Corona anderswo – Berichte aus England und Norwegen

17. April 2020 | in Alltag

Wie jede Woche berichten auch diese Woche Expat-Familien aus aller Welt, wie es ihnen so geht und wie das Land, in dem sie leben, mit der Corona-Pandemie umgeht. Mir geht es so, dass ich ab und zu vergesse, dass das gerade wirklich eine weltweite Krise ist. Ich blende es aus – und dann fällt es mir wieder ein. Überall auf der Welt sind Menschen gerade in Quarantäne – jedes Land hat mit der Krise zu tun…

Den Anfang macht heute Emilie, die seit acht Jahren in Südnorwegen lebt.

Hei! Vor 6 Wochen kam unser jüngstes Familienmitglied zur Welt, vor Corona, und vor dem Virus der unser aller Leben so verändern würde.
Der 12. März wird uns allen in Erinnerung bleiben, als der Tag, an dem der norwegische Staat zum ersten Mal seit Kriegszeiten den Alltag und das Leben von Millionen von Norwegern mit Maßnahmen derart beeinflussen und beschränken würde.
Es begann damit, dass die Kindergärten und Schulen am 12. März schlossen. Wenige Tage später auch Friseure, Physiotherapeuten und andere Institutionen mit Patienten oder engem Kundenkontakt. Und eine Kurzarbeitswelle überrollte das Land. Viele haben ihren Job bereits verloren, man fürchtet den Totalkollaps der norwegischen Wirtschaft. Wer kann und noch Arbeit hat, soll im Homeoffice arbeiten. Schüler werden online unterrichtet. Auch unser Kindergarten schickt jeden Morgen ein Youtube-Video an alle Eltern – mit einem 10 minütigem Programm aus Liedern, Geschichten und Bastelanleitungen.

Niedrig besiedelt – ein großer Vorteil

Wir dürfen hier in Norwegen aber noch raus und uns in kleinen Gruppen bis zu 5 Personen treffen. Auch die Spielplätze sind nicht abgeriegelt. Dadurch, dass die Bevölkerungsdichte in Norwegen relativ gering ist, kann man hier jenseits der Ballungsgebiete (Oslo, Bergen, Trondheim usw.) noch gut in der Natur spazieren gehen, ohne auf Massen von Menschen zu treffen.
Die Norweger schauen voller Verwunderung auf unseren Nachbarn und “Bruder” Schweden, der ja eine völlig andere Linie gefahren ist, jetzt aber auch merkt, dass die Zahlen der Infizierten und Toten ansteigt und versucht, zu härteren Massnahmen zu greifen.
Bei uns sind derzeit 6905 Coronakranke registriert. Die Dunkelziffer liegt womöglich höher, da nicht jeder getestet wird (nur Gesundheitspersonal oder die als Risikopatienten gelten und Symptome haben). Derzeit hat Norwegen 157 Todesopfer registriert.

Eine besondere Situation…

Wir als Familie sind in einer besonders speziellen Situation. Wie gesagt: vor vier Wochen kam unser zweites Kind zur Welt, per Kaiserschnitt. Entlastung durch Familienmitglieder aus Deutschland war fest eingeplant. Nun sind die Grenzen dicht, der geplante Besuch ist abgesagt. Wir sind völlig auf uns allein gestellt. Mein Mann hat einen Lebensmittelladen und arbeitet täglich an vorderster Front. Ich sitze mit Neugeborenem und Kleinkind zu Hause und hoffe jeden Tag, dass mein Mann das Virus nicht mitbringt. Die Nachsorge durch Hebamme und Gesundheitspersonal findet kaum, und wenn nur online oder am Telefon, statt. Beängstigend – speziell für die, die zum ersten Mal Eltern werden.

Ich bin dennoch guten Mutes und voller Zuversicht. Sowohl mein Mann und ich haben Arbeit und müssen keine Entlassung fürchten. Ich arbeite für den Staat, bin aber derzeit in Elternzeit, mein Mann ist wie gesagt im Lebensmittelhandel selbstständig. Vielen geht es wesentlich schlechter, wobei der norwegische Staat unterstützt und aushilft, wo er nur kann. So bekommen viele Eltern, die aufgrund der Kinder nicht in die Arbeit können, Betreuungsgeld.
Auch hilft mir der Solidaritätsgeist in der norwegischen Gesellschaft, über Nacht wurden über Facebook zahlreiche Selbsthilfe-Gruppen gegründet, in der Leute Einkaufshilfe, Fahrdienste oder einfach ein offenes Ohr anbieten. Wir sind alle im gleichen Boot und dadurch fühlt man sich schon weniger allein. Es gibt ein richtiges “Wir-Gefühl”. Bei Norwegern steht freiwillige Arbeit sowieso an erster Stelle, “Dugnad” nennt man dies auf norwegisch und das ist speziell in diesen Zeiten sehr zu spüren.
Ich vermisse daher Deutschland nicht mehr als sonst auch, fühle mich hier in Norwegen eigentlich recht gut aufgehoben, auch wenn mir die fehlenden Ressourcen in den norwegischen Krankenhäusern doch etwas Angst machen.

Nun geht es weiter…

Am 20. April sollen nun die Kindergärten und Einrichtungen des Gesundheitswesens wieder öffnen. Auch Psychologen und Physiotherapeuten dürften dann wieder arbeiten, Friseure sollen folgen – und danach sollen schrittweise alle Schulen, Hoch- und Fachschulen wieder öffnen. Viele Eltern in Norwegen sehen dies sehr skeptisch. Es sollen die genauen Sicherheitsvorkehrungen der Kindergärten und Schulen präsentiert werden, wir werden diese abwarten – und dann eine Entscheidung für unsere Familie treffen.

Und zudem berichtet heute noch Anna aus England! Ihr kennt sie bereits, sie lebte vor einigen Jahren noch in Singapur und hat damals auch schon hier aus ihrem Leben berichtet. Danke Anna, dass du das nun wieder tust!

Nach 3,5 Jahren in Singapur leben wir jetzt seit mehr als 1,5 Jahren in Newcastle, im Norden von England.
Ein großer Kontrast, von der 6 Millionen Metropole in Asien in eine Kleinstadt in Europa. Ehrlich gesagt kannte ich Newcastle vorher nicht und bin bei der Google-Suche erstmal in Australien gelandet, haha! Leider ist das Wetter hier deutlich kälter als im australischen Newcastle… Aber die fast kitschig schöne Natur, liebenswerte, freundliche Menschen und guten Lebenshaltungskosten sind einige Gründe, warum wir hier mittlerweile sehr glücklich sind.
Einer der wesentliche Unterschiede zu Singapur und Deutschland ist allerdings, dass wir uns hier von Anfang an medizinisch nicht gut aufgehoben gefühlt haben.
Und das war auch schon vor der Pandemie so. Selbst wenn wir krank waren, haben wir uns den Besuch beim Allgemeinarzt gespart, denn mehr als Paracetamol haben wir eh nie verschrieben bekommen, egal bei welcher Erkrankung. Das – oder Abwarten war immer die Empfehlung.

Das Gesundheitssystem NHS (national health service), das hier im Land für alle kostenlos ist und auf das die Briten sehr stolz sind, funktioniert in meinen Augen nicht.
Es ist eine schöne Idee, aber der NHS ist schon seit Jahren chronisch unterfinanziert, mit einem Rückstand, den das Land jetzt sehr stark trifft.
Darüber hinaus fehlt es, verstärkt durch den Brexit, an medizinischem Fachpersonal. Was bringt es da, wenn sich ca 750.000 Freiwillige melden, um dem NHS in der Corona-Krise kurzfristig zur Seite zu stehen. Es fehlen wichtige Ressourcen wie Intensivbetten mit Fachpersonal, Schutzausrüstung und Test-Kapazitäten. England liegt mit ca 4.000 Intensivbetten an letzter Stelle im europäischen Ranking und getestet wurden, Stand heute knapp 417.000 – in Deutschland im Vergleich 1.730.000. Momentan heißt es, dass 103.000 Menschen positiv getestet wurden – die Dunkelziffer dürfte viel höher sein.

Uns beunruhigt jeden Tag aufs Neue zu sehen, wie unterschiedlich England im Vergleich zu anderen Ländern in Europa mit der Pandemie umgeht – oder eben nicht umgeht.
Anfänglich setzte die Regierung noch auf Herdenimmunität und verlor dadurch wichtige Wochen und Zeit, zu reagieren.
Ich frage mich, ob nach der Erkrankung von Boris Johnson irgendetwas geändert wird, oder ob das Missmanagement weiter geht. Hoffnung habe ich aber leider nicht.
Aktuellen Schätzungen des IHME in Seattle zufolge wird es kein Land in Europa so stark treffen wie England.

Eine bewusste Entscheidung, hier zu bleiben

Da mein Mann für einen deutschen Konzern arbeitet und auch aus München, unserer Heimatstadt, zumindest temporär arbeiten könnte, haben wir intensiv überlegt, wo wir in dieser Zeit am besten aufgehoben sind bzw. diese am besten verbringen können. Trotz des Gesundheitssystem und im Hinblick auf einen Lockdown haben wir uns entschieden, hier zu bleiben.

Wir sind in der glücklichen Situation, in einem Haus mit großem Garten zu wohnen. Mein Mann arbeitete zuvor schon gelegentlich von zuhause – jetzt konstant. Wir bekommen wöchentlich unsere Biokiste mit Obst, Gemüse und Milch vor dir Türe gestellt und auch alle anderen Dinge, die wir sonst im Supermarkt oder beim Metzger kaufen würden, haben wir auf Lieferungen umstellen können.

Die Kinder hatte ich bereits eine Woche vor dem Lockdown schon aus der Kita genommen und seitdem verbringen wir die Zeit zusammen.
Sprich – wir befinden uns nun seit fünf Wochen in kompletter Selbstisolation und das ohne, dass es sich eingeengt oder eingesperrt anfühlt. Das eigene Zuhause macht es in so einer unsicheren Zeit deutlich einfacher. Und unser Garten ist gerade unser Goldstück – und gegen nichts einzutauschen.
Klar, wir mussten uns erst einpendeln, aber jetzt genießen wir die Tage. Ich bin froh, dass wir uns als Familie haben und meine Kinder sich als Spielkameraden.
Wir tollen herum, spielen fangen, pflanzen Blumen und Setzlinge ein, bauen unzählige Sandburgen oder suchen Würmer. Immer wieder fühlt es sich wie Urlaub an.

Emotional aufgewühlt

Aber das ist es natürlich nicht. Die ersten zwei Wochen unserer Quarantäne haben uns emotional schwer beschäftigt. Jeden Tag haben wir am Abend, wenn die Kinder im Bett waren, über die aktuelle Entwicklung gesprochen und wie wir uns verhalten sollen. Ob wir weiterhin hier bleiben, oder ob wir doch nach Deutschland gehen sollen. Wir haben den worst case durchgesprochen und abgeklärt, wie wir im Notfall nach Hause kommen – auch dann wenn es keine Flüge mehr gäbe. Denn eins ist uns klar: hier ein Krankenhaus betreten und auf das System angewiesen zu sein, kommt für uns, solange wir es noch selbst entscheiden können, nicht in Frage.

Mein ältester Sohn fragt mich immer wieder, wann denn „dieser Virus endlich vorbei sei?“ und er seine Freunde wieder sehen könne.
Durch das Leben im Ausland sind wir es gewohnt, unsere Familien hauptsächlich über den Computer zu sehen. Aber niemanden treffen zu können, ist speziell für die Kinder schwer.
Und im Moment fühlt es sich auch sehr surreal an: wir verbringen tolle Tage im Garten, spielen unbeschwert mit den Kindern, aber sehen jeden Tag wie die Zahl der Toten steigt, mittlerweile sind es über 14000 Tote. Und immer noch sind keine gravierenden Maßnahmen eingeleitet worden, die dem Land schnell und spürbar helfen würden.

Ich würde mir wünschen, dass der Staat eine Strategie kommuniziert, Maßnahmen mit Zielsetzungen, zum Beispiel eine Dezentralisierung von Tests, um diese maximal schnell hochfahren zu können, so wie das in Deutschland erfolgt ist. Mir fehlt auch die öffentliche Diskussion darüber, was man von Ländern wie Südkorea lernen kann, die mit der Situation augenscheinlich am besten umgehen. Mit einem um drei weitere Wochen verlängerten Lockdown und ohne Maßnahmen werden wir nicht in den Alltag zurückfinden, während das andere Länder bereits versuchen…

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