Der Countdown zum Baby

30. August 2019 | in Schwanger

Breitbeinig laufe ich die Straßen entlang. Lange ist es nicht mehr – und das ist auch gut so, denn so langsam wird es beschwerlich. “Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne” – so fühlt es sich an, wenn da nicht die Kurzatmigkeit und die schweren Beine wären.

Man wird ja öfter mal auf der Straße angestarrt, beziehungsweise der Bauch, den frau da vor sich herträgt. Isabel und ich haben uns vor Kurzem gefragt, warum die Leute eine Frau in der Spätschwangerschaft mit leichter Angst und fast schon etwas abgestoßen begegnen, so als ob frau an Ort und Stelle das Kind auf die Welt pressen würde und sie dann gezwungen wären es mit bloßen Händen aus ihr herauszuziehen. Vielleicht ist es das animalisch-anmutende des großen Bauches? Die Erinnerung daran, dass wir alle aus Fleisch und Blut bestehen? Und eben alle mal so geboren wurden?

Und noch vor einigen Wochen haben mich die Blicke je nach Tagesform jedenfalls genervt oder erfreut. Jetzt ist es mir einfach egal. Auch, dass ich schon lange keinen Fuß mehr vor den anderen setzen kann und meine Füße eher so seitlich über den Boden schleife, in Birkenstocks natürlich – andere Schuhe passen mir (vor allem bei den Temperaturen!) nicht mehr. Pigmentflecken verzieren mein Gesicht, meine Lippen haben sich aus irgendeinem Grund lila gefärbt – ist mir alles, die ich sonst ja schon ein bisschen eitel bin, schnuppe.

Befreit?

Irgendwie auch mal ganz befreiend: Wie das Äußerliche einem einfach kaum noch wichtig ist. Nun könnte man meinen, dass das Innerliche, also das Baby, das da schon ziemlich fertig in meinem Bauch liegt, das Äußerliche in seiner Wichtigkeit abgelöst hat. Aber nee, irgendwie ist es eher so ein allgemeines Kapitulieren. Weil alles unfassbar anstrengend ist und ich im Moment einfach schaue, wie ich durch die Tage komme. Daran sind auch ein wenig die Umstände schuld: Das große Kind wurde ja gerade erst eingeschult, da braucht es viel emotionale Unterstützung und die Umstellung vom lockeren Kita-Leben zum eng getakteten Schulalltag ist für alle eine kleine Herausforderung. Zudem sind wir noch umgezogen, ein neuer (sehr schöner!) Kiez, Wohnung ohne Internet etc. – eben alles was da so dranhängt. Es gibt also echt viel zutun. Da muss ich schon noch ein wenig funktionieren. Ich finde das aber auch nicht so schlimm, was ich schaffen kann, schaffe ich noch. Einige Termine musste ich dann doch absagen, und öfter mal an Isabels Mutterschutz-Post denken: Niemand muss stärker sein, als er ist..

Ich habe noch so ungefähr vier verschiedene Outfits, die mir im Moment passen. Die Waschmaschine läuft also häufiger im Moment. Mit einem Schmunzeln fand ich neulich Slips in XS – haha, das waren noch Zeiten! Aber mal im Ernst: Ich würde gern so ein bisschen mehr Gelassenheit mitnehmen für mein After-Baby-After-Stillen-Ich. Aber jetzt bin ich erstmal die, die in der Bahn, ordentlich Preggo-Womenspreading macht, und auch hier: Es fühlt sich gut an! Nicht lady-like die Beine übereinanderschlagen zu können, weil es tatsächlich aus anatomischen Gründen nicht mehr möglich ist, finde ich auch mal ganz angenehm.

Mini-Winis

Als ich vor Kurzem auf der Couch meine Zehen betrachtete, fiel es mir schlagartig ein, woran sie mich erinnerten: Mini Winis – kennt ihr die noch? Die Würstchenkette an deren Song und Werbeclip aus den 90ern ich in letzter Zeit häufiger denke. Jetzt sind die Beine dick, aber die Kompressionsstrümpfe liegen trotzdem noch in der Ecke. Ich kann mich einfach bei den Temperaturen kaum überwinden, meine Beine unter höchsten Anstrengungen da rein zu zwängen.

Meine Schwangerschaft verlief bis zum Anfang des neunten Monats richtig gut. Ich war fit, mobil, gut gelaunt. Erst jetzt wird es wirklich beschwerlich. Auf der anderen Seite möchte ich gern noch ein wenig schwanger bleiben, denn die Vorstellung, dass wir bald zu viert sind, überfordert mich gerade ein wenig. Das große Kind braucht viel Aufmerksamkeit, wie soll ich da noch ein Neugeborenes versorgen? Ich muss manchmal an Mütter mit 3 oder 4 oder 5 Kindern denken, und frage mich ernsthaft, wie um alles in der Welt man das schafft. Was macht das mit der Beziehung? Mit den eigenen Bedürfnissen?

Ich hatte vor Kurzem tatsächlich mal für einen Augenblick, oder auch mehrere Augenblicke, den Gedanken, das Baby aus meinem Bauch erstmal dem Vater in die Hände zu drücken und mich bei einem Glas Wein in eine verrauchte Bar zu setzen. Oder in ein Spa einzuchecken. Ganz nach dem Motto: Ich hatte das Ding jetzt 9 Monate in meinem Bauch, jetzt bist du dran, viel Spaß damit! Ich freue mich darauf, wieder richtig atmen zu können, durchzuschlafen (ha ha ha, denkste). Aber nee, ernsthaft: Natürlich wird das Oxytocin schon seinen Teil tun und wahrscheinlich werde ich mich wie beim ersten Mal spätestens nach zwei Wochen so richtig verliebt haben und das Würmchen gar nicht mehr aus der Hand geben wollen, im Moment kann ich mir das aber tatsächlich nicht richtig vorstellen. Auch ist die Vorstellung, dass ich dieses Kind genauso lieben werde, wie mein erstes noch absurd. “Das Herz wird einfach größer” meinte mal jemand zu mir. Wahrscheinlich ist es so.

Aber heute gehe ich los eine Notfallpackung Premilch kaufen. Denn das habe ich mir vorgenommen: Wenn es mit dem Stillen nicht klappen will, dann gibts halt Pre. Ich werde mich nicht wieder so stressen, nicht wieder so traurig am Limit sein, wie beim ersten Kind. Dann habe ich sie zur Sicherheit zu Hause und das beruhigt mich.
Und trotz Umzugschaos, einem Schulanfänger, bin ich zuversichtlich. Ich freu mich auch auf die Geburt, obwohl er sich ruhig noch ein wenig Zeit lassen kann. Denn die braucht seine Mama noch.

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