Corona-Krise weltweit: Familien in Schweden, Südafrika und Spanien erzählen

01. April 2020 | in Alltag

Findet ihr eigentlich, dass Deutschland gut mit der Krise umgeht? Wir haben hier gestern einstimmig für JA gestimmt. Die Maßnahmen kamen früh, sie sind aber immer noch recht moderat (man darf das Haus ja noch verlassen), es gibt Soforthilfen für alle, die unter der Krise leiden – und das funktioniert auch wirklich unbürokratisch und schnell. Wie geht es Familien in anderen Ländern da gerade? Sind sie in Sorge, wie wirken sich Ausgangssperren und so weiter auf ihren Alltag aus? Und wie ist das, in einem Land zu leben, das einen ganz anderen Weg wählt?

So ist es bei Sarah. Sie lebt mit ihrer Familie seit knapp drei Jahren in Schweden. Wie es dort gerade so ist, erzählt sie hier:

Hej! Ich lebe mit meinem schwedischen Mann und unseren Töchtern (4 und 1,5 Jahre) etwas nördlich von Stockholm. Im Gegensatz zum Rest von Europa geht Schweden einen anderen Weg in der Krise.

Vor allem in Stockholm steigen die Zahlen der Infizierten und Toten. Insgesamt sind offiziell 4400 Menschen erkrankt, 180 sind gestorben (Stand 1. April). Das Testmaterial ist so knapp, dass nur noch Patienten im Krankenhaus getestet werden, womit die Dunkelziffer sehr viel höher ist als es die offiziellen Zahlen vermuten lassen. Seit Dienstag sollen nun mehr Tests durchgeführt werden. Kindergärten und Schulen bis zur neunten Klasse sind weiterhin geöffnet, wobei einige Eltern ihre Kinder trotz Schulpflicht zu Hause behalten. Ältere Schüler und Studenten lernen über online Plattformen. Wer kann, soll im Homeoffice arbeiten, so die Regierung.

Der schwedische Sonderweg

Veranstaltungen unter 50 Menschen können noch stattfinden, werden aber immer öfter abgesagt. In den Skigebieten läuft der Betrieb an vielen Orten weiter, lediglich auf Afterski-Partys wird verzichtet, nachdem sich Urlauber so in Åre infiziert hatten. Dabei wird von Reisen, selbst innerhalb Schwedens, eigentlich stark abgeraten. Bibliotheken, Geschäfte und Fitnessstudios werden noch immer gut besucht. Die Stockholmer Innenstadt ist leerer als sonst, aber in Cafés und Restaurants sitzen viele Menschen. Auch die Spielplätze sind voller Kinder.

Schweden lässt sich von Experten durch die Krise leiten. Der oberste Staatsepidemiologe, Anders Tegnell, von der schwedischen Behörde für Volksgesundheit, folkhälsomyndigheten, informiert fast täglich auf einer Pressekonferenz über die neusten Entwicklungen und spricht Empfehlungen aus. Das Vertrauen der Bevölkerung in staatliche Institutionen ist groß und gleichzeitig widerspricht es der schwedischen Mentalität, Verbote auszusprechen – jeder ist für sich selbst und seine Mitmenschen verantwortlich. Deshalb, so glaubt man, reichen Appelle: Die Hauptrisikogruppe – Menschen über 70 Jahren – soll sich selbst isolieren und soziale Kontakte meiden. Wer sich krank fühlt, soll zu Hause bleiben. Selbst wenn es nur im Hals kratzt. Weitere Maßnahmen hätten, laut Anders Tegnell, keine große Wirkung. Dabei geht er davon aus, dass der Virus vor allem bei Symptomen übertragbar ist. Kinder, die fast durchweg einen milden Krankheitsverlauf ohne große Symptome haben, würden daher Erwachsene kaum anstecken. Es geht darum, die großen Ansteckungsherde zu entschärfen und nicht individuelle Ansteckung zu verhindern.

Meine innere Unruhe

Ich höre all das und doch verstehe ich es nicht. Schwedische Wissenschaftler ziehen andere Schlusssätze aus den wenigen Studien, die es bereits zum Thema gibt, als führende deutsche Wissenschaftler. Dabei gibt es durchaus kritische Stimmen hier im Land, auch von Virologen. Folkhälsomyndigheten würde nicht alle Daten offen legen. Ein großes Forum bekommen die allerdings nicht für ihre Kritik. Tatsächlich suche ich hier fundierte Hintergrundinformationen, wie sie im deutschen Podcast mit Christian Drosten gegeben werden, vergeblich. Wenn ich mit schwedischen Freunden spreche, habe ich das Gefühl, sie argumentieren von einer anderen Informationslage aus. Es nimmt viel Zeit und Kraft in Anspruch, sich in mehreren Ländern täglich auf dem neusten Stand zu halten. Gleichzeitig habe ich mich noch nie so informationshungrig wie gerade gefühlt. Meine innere Unruhe wächst, wenn ich Artikel über das schwedische Gesundheitssystem lese, das in Stockholm jetzt schon an seine Grenzen stößt. Es gibt nicht genug Schutzkleidung, nicht genug Betten auf der Intensivstation, nicht genug Personal. Gerade wurde von einer Ethikkommission ein Dokument ausgearbeitet, welches bestimmt, welcher Patient im Notfall beatmet wird und welcher nicht. Im Gegensatz zu den deutschen Medien gab es hier von Anfang an sehr viele Berichte über die wirtschaftlichen Folgen. Vielleicht ist die Corona-Strategie Schwedens genial. Ich kann das nicht einschätzen, aber sie ist unweigerlich mit einer sehr großen Anzahl von Toten verbunden. Der Premierminister Stefan Löfven erklärte in einer Fernsehansprache, dass zukünftig mehr Menschen von ihren Angehörigen Abschied nehmen müssen. Er sollte wohl Recht behalten.

Gespaltene Ansichten

Mein Freundeskreis spaltet hier sich vor Ort in zwei Lager aus Fürsprechern und Kritikern des schwedischen Wegs. Mein Mann und ich zählen uns zur zweiten Gruppe und folgen den deutschen Richtlinien. Unsere Kinder sind seit zwei Wochen nicht mehr im Kindergarten und wir arbeiten beide im Homeoffice. Ich bin zwar selbstständig, studiere aber derzeit in Vollzeit einen Master auf Schwedisch, der von vornherein als Fernstudium ausgelegt war, mein Mann ist festangestellt. Wir haben uns den Tag in Schichten aufgeteilt und arbeiten mitunter bis tief in die Nacht, aber trotzdem kommt im Moment das Tablet für unsere Töchter oft zum Einsatz, was vorher undenkbar für uns gewesen wäre. Ich möchte gern mit den Kindern singen, ihnen mehr Bücher vorlesen und Geschichten erzählen, aber ich bin schon froh, dass wir einmal am Tag in den Wald gehen. Immerhin bringe ich meinen Töchtern jetzt Fahrrad- und Laufradfahren bei. Natürlich genießen wir auch die gemeinsame Zeit und die Nähe – meine kleine Tochter haben wir für den Mittagsschlaf in der Trage, denn so schläft sie länger und wir haben mehr Arbeitszeit. Das Deutsch meiner großen Tochter wird immer besser, Schwedisch ist normalerweise ihre starke Sprache. Wir kochen viel und streiten wenig. Die selbstgewählte Isolation schweißt uns zusammen, denn genau das ist es in Schweden: selbstgewählt. Wir können nicht über den geschlossenen Kindergarten klagen, wir haben diese Entscheidung bewusst getroffen.

Selbst gewählte Isolation

Ich treffe meine Freunde nicht mehr, telefoniere und schreibe nur noch mit ihnen. Wir diskutieren besorgt über die Wirtschaft, vermissen den schwedischen Sozialstaat und malen uns euphorisch eine utopische Zukunft aus. Einige Freunde melden sich gar nicht mehr bei mir. Es macht plötzlich keinen Unterschied mehr, ob ich einen Kilometer von meinen Eltern entfernt wohne oder 1.200 Kilometer. Sehen können wir uns doch nicht. Distanz wird relativ und das gibt mir eine gewisse Gelassenheit, die mir sonst manchmal fehlt. Wir sprechen sogar häufiger miteinander und versichern uns am Ende jeden Telefonats wie sehr wir uns lieb haben. Jeden Tag stehe ich mit vielen Menschen in Kontakt, aber trotzdem bin ich einsam. Nicht im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr einsam mit meiner Haltung. Einsam als Deutsche in Schweden. Im Grunde habe ich mich schon lange nicht mehr so Deutsch gefühlt wie in den letzten Wochen. Wenn ich durch die sozialen Medien scrolle, macht mich die Solidarität so froh und traurig zugleich. Hier spüre ich keinen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Kein „Wir packen das.“ Meine Mutter hat uns selbstgenähten Mundschutz geschickt, aber ich weiß nicht, ob ich mir traue ihn zu tragen. Schweden geht einen anderen Weg und irgendwie müssen wir ihn mitgehen, ob wir wollen oder nicht.

In Spanien sieht es ganz anders aus. Strenge Ausgangsbeschränkungen und extrem schnell steigende Zahlen. Ich liebe Spanien so sehr und erinnere mich, dass ich noch vor vier Wochen einen Artikel gelesen habe, in dem es hieß, die Spanier nehmen Corona locker und mit Humor. Ich habe das Virus damals selbst noch unterschätzt und dachte “Wie sympathisch”, nun ist es leider so, dass das wahrscheinlich genau die Wochen waren, die Spanien verpasst hat… Vanessa kennt ihr vielleicht noch aus unserer “Kinderhaben anderswo” Serie, sie lebt mit Mann und Sohn (jetzt knapp zwei Jahre alt) in Madrid – dem spanischen Epizentrum der Krise. Wie es ihnen gerade geht, erzählt sie hier:

An anderer Stelle hatte ich bei Little Years ja schon einmal geschrieben, dass wir uns sehr wohl in Madrid fühlen. Das hat sich seit Corona leider geändert. Stand heute (31.03.) haben wir hier über 95.000 Infizierte und über 8.000 Tote – und sind damit nach Italien das am stärksten betroffene Land Europas.

Corona in Spanien

Corona kam schnell und gewaltig nach Spanien. Noch am Sonntag, den 08.03. waren geschätzte 120.000 Menschen für die Demonstrationen am Weltfrauentag auf den Straßen Madrids. Heute wird davon ausgegangen, dass dies einen großen Einfluss auf die Infektionswelle hatte, die danach über Spanien eingebrochen ist – mit Madrid als Epizentrum. Drei Tage später, ein Mittwoch, wurden die Schulen geschlossen und am Samstag verkündete Premierminister Sánchez dann die komplette Ausgangssperre für vorerst zwei Wochen, die aber bereits um weitere zwei Wochen bis zum 12.04. verlängert wurde. Die Zahlen steigen einfach zu steil an und das Gesundheitssystem steht am Rande des Zusammenbruchs. Es gibt nicht genügend Beatmungsgeräte für alle und in den sozialen Medien wird darüber berichtet, dass Ärzte in Madrid Patienten über 65 Jahren nicht mehr an Beatmungsgeräte anschließen, sondern mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln versorgen und buchstäblich sterben lassen. Eine Bekannte hat deshalb mit anderen Unternehmern eine Gofundme Seite gestartet und angefangen sich auf eigene Faust um Beatmungsgeräte für Madrids Krankenhäuser zu kümmern. Laut ihr hat die spanische Regierung seit Beginn der Krise noch kein einziges Beatmungsgerät nach Spanien geschafft. Das macht mich wütend. Ein Mensch mit 65 Jahren hat noch viel vor sich und hat wahrscheinlich sein ganzes Leben in ein Sozialsystem eingezahlt das ihn dann nicht auffangen kann. Auf dem Messegelände Ifema wurden schon 5000 Notbetten aufgebaut um leichte bis mittelschwere Fälle zu betreuen, weil die Krankenhäuser am Rande ihrer Kapazitäten arbeiten. Am schlimmsten fand ich die Nachricht, dass die Eislaufhalle Madrids in eine provisorische Leichenhalle umfunktioniert wurde – weil die Bestattungsinstitute keinen Platz mehr zur Lagerung der Toten haben.

Die Ausgangssperre ist strikt. Man darf das Haus nur alleine verlassen und dann nur wenn man einkaufen, mit dem Hund Gassi, zum Arzt oder andere Erledigungen tätigen muss. Eine Erledigung war bis zum 29.03. aber auch wenn man zum Frisör geht – was ich wirklich nicht als lebensnotwendig erachte – die spanische Regierung anscheinend schon. Dies wurde mittlerweile eingeschränkt und nur Arbeiten, die dem täglichen Leben dienen, dürfen noch außerhalb verrichtet werden. Man wird auch kontrolliert: Unsere Freunde waren nach Verkündung der Ausgangssperre zu zweit auf der Straße und wurden von Zivilpolizisten angesprochen und nach Hause eskortiert. Es werden Geld- und sogar Freiheitsstrafen bei Widersetzen verhängt.

Und die Kinder?

Was meines Erachtens komplett vergessen wurde, sind die Kinder. Unser Sohn hat seit über zwei Wochen keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt. Der direkte Vergleich mit Freunden und Familie in Deutschland lässt mich neidisch werden. Ich denke, man hätte eine Vertrauenslösung wie die Deutschen ausprobieren können, bei der man wenigstens ein Mal am Tag verantwortungsvoll für eine Stunde vor die Tür kann. Die Lage hier ist ernst, keine Frage, aber wem wir damit schaden, uns ins Auto zu setzen und auf einem entlegenen Stück Wiese unser Kind laufen zu lassen, kann ich nicht nachvollziehen. Der Gedanke, dass wir uns nicht ins Auto setzen und hier weg können ist beengend. Selbst Hunde, die natürlich auch Bedürfnisse haben, wurden bedacht und dürfen raus. Von den 7 Millionen spanischen Kindern wird erwartet, mindestens einen Monat zu Hause auszuharren.
Ich denke, was dann im Endeffekt die richtige Lösung war, stellt sich ohnehin erst heraus, wenn der ganze Spuk vorbei ist – bis dahin werden wir hier wohl durchhalten müssen.

Unser Alltag

Unter der Woche arbeite ich von zu Hause aus und mein Freund kümmert sich um Hugo, der sonst eigentlich mit seiner Nanny ist. Meinem Freund sind als Freiberufler wegen Corona einige Projekte weg gebrochen und er hat daher leider genug Zeit, um die Care Arbeit zu übernehmen.
Zum Glück haben wir eine Terrasse, auf der wir ab und an frische Luft schnappen können. Jeden Abend um 20 Uhr werden dann von dort die hart arbeitenden Helferinnen und Helfer der Krise beklatscht – ich bekomme jedes mal eine Gänsehaut.
Ab und an müssen wir vor die Tür, um einzukaufen – wer Glück hatte und einen Mundschutz ergattern konnte, trägt den auch, ebenso wie Handschuhe. Auf der Straße macht man einen weiten Bogen um Passanten, die einem entgegen kommen. Am Eingang des Supermarkts steht Sicherheitspersonal, das sicherstellt, dass sich nicht zu viele Menschen auf einmal im Supermarkt aufhalten. Auch in Spanien hat die Toilettenpapier-Hysterie Einzug gehalten, aber auch Mehl, Hefe und natürlich Desinfektionsmittel sind schwierig aufzutreiben.

Die sonst freundliche spanische Art und der herzliche Umgang – insbesondere gegenüber Kindern – begegnen einem seltener als zuvor. Eine Freundin musste kürzlich mit Kind das Haus verlassen und wurde auf offener Strasse angefeindet, dass das Kind draußen nichts verloren hätte.

Alles wird gut

Nichtsdestotrotz: Ich denke in all dem Schlamassel steckt auch viel Gutes. Wir verbringen viel Zeit als Familie, verbringen mehr gemeinsame Mahlzeiten, kochen und lachen viel. Auch wenn Hugo nicht raus kann, denke ich, dass er trotz allem eine tolle Zeit hat. 24/7 die eigenen Eltern um sich herum gibt es ja sonst eigentlich nicht. Auch mein Freund und ich managen die Situation erstaunlich gut. Wir schaffen es, Stunden für uns selbst einzubauen um beispielsweise ein Youtube Fitness Video auf der Terrasse nachzuturnen, mit Familie und Freunden zu telefonieren, oder oder.

Und irgendwie gehen die Tage doch schneller vorbei, als man denkt. Die Zeit nach Corona wird mit Sicherheit spannend werden. Freiheit werde ich jedenfalls mehr zu schätzen wissen. Wie in Italien haben die Kinder hier auch Plakate mit einem Regenbogen gemalt, auf dem steht „Todo saldrá bien“ – Alles wird gut. Und das wird es auch. !Ánimo España!

Auch an Südafrika hängt mein Herz. Und die Vorstellung, was so eine Pandemie in diesem Land anrichten könnte, macht mir richtig Angst. Auch Julia kennt ihr vielleicht noch von “Kinderhaben anderswo“. Sie berichtet uns heute aus Johannesburg:

Seit fünf Jahren sind wir nun schon in Südafrika und haben einige Krisen miterlebt: Proteste zur Erlassung von Studiengebühren oder auch zu gender-based violence. Sie alle waren ernst und haben zum Nach- oder auch Umdenken und Handeln angeregt.
Gerade während solcher Ereignisse wird mir immer bewusst, wie gespalten die südafrikanische Gesellschaft ist oder vielleicht besser: wie ungleich und ungerecht. Diese Ungerechtigkeit ist oft nur schwer zu ertragen und sie ist neben dem flächendeckenden Gesundheitsrisiko auch das, was hier während Corona / Covid-19 wieder am deutlichsten wird.

Social Distancing, Hände waschen – alles Privilegien

Zeitgleich mit der Rede des Präsidenten Cyril Ramaphosa am 15. März 2020, in der die vorübergehende Schließung aller Schulen verkündet und die Einreise aus Hochrisikogebieten verboten wurde, kamen hier auch die Diskussionen auf, was Social Distancing, Isolation und Selbstquarantäne in unterschiedlichen sozio-ökonomischen Kontexten überhaupt heißt. Sie sind für all jene möglich, die in Wohnungen oder auch Häusern leben, in denen es mehrere Zimmer gibt, meistens auch einen Garten und Swimming Pool und schnelle Internetverbindungen, die Home Schooling ermöglichen. Jedoch ist das nicht die Lebensrealität der Mehrheit der Südafrikaner, die jeden Tag in überfüllten Minibus-Taxis zur Arbeit fährt, in denen eine Familie ein Zimmer einer Wohnung zur Verfügung hat, aber nicht das ganze Apartment oder auch in Wellblechhütten lebt. In den Townships gibt es kaum fließendes Wasser, wer kann sich also dort mehrmals täglich für 20 Sekunden die Hände waschen und dann auch noch mit Seife?

Während ich also manchmal abends erschöpft ins Bett falle und mich frage, wie das über mehrere Wochen mit Arbeit und den Kindern zu Hause funktionieren soll, ohne dass jeder an sein Limit kommt, versuche ich mir immer wieder den Luxus vor Augen zu rufen, den wir in dieser Situation haben: dieser bedeutet vor allem Zugang zu Gesundheitsversorgung und (vorerst) keine Angst, unsere Rechnungen nicht zahlen zu können oder kein Essen mehr auf dem Tisch zu haben.
Auch wenn es von Regierungsseite deutlich abgelehnt wurde, so sehe ich in Nachbarschafts-Whatsapp Gruppen oder auch Facebook, dass viele ihre Gärtner oder Haushalthilfen unbezahlt nach Hause schicken. Viele Restaurants und Geschäfte mussten schließen und können ihr Personal nicht weiter zahlen. Sie starten Crowdfunding-Kampagnen, da es hier keine bzw. kaum Sozialversicherungen gibt. Die größte Sorge dieser nun arbeitslosen Menschen ist nicht, wie sie sich vor Corona schützen, sondern wie sie in den nächsten Wochen während des totalen Lockdowns ihre Kinder ernähren. Es gibt einige, die glauben, dass Südafrika aus diesem Grund Bürgerunruhen entgegensieht, wenn es zu Versorgungsengpässen kommen sollte.

Hoffentlich übersteht das Land die Krise gut

Die dreiwöchige Ausgangssperre, die am Donnerstag verkündet wurde bedeutet, dass wir nur noch einkaufen gehen oder zum Arzt fahren dürfen. Es wird geraten, das Haus nur alle drei Tage zu verlassen, zum einkaufen jeweils nur eine Person im Auto, es sei den, man ist z.B. alleinerziehend. Keine Spaziergänge, keine Spielplätze, alle Cafés haben zu. Die Entscheidung zum Lockdown kam hier knapp eine Woche nach der Entscheidung, die Schulen zu schließen und sie hat sicherlich etwas damit zu tun, dass das südafrikanische Gesundheitssystem eine hohe Rate an Corona-Infizierten nicht auffangen könnte. Das Immunsystem vieler Südafrikaner ist beeinträchtigt, die HIV-Raten sind hoch und eine Infektion wäre für viele schnell lebensbedrohlich. Es ist verständlich und sehr gut nachvollziehbar, dass die Regierung durchgreifen musste. Wir selbst haben seit der Schulschließung keine Freunde mehr gesehen und verbringen die Zeit zu Hause, wie auch viele unserer Freunde und Bekannten. Auf eine gewisse Art und Weise haben uns die letzten Wochen auch geerdet, wenn nicht die Sorge um Familie und Freunde in Deutschland wäre und die Ungewissheit, wann man wieder reisen darf. Wir genießen die Zeit mit den Kindern und sehen sie als Geschenk, allerdings können wir uns auch jeden Tag gegenseitig ein paar Stunden zum Arbeiten freischaufeln.

Ich fühle mich momentan noch gut aufgehoben hier und hoffe, dass mit geeinten Kräften Schlimmeres verhindert werden kann und Südafrika diese Krise gut übersteht.

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