50/50 Paare: Anna Katharina und Tim

28. October 2021 | in Gesellschaft | Vereinbarkeit

Anna (27) und Tim (29) leben mit ihren Töchtern im schönen Würzburg in einer 4-Zimmerwohnung mitten in der Stadt. Die beiden haben sich in ihrer alten Heimat Hessen noch in der Schule kenngelernt und während des Studiums Kinder bekommen. Inzwischen sind sie zehn Jahre ein Paar! Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – befindet sich ihre Partnerschaft im stetigen Wandel, gerade was das Thema Gleichberechtigung angeht. Warum sie 50/50 als andauernden Prozess ansehen, für den sich die viele Arbeit sowas von lohnt, verraten uns die beiden im Interview.

Hi ihr zwei! Was und wieviel arbeitet ihr beide? 

Tim arbeitet als Doktorand in der Informatik in (noch) Vollzeit und Anna ist in den letzten Zügen ihres Psychologie-Masters und arbeitet nebenher auf 450-Euro Basis. Geplant ist aber eine Reduzierung von Tims Stunden, sobald Anna fertig ist mit dem Studium (hoffentlich im Frühjahr). Zum Glück ist Tims Arbeit super flexibel, anders wäre Annas Studium auch nicht machbar. Er kann auch abends oder am Wochenende noch mal arbeiten und auch spontan mal früher Schluss machen oder später kommen, wenn ein Arztbesuch der Kinder ansteht oder so. Familienfreundlichkeit ist aber an der Uni so eine Sache… seine relativ lange Elternzeit von sieben Monaten wurde, so haben wir es wahrgenommen, nicht gerne gesehen und nur gerade so geduldet.

Wie alt sind eure Kinder und gehen sie in eine Betreuung?

Unsere Töchter sind vier und eins. Die Große geht seit sie ein Jahr alt ist in die Betreuung und mit der Kleinen hat Tim gerade die Eingewöhnung begonnen.

Seid ihr zufrieden mit der Betreuungssituation?

Generell ja, sie gehen beide total gerne und die Erzieher:innen sind alle super nett. Jedoch würden wir uns natürlich wünschen, dass die Betreuung noch flexibler möglich wäre, zum Beispiel auch mal nur nachmittags. Als die Große ein Jahr alt war hatte Anna zum Beispiel einige Nachmittagsseminare und -vorlesungen und es wäre so viel schöner gewesen, hätte sie an den Tagen nur nachmittags kommen können.

Wie habt ihr die Elternzeiten aufgeteilt?

Die erste Elternzeit ganz klassisch. Da hatten wir uns um Gleichberechtigung ehrlich gesagt noch nicht so viele Gedanken gemacht. Anna hat also 12 und Tim zwei Monate genommen. Aber die zweite Elternzeit haben wir dann, so gut es ging, gleichberechtigt aufgeteilt und dafür auch im Vorhinein gespart, da wir als Einverdiener-Familie natürlich mit starken finanziellen Einkünften zu kämpfen hatten.

Wie habt ihr eure Woche aufgeteilt?

Tim bringt immer zum Kindergarten und Anna holt im Moment immer ab. Einschlafbegleitung wechseln wir immer ab, was aber auch erst seit dem Abstillen vor Kurzem so richtig möglich war – leider. Dafür genießen wir das jetzt umso mehr.

Organisiert ihr euch spontan oder macht ihr einen Plan?

Wir tragen immer alles in geteilte Kalender und Listen ein und versuchen am Sonntag Abend ein Eltern-Team-Meeting (Danke an Hanna Drechsler für den Tipp :)) einzurichten, um die kommende Woche zu planen.

Welche Tools nutzt ihr?

Wir nutzen den Apple Kalender, Bring! für Einkaufslisten und geteilte Reminder-Listen für alle sonstigen To-Do-Listen oder auch Reise- und Bucketlists. Über bunq organisieren wir unsere gemeinsamen und persönlichen Finanzen. Und ist vielleicht nicht unbedingt ein Tool, aber wir würden empfehlen, unbedingt immer beide E-Mail Adressen und Telefonnummern im Kindergarten und so weiter anzugeben! So bekommen immer beide die Infos.

Würdet ihr sagen, dass die Organisation des Alltags sehr zeitaufwendig ist und klappt sie?

Ja, sie klappt. Termine gehen kaum verloren. Wir haben das inzwischen gut drauf, alles direkt in den gemeinsamen Kalender einzutragen. Und die Organisation ist zwar nicht zeitaufwendig, aber dafür manchmal nervenaufreibend. Sich immer über alles abzusprechen und ausdiskutieren ist eben auch anstrengend. Aber auf jeden Fall langfristig besser so für uns, finden wir.

Habt ihr einzeln Hobbies, oder macht Sport?

Hobbies kommen leider oft zu kurz, da wir beide keine festen Termine haben, sondern ganz frei entscheiden, auf was wir Lust haben. Wir versuchen aber, auch diese Zeiten in den gemeinsamen Kalender einzutragen. So steht für Sonntag zum Beispiel „Joggen Tim“ im Kalender, aber wie gesagt, das geht leider viel zu oft im stressigen Alltag unter.

Was ist mit Paar-Zeit, wann bekommt ihr die unter?

Puh, auch sowas, was echt herausfordernd ist. An sich abends, wenn die Kinder schlafen, aber Eltern wissen, das zieht sich manchmal ewig – und dann fällt man selbst erschöpft ins Bett oder muss noch die Küche aufräumen. Offiziell stehen da aber auch zwei Termine für im Kalender. Einer pro Woche für Paar-Arbeit und einer für Paar-Spaßzeit, das darf dann keine Beziehungsarbeit sein und Gespräche über Kinder oder Orga sind verboten.

Habt ihr Hilfe mit den Kindern?

Ja, wir haben eine Babysitterin, die wir seit Corona aber viel zu selten genutzt haben. Da müssen wir uns in Zukunft noch mal ein besseres Netz aufbauen.

Apropos. Wie seid ihr durch die Corona-Zeit gekommen?

Der erste Lockdown kam wenige Tage nach der Geburt unserer jüngsten Tochter. Irgendwie doof, aber immerhin war „sowieso“ Elternzeit zu Hause geplant. Da unsere andere Tochter jedoch vorerkrankt ist, haben wir uns zunehmend ziemlich isoliert, auch im Kindergarten war sie fast ein Jahr nicht. Jetzt, wo wir vollgeimpft sind, kommen wir erst langsam wieder zurück in unser soziales Netz, das man eben einfach braucht, um klar zu kommen als Familie. Und wir hoffen auf eine baldige Impfung der Kinder.

Habt ihr das Gefühl, genug Zeit mit den Kindern zu verbringen?

Beide: Ja! Gerade jetzt noch so frisch nach der harten Corona-Zeit, hat sich der Zeit-mit-Kindern-Tank ziemlich aufgeladen. Allerdings merken wir beide auch, dass wir in ganz klassischer Vollzeit-Arbeit (wie Tim vor Corona oder Anna während Tims Elternzeit für ein Praktikum) die Zeit mit unseren Kindern vermissen. Das können wir uns deswegen langfristig nicht vorstellen. Und wir wissen, dass diese Gedanken sehr privilegiert sind.

Sprechen wir über den Haushalt: wie teilt ihr euch hier auf?

Idealerweise 50/50. Tim hat in seiner Elternzeit sicher mehr als gemacht als Anna, aber beide fühlen sich gleich verantwortlich. Wir haben sowohl unsere klaren Aufgabengebiete (Tim Geschirr und Müll, Anna Bad und Kochen), als auch Aufgaben, die wir immer wieder neu absprechen, je nachdem bei wem es gerade besser passt (z.B. Wäsche).

Wer hat die Orga, also den Mental Load, in der Hand?

Wir versuchen, uns das immer weiter aufzuteilen, aber den Großteil hat Anna in der Hand. Dieses Management zu erlernen (für Tim) und abzugeben (für Anna) ist harte, andauernde Arbeit, die wir aber bereit sind, immer wieder in Angriff zu nehmen. Vieles versuchen wir aber schon von Anfang an gemeinsam zu organisieren (wie z.B. die Einkaufsliste und Termine).

Seid ihr beide zufrieden mit eurem Haushaltssystem?

Wir haben weniger oft anfallende Aufgaben (wie Staubsaugerfilter wechseln) auch auf einer gemeinsamen Reminder-Liste. Die regelmäßigen, häufigen Aufgaben sind eher die, die mal untergehen. Da gäbe es vielleicht noch ein besseres System, aber irgendwie läuft es bisher auch immer ganz gut. Einer sagt dann irgendwann: „Wir müssten mal wieder das Bad putzen“ und dann wir es eben in der nachten freien Minute angegangen…

Habt ihr hier Hilfe, eine Putzhilfe zum Beispiel?

Das wäre ein Traum! Sobald das Geld dafür reicht, kümmern wir uns auf jeden Fall darum. Unser Staubsaugroboter „Egon“ hat uns schon viel Streit erspart.

Wie habt ihr die Finanzen geregelt, gibt es ein Familienkonto, unternehmt ihr gemeinsam etwas in Sachen Altersvorsorge?

Wir haben ein gemeinsames Konto von dem alle fixen Kosten abgehen, ein gemeinsames Sparkonto und dann hat jeder noch sein persönliches Konto, sowie ein persönliches Spar-Konto. Wir haben in Sachen Altersvorsorge eine Versicherung, aber planen gerade auch individuelle Investments. Da wir da unterschiedliche Herangehensweisen haben, machen wir einfach einen kleinen Wettbewerb draus und schauen, bei wem es besser klappt. Am Ende wird aber beides in einen Topf für uns beide geschmissen.

Wie seid ihr selbst aufgewachsen? Mit zwei arbeitenden Eltern, oder nicht?

Beide unsere Eltern hatten sich recht klassisch aufgeteilt. Unsere Mütter sind lange zu Hause geblieben und haben danach Teilzeit gearbeitet.

Findet ihr euer System gerecht, seid ihr glücklich damit?

Gerecht ja, weil wir uns immer wieder austauschen und keiner ein Anrecht auf irgendwas hat, einfach weil er/sie der Mann / die Frau ist. Es ist aber ein andauernder Prozess, gerade, weil sich bei uns jedes Jahr noch so viel verändert. So richtig ankommen in einem System werden wir frühestens, wenn Anna mit dem Studium fertig ist.

Was würdet ihr euch anders wünschen?

Mental Load ist ein riesen Thema und in dem Zusammenhang beschäftigen wir uns auch viel mit persönlichen Hindernissen, die es noch auszuloten und eventuell zu bearbeiten gilt, bevor wir da vollkommen zufrieden mit der Aufteilung sind. Das sind einfach gesellschaftliche Strukturen, die so tief sitzen, dass man die nicht so einfach abschüttelt.

Was würdet ihr euch vom Staat, von eurem Umfeld, vom Arbeitgeber wünschen?

Wir würden uns wünschen, dass das Ehegattensplitting abgeschafft wird. Dass Kinderbetreuung bezahlbarer, flexibler und besser wird. Dass Elternzeit für Väter stärker gefördert wird und zu letzt, dass sich mehr Menschen mit dem Thema beschäftigen, denn nur so erreichen wir gesellschaftliche und politische Veränderungen.

Was kommt immer zu kurz?

Ehrlich: Paarzeit. Das muss sich ändern!

Und was klappt aber eigentlich ziemlich gut?

Der Haushalt. Wir versinken nie im Schmutz und jeder packt an wo er/sie kann.

Was stresst euch im Alltag am meisten?

Mental Load!

Und was macht am meisten Freude?

Dass unsere Kinder uns als Team wahrnehmen und der Gedanke, dass sie es später leichter haben werden sich unabhängig ihres Geschlechts zu entfalten.

Danke, ihr beiden!

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