Alles auf anders: Die Karriere kurz knicken und eine Auszeit nehmen

10. May 2017 | in Gesellschaft | Karriere | Vereinbarkeit

So ist das manchmal, wenn ein Kind ins Leben kommt. Alles steht gefühlt auf dem Kopf, nichts ist wie vorher! Nicht für alle, aber für einige stellt die Geburt eine so große Veränderung dar, dass wirklich „alles auf anders“ gestellt werden muss. Und manche sind so mutig, dass sie aus diesem Chaos etwas machen, was sie sich vorher nicht hätten vorstellen können. So ging es Pauline. Obwohl es anders geplant war, nahm sie mit ihrer kleinen Familie eine lange Auszeit.

Pauline ist im letzten Jahr einer meiner Lieblingsmenschen geworden. Ich mochte sie schon immer, aber erst zog sie ins gleiche Haus, dann wurde sie zeitgleich schwanger, so hatten wir plötzlich wahnsinnig viel gemeinsam und die Transformation dieser tollen Frau zur tollen Frau und Mutter zu sehen, war einfach wunderbar.

Die Transformation – nicht bei jedem, aber bei vielen

Sie ist eine von denen, die das Mama-werden ganz schön überrascht hat. Sie wollte vorher wenig bis nichts wissen (für mich als Schlaumeier nicht leicht, aber ich habe mir auf die Zunge gebissen), wollte eine “Nebenbei-Mama” werden. Seit ihre Tochter Alfreda da ist, ist sie aber so gerne Mutter, dass das Thema richtiggehend zum Steckenpferd geworden ist. Und sie macht das jetzt einfach so, stellt sich nie in Frage.

Die Berlinerin hat immer gerne und viel gearbeitet, in verschiedenen PR-Agenturen und dann hat sie sich mit ihrem Mann Jon selbstständig gemacht: Paul Sanders heißen die beiden als Firma und sie sind so gut, dass sie viele hochkarätige Kunden an Land ziehen konnten und einige tolle Projekte gemeinsam aufgebaut haben.

Es war also auch geplant, das Pauline bald wieder einsteigen würde und dass die beiden dann die viele Arbeit mit dem Kind vereinbaren würden. Wie so oft lief es auch direkt nach Geburt rasant gut beruflich: ein Angebot jagte das nächste. Doch alles kam anders. Nach kurzer Zeit merkten sowohl Pauline als auch Jon, dass das so, wie sich das vorgestellt hatten, nicht klappt.

Sie schmissen alles über Bord, stellten die Firma auf Eis, gingen ein hohes Risiko ein, machten Urlaub und zogen nach Dänemark aufs Land. Eine richtig schöne Familien-Auszeit!

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Klingt gut, oder? Wie sich das so anfühlt, das erzählt Pauline am besten selbst:

Seit der Geburt unserer Tochter Alfreda hat sich vieles für mich und meinen Mann in unserem Leben verändert. Sie ist ein absolutes Wunschkind und kam nicht überraschend, dennoch hat es mich ziemlich aus den Latschen gehauen, wie schnell so ein kleiner Mensch von heute auf morgen alles Grundlegende verändern kann.

Das Baby hat entschieden

Vor der Geburt meinte ich angebermäßig zu meinem Mann, dass sich schon nicht so viel ändern würde, wenn wir es nur wollen und dass wir sie einfach immer easy mitnehmen können: zu Restaurantbesuchen oder Businessterminen zum Beispiel. Das müsse man einfach machen.

Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass dieser kleine Mensch schon sehr viel selbstbestimmter auf die Welt kommt, als ich mir das gedacht hatte. Alfreda ist nun fast ein Jahr alt und hat seit dem Tag ihrer Geburt einen starken Willen. Sie gehört zu der Sorte „aktives und forderndes Baby“, sobald man sich halbwegs nach ihr richtet, ist sie ein sehr zufriedenes Kind, das selten schreit und meckert. Aber, wie gesagt, sie fordert auch vehement! Und ich hatte das Bedürfnis, diesem Fordern einfach nachzugeben. Die ersten Monate mit ihr waren nicht meine Liebsten, weil mir das kleine zarte Wesen so zerbrechlich erschien. Wir hatten am Anfang Probleme mit dem Stillen, sie wurde gelb, war schwach und wollte nicht richtig essen. Für mich als Essenliebhaberin war das hart, wünschte ich mich doch, dass sie schnell dicke Beinchen und runde Babywangen bekommt. Hat sie bis heute nicht! Nichts desto trotz hatte sie von Beginn an eine unglaubliche Energie und wollte beweglich sein, fand liegen und angeschnallt sein total doof und war deshalb auch noch nie froh über ihren Kinderwagen. Mittlerweile findet sie es gut, im Bugaboo Runner zu sitzen und sie schlummert sogar ein, während wir gemeinsam über die Straßen und Felder flitzen. Ein Happening, noch vor kurzem war das undenkbar.

Wir hatten vor ihrer Ankunft unglaubliche SECHS Schlafmöglichkeiten angeschafft, von Babybay und Wiege bis freischwingender Korb, genutzt haben wir nicht eine, noch nicht mal für einen Mittagsschlaf! Alfreda schlief ausschließlich im Familienbett oder in der Trage. Und auch nur wenn Ruhe herrschte. Sie zum Abendessen mitnehmen und sie schläft im Kinderwagen? Undenkbar. Sie zu Business-Terminen mitnehmen und sie sitzt ruhig dabei? Auch nie passiert.

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Und Vereinbarkeit? Pustekuchen!

Da ich mir gerne viel zumute, dachte ich: Job und Baby schaukel ich mit links. Schon vor der Geburt unterschrieb ich Verträge mit neuen Kunden, eine Auszeit hatte ich nicht wirklich eingeplant. Ich hatte völlig unterschätzt, wie viel Zeit und Energie diese erste Zeit mir abverlangen würde. „Die schlafen doch am Anfang ganz viel“, hing mir in den Ohren. Nur war das bei uns irgendwie nicht so!

Ich muss wirklich zugeben, dass es klüger gewesen wäre, sich ganz auf Alfreda zu konzentrieren und sie in Ruhe kennenzulernen, anstatt schon vor der Geburt die Karriere weiterzuplanen. Ich weiß, dass das bei anderen wunderbar funktioniert hat, aber bei uns klappte es einfach nicht. Und ich stellte mir auch ständig die Frage nach den Prioritäten: Was ist ein Job, ein cooler Kunde, gegen ein Babyleben? Will ich wirklich jede freie Sekunde am Rechner sitzen, anstatt einfach mein Kind und diese erste Zeit, die nie wieder kommt, zu genießen?

Schlussendlich schaukelte mein Mann in den ersten Monaten zwei Full Time Jobs alleine, während ich Alfreda und den Haushalt und das bisschen Job, was er nicht machen konnte, schunkelte. Nach vier Monaten beschlossen wir, dass es so nicht weitergehen kann. Wir waren beide traurig, dass ich ihm abends, wenn das Baby schon schlief, davon erzählen musste, was Alfreda Neues dazu gelernt hatte. Wir wollten das doch gemeinsam erleben!

Ich war plötzlich total in die Mutterrolle gerutscht. Die klassische Rollenverteilung war natürlich dem Stillen, der Jobsituation und dem vielen Reisen geschuldet, aber uns war beiden klar, dass was wir jetzt Zeit als Familie brauchten. Auch wenn die Jobs reinflatterten wie nie zuvor, beschlossen wir Anfang 2017 ein Sabbatical anzutreten. Alfreda war damals ein halbes Jahr alt.

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Fast ein ganzes Jahr!

Wir kündigten alle Jobs und Verträge, vermieteten unsere Wohnung unter und flogen erstmal für sechs Wochen nach Thailand. Das war die absolut richtige Entscheidung. Der Sommer im Winter war nicht nur Balsam für die müden Eltern. Alfreda bekam ihre ersten Zähne, begann zu krabbeln und richtig zu essen, sie hatte non stop gute Laune! Kein Wunder, trat ihr doch jeder Thai mit so viel Herzlichkeit entgegen, wie wir es in unseren Breitengraden selten erleben. Zurück in Europa zogen wir auf’s Land. Genauer gesagt an die dänische Küste. Hier verbringen wir jetzt den gesamten Sommer und renovieren Stück für Stück das alte strohgedeckte Haus am Strand, das mein Mann geerbt hat.

Klar, das klingt erstmal super kitschig und romantisch und eigentlich ist es das auch! Wir lassen es sehr ruhig angehen hier. Wir werkeln und basteln, kochen und essen, Freunde besuchen uns, wir gehen viel spazieren. Das Einzige, was uns hier fehlt, sind Spielplätze in der Nähe. Es gibt zwar wunderbare Natur und Tiere, aber wenig andere Menschen und Kinder.

Ich bin so froh über unsere Entscheidung. Ich bin viel ausgeglichener und habe mehr Freiraum. Unsere Beziehung profitiert enorm und Alfreda auch. Sie hat ihre beiden Bezugspersonen fulltime um sich, sie ist so glücklich und kostet das Land- und Strandleben vollends aus. Und es ist so schön zu beobachten, dass sich unsere Tochter mittlerweile fast mehr über ihren Vater als Spielkumpel freut, als über mich. Die beiden haben jetzt eine richtig enge Beziehung zueinander.

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Es macht wirklich einen riesigen Unterschied, jeden Tag viele entspannte Stunden mit unserer Tochter zu verbringen, anstatt von Termin zu Termin zu hetzten und zu überlegen, wo man das Kind parken könnte. Klar kann es einem auch langweilig werden, wenn man hier auf dem Land zum 100sten mal Kinderlieder singt, die man dann nachher dann nicht aus dem Kopf bekommt. Dann wünsche ich mich manchmal zurück an den Schreibtisch mit einem guten Kaffee und beruflichen Erfolgen. Aber das kann ich noch mein ganzes restliches Leben machen!

Privileg – aber es gehörte auch Mut dazu

Mir ist bewusst, dass die gemeinsame Auszeit ein absolutes Privileg ist, das für die meisten schwierig zu realisieren ist. Uns hat es auch viel Mut und Kraft und unser Gespartes gekostet, die Pause-Taste zu drücken und das vorherige Leben temporär zu verlassen. Mit einem älteren Kind in der Kita oder Schule geht das ja auch nicht mal eben so.

Dennoch: ich würde es jeder Zeit genauso wieder machen und kann es uneingeschränkt empfehlen. Alfredas Papa war vorher manchmal sehr gestresst, all der berufliche und private Druck lastete schwer auf ihm. Das ist nun Geschichte, Jon ist so zufrieden und ausgeglichen. Und ich war auch sehr unzufrieden, ich wollte nie eine Fulltime-Mama sein, die alleine alles wuppt. Und doch bin ich in diese Rolle reingerutscht. So geht es vielen, oder? Fast alle meine Freundinnen haben das Eltern-Jahr genommen und die Männer sind, wenn überhaupt, nur mit zwei Monaten dabei. Ob beim Babyyoga oder in den Kindercafés: die männliche Quote liegt meilenweit unter der Mami-Rate und ich hatte gedacht, dass wir fortschrittlicher sind. Warum ist die Geschlechterverteilung bei der Aufzucht unserer Kinder noch nicht viel weiter als in den 60igern? Liegt das an den Hormonen oder sind es doch gesellschaftlich gesteuerte Mechanismen, die unterbewusst wirken?

Kind und Job unter einen Hut zu bringen ist für alle Neu-Eltern erstmal ein großes Unterfangen. Wenn es möglich ist, warum dann nicht auf die behutsame Art und Weise da reinlaufen. So machen wir es jetzt.

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Und danach?

Im Spätherbst kommen wir zurück nach Berlin. Dann haben wir auch einen Kindergartenplatz für Alfreda. Und klar, langsam müssen wir auch wieder arbeiten. Es gibt kein Elterngeld mehr und unsere Ersparnisse sind ja auch endlich. Bei mir wird sich wohl Einiges verändern, ich würde gerne weniger im Mode- und Lifestyle-Bereich machen, und stattdessen nachhaltiger arbeiten. Dazu mache ich gerade Pläne und es gibt auch schon Möglichkeiten für Partnerschaften. Ich freue mich auf jeden Fall schon sehr darauf, beruflich wieder richtig produktiv zu sein und gute Sachen auf die Beine zu stellen. Die Auszeit hat mir für diese Umstrukturierung enorm viel gebracht, ohne wäre ich wahrscheinlich gar nicht auf die Idee gekommen.
Mein Mann wird wahrscheinlich wieder für einen unserer größten Kunden arbeiten, aber viel weniger. Und er wird auch die Eingewöhnung machen. Unsere Beziehung war immer sehr gleichberechtigt und jetzt wollen wir das bei der Kindererziehung genauso handhaben.
Die Auszeit war auch ein Experiment, ob wir es uns vorstellen könne, auf dem Land zu leben. Jon würde das am liebsten sofort machen, ich kann es mir nur im Sommer permanent vorstellen und auf jeden Fall später, wenn wir alt sind. Im Moment brauche ich noch ab und an aufregendes Citylife.

Gerade genieße ich aber noch die Zeit hier, der Sommer kommt langsam, es wird immer schöner. Das Stadtleben wird uns noch schnell genug zurück haben!

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