Der größte Feind: die Ungeduld

12. July 2016 | in Familie

Ich rate immer allen Frauen, die Babies bekommen:
Mach dir keinen Stress.

Lass dir Zeit.
Das kommt alles von selbst.
Du merkst, wenn du bereit bist.
Alles wird.

Und doch habe ich mir selbst beim zweiten Kind Einiges schwerer gemacht, weil ich ständig mit dem Verlauf bei Nummer eins verglichen habe und weil ich irgendwie davon ausging, dass alles schneller gehen würde. Die Rückbildung, das Stillen, das Ankommen, das erste Mal draußen, der Alltag mit Kind, ein gewisser Rhythmus, das Arbeiten. Ich war ungeduldig! Ich merkte schnell, dass es nichts bringt, aber ich war eben doch ungeduldig.

Bei Nummer zwei dauert alles länger

Nun, meine Tochter belehrte mich eines Besseren, natürlich! Sie zwang und zwingt mich zur Geduld. Zum Runterfahren. Zum Entschleunigen. Am Ende haben wir mindestens genauso lang, eher noch länger für alles gebraucht. Die Rückbildung geht dieses Mal viel langsamer, das ist wohl normal beim zweiten Kind, liegt aber sicher auch daran, dass ich wegen den stressigen ersten Wochen so schlecht regenerieren konnte (und die Tafeln Schokolade die ich – ebenfalls stressbedingt – täglich gebraucht habe, haben sicher auch beigetragen!). Das Stillen lief erst nach drei Wochen einigermaßen. Das Ankommen dauert noch an, vor allem die Kleine braucht hier sogar noch einen Tick länger als ihr Bruder. Das erste Mal draußen war ich erst nach zwölf Tagen, dann gleich alleine beim Osteopathen – es lief gut, dafür lief es danach meist sehr mittelmäßig, wenn ich mit ihr draußen war. Während ich mit Xaver viele Erfolgserlebnisse hatte (das erste Mal draußen stillen – check! Das erste Mal U-Bahn fahren – check! Das erste Mal Mittagessen mit ihm – check!), war es mit Quinn eher: PUH GESCHAFFT, IRGENDWIE und zwar jedes Mal, selbst wenn wir nur kurz bei DM waren. Ich dachte, ich wäre beim Zweiten schneller routinierter, aber die Erfolgserlebnisse stehen und fallen eben auch damit, wie das Kind so drauf ist… Und alles zusammenpacken, den Kinderwagen schleppen, nichts vergessen, alles so timen, dass es läuft – das lerne ich gerade wieder komplett neu, das hatte ich nicht mehr abrufbereit. Der Alltag mit zwei Kindern ist immer noch eine Herausforderung, wir schaffen es immer gerade so, beide fertig zu machen, beide zu waschen, beide ins Bett zu bringen, beide satt zu bekommen – gerade so, irgendwie und danach schlafen wir selbst ein, weil alles so anstrengend ist. Rhythmus ist jetzt – nach acht Wochen – wenigstens im Stillen drin. Dafür ist immer noch jeder Tag anders, mit Xaver habe ich es schnell geschafft, eine gewisse Routine zu haben: wir standen immer zur gleichen Zeit auf und taten dann erstmal ungefähr das Gleiche, jeden Tag. Routinen gibt es dagegen dieses Mal noch fast gar nicht, denn da ist ja noch ein zweites Kind, das alles durcheinander bringt! Und während ich mit Xaver nach ein paar Wochen jeden Tag ein paar Stunden gearbeitet habe, wenn er schlief, komme ich dazu immer noch selten. Ich tippe viel ins Handy, zwischendurch, aber da wir ja tagsüber noch keine richtige Schlaf-Routine haben, komme ich zuhause noch selten zu irgendwas. Und abends bin ich – na was wohl! – zu müde. Ich dachte, ich würde es nach kürzester Zeit hinbekommen, Xaver mit dem Baby zusammen zur Kita zu bringen und abzuholen – bisher kann ich an einer Hand abzählen, wie oft das geklappt hat.

Lieber zu lang als zu kurz liegen bleiben

Ich finde immer, dass es ratsam ist, eher länger als kürzer im Wochenbett zu bleiben, der Stress geht noch früh genug los! Trotzdem ist natürlich nichts dagegen auszusetzen, schon nach ein paar Tagen vor die Tür zu gehen – wenn man sich danach fühlt. Jedoch, ich finde, es ist auch nichts Tolles! Warum heißt es immer: WOW, die war nach zwei Tagen schon wieder unterwegs! WOW, die sah nach zwei Wochen schon wieder aus wie vorher! Das mag sich für diese Frau okay angefühlt haben, es ist aber nichts Bewundernswertes, Erstrebenswertes, oder? Schnell wieder fit zu werden ist schön, vielleicht auch Glück, aber muss man dafür Gratulationen aussprechen? Und nach so kurzer Zeit hat man noch starken Wochenfluss, der Körper KANN überhaupt noch nicht regeniert sein, gesünder ist es also auf jeden Fall, lieber noch ein Weilchen Piano zu machen. Das heißt aber nicht, dass man nich stolz sein sollte, wenn man die ersten Hürden gut geschafft hat – was war ich stolz, als ich alles gut schaukeln konnte! Als der Körper wieder war wie vorher, zumindest fast.

Also – jeder nimmt sich einfach die Zeit, die er braucht. Zum Ankommen, zum fit werden, zum Rausgehen, zum Abnehmen. Bei manchen dauert es länger, bei anderen geht es ganz schnell. Bei manchen läuft alles wunderbar nebenher, sie sind sofort mit voller Hingabe in der Mutterrolle angekommen, andere brauchen Wochen, sogar Monate…

Und so muss ich mir jetzt auch jeden Tag sagen: mach ruhig. Vielleicht nur eine Sache pro Tag vornehmen. Wenn Dinge nicht klappen, sage ich: Seis drum. Hat alles Zeit. In mir drin will immer irgendetwas dagegen ankämpfen, will alles auf ein Mal schaffen, will noch dieses und jenes machen und dann wacht das Kind auf und mir fällt wieder ein, dass es erstmal nur darum geht, dass es diesem Kind gut geht. Dass wir langsam zusammenwachsen. Alles andere ist nebensächlich.

Eine Sache jedoch klappt bei Nummer zwei besser: mit Xaver wollte ich auch so schnell wie möglich “alles wie vorher” haben. Ich habe nach sechs Monaten Elternzeit wieder zu arbeiten angefangen, ich war schon früh wieder aus – solche Dinge. Ausgehen fehlt mir zwar auch jetzt schrecklich, ist auch demnächst mal geplant. Aber dieses Mal nehme ich ein volles Jahr Elternzeit. Ich weiß ja mittlerweile, dass sowieso alles wiederkommt. Dass ich irgendwann wieder viel zu viel arbeiten werde. Dass ich irgendwann wieder schlanker als vor der Schwangerschaft sein werde. Dass wir uns eingrooven werden, dass die Kinder groß werden. So schnell!

Diese Zeit kommt nie wieder und dieses Mal nehme ich sie mir.

Jeder hat sein Tempo

Also meine Damen: Frauen, die schon superschnell wieder in shape sind, die sofort alles gebacken bekommen und kurze Zeit nach der Geburt schon wieder auf der Straße sind als wäre nichts gewesen, wird es immer geben. Vielleicht werdet ihr auch mal so eine sein und es ist schön, wenn man das alles so locker nehmen kann und so gut hinbekommt. Aber es ist nicht erstrebenswert, man kann sich auch einfach seine Zeit nehmen und die Ungeduld Ungeduld sein lassen.

Es gibt für alles den richtigen Zeitpunkt und wann der ist, ist nun mal bei jeder komplett anders!

PS: mit den Kindern geht es dann ja auch so weiter

PPS: Das auf dem Foto, das sind Quinn und ich im Post-Wochenbett, auf dem Sofa, etwa 3 Wochen nach der Geburt. Sie ist auf mir eingeschlafen und ich habe mich danach stundenlang nicht bewegt. Anti-Ungeduld-Programm….

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