Die Facebook-Illusion oder: Von der (blöden) Angst, das Leben zu verpassen

10. March 2015 | in Alltag | Familie | Gesellschaft | Muttergefühle

Letztens passierte es mal wieder: Beim all-abendlichen Facebook-Überfliegen überfiel mich ein akuter Fall von Fomo. Noch nicht von gehört?

Fomo: Fear of missing out.

Facebook ist natürlich der Ort, an dem immer und überall Leute Spaß haben am Leben. Das Präsentieren der eigenen Coolness, des kosmopolitischen Lebens, der internationalen Freunde, des schicken Restaurants, der abgefahrendsten Party – non-stop. Dass wir uns alle so präsentieren wollen, wie wir denken, dass es begehrenswert wäre und das Leben so ein gutes sei, ist eine Sache. Der ständige Wettbewerb verursacht aber Stress. Stress bei dem, der sich die Bilder anschaut und Stress bei demjenigen, der sich präsentiert. Denn ständig sein Leben nach Facebook-präsentablen Schnappschüssen zu filtern, ja vielleicht sogar auf Events oder zu Restaurants zu gehen, nur um es auf Facebook zu teilen, das macht zu einem gewissen Grad auch unfrei.

Konzentrieren wir uns aber auf die andere Seite: Man selbst. Vor dem Computer. Das Kind schläft. Event XY findet statt. “Alle” sind dort. Die ersten Bilder werden gepostet. Grrr. Irgendwie schleicht es an einem hoch: Alle haben Spaß, außer man selbst.  Stop!

Denn obwohl man natürlich rational weiß, dass Vieles inszeniert ist und die anderen vielleicht einen Großteil ihres Lebens oder Jobs gelangweilt vor dem Computer sitzen (ok, vielleicht auch nicht), verursacht das voyeuristische “Ich-guck-nur-nochmal-schnell” ein unangenehmes Gefühl. Aber nicht nur abends, auch tagsüber erwischt man sich oft. Irgendwo kurz warten, schnell das Telefon gecheckt. Das Kind auf dem Spielplatz, yay – ein paar Sekunden Zeit für Facebook. Der unschöne Effekt: Man ist nicht im Moment. Mit dem Kopf ist man immer nur halb da.

The grass is always greener …

Extremer ist es aber noch eher nach der Geburt des ersten Kindes (was man natürlich auch wunderbar über Facebook ausleben kann, ich aber eher nicht machen wollte). Das soziale Leben geht ohne einen weiter. Und das ist ja auch gut so, man braucht die Ruhe, die Zeit, um anzukommen im neuen Leben und sein Baby kennenzulernen. Und auch hier: Facebook sorgt für ein beklemmendes Gefühl. Ganz nach dem Motto: The grass is always greener on the other side. Man verfällt der Illusion Facebook.

Aber: Irgendwo zwischen der unglaublichen Liebe zum Kind, dem Hin- und Hergerissen sein zwischen Aufopferung und dem Wunsch nach Selbstfindung, tun wir nämlich eines ganz besonders: Wir leben! Und das ziemlich intensiv. Wir lernen uns selbst richtig kennen, werden an unsere Grenzen gebracht und setzen Prioritäten.

Unendlicher Spaß

Woher kommt aber eigentlich die Annahme, dass man unbedingt immer Spaß haben muss? Und dieser Spaß heißt: Reisen, Partys, Events, Karriere? Irgendwo und in irgendwelchen Büchern und Filmen wird uns das beigebracht. Und es wird suggeriert: Achtung, mit Kind ist dieses Leben und der Spaß vorbei.  Dass es auch noch andere Werte im Leben gibt, wird ausgeblendet (Achtung, Spießer-Alarm!). Nun hat man also das Kind, und es gibt weniger Partys, Reisen etc. – komisch, irgendwie ist man nicht unglücklich. Irgendwie ist man vielleicht zum ersten Mal so richtig happy. So richtig mitten im Leben. Obwohl man nicht alles haben kann und das vor allem nicht zur selben Zeit, ist man – bei sich.

Aber auch der unendliche Kinderspaß wird ja gern auf Facebook geteilt. Und so passiert auf Facebook vor allem eines: Jeder sucht nach Rechtfertigungen für sein Lebensmodell. Das Leben ist aber kein Wettbewerb, meines ist nicht besser als deines.

Und wenn man manchmal doch sein altes Leben vermisst oder den “Spaß”, denkt man: Schlimm, man liegt hier mir seinem wunderbaren Baby und ist trotzdem nicht zufrieden. Fomo eben. Aber das ist auch ok. Das kann man ruhig mal zulassen. Und dann wieder richtig da sein – in seinem echten, ziemlich aufregenden Leben.

 

 

 

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