ein Interview mit Verena Pausder

20. March 2018 | in Alltag | Familie | Lifestyle

Isabel hat sich erst letzte Woche mit dem Thema Spielen mit Handys oder Tablets auseinandergesetzt – digitale Medien und der richtige Umgang damit beschäftigen uns. Welche Regeln sind wichtig? Was müssen wir und die Kinder lernen? Und was genau ist digitale Bildung? Verena Pausder hat zusammen mit HABA die HABA Digitalwerkstatt eröffnet. Ein Ort, an dem spielerisch der Umgang mit neuen Technologien erlernt und erfahren wird und Kindern die Möglichkeit gegeben wird, selbst etwas zu kreieren. Die HABA Digitalwerkstatt gibt es schon in Berlin, Hamburg, München und ab April auch in Lippstadt und Frankfurt/Main. Wir finden den Ansatz erfrischend und toll, Kindern den Zugang zu digitalen Medien zu ermöglichen, ohne Bildschirme per se zu verteufeln, wie es so oft im öffentlichen Diskurs geschieht. Und so die Zukunftschancen unserer Kinder zu verbessern! Hier sind unsere Fragen an Verena:

 

Liebe Verena, wir haben dich schon mal in unserer Serie Start-Up Mums interviewt, seit einer Weile leitest du aber nicht nur erfolgreich ein Unternehmen, sondern hast zusammen mit HABA ein ganz tolles Projekt gestartet: Die HABA Digitalwerkstatt. War das eine Idee, die schon länger in dir schlummerte?

Von der Idee bis zur Eröffnung der ersten Digitalwerkstatt vor zwei Jahren in Berlin hat es tatsächlich nur vier Monate gedauert. Umgetrieben hat mich der Gedanke aber schon vorher. Mit Fox & Sheep entwickeln wir seit 2012 Apps, die Kinder behutsam an die digitale Welt heranführen. Ich wollte aber noch einen Schritt weiter gehen: Den Kindern nicht nur gute Inhalte anbieten, sondern sie auch hinter die Kulissen der digitalen Welt schauen lassen. Nur wo? Das war die Frage, die ich mir gestellt habe. Es gibt Musikschulen und Sportvereine, aber keinen Ort, an dem Kinder und Eltern die digitale Welt lernen können. Mit der Digitalwerkstatt haben wir diesen Ort dann geschaffen

Was genau verstehst du unter digitaler Bildung?

Digitale Bildung befähigt uns, die digitale Welt tatsächlich verstehen und gestalten zu können. Wir erwerben Wissen und Kompetenzen, die uns die Teilnahme an dieser Welt ermöglichen. Im Kern unterscheidet sich digitale Bildung also nicht von Bildung im Allgemeinen: Sie ermöglicht, dass wir uns in der Gesellschaft zurechtfinden und unsere Lebensentwürfe verfolgen können – selbstbestimmt und verantwortungsvoll.

Der Autor Douglas Rushkoff spricht viel vom Leitsatz „Program or be Programmed“. Ein Aufruf an alle, das Programmieren zu lernen. Siehst du das ähnlich? Glaubst du, wir können uns nur durch das Erlernen und Verstehen vom Digitalen vor einem Kontrollverlust schützen? Ist das vielleicht auch etwas, was dir durch den Kopf ging, als du die Idee zur Digitalwerkstatt hattest?

Darum geht es mir, ja. Wir dürfen die Digitalisierung nicht nur in der passiven und ohnmächtigen Rolle des Konsumenten erleben, sondern müssen uns aktiv und selbstbestimmt einbringen und auch hinter die Benutzeroberfläche schauen. Dazu müssen wir nicht alle zu Programmierern werden, aber ein Grundverständnis für die Funktionslogik von Computern müssen wir uns aneignen. Wir sollten auch wissen, wie das Internet funktioniert oder wie Daten übermittelt werden. Insofern ist die Formulierung „Program or be Programmed“ in meinen Augen als Appell für eine umfassende Medienbildung und ein ganzheitliches Technologieverständnis zu verstehen.

Wie genau führt ihr Kinder an das Thema Programmieren heran?

In der Digitalwerkstatt ermutigen wir die Kinder, ihrer Kreativität auch beim Programmieren freien Lauf zu lassen. Mit der visuellen Programmiersprache Scratch können sie zum Beispiel Figuren und Objekte kreieren, sie zum Singen und Springen bringen. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Den Startpunkt aber bildet unser analoges Spiel „Programmier-den-Trainer“. Hier programmieren die Kinder ihren Kurs-Trainer quer durch den Raum zu einem bestimmten Ziel. Oft läuft der Trainer beim ersten Versuch gegen die Wand. Ein lustiger „Aha“-Moment für die Kinder und die Erkenntnis: wer programmieren will, muss genaue Anweisungen geben und bedacht agieren.

Wie wichtig ist euch das Thema Medienkompetenz? Oft müssen ja auch die Eltern noch lernen, wie man richtig mit digitalen Medien umgeht. Lernen die vielleicht am Ende sogar noch von ihren Kindern (die bei euch waren)?

Kinder gehen unbeschwert und ohne Scheu mit digitalen Medien um. Das liegt auch daran, dass sie im Gegensatz zu uns Erwachsenen keine Unterschiede zwischen dem Analogen und dem Digitalen machen. Beides gehört selbstverständlich zu ihrem Leben. Davon können sich Eltern in meinen Augen gerne eine Scheibe abschneiden. Es unverkrampft angehen, ausprobieren und die Chancen sehen. In unseren Digitalwerkstätten erleben wir sehr oft Mütter und Väter, die große Augen machen, wenn die Kinder nach einem Workshop ihren eigenen Animationsfilm vorführen. Dabei gehen die digitale und die analoge Welt Hand in Hand. Die Kinder bauen eine Kulisse und nehmen in mehr als 500 Einzelbildern ihre selbst erdachte Geschichte auf. Wie bei einem Daumenkino entsteht so ein Film. Die Reaktion der Eltern ist dann: Wow, man kann mit einem Tablet auch kreativ Geschichten erzählen und nicht nur daddeln.

Wie wichtig sind Regeln, wenn es um digitale Medien geht?

Ich unterscheide hier immer zwischen dem Konsumieren von Medien und dem Gestalten mit Medien. Wenn es um Konsum geht, sind klare Regeln für unsere Kinder ganz wichtig. So wie im Straßenverkehr. Hier verhandeln wir mit unseren Kindern auch nicht darüber, ob sie an der Straße stehen bleiben oder nicht. Es ist ganz klar: Wir als Eltern setzen die Regeln, die Kinder bleiben stehen. Nur weil die Digitalisierung angebrochen ist, müssen wir ja nicht alles auf den Prüfstand stellen, ganz im Gegenteil. Unsere Wertegerüste und erzieherischen Maßstäbe gelten auch in der digitalen Welt. Dass Kinder im Umgang mit Smartphones und Tablets selbst das richtige Maß finden, ist auf jeden Fall illusorisch. Wenn sie die Geräte aber als Kreativwerkzeuge nutzen, plädiere ich für ein vertrauensvolles und konstruktives Miteinander.

Stichwort Chancengleichheit: Ihr bietet auch kostenfreie Programme für Kinder aus sozialschwächeren Familien an. Wie involviert ihr diese Kinder? Geht ihr direkt an die Schulen?

Genau, wir bieten immer wieder kostenfreie Kurse und Workshops für sozial benachteiligte Kinder und Klassen an Brennpunktschulen an. Mit einem Städtepass, dem berlinpass, dem München-Pass oder dem Hamburger Bildungspaket, bekommen Kinder außerdem 75 Prozent Ermäßigung auf die Teilnahmegebühren. Diese Angebote werden von unserem gemeinnützigen Verein Digitale Bildung für alle e.V. finanziert. Mit dem Verein möchten wir Sorge dafür tragen, dass Kinder und Jugendliche das notwendige Handwerkszeug für ein selbstbestimmtes Leben in der digitalen Welt mitbekommen, unabhängig von Elternhaus oder Bildungshintergrund. Unser Ziel ist, dass irgendwann alle Kinder in Deutschland chancengleich Zugang zu digitaler Bildung haben.  

Euer Team besteht aus Medienpädagogen, Informatikern, Interface-Designern, Lehrern und Kulturwissenschaftlern, die mit der HABA Digitalwerkstatt ein wirklich tolles Konzept auf die Beine gestellt haben. Wohin soll es in Zukunft gehen?

Im April eröffnen wir unsere Digitalwerkstätten in Frankfurt und Lippstadt. Dann gibt es deutschlandweit sechs Standorte. Außerdem werden wir mobil. Wir planen einen Digitalwerkstatt-Truck, der komplett als digitales Klassenzimmer ausgestattet ist: Mit Breitband und 22 bis 24 dynamischen Arbeitsplätzen. Der Truck kann auch die entlegenen Regionen Deutschlands anfahren. So möchten wir sicherstellen, dass Angebote zu digitaler Bildung nicht nur Großstadtkindern vorbehalten sind.

In welchem Umfang arbeitet ihr schon mit dem Schulen zusammen? Sollte es bald das Schulfach Programmieren geben? Ab welchem Alter würdest du so ein Schulfach empfehlen?

Wir arbeiten inzwischen mit mehr als 100 Schulen zusammen. Dabei orientieren wir uns mit den digitalen Schulstunden an den Lehrplänen dort. Wenn die Kinder also in der zweiten Klasse das Sonnensystem behandeln, machen wir dazu etwas mit den digitalen Medien. Ich plädiere entsprechend für das Vermitteln digitaler Inhalte in allen Fächern, nicht für ein Schulfach “Programmieren”. Das ideale Einstiegsalter liegt unserer Erfahrung nach bei sechs Jahren. In diesem Alter beginnen die Kinder mit dem Lesen und Schreiben. Das macht es ihnen leichter, auch die digitale Welt zu erschließen. Noch entscheidender ist aber, dass Mädchen in diesem Alter genau die gleiche Leidenschaft für das Digitale entwickeln wie Jungs. Sie kommen mit der gleichen Neugier, der gleichen Begeisterung und dem gleichen Mut zu uns. Dieses riesige Potenzial müssen wir unbedingt nutzen.

Danke dir Verena!

Hier erfahrt ihr mehr über die HABA Digitalwerkstatt.  Auch den Artikel zur digitalen Mündigkeit des hauseigenen Blogs können wir euch Eltern empfehlen. 

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Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit der HABA Digitalwerkstatt.

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