Am Ende des Tunnels: Nach den terrible twos und dem threenager-Jahr

22. December 2016 | in Alleinerziehen | Familie

Es waren seine Hände, die mir als allererstes an ihm auffielen: Pranken schienen sie zu sein. Groß und rot an diesem kleinen Körper. Der auch rot war, aber eben im Vergleich zu den Pranken eher klein. Die Hebamme nannte Julius bereits unter der Geburt einen Wonneproppen und so empfand ich ihn auch. Noch heute ist das so. Mit der Größe. Julius überragt in der Kita die Gleichaltrigen nahezu um einen Kopf.

Warum ich damit einsteige: Weil es im Wesentlichen beschreibt wie ich mein Kind auch dieser Tage allzu häufig begreife: groß. Und zwar nicht nur körperlich. Ich glaube mein Eindruck von seiner Körpergröße überträgt sich auch darauf, welche geistige Reife ich ihm beimesse. So trete ich als Mutter seit jeher recht unbedarft auf. Immer im Vertrauen, dass das schon alles wird – mit ihm. Lasse ihn laufen. Getreu dem Motto: packt der schon. Tut er meistens auch. Aber manchmal vielleicht auch, weil er keine Wahl hat, weil ich ihn in das Zutrauen hineinzwinge und er gelegentlich vielleicht doch schutzbedürftiger ist, als ich ihn behandle. Wobei: In der Regel weiß er sich durchaus Luft und Nähe von der Mama zu verschaffen, verweist er mich im Zweifel mit dem Hammer (oder der Kreischsäge) darauf, wenn gerade etwas so richtig daneben läuft.

Wie der Ochs vorm Berg oder die Mutter vorm Kinde

Und bei uns ist viel daneben gelaufen. Wie das so ist mit dem ersten Kind. Da wird viel herumexperimentiert. Klar bin ich in die Verantwortung, die Rolle hineingewachsen, die so ein Kind einem abverlangt, aber so richtig und eindeutig kann ich mich letztlich noch nicht verorten als Elternteil. Hier gibt es sicher Prinzipien, aber grundsätzlich ist ebenso nichts in Stein gemeißelt. Das, was da noch kommt, erlebe ich wie alle Erstlingsmütter schließlich zum ersten Mal. Ich kann insofern nicht vorhersehen, wie ich mit den einzelnen Situationen umgehe, geschweige denn Regeln dazu formulieren.

In meinem und Julius’ Fall ist es nun so, dass sich im vierten Lebensjahr vieles entspannt hat. Allerdings: nachdem es im zweiten, insbesondere aber im dritten Jahr hier zuweilen richtig rund gegangen ist. Ich bemühe dahingehend immer wieder gerne das Stichwort „Bossattitüde“. Da hat mitunter nicht nur das Kind geplärrt, saß ich manchmal am Rande der Verzweiflung und weinend neben dem kleinen Häufchen Elend. Abgenommen haben diese sehr existenziell anmutenden Krisen, seitdem ich meinen Sohn besser einzuschätzen weiß (kommt mit der Zeit), ich aber auch Probleme besser dechiffrieren kann, die zwischen mir und ihm bestehen. Denn: er ist nicht immer und alleine der Verursacher. Wir leben in einer Beziehung zueinander. Ich habe an seinem Verhalten genauso großen Anteil wie er an meinem.

Wir leben in Beziehungen zu anderen Menschen – auch zu unserem Kind

Keine Beziehung ohne Konflikte – zumindest nach den ersten rosaroten Monaten – und so habe ich manchmal fast den Eindruck, wir hätten uns in den vergangenen zwei Jahren und nach den Baby-Flitterwochen aneinander abgearbeitet, bzw. musste das Kind wohl oder übel in den Brunnen fallen, gar all die Unzulänglichkeiten seiner Mutter auf die Probe stellen, auf dass beide Personen daraus stärker hervorgehen. Denn genau das ist die Chance, die sich hinter jenem Alter verbirgt, die wir so despektierlich als terrible twos oder threenager begreifen. Hier wachsen nämlich nicht nur die Kleinen, sondern auch deren Erziehungsberechtigten über sich hinaus.

Nun tragen natürlich auch andere Faktoren dazu bei, dass es einfacher wird. Denn jene Konflikte, die ich oben angeschnitten habe, lassen sich mit einem Zweijährigen weniger gut austragen, als mit einem zwei Jahre älteren Kind. Vielleicht passt dahingehend das Bild der unausgesprochenen Bedürfnisse ganz gut. Denn letztlich ist es genau das. So ein Zweijähriger kann sich einfach seinen Bedürfnissen entsprechend und gegenüber uns noch nicht artikulieren. Da staut sich zuweilen wohl einiges an, ehe die Bombe platzt. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich mit Worten einfach nicht zu meinem Kind vorzudringen wusste, bzw. es nur allzu häufig unleidlich war, weil es mich wahrscheinlich schlicht missverstanden hat. Klassiker auch: die zerbrochene Banane als Spiegel frühkindlicher Sinnkrisen.

Das kooperierende Kind hat Bedürfnisse

Ich bin zutiefst davon überzeugt – und nennt mich ruhig Jünger, weil ich nun Jesper Juul anführen muss –, dass so ein Kind vor allem mit uns kooperieren will und dass die Konflikte im zweiten und dritten Jahr nicht wegen eines uns gegenüber grundsätzlich widerstrebenden Kindes entstehen, sondern weil sich dieses kleine Wesen zum ersten Mal als ein jemand begreift. Und zwar als ein jemand mit Bedürfnissen, die hier und da nun mal widersprüchlich zu dem sein können, was alle anderen um einen herum meinen.

Ich halte dahingehend auch nichts von Strafe und den ewigen „wenn-dann-Floskeln“. Ich stelle stattdessen immer wieder fest, wie viel effektiver – und ja, auch liebevoller – es ist, wenn ich mein Kind ernst nehme und mit ihm in den Dialog darüber gerate, welcher der beste Weg für uns ist. „Ha!“, ruft nun vielleicht der oder die andere. Die lässt sich kompromittieren. Aber ja sicherlich, würde ich wohl darauf begegnen. Wie ich es auch mit einem Erwachsenen täte und wie es übrigens auch unsere Kinder mit uns tun. Sie leben im Kompromiss. Alles andere nennt man Egomanie. Ich versuche meinem Kind also auf Augenhöhe zu begegnen. Sicher in dem Wissen, dass es mich als Navigation braucht, seine Grenzen zu erfahren, aber auch anerkennend, dass es sich bei meinem Sohn um einen unabhängigen Menschen handelt, der als solches in seinen Bedürfnissen auch respektiert werden will. Ich bin letztlich felsenfest davon überzeugt, dass Respekt nur erntet, wer selbst vermag, sein Gegenüber auch mit selbigem  zu behandeln.

Kuscheln als Annäherungstherapie

Mit einem Zweijährigen wiederum zu diskutieren, ist in der Regel natürlich Nonsens. Für mich und Julius hat stattdessen – und das ist bis heute so – Nähe als Angebot an mein kämpfendes Kind funktioniert. Ich habe ihm durchaus den Raum gelassen, sich selbst in seinen Emotionen zu regulieren, aber immer auch irgendwann die Arme ausgebreitet; Ihn an mich gedrückt, wenn er das schließlich wollte und solange er nicht wollte zumindest signalisiert, dass er jederzeit und egal mit welchem Gefühl bei mir willkommen ist. Das halte ich bis heute so und ich behaupte, dass es nur so funktioniert. Nämlich: wenn wir in die Beziehung zu unseren Kindern investieren, sie begreifen lassen, dass sie sich auf uns verlassen können und zwar genau auch dann, wenn sie sich entgegen unserer eigenen Bedürfnisse – etwa nach Ruhe – benehmen.

Diese Wesen sind nämlich vielleicht klein, deshalb doch aber nicht weniger respektabel und schon gar keine Menschen, die es gälte, zurecht zu biegen, qua unserer Erziehung immer wieder und wieder an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Ich glaube vielmehr, dass unsere Kinder sogar sehr fertig zu uns stoßen, bereits über alle essenziellen, auch emotionalen Anlagen verfügen und dass es eher darauf ankommt, uns nicht an ihnen zu vergehen. Zum Beispiel, indem wir immerzu in Konsequenzen denken, auch da, wo keine Notwendigkeit besteht, wir aber ob verkrusteter Erziehungsmodelle oder gesellschaftlicher Ansprüche meinen, auf das Kind einzuwirken, es zu maßregeln, es zu formen.

Diese, meine Annahme hat sich in den vergangenen Jahren und auf meinen Sohn und mich bezogen jedenfalls bewahrheitet. Je mehr ich insistiere und beharre, wo es nicht unbedingt notwendig ist, desto ärger gerät der Konflikt. Umso weicher, nachsichtiger ich wiederum mit meinem Sohn bin und umso nachvollziehbarer, weil kausal mein Verhalten ist, desto besser läuft’s mit ihm. Im Zweifel versuche ich mir vorzustellen, wie es mit einem Pubertierenden wäre, mit dem ich immer auf die Erziehungskarte gesetzt hätte. Ich glaube, spätestens im Jugendalter meines Kindes würde mich wahrscheinlich einholen, wenn ich in diesen sehr prägenden jungen Jahren vergessen hätte, was wesentlich ist: die Liebe, die Zuneigung, die Beziehung zu meinem Kind.

Und nun ihr! Seid ihr schon über die “wilden” Jahre hinaus oder wisst aus der akuten Situation heraus Ratschläge zu formulieren?

Kommentare