Es ist eine Herausforderung Sissi Rasche mit Hugo & Cléo .

Sissi Rasche ist Hebamme aus Leidenschaft und auf Hausgeburten spezialisiert – auch ihre beiden Kinder Hugo und Cléo sind in der Charlottenburger Wohnung auf die Welt gekommen und Sissi begann nach beiden Kindern sehr schnell wieder zu arbeiten. Nicht nur aus Druck, sondern weil sie ihren Beruf auch einfach liebt und lebt. Wir trafen sie an einem winterlichen Nachmittag zum Ostereier-Malen und befragten sie zu Hebammen-Themen aber auch dazu, wie sie diesen zeitaufwendigen Beruf mit zwei kleinen Kindern bewältigt.

Wie kamst du zum Beruf der Hebamme?

Kinder waren schon immer mein Ding. Als Teenager war ich Kindermädchen in einer Familie mit sechs Kindern und die Mutter meinte irgendwann: „Wenn ich noch mal etwas lernen würde, wäre es Hebamme.“ So kam ich auf den Beruf und fand es gleich toll, dass es nicht nur um das Kind, sondern auch um die Frau geht. Dazu hat man sozialen Kontakt und viel Abwechslung. In den nächsten Schulferien habe ich ein Praktikum im Kreißsaal gemacht, mit 16 Jahren habe ich also schon Geburten gesehen. Direkt nach dem Abi habe ich dann meine Ausbildung begonnen und bin später bei Ulrike Aulbach gelandet, eine bekannte Hausgeburten-Hebamme in Hamburg. Es war gewissermaßen Liebe auf den ersten Blick und sie wurde meine Mentorin, hat mir alles beigebracht. Mit ihr habe ich meine erste Hausgeburt gesehen und dachte: „So will ich arbeiten!“ Nach dem Ende der Ausbildung bin ich dann vor vier Jahren nach Berlin gezogen und habe mich selbstständig gemacht. Ja, und das lief von Anfang an. Wenn du eine Frau gut betreust, dann wirst du weiterempfohlen und so weiter.

Du hast mittlerweile zwei Kinder. Wie lässt sich der Beruf damit vereinbaren?

Es ist eine Herausforderung. Das weiß jede berufstätige Mutter, aber meinen Beruf kann man zusätzlich auch noch sehr schwer planen, man weiß nicht, wann eine Geburt losgeht, und wie lange es dauert. Bis zu Hugos Geburt 2011 habe ich alles gemacht: Geburtsvorbereitungskurse, Vorsorge, Wochenbettbetreuung, Rückbildung, Geburtshilfe. Ich habe auch eine Zeit lang als Beleghebamme gearbeitet. Als Hugo da war, habe ich die Kurse zurückgeschraubt, und bin aber ansonsten nach drei Monaten wieder voll eingestiegen. Mein Mann hatte damals durch einen Jobwechsel eine Auszeit und konnte sechs Monate Elternzeit nehmen. Das war super, ich bin ganz schnell wieder reingekommen. Aber es war auch hart. Ich habe ja noch gestillt, hatte immer den Kühlschrank voller Milch. Ich habe in jeder freien Minute abgepumpt, weil ich ja nicht wusste, wie lange ich weg bin. Man braucht also einen tollen Mann, und einen Super-Freundeskreis, sonst funktioniert das nicht.
Mit neun Monaten kam Hugo dann zu einer Tagesmutter, die auch eine gute Freundin von uns ist. Das war mir wichtig, dass es jemand ist, den er gut kennt. Ein Kind vor dem ersten Geburtstag abgeben, das ist nämlich ganz schön schwer. Generell fiel es mir auch nicht leicht, so schnell wieder zurück in den Beruf zu gehen. Die Kinder sind nur so kurz klein und ich denke irgendwie: Arbeiten kann ich noch mein ganzes Leben. Aber auf der anderen Seite liebe ich meinen Beruf, und wenn man zwei Jahre keine Frauen betreut hat, dann ist der Name weg. Dann muss man wieder ganz von vorne anfangen.
Jetzt mit Cléo will ich nicht so schnell wieder voll arbeiten. Geht auch gar nicht, weil mein Mann diesmal nicht viel frei nehmen kann. Erst mal betreue ich also nur Leute, die ich kenne, damit ich besser timen kann und flexibler bin. Das sind jetzt drei Frauen, die im Sommer mit mir ihre Geburt planen und zwei dann noch im Herbst. Diesmal pokern wir natürlich total, es kann dann sein, dass eine Geburt ansteht und totales Chaos ist. Man ist ja ständig rufbereit. Und mir ist eine Eins-zu-eins-Betreuung wichtig, ich will den Frauen garantieren, dass ich bei der Geburt dabei bin und zu hundert Prozent auf sie eingehen kann, sie kennen und wissen, was sie brauchen. Das Vertrauen zur Hebamme, das ist meiner Meinung nach das beste Schmerzmittel.

Was spricht für eine Hausgeburt?

Erst mal ist es am wichtigsten, dass jede Frau ihren passenden Ort findet. Dort, wo sie sich am wohlsten fühlt. Für mich ist es ein Luxus, zu Hause entbinden zu können. Man muss gesund sein, dem Baby muss es gut gehen. Dann ist es schön, dass die Frau sich in ihrer natürlichen Umgebung bewegen kann. Man kann nackt sein, die eigene Toilette benutzen, und ist dadurch von vornherein entspannter und Entspannung ist das A und O bei der Geburt! Die Atmosphäre ist außerdem ruhig und bekannt, man hat die Personen dabei, die man will, es gibt keine Störungen durch Dritte. Außerdem ist man in der eigenen Wohnung keimfreier, man hat nur seine eigenen Keime und je mehr man den natürlichen Vorgang passieren lässt, desto weniger Probleme gibt es. Der Körper kann das ja eigentlich alles von selbst. Wir versuchen, diesen natürlichen Prozess so wenig wie möglich zu unterbrechen.

Wie oft passiert dann doch was?

Um eine Hausgeburt durchzuziehen muss bis zur 37. Woche alles gut sein. Wenn eine Frau aber zum Beispiel 14 Tage über dem Termin ist oder sich ein Risiko entwickelt, dann führt der Weg ins Krankenhaus. Ansonsten haben wir selten Verlegungen. Wenn eine Frau aber während der Geburt merkt, sie will ins Krankenhaus, sie will Schmerzmittel, sie fühlt sich unsicher, dann verlegen wir. Das kommt sehr selten vor, aber am Ende bestimmt und entscheidet sie, was passiert. Es wird auch verlegt, wenn sich ein Risiko anbahnt, das merkt man immer relativ früh. In Berlin ist an jeder Ecke ein Krankenhaus, man hat also einen kurzen Weg. Es ist wirklich sicher! Bei quag.de kann man sehen wie gut die Statistik ist. Es ist nicht mutig, zu Hause zu entbinden, sondern einfach eine bewusste Entscheidung. Aber wie gesagt: Es gibt verschiedene Frauen, dazu passende Hebammen und jeder sollte das so machen, wie es sich für ihn am besten anfühlt.

Warum haben so viele Frauen Angst vor Hausgeburten?

Das ist ja kein Wunder. Die ganze Schwangerschaft über wird einem Angst gemacht. Man geht mit dem positiven Test zum Arzt und wird sofort gewarnt. Soll sich erst nach drei Monaten freuen. Kommt gleich in eine Maschinerie rein, was braucht man, was könnte schief gehen. Vertrauen schenken wäre viel wichtiger, stattdessen wird man verunsichert. Das finde ich schade und es ist auch etwas deutsches, in anderen Ländern wird nicht so viel Gewese darum gemacht. Frauen sollten viel mehr auf ihren Bauch vertrauen und keine Ultraschall-Flatrate oder so etwas buchen. In Holland gehen zum Beispiel nur die Kranken zum Gebären ins Krankenhaus. Erst wenn irgendetwas außer Plan läuft, wird auf Ärzte verwiesen, sonst macht das die Hebamme. Die Geburt ist dort einfach ein natürlicher Prozess und die Hebamme ist dafür zuständig. Hier ist es übrigens auch so, dass ein Arzt keine Geburt ohne Hebamme machen darf, umgekehrt aber schon.

Was hältst du vom Trend zum Kaiserschnitt?

Ich finde es traurig! Und ich glaube, dass die meisten Frauen nicht richtig aufgeklärt werden. Ein Kaiserschnitt hat wirtschaftliche Vorteile, klar. Er ist leichter planbar, geht schnell und die Frauen glauben, es sei die einfachere Variante. Aber die meisten haben sich noch nie richtig mit dem Thema Geburt auseinandergesetzt! So dürfen Kinder also nicht mal mehr ihren Geburtstag bestimmen, sondern der wird im OP-Plan festgelegt, wie gesagt: Ich finde das wirklich traurig.

Hast du Tipps um nach der Geburt schnell wieder fit zu werden?

Also erst mal ist es wichtig, sich in der Schwangerschaft nicht gehen zu lassen. Nicht für zwei essen, Sport machen und sich gut ernähren. Wie schnell eine Frau dann wieder fit wird, hängt aber auch von der Veranlagung ab. Einen Rückbildungskurs würde ich jeder empfehlen, und zwar einen, der nicht nur Kaffeeklatsch ist. Ansonsten: Viel mit dem Kind machen, Spazieren gehen und langsam wieder Sport machen und in Form kommen. Es gibt auch viele Kurse, wo man die Babys mitnehmen kann. Man sollte sich aber keinen Stress machen. Die Hochglanzmagazine machen gerne Druck, aber das sind ja auch meistens Leute, die mit ihrem Körper Geld verdienen müssen und das sollte man sich nicht zum Vorbild nehmen. Die Stillhormone machen den Körper einfach weich, und man ist ja auch eine Mama dann, die soll weich sein! Ich hatte zum Beispiel nach Hugo irgendwann mein Gewicht wieder, aber erst nach dem Abstillen war der Körper wieder fest.
Viele schwören übrigens auf figurformende Unterwäsche. Gerade wenn man einen Kaiserschnitt hatte. Durch den Eingriff werden die Bauchmuskeln noch weiter gedehnt, als bei einer normalen Geburt. Das heißt, diese Frauen haben oft noch länger den typischen „Schwangerenbauch“. Da kann es sehr angenehm sein, stützende Unterwäsche zu tragen. Ist aber auch wieder Typsache!

Wolltest du immer Kinder und auch so früh?

Ja, auch meine Mutter war sehr jung. Wir sind nur 20 Jahre auseinander und das ist toll! Ich hab einfach noch sehr lange was von meinen Eltern. Ich selbst war bei Hugo 26 und finde es super. Als Hebamme ist die Karriereleiter ja auch nicht so hoch, wie wenn ich jetzt Modedesignerin oder in einer Werbeagentur wäre. Ich konnte mich deshalb leicht für ein Kind entscheiden. Und ich freue mich auch schon darauf, wenn mit 35 die Kinder aus dem Gröbsten raus sind und ich noch mal richtig viel für mich machen kann!

Wie war der Schritt vom ersten zum zweiten Kind?

Ein Kind ist kein Kind! Haha! Nein, wenn man das erste Kind bekommt ändert sich natürlich alles. Man ist plötzlich nicht mehr nur für sich verantwortlich, sondern da ist immer jemand da. Ich weiß noch, als ich das erste Mal wieder alleine Auto gefahren bin und das war total komisch! Jetzt habe ich zwei Kinder, und die unterzubringen ist natürlich schwieriger. Ich kann ja nicht einer kinderlosen Freundin mal nebenbei zwei Kinder unterjubeln! Das fand ich mit einem Kind nicht so problematisch. Aber ich denke, wenn Cléo ein halbes Jahr alt ist, wird es etwas einfacher. Ansonsten fehlt mir oft eine Hand, wenn beide gleichzeitig was wollen, klar.

Wie kommt Hugo mit dem Zuwachs klar?

Er liebt seine Schwester und ist nicht wirklich eifersüchtig, was natürlich toll ist. Die haben jetzt schon eine Bindung zueinander. Ich glaube echt, dass das ein Dream Team wird, zumindest in den ersten Jahren. Nächstes Jahr wird es schon super, dann können sie miteinander spielen. Auch wenn es jetzt erst mal stressig ist, bin ich froh, dass wir uns so entschieden haben. Hugo ist ansonsten sehr autonom, ein Freigeist mit eigenem Kopf. Aber er ist trotzdem sehr sanft, auch im Umgang mit anderen Kindern. Aber alle schwärmen natürlich von ihren Kindern, das ist ja das, was alle so nervt!

Wie haltet ihr eure Ehe am Leben?

Ich bin ganz ehrlich, die ersten Wochen sind immer superanstrengend, da bleibt natürlich das Paar auf der Strecke. Das ist ganz normal. Wenn es sich dann aber eingependelt hat, dann kann man sich wieder Freiräume schaffen. Die sind spärlich gesät, aber bald kommt zum Beispiel meine Mutter für ein Wochenende und passt auf beide Kinder auf. Da können wir mal wieder zu zweit ausgehen. Diese Momente sind selten, vor allem weil wir die Großeltern nicht in der Stadt haben. Ich freue mich also jetzt schon darauf!

Unsere Zeit wird aber auch wieder kommen, jetzt ist eben Family-Zeit. Wir laden uns als Ausgleich oft Leute ein, verlagern das Socialising auf die Wohnung, kochen und haben Freunde da.

Gab es noch irgendwas, was dich am Mutterdasein überrascht hat?

Dass man wirklich mit so wenig Schlaf auskommt! Ich wusste zwar, dass die Hormone das steuern, aber ich habe früher sehr gerne und viel geschlafen und jetzt ist es wirklich wenig und es geht mir gut.

Was ist das Schönste am Mama sein?

Das, was alle sagen! Man hat so viel Liebe und deine Kinder finden dich immer toll, egal wie du aussiehst, egal wie du drauf bist. Außerdem dieses Gefühl: Das ist ein Teil von mir, aus mir entstanden. Dass ich am Spielplatz denke: Ja, das ist wirklich meiner!

Und was ist das Nervigste?

Ich würde nicht sagen, dass es nervig ist, aber man ist halt weniger spontan. Man kann nicht auf die Schnelle mal wegfahren zum Beispiel. Mein Mann und ich sind zwar immer noch einigermaßen spontan, aber es kommt immer ein Riesenrattenschwanz an Organisation dazu. Das mache ich aber auch gerne, deshalb ist nervig eigentlich das falsche Wort. Aber anstrengend ist es halt oft.

Danke für das Interview, Sissi!

 

Hier erfahrt ihr bald mehr über Sissis Arbeit

 

Sissi Rasche mit Hugo (2) & Cléo (10 Wochen), März 2013

Interview: Isabel Robles Salgado

Fotos: Julia Luka Lila Nitzschke