50/50 Paare: Katharina und Anselm

18. February 2021 | in Familie | Gesellschaft | Vereinbarkeit

Wir haben es schon mal erwähnt: in den nächsten Wochen wird es hier wieder ganz viel um gleichberechtigte Elternschaft und Fifty-fifty Paare gehen, denn am 20.2. erscheint unser Buch zu genau diesem Thema! Es ist ein klassischer Ratgeber, der auch für Paare geeignet ist, die sich bisher noch überhaupt nicht mit Gleichberechtigung auseinander gesetzt haben. Wir haben viele Tipps, Fallen und Ideen zusammengestellt, die hoffentlich vielen von euch dabei helfen, sich gerechter aufzuteilen. Dabei ist uns – entgegen dem Titel – ganz wichtig, zu betonen, dass nicht immer alles genau hälftig aufgeteilt werden muss. Es geht vielmehr um eine Beziehung auf Augenhöhe, in der alle Bedürfnisse gesehen werden und jede(r) sich entfalten kann.

Heute erzählen uns Katharina und Anselm, wie sie sich aufteilen!! Danke, ihr beiden!

Hi! Was und wieviel arbeitet ihr beide?

Anselm und ich sind beide selbstständig. Ich mit meiner PR-, Marketing- und Event-Agentur blackbird/berlin. Anselm ist Fotograf. Das lässt sich sehr gut kombinieren. Tendenziell arbeite ich aber mehr und Anselm hält mir den Rücken frei. Derzeit sogar zu 100%, denn Anselm hat sich 12 Monate Elternzeit genommen. Er kümmert sich um unsere zweite Tochter Hanne Mirabelle, die im September zur Welt gekommen ist. Jetzt in der Corona Kita-Schließzeit betreut er zusätzlich unsere erstgeborene Tochter Rosemarie. Für Rosemarie hatte er auch 12 Monate Elternzeit genommen. Das ist für uns die beste Variante.
Arbeitstechnisch bin ich ziemlich flexibel, wenn es das Arbeitspensum zulässt. Meistens ist aber recht viel zu tun, so dass ich ca. 4-8 Stunden am Tag im Homeoffice arbeite. Hanne stille ich voll, dennoch ist Anselm hauptverantwortlich für die Kinder. Ich helfe sobald es mir möglich ist, dadurch habe ich allerdings kaum Zeit für mich. Nach seiner Elternzeit werden wir schauen, wie wir uns aufteilen. Bisher war es so, dass wir uns die Kinderbetreuung zu 50% teilen konnten.

Wie alt sind eure Kinder und gehen sie (normalerweise) in eine Betreuung?

Rosemarie ist 4 Jahre alt und ist seit ihrem 1,5 Lebensjahr in der Betreuung. Anfangs hatten wir eine Tagesmutter und dann einen Kitaplatz. Seit letzten Sommer ist sie in einem Kinderladen bei uns im Kiez. Wir haben es grob so geregelt, dass ich Rosemarie morgens in die Kita bringe und Anselm holt sie nach der Arbeit zwischen 15.30-16h ab.

Seid ihr zufrieden mit der Betreuungssituation?

Ja, wir sind zufrieden. Wir haben im Juli 2020 die Kita gewechselt. Durch den ersten Lockdown war Rosemarie so aus dem Kita-Alltag raus, so dass wir den Schritt in einen neuen Kinderladen gewagt haben. Der KiLa ist näher dran, wir haben persönlichen Anschluss durch mehrere Freunde, es gibt größere Räumlichkeiten und eine bessere Ausstattung mit großem Garten. Grundsätzlich überlegen wir aber, zukünftig die Betreuungszeiten etwas zu verkürzen und Rosemarie schon gegen 14 Uhr abzuholen. Es wäre schöner für Hanne und es gibt weniger Müdigkeitsanfälle auf Rosemaries Seite. Der Kitaalltag fordert ihr schon einiges ab. Das merken wir jetzt, wo Rosemarie wegen Corona zu Hause ist.

Apropos. Wie ist es denn bei euch in der Corona Zeit?

Diese herausfordernden Zeiten laufen einigermaßen reibungslos ab, da Anselm weniger arbeiten musste letztes Jahr und er mir viel abnehmen konnte. Jetzt ist er ohnehin in Elternzeit. Ich bin durch ihn flexibel und kann die Lücken der MitarbeiterInnen ausgleichen, denn die haben ja auch Betreuungsprobleme mit ihren Kindern.
Unser Glück sind außerdem unsere Nachbarn. Nicht nur, dass sie wahnsinnig nett sind, sie haben auch eine gleichaltrige Tochter. Wir sind mit ihnen im “Hausarrest” und wechseln uns mit der Betreuung ab. Rosemarie ist seither regelrecht aufgeblüht. Sie ist ein eher schüchternes Kind und kann schnell in der Kita untergehen. Hanne Mirabelle findet es natürlich toll ihre Schwester, um sich herum zu haben.

Wie habt ihr eure Woche aufgeteilt?

Wenn die Kita offen ist, bringe ich Rosemarie in die Kita und Anselm holt sie ab. Abends bringt jeder ein Kind ins Bett. Die Nächte mit Hanne Mirabelle mache ich alleine. Sie schläft – dem Himmel sei Dank – sehr gut.

Organisiert ihr euch spontan oder macht ihr einen Wochen- Monatsplan?

Wir haben eine feste Struktur und müssen gar nicht so viel planen. Was nach der Kita gemacht wird, entscheidet Anselm selber und spontan. Generelle Planungen mache ich aber meistens, da mir das leicht von der Hand geht.

Welche Tools nutzt ihr?

Wir sind da sehr unprätentiös. Per Email oder einfach am Esstisch mit einem Kalender. Wir nutzen keine bestimmten Tools.

Würdet ihr sagen, dass die Organisation des Alltags sehr zeitaufwendig ist und klappt sie gut? 

Generell überlasten wir uns nicht. Rosemarie und Anselm sind vom Typ auch eher ruhig und häuslich. Das kommt mir manchmal zu gute, da ich etwas flexibler agieren kann, wenn ich Termine plane. Wir haben auch eine tolle Babysitterin, die sehr flexibel ist. Und meine Schwester lebt in Berlin und Rosemarie fährt ein Mal die Woche zu ihr. Manchmal schläft sie dort auch und wir haben etwas Zeit für uns.

Habt ihr einzeln Hobbies, oder macht Sport?

Ich mache einmal die Woche Pilates. Die meiste Zeit geht aber für die Arbeit drauf und dann möchten ich Zeit mit Hanne Mirabelle, Rosemarie und Anselm verbringen. Bei Anselm ist es ähnlich, aber ich würde sagen, dass er grundsätzlich etwas mehr Zeit hat als ich, da er weniger arbeitet. Das bedeutet er liest viel, fährt Fahrrad, trifft öfter seine Freunde und geht hin und wieder schwimmen – wenn nicht gerade Corona ist. Das mache ich alles nicht so regelmäßig, aber ich arbeite ja mit einem netten Team, so dass ich gut sozial angebunden bin. Meine Freunde haben eh alle auch nicht mehr so viel Zeit, da sie selber Kinder haben. Das ändert sich bestimmt in ein paar Jahren wieder.

Was ist mit Paar-Zeit, wann bekommt ihr die unter?

Einmal im Monat schläft Rosemarie fix bei meiner Schwester. Das ist dann unsere Paar-Zeit oder auch mal Me-Time. Wir haben derzeit kaum Paar-Zeit: Wir sind aber optimistisch, dass sich das wieder ändern wird – in ein paar Jahren natürlich erst! Wir haben gelernt, in Phasen zu denken… das nimmt etwas Druck aus der ganzen Geschichte.

Habt ihr Hilfe, also einen Babysitter oder so?

Ja, wir haben eine Babysitterin, unsere Nachbarn und meine Schwester in der Stadt. Das ist natürlich optimal so, aber zwei Kinder sind schwieriger unterzubringen. Ich bin mal gespannt, wie wir das zukünftig meistern werden.

Habt ihr das Gefühl, genug Zeit mit den Kindern zu verbringen?

Das ist sicherlich auch von Phase zu Phase unterschiedlich. Allgemein kann man sagen, dass Anselm die Zeit ausreicht. Ich habe strukturell eher ein schlechtes Gewissen und würde schon gerne mehr Zeit mit Rosemarie und Hanne verbringen. Ich habe mich diesbezüglich aber etwas entspannt. Anselm ist ein toller Vater und die Kinder verbringen gerne die Zeit mit ihm.

Sprechen wir über den Haushalt: Wie teilt ihr euch hier auf?

Anselm ist ordentlich und macht wesentlich mehr als ich im Haushalt, aber das ist bewusst entschieden, denn ich arbeite sehr viel, stille in meinen Pausen und kümmere mich dann um die Kinder. Natürlich ist es hin und wieder ein Diskussionsthema bei uns, denn einen Haushalt mit zwei kleinen Kindern zu führen, ist recht arbeitsintensiv. Es frustriert ihn hin und wieder, dass es hier immer wieder wüst aussieht.

Gibt es Aufgaben, die einer von beiden typischerweise immer übernimmt?

Anselm putzt und ich räume auf. Sprich: er staubsaugt, macht die Küche und putzt die Wohnung. Ich bin eher die Aufräumerin und schaue, dass es schön aussieht. Ich mache außerdem die Wocheneinkäufe und kümmere mich allgemein darum, dass die Familie „funktioniert“. Kochen tun wir beide. Derzeit macht Anselm aber deutlich mehr im Haushalt. Den Credit muss ich ihm definitiv geben. ☺

Wer hat die Orga in der Hand?

Das ist eher mein Part, dennoch unterstützt er mich. Vor allem dann, wenn ich viel zu tun habe. Und Anselm holt die Getränke und macht die täglichen kleinen Einkäufe. Ich erledige dafür die Wocheneinkäufe und organisiere das große Ganze.

Seid ihr beide zufrieden mit eurem Haushaltssystem?

Grundsätzlich sind wir zufrieden, da wir uns die Aufgaben größtenteils teilen können. Dass Anselm derzeit mehr übernimmt, ist ja nur temporär wegen der Elternzeit.
Anselm wünscht sind vermutlich dennoch, mehr zu arbeiten und weniger den Haushalt zu führen. Nach der Elternzeit müssen wir sehen, wie wir uns weiter aufteilen.

Habt ihr eine Putzhilfe?

Nein, wir haben aber eine Person, die kommen könnte, wenn wir Hilfe benötigen.

Wie habt ihr die Finanzen geregelt?

Nein, wir haben getrennte Konten, aber sind sehr entspannt mit dem Geld. Wir sind beide nicht knauserig und achten beide darauf, dass es sich gut die Wage hält. Ein bisschen mehr werde ich zahlen, aber das finde ich selbstverständlich, weil er weniger verdient als ich. Gemeinsam machen wir in Sachen Altersvorsorge nichts.

Wie seid ihr selbst aufgewachsen? 

Bei uns beiden waren beide Elternteile berufstätig, allerdings nicht durchgehend. Die Mütter haben sich beide mehrere Jahre auf die Familie konzentriert. Anselms Mutter hatte wegen ihrer drei Kinder ausgesetzt, aber sie hat auch jahrelang gearbeitet und war selbstständig mit einer eigenen Praxis. Ihre Karrierelaufbahn wurde zwar durch die Kindererziehung unterbrochen, aber 20-30 Jahre werden es schon gewesen sein, die sie beruflich tätig war. Der Hauptverdiener war aber sein Vater. Durch seine Positionswechsel als Stadtplaner musste die Familie mehrmals umziehen.

Ich bin auf einem Bauernhof groß geworden. Meine Eltern haben dort beide gemeinsam den Hof bewirtschaftet und da hat meine Mutter schon wesentlich mehr gemacht. Viele Aufgaben auf dem Hof lagen bei ihr, aber auch die drei Kinder und der gesamte Haushalt. Meine Eltern haben dann irgendwann den Hof aufgegeben, mein Vater hat sich umschulen lassen und meine Mutter hat wieder als Arzthelferin gearbeitet. Sie hat eine sehr tolle Praxis gefunden und ist regelrecht aufgeblüht. Es ist total ungerecht, dass sie weniger Rente erhält als mein Vater.

Findet ihr euer System gerecht, seid ihr glücklich damit?

Uns geht es sehr gut im Vergleich zu anderen – dafür sind wir sehr dankbar. Ich wünschte aber schon, dass man nicht in diesem kapitalistischen System gefangen ist und beide so viel arbeiten müssten.

Was würdet ihr euch anders wünschen?

Wir geben nicht dem System Familie (Kinder / Haushalt) die Schuld, sondern vielmehr dem Wirtschaftssystem. Nicht nur das gesamte Ökosystem leidet, sondern auch wir Menschen, die sich dieses Konstrukt gebaut haben. Das ist aber jetzt eher gesellschaftspolitisch. Wir sind natürlich ein Teil davon und es ist ein komplexes Thema. Auf privater Ebene geht es uns gut und wir können uns überhaupt nicht beklagen. Im Vergleich zu anderen führen wir ein sorgloses Leben.

Was würdet ihr euch vom Staat, von eurem Umfeld, vom Arbeitgeber wünschen?

Auf der Staat-Seite gibt es schon einige Verbesserungsmöglichkeiten. Das Elterngeld ist wirklich eine tolle Sache. Vor allem dann, wenn man es mit anderen Ländern vergleicht. Für Selbstständige ist es aber nicht gut gelöst. Das hat ja Jessie schon in ihrem Interview erwähnt.
Alles was sonst so rund ums Kind zu organisieren ist, ist es ein totaler Krampf: Hebamme, Krankenhaus, Tagesmutter oder Kita. Toll ist natürlich, dass es alles recht günstig ist wie z.B. Kitaplatz. In Holland kosten drei Tage Kinderbetreuung 1200€ . Wir unterhalten uns immer mit unseren Kunden darüber… das ist sehr interessant.

Im großen und ganzen bereiten uns der Klimawandel und die zunehmende Spaltung der Gesellschaft fürchterliche Sorgen. Da rollt ein so massives Problem auf uns zu, was auch meine Kinder betreffen wird. Da wünsche ich mir vom Staat eine zukunftsorientierte Politik – da passiert viel zu wenig. Corona ist leider nur der Vorbote…

Was kommt immer zu kurz?

Freunde sehen kommt zu kurz, die sind allerdings selber ziemlich eingespannt. Wir als Pärchen kommen zu kurz.

Und was klappt aber eigentlich ziemlich gut?

Immer wieder mal den Moment zu genießen und dankbar sein.

Was stresst euch im Alltag am meisten?

Dass wir uns beide oftmals von A nach B hetzen müssen. Anselm stresst es leider ganz besonders, und das hat Auswirkungen auf die gesamte Familie. Ich bin da recht hart im Nehmen. Dafür bin bin aber harmoniebedürftig und so rasseln wir dann ab und zu aneinander.

Und was macht am meisten Freude?

Natürlich das Familienleben. ☺

Danke!!!

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