Alles kulturell bedingt – weltweite Unterschiede in Erziehungsdingen

09. September 2014 | in Familie | Gesellschaft | Parenting

IndienmitGirlAls ich mit Xaver in London war, sind mir mehrere kleine Dinge aufgefallen, die dort in Sachen Kindererziehung wohl ganz anders als in Deutschland laufen. Kinder werden zum Beispiel nicht, wann immer möglich, barfuß gelassen. Ich sah ganz ganz wenige Kinder ohne Schuhe, ein paar mit Socken, Xaver war auf Londons Spielplätzen oft der Einzige mit nackten Füßen. Als eine Mutter mich darauf ansprach, erfuhr ich, dass das einfach nicht so gang und gebe sei. “In Deutschland ist man überzeugt davon, dass der Fuß sich am besten barfuß entwickelt” erzählte ich ihr. “Ach, wirklich” sagte sie nur.

Kein Schnuller – aber an die Leine

Richtig viele Kinder sind in London “an der Leine”. Manche tragen einen kleinen Rucksack, an dem eine solche befestigt ist, viele ein Geschirr. Früher sei das auch in Deutschland ganz normal gewesen, sagt zumindest meine Mutter. Jetzt undenkbar, oder? Es ist doch sogar verpöhnt, über einen Laufstall nachzudenken, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass hier jemand seine Kinder anleint. Dabei wäre das oft ein Traum, muss ich jetzt mal so zugeben….

Dafür sind die Engländer in Sachen Schnuller weniger entspannt als in Deutschland. Man sieht sehr sehr selten Kinder mit Schnuller im Mund. Babys ab und zu, aber laufende Kleinkinder NIE. Eine Freundin sagte, es würde einfach generell davon abgeraten, warum wisse sie auch nicht so genau. Ein Mal wieder wurde mir klar: Alles ist kulturell bedingt. In der Kindererziehung noch viel mehr. ALLES hängt von Normen ab, von Fakten, von denen die Gesellschaft denkt, sie seien richtig so.

Manchmal ist es wirklich interessant, sich die kleinen aber feinen Unterschiede vor Augen zu halten. Das geht bei ganz banalen Dingen los. Beschwert sich meine Nachbarin kürzlich darüber, ihre Tochter bekäme von einer anderen Mama immer “Laugenbrezeln! Da gibt man sich Mühe mit all dem Gemüse und dann stopft sie ihr diese Weißbrot-Pampe rein!”. Ich musste schmunzeln. Denn das konnte ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ich bin in Bayern aufgewachsen und dort ist es das Normalste der Welt, dass Babies, sobald sie einen ersten Zahn haben, auf einer Breze rumkauen. Auch später sind Brezen der Nummer 1 Snack.

Das Kind muss ins Bett! Warum eigentlich?

In Spanien und auch in Argentinien (wo ich mal ein halbes Jahr gelebt habe), vermutlich in fast allen “südlichen” Kulturen, ist es völlig normal, dass die Kinder ewig aufbleiben. Sie sind im Restaurant mit dabei, man sieht auch um 22 Uhr noch kleine Kinder auf der Straße. In Deutschland gehört das Kind spätestens um 8 ins Bett. Obwohl auch ich ein “Acht-Uhr-Spießer” bin, was die Bettzeit angeht, kann man sich fragen: warum eigentlich? Muss ja nicht sein. Viele Kinder ticken überhaupt nicht so. Warum sie dann so früh ins Bett zwingen?

In Thailand, und auch in Indien ist es Norm, seine Kinder in einem Tuch an den Körper zu schlingen, und mit sich rumzutragen. Es gibt überhaupt keine Kinderwägen! Dafür sind die Städte ja auch viel zu voll und die Straßen zu eng. Hier wird eine Wissenschaft daraus gemacht. Oder warum sonst gibt es Trageberatungen? Auch wenn ich bei meiner Tragetuch-Wurschtelei auch gerne eine solche konsultiert hätte, frage ich mich: ist das nicht ganz normal? Beziehungsweise: manche ganz Schlaue behaupten ja auch, das Tragen sei nicht gut für das Kind, der Kinderwagen ideal für die Rücken-Bildung. Wieso sollte das so sein? Andere behaupten dagegen, der Kinderwagen an sich sei ein “Folterinstrument” (habe ich wirklich schon mal so gehört!), warum sollte das wiederum so sein?

Lass das Baby doch einfach draußen

In Dänemark, wie anscheinend auch im Rest von Skandinavien, werden Kinder selbstverständlich schlafend im Kinderwagen vor Geschäften und Restaurants stehen gelassen, während ihre Mütter einkaufen gehen und Kaffee trinken. Macht ja auch eigentlich Sinn: Babies schlafen draußen fast immer besser als drinnen, außerdem ist man in den nordischen Ländern der festen Überzeugung, es würde den Kindern gut tun, viel frische, kalte Luft zu schnuppern. Wenn ein Baby aufwacht, kümmert sich der Nächstbeste darum, der Mutter bescheid zu sagen. Wie würde man hier angeschaut werden? “Entschuldigen sie, IHR KIND WEINT DA DRAUßEN!” Ich sehe die Blicke dazu und fürchte mich. Ich würde mich das NIE trauen. Was, wenn einer mein Kind klaut? Bin ich ein klarer Fall von German Angst, oder habe ich nur Angst vor den Urteilen anderer? Denn eigentlich wäre das in Xavers erstem Winter SO praktisch gewesen. Wie oft schlummerte er in seinem Fell und wachte dann verschwitzt im Café auf… Auf die Idee ihn draußen zu lassen kam ich überhaupt nicht!

In vielen Teilen der Erde werden Kinder völlig ohne Windel groß, einfach weil es keine gibt. Wenn überhaupt gibt es Stoffwindeln oder Hosen mit Schlitz drin und Mama reagiert schnell. Man kann die Kinder auch sehr früh richtig darauf trimmen, nur bei einem bestimmten Geräusch zu “machen”. In Indien waren wir ganz angetan davon, dass alle Babies, die so alt waren wie Xaver (er war damals 10 Monate) ohne Windel am Boden unterwegs waren. Viele Mütter machen hier ähnliches (“windelfrei”), es wird aber als eher öko, eso, eklig und unpraktisch angesehen. Währenddessen gibt es Pampers für Kinder bis zu 27 Kilo. Siebenundzwanzig Kilo! Immer neue Super-trocken-Formeln sollen dem Kind gar nicht erst das Gefühl geben, es habe in die Hose gemacht. Entsprechend brauchen Kinder natürlich auch immer länger Windeln. Ist doch eigentlich viel blöder, als frühes Windelfrei-Training…

Stinkekäse statt Babybrei

Und in Frankreich, da gibt es kaum Babybrei, stattdessen bekommen Babies lange Milch (Pulvermilch zum größten Teil, aber das ist wieder ein anderes Thema). Im Anschluss kommt dann sehr schnell: alles auf den Tisch. Nicht püriert, nicht ungewürzt. Alles, vom Roquefort, bis zu den Schnecken, mit Knoblauch und Salz. Während in Deutschland die Brei-Industrie sehr genau vorschreibt, wie das mit der Beikost-Einführung zu laufen hat. Da bekommt man dann gerne auch mal pünktlich zum 6-Monats-Geburtstag eine Packung Pulverbrei zugeschickt (so geschehen bei mir. Ungefragt!), und es werden Studien in Umlauf gebracht, die belegen, dass eine andere Beikost-Einführung als lahmer Babybrei mit spätestens 6 Monaten das Allergierisiko immens steigere. Anmerkung: bis vor ein paar Jahren hieß es noch, je länger Kinder ausschließlich Milch bekommen, desto niedriger sei das Allergierisiko. Verrückt.

Pick your way!

Was will ich euch damit eigentlich sagen? Es ist oft sehr aufschlussreich, sich ein bisschen umzuhören, wie die anderen das so machen. Freunde, Verwandte, andere Länder und Kulturen. Natürlich kann es sein, dass Franzosen mehr Allergien bekommen als Deutsche, und dass sich die Füße der Engländer schlechter entwickeln. Ziemlich sicher ist dem nicht so. Sicher ist aber, dass sich jede Mutter auf dem langen Weg den sie gehen muss, um ihren eigenen zu finden, oft dieses und jenes anhören muss. Macht man so, geht so nicht. Musst du selbst wissen, würde ich nie tun. Schadet dem Kind, bla bla bla, etcetera. Meistens hilft es, darauf zu achten, was dem Kind wirklich gut tut. Und der Mama natürlich auch. Manchmal hilft vielleicht auch der Hinweis auf einen anderen Kulturkreis. Wenn ein ganzes LAND es so macht, wie kann es dann so falsch sein?

Denn es ist doch das Sinnvollste, Jede pickt sich aus all den verschiedenen Modellen das beste für sich raus. Der Wunschkaiserschnitt und das Familienbett passen genauso gut zusammen wie frühes Abstillen und Globuli. Man kann Tragetücher verwenden und Pampers benutzen, man kann Kinderwagenfahren und windelfrei praktizieren. Jede Mama darf ihren Weg gehen, nur sie muss ihn gehen, deshalb sollten die anderen ihn weder bewerten noch müssen sie ihn verstehen.

Aber das mit dem Kinderwagen draußen lassen…. Sollten wir das nicht einführen?? 🙂

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