Corona-Krise weltweit: Familien in Island und Portugal erzählen

09. April 2020 | in Alltag | Familie | Gesellschaft

Die Corona-Krise kennt keine Feiertage. Deshalb wollen wir weiterhin schauen, wie es Familien anderswo auf der Welt in Zeiten der Pandemie geht. Wir haben uns erst letzte Woche bei Familien in Spanien, Schweden und Südafrika erkundigt, wie es ihnen geht und welche Sorgen sie haben. Heute erzählt Emma, wie sie die zwei Wochen Quarantäne in Island erlebt haben (eine Kindergärtnerin hatte sich infiziert) und wie sie als Single-Mama das Leben im Lockdown stemmt. Dann hören wir von Ines in Portugal, von ihrem Müßiggang als vierköpfige Familie und was sie an der Situation manchmal wirklich sorgt.

Emma Aslaug lebt in Islands Hauptstadt Reykjavik mit ihrer fünf Jahre alten Tochter Elva. Sie hat hier schon mal davon erzählt, wie es ist, in Island ein Kind zu bekommen. Heute berichtet sie uns von ihrer Zeit in der Corona-Pandemie:

„Die Liebe trägt uns durch den Tag“ – 24/7 allein mit Kind

„Und was machen wir dann, Mama?“ Das ist die große Frage, die ich mehrmals täglich zu hören bekomme. Sie bezieht sich nicht auf das Leben nach der Corona-Krise, sondern ganz elementar auf den Moment nach dem Jetzt.
Meine fünfjährige Tochter Elva Klara und ich befinden uns seit vielen Tagen in Quarantäne. Eine Kindergärtnerin, die in allen Gruppen teilweise beschäftigt war, ist an Covid-19 erkrankt. Das hat dazu geführt, dass der ganze Kindergarten geschlossen wurde und alle Kinder und Mitarbeiter für 14 Tage in Quarantäne mussten. Glücklicherweise geht es der Kindergärtnerin schon wieder besser und soweit ich weiß, ist auch niemand anderes erkrankt.
Elva war sehr traurig, dass sie nun erstmal nicht mehr mit ihren Freundinnen spielen durfte. In unserem Haus leben noch zwei weitere Familien mit Kindern, davon ist ein Mädchen auch im gleichen Kindergarten. Schrägerweise darf diese Familie mit vier Kindern zur Hälfte noch alles ganz normal machen. Nur die Mutter und das Mädchen sind formell in Quarantäne.

Ein enorm verlängertes Wochenende

Doch schon bald hat sich Elva an den neuen Status gewöhnt. Wir schauen die isländischen Kindernachrichten und ich erkläre ihr, was es mit dem Virus auf sich hat und wie man sich am besten davor schützen soll. Sie versteht das alles schon recht gut, mit ihren fünf Jahren. Wir versuchen unsere Routine weitestgehend einzuhalten. Es ist im Grunde wie ein enorm verlängertes Wochenende, nur dass wir uns eben nicht mit anderen treffen.

Wir leben zum Glück inmitten wunderschöner Berge und nahe beim Meer. Jeden Tag fahren wir raus in die Natur und machen kleinere Spaziergänge. Eine Fünfjährige zum Laufen zu bewegen ist nicht immer einfach, und obwohl sie sich nun angewöhnt hat, lange und ausgiebig auf dem Sofa rumzuhüpfen, ist ihre Energie an der frischen Luft plötzlich verpufft – und sie stöhnt oftmals nur leidend hinter mir her. Es kostet viel Überredungskunst und Geduld, um ein paar hundert Meter zu überwinden. Irgendwann geht es dann wie von selbst, und sie empfindet Freude an der Bewegung.

Abenteuer in der isländischen Natur

An unserem ersten Spaziergang bin ich mit ihr zum Mosfell-Berg gefahren. Es ist im Vergleich zu den anderen Bergen ringsum, eher eine Art großer Hügel, aber doch wohl mehr ein Berg. Dort steuerte sie gleich auf die erste Spitze zu, geradeaus über einen steilen Schotterhang und Schnee. Oben angekommen jubelten wir beide unsere Freude in die Welt hinaus. Nur der Abstieg war nicht leicht. So geht es mir oft bei Wanderungen in der isländischen Natur. Wenn man ein bisschen vom Weg abkommt, erscheint alles plötzlich unheimlich, und jeder Tritt geht durch unsichereres Gelände.
Um uns herum war weiß verschneite Bergwelt, ein scharfer Wind pfiff und der kalte Schnee wirbelte uns ins Gesicht. Ich kam mir ein bisschen vor wie Reinhold Messner, und schämte mich, dass ich mein Kind in so arktische Gefilde geführt hatte. Am Ende blieb uns nichts anderes übrig, als auf dem Hosenboden den steilen Abhang hinunterzurutschen. Als ich schon zu Elva meinte, jetzt haben wir es geschafft, und wir fröhlich weiterlaufen wollten, fiel sie hin und schlug sich das Knie böse an einem spitzen Stein an. Sie weinte jämmerlich und ich musste sie tragen. Da kam ein Wanderer des Weges, der seine Hilfe anbot. Doch ich musste ihm zurufen, dass wir in Quarantäne sind und er bitte nicht näher kommen soll. Solche Erlebnisse sind seltsam und bisher neu für mich. Mitmenschen sollen auf einmal gemieden werden – weil man sich selbst und sie schützen will. Ein Zustand, an den wir uns alle wohl erst noch gewöhnen müssen. Obwohl ich das ganz und gar nicht möchte.

Wir tanzen fast jeden Tag. Elva wird eine immer bessere Tänzerin und sie liebt es sich dazu schick anzuziehen. Einmal hat sich mich dazu überreden können, es auch zu tun. Und gemeinsam feierten wir eine kleine exklusive Tanzpartie mit Seidenkleidern, Lippenstift und hohen Schuhen. Es war ein großer Spaß.

Die Liebe trägt uns durch den Tag

Eigentlich ist die Quarantäne jetzt schon um, aber ausgerechnet am ersten Tag der neu gewonnen Freiheit bin ich krank geworden, hatte Husten, Halsweh und fühlte mich einfach nur schlapp und krank. Seither sind wir wieder nur zu Hause und waren nur zweimal draußen, um etwas einzukaufen. Ich will kein Risiko eingehen, da ich nicht weiß, ob es SARS-CoV-2 ist, oder doch nur eine ganz normale Erkältung. Um mich testen zu lassen, bin ich wohl nicht krank genug. Ich bleibe also in der Grauzone und behandele mich mit Tees und Gesundheits-Meditation. Das wirkt ganz gut. Yoga und Meditation helfen mir gerade ungemein, um geerdet und positiv zu bleiben. Und das bezaubernde Lachen und die Liebe meines Kindes. Ich habe mich oft in meinem Leben allein gefühlt, und sehne mich immer noch nach einem Mann an meiner Seite, aber so geborgen wie dieser Tage habe mich selten gefühlt. Wir sind eine Einheit und wir lieben uns. Die Liebe trägt uns durch den Tag und durch diese Zeit mit all den beunruhigenden Nachrichten.

Am meisten vermissen wir Opa Orri, meinen Vater, der nun schon seit drei Wochen nicht mehr seine geliebte Enkeltochter in den Arm schließen durfte. Jeden Tag telefonieren wir mit Video über Whatsapp und erzählen uns von unserem Leben – viel gibt es nicht zu berichten. Aber es ist gut, sich zu sehen und zu sprechen. Auch mit meiner Schwester in Deutschland halte ich viel Kontakt. Und Elvas Vater meldet sich auch regelmäßiger via Skype. Grundsätzlich verbringen wir noch mehr Zeit vor dem Bildschirm als zuvor. Ich um mit Freunden zu kommunizieren, Nachrichten zu lesen und für stumpfsinniges Scrollen in sozialen Netzwerken. Es ist nicht einfach, die richtige Balance zu halten. Besonders wenn man 24/7 allein mit seinem Kind ist. Manchmal muss man sich ein paar Stunden Zeit für sich selbst, damit „erkaufen“, dass das Kind eben „Fernsehen“ auf meinem Handy gucken darf. Einen Fernseher haben wir nämlich nicht.

Herausforderungen im Job & Alltag

Ich arbeite als Travel Agent bei einem isländischen Reiseveranstalter, einem kleinen Familienunternehmen. Die Reisebranche ist besonders stark von der Corona-Krise betroffen. Es gibt viele Stornierungen und unsichere Kunden, die fragen, wie die Aussichten für den Sommer sind. Wir hoffen das Beste, aber genau sagen kann keiner wie es sich entwickeln wird. Nach der Quarantäne wurde ich mit allen anderen Kolleginnen auf 25% Arbeitszeit runtergestuft, die restlichen 75% zahlt erstmal vorübergehend der Staat. Einen Tag die Woche kommt jede von uns ins Büro, um für vier Stunden das Telefon zu besetzen, alles weitere wird im Homeoffice erledigt. Es ist ein schwerer Schlag für den Tourismus in Island – der erst seit ein paar Jahren, noch vor dem Fischfang, zum wichtigsten Wirtschaftszweig avanciert ist. Ich hoffe sehr, dass die kleineren Unternehmen, wie Gästehäuser, Farmhotels, Tourenführer oder Reiseveranstalter wie wir, die Krise einigermaßen unbeschadet überstehen.

Trotz all der Ungewissheit darüber, wie die nähere Zukunft aussehen wird, behalte ich eine weitestgehend entspannte Haltung und gewinne unseren Tagen zu Hause viel Gutes ab. Aber mein Tempo ist ein anderes, ich lasse mich leicht ablenken, trotz der Zeit, die ich jetzt in der Theorie habe, schaffe ich es nicht, jeden Tag Yoga zu machen, obwohl ich gerade eine Ausbildung als Yogalehrerin mache, und ich schaffe es auch nicht dafür so zu lernen, wie ich es sollte. Mein Kind fordert viel Aufmerksamkeit ein. Es gelingt uns alles ganz gut, aber wenn ich sie gegen halb neun ins Bett bringe, lege ich mich oft völlig ermüdet dazu und schlafe mit ihr ein.


Positives durch die Krise

Bei meiner Tochter sehe ich viele gute Entwicklungen. Sie scheint die viele Zeit mit Mama zu genießen. Sie sucht meine Nähe und möchte viel „Schmusi“ machen, sie lacht oft und ist lernbegierig. Ihr größter Wunsch ist es nun, lesen und schwimmen zu lernen. Ersteres schaffen wir vielleicht bevor die Krise zu Ende geht. Letzteres erst danach, wenn die Schwimmbäder wieder öffnen. Ich bin dankbar für die gemeinsame Zeit, ein unverhofftes Geschenk in extremen Umständen. So viel intensives und glückliches Zusammensein mit meinem Kind hatte ich zuletzt in der Elternzeit. Ich hoffe, dass viele Eltern diese Zeit ähnlich positiv mit ihren Kindern erleben und dass wir ihnen ein Grundvertrauen mitgeben können, dass auch weltumspannende Krisen kein Weltuntergang sind, sondern dass darin der Keim für etwas Neues und Gutes liegen kann.

Islands Umgang mit Corona

Hier werden sehr viele Tests gemacht, und die Nachverfolgung der Ansteckungswege ist ein Hauptaugenmerk der Gesundheitsbehörden. Die private Firma Decode Genetics, die vom Isländer Kári Stefánsson gegründet wurde, hat sich dem Staat helfend zur Seite gestellt, um Tests durchzuführen und damit herauszufinden, wie groß die tatsächliche Verbreitung des Virus ist. Weitere wichtige Informationen zu Zahl der Infizierungen und Quarantänemaßnahmen finden man unter www.covid.is. Vor ein paar Tagen ist eine App herausgekommen, Rakning C-19, die neue Maßstäbe im Hinblick auf den Umgang mit persönlichen Daten setzt. Aber die Isländer haben als kleines Volk einen sehr vertrauensvollen Umgang damit. Die App zeichnet mit der Erlaubnis der Benutzer die Bewegungen von Personen und ihre Nähe zu anderen Personen auf. Auf diese Daten können die isländischen Gesundheitsbehörden zugreifen, aber nur dann, wenn bei jemandem das COVID-19-Coronavirus diagnostiziert wurde und der Nutzer der App ein zweites Mal seine Zustimmung gibt. Die Informationen werden nicht zentral gesammelt, sondern auf den Telefonen der Benutzer aufgezeichnet und nach 14 Tagen selbst gelöscht.

Meiner Meinung nach geht die isländische Regierung gut mit der Krise um, agiert besonnen und nachvollziehbar. Die Unterstützung der Bevölkerung für die Maßnahmen ist sehr hoch,. Viele verspüren aber auch Angst, und Depression, Alkoholkonsum und häusliche Gewalt steigen an. Aber es gibt auch viele gute Initiativen, Freiwillige rufen ältere und alleinstehende Menschen an, Angehörige besuchen ihre Verwandten vor den Altenheimen und halten kleine Musikkonzerte. Ehemalige Krankenpfleger, darunter auch meine Chefin, schreiben sich freiwillig wieder für den Krankendienst ein und viele Menschen gehen hinaus in die Natur, um sich zu bewegen und Körper und Geist in Balance zu halten. Oft habe ich in den letzten Tagen in der Zeitung gelesen, dass die Isländer es gewöhnt sind, in widrigen Situationen, wie Vulkanausbrüchen, Stürmen oder anderen Naturgewalten besonders gut zusammenzuhalten und agieren zu können. Das kann ich bestätigen und ich glaube, dass sich Island nach der Krise schnell wieder neu aufstellen wird.

Für die Zukunft des Tourismus und der Welt allgemein wünsche ich mir, dass das Bewusstsein für den Klimawandel in den Vordergrund rücken wird und wir alle gemeinsam, Wege finden werden, das Leben auf unserem Planeten für uns und die kommenden Generationen lebenswert und in Einklang mit der Natur zu gestalten. Das ist für mich persönlich jetzt schon die wichtigste Zielsetzung, die ich aus der Krise gelernt habe.

In Portugal herrscht momentan Ausnahmezustand, auch wenn das Land von der Krise nicht so hart getroffen wurde wie das Nachbarland Spanien. Schon früh hat die Regierung dazu aufgerufen, zu Hause zu bleiben und die Portugiesen halten sich daran. Ines hat vor einiger Zeit schon mal aus Portugal berichtet, nun erzählt sie uns von ihrem Alltag in der Pandemie mit ihrem Mann und den zwei Kindern.

Das Leben in Zeiten von Corona – Portugal

Diesen Text schreibe ich an einem Ort, an dem ich zu dieser Zeit, dieser merkwürdigen Corona-Zeit, auf keinen Fall sein wollte: im Wartezimmer eines Gesundheitszentrums. Ich bin die einzige, die hier sitzt. Aber nicht wegen grippeähnlicher Symptome, sondern wegen eines Zeckenbisses. Begrüßt werde ich mit der Anweisung, mir die Hände gründlich zu desinfizieren, mir
Schutzfolien über die Schuhe zu ziehen und ich bekomme eine Maske. Alle tragen Schutzbekleidung, viele Bereiche sind abgesperrt, bei jedem, der hereinkommt, wird Fieber gemessen. Noch nie war so wenig los hier, noch nie hat es so lange gedauert, bis ich drankam. Die Stimmung ist irgendwie merkwürdig, aber nicht schlecht. Alle wirkenmitgenommen von der Situation, alle versuchen, irgendwie das Beste daraus zu machen. Als ich drankomme, läuft im Behandlungszimmer Chill-out-Musik. „Sonst werden wir hier noch wahnsinnig“, sagt die Ärztin.

Aber von Anfang an: Hallo erstmal! Ich bin Ines. Vielleicht kennt ihr mich noch aus der Kinderhaben anderswo“-Reihe hier auf Littleyears. Damals habe ich beschrieben, wie das Leben mit Kindern in Portugal ist. Drei Jahre ist das schon wieder her – Wahnsinn! Seit acht Jahren lebe ich mittlerweile in Portugal, zuerst in Lissabon, vor knapp drei Jahren sind wir, mein portugiesischer Mann, ich, und unsere beiden Kinder Noah (5) und Matilda (3) aufs portugiesische Land gezogen, 20 Kilometer nördlich von Lissabon. Wir haben hier ein Haus mit einem riesen Grundstück – und selten war ich so dankbar dafür, wie jetzt grade.

Die Welt da draußen

Zurück in die Welt da draußen: Am 18. März hat Portugal den Nationalen Notstand ausgerufen. Seit der Verlängerung um zwei Wochen letzten Mittwoch wurden die Maßnahmen noch einmal verschärft: Mittlerweile werden auf den Straßen Polizeikontrollen
durchgeführt und man wird befragt, wohin man unterwegs ist. Am Osterwochenende darf man seinen Landkreis nicht verlassen; damit sollen Familienfeiern verhindert werden. Auch die Strände sind mittlerweile zur Sperrzone erklärt worden. Die Ausgangssperre wird hier trotzdem nicht so streng gehandhabt wie in anderen Ländern. Man darf spazieren gehen, einkaufen so oft und wo man möchte und muss auch keinen speziellen Schein mit sich führen. Schulen, Kindergärten, fast alle öffentlichen Einrichtungen und Kulturstätten wurden schon Mitte März geschlossen, wann sie wieder öffnen, weiß niemand.

Auch hier gehen viele davon aus, dass bis zu den Sommerferien eventuell alles geschlossen bleiben wird. Seit dem 11. März bin ich mit den Kindern jetzt schon zu Hause, mein Mann, der ein Restaurant in Lissabon hat, seit dem 16. März. Außer Supermärkten, Apotheken und Baumärkten hat so ziemlich alles geschlossen. Ein paar Cafés verkaufen durch das Fenster, Bäckereien haben bis jetzt noch geöffnet. Überall ist streng reglementiert, wie viele Personen auf einmal ins Innere eines
Geschäfts dürfen, deshalb bilden sich teilweise lange Schlangen vor den Supermärkten. Für Mitarbeiter im Gesundheitsdienst und alte Menschen gibt es in manchen Supermärkten gesonderte Öffnungszeiten. Einige tragen Masken und Handschuhe, andere halten noch nicht mal den Mindestabstand von 1,5 Metern ein. Insgesamt finde ich aber, dass sich die Portugiesen ziemlich an alle Vorschriften halten, die die Regierung gemacht hat. Schon vor Ausrufung des Notstands waren die meisten in freiwilliger Isolation, seit der Ausgangssperre fast alle. Zumindest in unserem Freundeskreis war von Anfang an eigentlich allen klar: Stay home!

Die Stimmung – relativ positiv

Die Stimmung insgesamt empfinde ich als relativ positiv. Der Staat hat finanzielle Hilfe für Unternehmen in Aussicht gestellt, Kreditzahlungen werden erstmal ausgesetzt, es gibt Unterstützung für Eltern, die wegen der Kinderbetreuung nicht arbeiten gehen können. Es gibt hier das so genannte „Layoff“, vergleichbar mit der Kurzarbeit in Deutschland. Dabei übernimmt der Staat 70 % des Gehalts, der Arbeitgeber stockt auf. In diesem Modell befinden sich jetzt sehr viele Arbeitnehmer, der Rest arbeitet im Home-Office.Wie es für Selbstständige aussehen wird, ist noch nicht klar. Vielen unserer Freunde, die selbstständig arbeiten, sind erstmal alle Aufträge flöten gegangen und sie haben sich arbeitslos gemeldet. Andere wissen nicht, wann und ob sie wieder Gehalt bekommen werden. Noch ist die Stimmung aber ganz gut, jeder versucht, die Zeit für sich sinnvoll zu nutzen.

Was kommt dann?

Auch für das Restaurant meines Mannes wird sich irgendwann die Frage stellen, wie es weitergeht. Das Restaurant lief glücklicherweise sehr gut, deshalb müssen wir uns diesbezüglich erstmal keine Sorgen machen. Aber momentan kann man so gar nicht absehen, wann und ob sich der Normalbetrieb wieder einstellt. Ich selbst habe zwei Jobs: Ich bin Flugbegleiterin bei einer großen Fluggesellschaft in Deutschland und arbeite als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache in Portugal. Auch ich bin erstmal in Kurzarbeit, zunächst bis Ende August. Das heißt natürlich auch: Gehaltseinbusen. So ziemlich alle Flüge wurden erstmal eingestellt. Nur ein paar wenige Rückholflüge im Auftrag der Bundesregierung werden momentan durchgeführt. Als ich meinen Einsatzplan für April bekommen habe, war das schon ein sehr seltsames Gefühl: Er war komplett leer. Letzte Woche war ich kurz am Flughafen in Lissabon. Als ich dort ankam, wurde mir schon kurz anders: Der Parkplatz: leer. Alle Geschäfte: zu. Nur eine Tür ist geöffnet, da stehen Polizeibeamte und fragen, wo ich hinwill.

Zum ersten Mal befällt mich so etwas wie Zukunftsangst.

Schnell zurück nach Hause! Zum ersten Mal seit der Krise frage ich mich: Wird es jemals wieder so, wie es war?

 

Home-Office

In den ersten beiden Wochen nach Ausrufung des Notstands habe ich auch nicht unterrichtet. Ich unterrichte hauptsächlich in Firmen und alle mussten sich erstmal umstellen, sich auch mental auf die Erfahrung „Home-Office“ einlassen – auch ich. Mittlerweile unterrichte ich fast mehr als vor Corona, täglich habe ich mehrere Schüler. Statt im Businessanzug sitzen meine Schüler jetzt im Jogginganzug vor der Kamera, ich habe alle Kinder meiner Schüler kennengelernt, weil jedes mindestens
einmal vor die Kamera geflitzt ist. Und meine Kinder kennen jetzt auch alle. Ich freue mich natürlich sehr, dass es mit dem Unterrichten so gut klappt. Es tut gut, etwas zu tun zu haben. Aber ein ganz kleines bisschen vermisse ich auch die ersten zwei Wochen, in denen wir einfach alle in den Tag hineingelebt haben.

Unterstützung von der Kita

Unsere Kita schickt jeden Tag eine E-Mail mit einem Vorschlag, was man an diesem Tag mit den Kindern machen könnte, die Mitarbeiterinnen lesen abwechselnd jeden Tag eine Geschichte vor oder singen ein Lied und schicken dann ein Video. Das lieben die Kinder. Manchmal machen sie auch Videos für ihre Freunde, die wir dann in unserer Facebook-Gruppe verschicken.

Unsere kleine heile Welt…
Bei uns zu Hause ist die Welt eigentlich ziemlich in Ordnung, sogar echt wunderschön meistens.

Das Wetter war die meiste Zeit herrlich, wir sind sehr viel draußen, genießen es, dass wir so viel Platz haben und ich freue mich täglich, dass wir unser eigenes Obst und Gemüse haben – das fühlt sich vor allem in dieser seltsamen Zeit schön beruhigend an. Irgendwie ist alles so schön entschleunigt. Es ist toll, alles ganz in Ruhe machen zu können. Dinge, die mich vor Corona gestresst hätten, Situationen, in denen ich mit den Kindern genervt gewesen wäre, weil etwas nicht schnell genug geht, sind jetzt auf einmal gar kein Thema mehr. Wir haben nicht bewusst eine Routine aufgestellt, aber wir hatten auch vor Corona nie
einen strengen Tagesablauf, sondern haben immer eher spontan entschieden, worauf wir Lust haben. Einige Dinge haben sich jetzt aber von alleine zu einer Art Routine entwickelt. Zum Beispiel machen wir alle zusammen jeden Morgen Yoga im Garten. Ich habe das früher gemacht, dann ganz lange nicht mehr und es ist toll, jetzt wieder dahin zurückzukehren. Abends machen wir oft nochmal einen Spaziergang, mein Mann und ich ziehen beide die Laufschuhe an, die Kinder nehmen die Räder und dann joggt einer von uns, der andere bleibt bei den Kids, dann tauschen wir und wo weiter. Das macht allen richtig Spaß und jeder fühlt sich gut danach.


Es hat sich auch so ergeben, dass wir jeden Tag etwas Kreatives machen, irgendetwas malen oder basteln oder sägen.
Ansonsten machen die Kinder einfach bei vielem mit: Streichen, Socken sortieren, Fenster putzen. Win-win für alle, würde ich mal sagen. Was auch richtig positiv ist an dieser Zeit: Unser Garten war noch nie so ordentlich! Unsere Pflanzen wurden noch nie so gehegt und gepflegt, die Terrasse hat schon einen neuen Anstrich bekommen, das Balkongeländer, ein Zimmer.
Die Kleiderschränke sind ausgemistet, die Abstellkammer auch. Ah, und wir haben endlich Zeit, an der Website für unser eigenes kleines Unternehmen zu arbeiten. Bis diese fertig ist, freuen wir uns total, wenn ihr auf unserem Instagram Account vorbeischauen möchtet.

So war es noch am Anfang. Seitdem ich so viel unterrichte, hat sich das wieder ein wenig verändert. Auch bei uns hängt mittlerweile ein Plan mit meinen Unterrichtsstunden am Kühlschrank. Dadurch ist automatisch auch wieder mehr Routine in den Tagesablauf gekommen. Auch irgendwie gut!

…aber natürlich nicht immer!

Oft ist diese Zeit, die uns hier geschenkt wird, also sehr schön. Aber natürlich nicht immer! Es gibt klar auch Momente, da nervt alles einfach nur noch.

Manchmal habe ich ein kleines Tief, dann geht mir viel im Kopf rum, manchmal mein Mann. Zum Glück nie gleichzeitig. Dadurch können wir uns gegenseitig ganz gut auffangen oder dem anderen einfach mal Zeit für sich geben. Die Kinder vermissen oft Oma und Opa und fragen, weshalb wir nicht zu ihnen gehen können. Wir haben ihnen erklärt, dass draußen ein Virus herumgeht und dass dieser für manche Menschen gefährlich sein kann. Dann haben wir den Virus gezeichnet und uns überlegt, welche Farbe er wohl hat. Wenn jemand hustet oder niest, rufen jetzt alle: MURO! Das heißt “Mauer” und damit ist gemeint, dass sie sich den Arm vor den Mund halten. Dann fliegt der Virus gegen die Mauer und kann nirgendwo mehr hingehen.

Vor ein paar Tagen ist mitten am Tag, im schönsten Sonnenschein, auf einmal ein Kleinlaster vorgefahren, zwei Männer, komplett in Schutzanzügen vermummt haben etwas auf den Boden gesprayt, vor jedem Haus. Ich bin auf die Straße gerannt, weil ich zuerst dachte, das wären Pestizide oder so und hab gebrüllt, dass sie sofort damit aufhören sollen. Es war aber Bleichmittel. Zum Desinfizieren. Auftrag der Gemeinde. Und wir wohnen wirklich in der Pampa, hier stehen genau fünf Häuser. Ob die Coronaviren wohl hier in unserer Hofeinfahrt in der Sonne liegen? Ich weiß ja nicht.. Da dachte ich, dass wir jetzt endgültig im Science-Fiction-Film angekommen sind. Ein schönes Gefühl war das nicht.

Vai ficar tudo bem!

Irgendwie fühlt es sich ein bisschen an, wie als Kind während der langen, langen Sommerferien. Es ist ein bisschen langweilig, man weiß nicht immer so richtig, was man mit der ganzen vielen freien Zeit anfangen soll. Man genießt, manchmal geht man
sich ein wenig auf die Nerven, entdeckt neue Hobbys oder alte neu, wird müßig, schaltet einen Gang zurück. Irgendwie fehlt die Routine, aber es ist auch schön, so in den Tag hineinleben zu können. Und man ist ein wenig aufgeregt, weil man weiß, dass
die Ferien irgendwann zu Ende sein werden. Und man weiß noch nicht genau, ob man sich darüber freuen soll oder nicht und vor allem weiß man nicht, was dann kommt. Bis es so weit ist, malen wir weiter Regenbogen, diese Initiative gibt es nämlich auch hier: Vai ficar tudo bem – Alles wird gut.

 

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