Vollkommen. Und einfach zufrieden! Julia Strathmann mit Tilda und Anton .

Vor beiden Schwangerschaften gab es in meinem Freundes- und Bekanntenkreis Mütter, die mir als Vorbild dienten. Die ich immer mal wieder sah und den Eindruck hatte: die bekommt das hin, das schaffe ich auch! Eine von ihnen war Julia, denn wir teilen mit Julia ein Büro. Sie schafft, gemeinsam mit ihrer Partnerin Marie als JACOB I REISCHEL Design- und Foto-Projekte. Entsprechend sah ich sie oft im Office – erst schwanger, dann mit Baby im MaxiCosi, heute wieder alleine. Und immer noch macht sie jeden Tag einen herrlich entspannten Eindruck, immer noch denke ich: die bekommt das echt voll gut hin, mit dem Arbeiten und den Kindern und so. Höchste Zeit, sie mal zuhause in Prenzlauer Berg zu besuchen und ihr ein paar Fragen zu stellen!

Liebe Julia, du hast die gleiche Kombination wie ich: einen Jungen und ein Mädchen. Wie weit sind die beiden auseinander und wie kommen sie miteinander klar?

Die beiden sind relativ dicht beieinander, zwei Jahre und drei Monate. Wir hatten am Anfang ein bisschen Angst, dass Eifersucht eine Rolle spielen könnte, aber damit gab es gar keine Probleme – wahrscheinlich gerade weil sie nicht so weit auseinander sind. Anton hat von Anfang an Tilda in sein Herz geschlossen und ist sehr gern der große Bruder, der ihr mal mehr oder weniger hilft und die Welt erklärt.

Was war für dich anders mit Tilda, als mit Anton?

Bei Anton hat es mich ziemlich überrumpelt, dass ich schwanger bin, ich musste mich erst mal mit dem Gedanken anfreunden, Mutter zu werden. Man weiß zwar, dass man schwanger werden kann, aber dann ist es plötzlich nach vier Wochen so endgültig. Ich war noch gar nicht so weit und schon war ich schwanger. Das war zwar alles total spannend, aber plötzlich könnte ich nicht mehr selbst bestimmen und ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Außerdem war ich gerade mit Marie in ein neues Büro gezogen und wollte beruflich durchstarten. Privat sind wir auch noch umgezogen und einen Monat vor der Geburt haben wir noch schnell geheiratet. Das war ein krasses Programm – ohne Pause und dann kam Anton.
Beide Schwangerschaften und Geburten waren sehr unkompliziert. Mit Anton musste ich mich nur sehr viel mehr daran gewöhnen, nicht mehr alleine zu sein. Als er im Krankenhaus neben mir lag, hab ich mich nur gefragt, wann ich ich wohl wieder schlafen kann und wann er eigentlich auszieht!
Bei Tilda wusste ich genau, worauf ich mich einlasse, welche Wehwehchen wann kommen. Ich kam auch mit meinen Stimmungsschwankungen besser klar.
Beim zweiten Mal lief es viel mehr neben her, was ich angenehm fand. Ich selbst war gelassener. Andere Dinge dafür waren sehr viel schwieriger. Den Ratschlag z.B. nichts mehr tragen zu dürfen in der Schwangerschaft, den beherzigt man dann eben nicht mehr, wenn man einen schreienden Zweijährigen auf dem Arm in den vierten Stock tragen muss, mit Schwangerschaftsbauch und Einkauf.

Für mich war die erste Zeit mit beiden ganz schön heftig, wie war das damals bei euch?

Ich fands sehr schön. Der “Schock” von der Zweisamkeit zur Dreisamkeit war heftiger. Aber natürlich ist es extrem anstrengend. Als Anton ein Baby war und geschlafen hat, hab ich auch geschlafen – oder gearbeitet. Als dann Tilda da war und geschlafen hat, habe ich mich um Anton gekümmert. Der Stress hatte zur Folge, dass ich in der zweiten Woche zu Hause gleich mal eine fiese Mastitis hatte. Der Körper zeigt einem eben, wenn es zu viel wird. Und man hat erstmal wirklich gar keine Zeit für sich. Duschen, essen, trinken fällt dann mal kurz aus! Jetzt merke ich, aber dass täglich mehr Freiheit zurück kommt. Ich finde den Abstand perfekt. Am Anfang ist es hart, aber jetzt spielen sie schon miteinander.

Wolltest du immer Kinder haben?

Ja, irgendwie schon, aber irgendwie auch nicht. Ich bin auf keinen Fall eine von denen, die schon mit 18 wusste, dass sie mit 30 Kinder und Familie hat. Mit meinem Mann bin ich aber schon eine Ewigkeit zusammen und er ist derjenige von uns beiden der auf jeden Fall viel früher Kinder haben wollte als ich. Jetzt bin ich total froh, dass er so gedrängelt hat. Ich fühle mich, seitdem ich Kinder habe vollkommen und einfach zufrieden.

Bist du also eher eine Nebenbei- oder eine Löwenmama?

Sagen wir mal so: es ist nicht alles in meinem Leben. Nur zu Hause zu sein und mich um die Kinder kümmern wäre nichts für mich.

Was macht dein Mann und wie teilt ihr euch mit den Kindern auf?

Marc ist Arzt. Er hat die typischen Arbeitszeiten und muss leider auch oft samstag und sonntags ran.
Für das Hinbringen und Abholen von und zur Kita, Freunde treffen, Spielplatz und die üblichen anderen Termine bin also meistens ich zuständig. Was mich zu einem riesigen Spagat zwingt! Marc hat aber öfter auch mal unter der Woche einen Tag frei, oder kommt ungeplant früher nach Hause. Auf jeden Fall ist er dann komplett ohne wenn und aber für Tilda und Anton da und spielt stundenlang mit ihnen. Er ist der bessere Kinder-Unterhalter, das muss ich wirklich sagen. Ich bin strenger. Und er hat bei beiden Elternzeit genommen. Bei Anton drei, bei Tilda sogar sechs Monate. Das hat mir ziemlich schnell wieder Freiheit gebracht.

Wann habt ihr Zeit für euch und wann hast du Zeit für dich alleine?

Hä? Zeit? Also, Anton und Tilda sind beide in einer Waldkita und am Abend nach der ganzen frischen Luft und dem Getobe fix und foxi. Anton schläft inzwischen allerspätestens um neun ein, Tilda gegen halb. Also haben wir am Abend Zeit. Als Anton klein war, haben wir noch sehr viel mehr unternommen. Das hat nachgelassen, wird aber wieder nachgeholt. Sonst wechseln wir uns aber beide ganz gut ab mit Freunden treffen, Sport usw. Wir hatten die letzten drei Jahre ein super Kindermädchen als Unterstützung, die jetzt aber leider mit ihrer Ausbildung fertig ist. Falls jemand Interesse hat – meldet euch gerne!

Fahrt ihr auch oft weg? Wie hat sich das Reisen durch die Kinder verändert?

Nicht so sehr. Wir haben das Glück, dass meine Schwiegereltern ein kleines Haus in Spanien haben. Das ist dann immer der erste Anlaufpunkt. Tilda war das erste Mal  schon mit sechs Wochen da.
Marc und ich fahren beide Ski seitdem wir klein sind. Nach einer Pause waren wir die letzten zwei Jahre mit den beiden in den Bergen. Anton kann sogar schon Pizzaschnitten fahren! Außerdem liebe ich Städtereisen. Bisher haben wir es nach Barcelona und Stockholm geschafft. Vor den Kindern haben wir zwei Wohnungstausche gemacht – das würde ich gerne jetzt mit Anton und Tilda machen. Es ist einfach unschlagbar, nichts für die Unterkunft zu zahlen und dann auch noch gleich ein Kinderzimmer da zu haben. Das steht auf jeden Fall auf der To Do Liste.

Wie sieht ein typischer Tag bei euch aus?

Um sechs durch Tildas Fuß im Gesicht aufwachen. Marc springt dann unter die Dusche und ich versuche, meistens ohne Erfolg, noch mit Tilda weiterzuschlafen. Nach einer Dusche und Frühstück ruft Anton irgendwann aus seinem Zimmer. Marc muss etwa um 7:30 los. Meistens unter Prostest schaffe ich es irgendwie beide und auch mich anzuziehen und fahre zur Kita. Dann düse ich weiter ins Büro. Bis 17:00 hole ich beide wieder ab. Dann gehts nach Hause oder auf den Spielplatz, Abendbrot, spielen oder baden, immer lesen und ab ins Bett.

Kommen wir zu den Business-Fragen: Was ist eigentlich dein beruflicher Hintergrund?

Ich habe hier in Berlin an der Udk Produktdesign studiert, kurze Zwischenstationen in Barcelona und Rotterdam, dann kam das Diplom. Danach habe ich mir die Frage gestellt, was ich wirklich machen möchte und hab gemerkt, dass ich eher in die grafische Richtung gehen möchte. Es gab auch gleich die ersten Aufträge von Freunden und Bekannten und ich hab mich dann mit Marie zusammengesetzt und gearbeitet.

Wann habt ihr euch selbstständig gemacht und was macht ihr genau?

Wir arbeiten seit 2010 zusammen und haben 2012 die Gbr gegründet. Unser Name ist etwas verwirrend. Als wir uns gegründet haben hieß ich noch Reischel. Der Name setzt sich aus unseren Nachnamen zusammen: JACOB | REISCHEL. Viel zu oft werden wir für einen Jacob gehalten. Oft sind die Leute dann überrascht, dass nicht ein Schwuler hinter den Arbeiten steckt, sondern ein Frauen-Team, haha! Berlin ist kein einfaches Pflaster, jeder kennt irgendwie einen Designer, der mal schnell was machen kann, da ist es nicht so einfach eine Sparte zu finden. Marie ist außerdem ausgebildete Fotografin. Irgendwann haben wir angefangen Fotos zu machen von Interieur und Accessoires. Dann kamen die ersten Kunden, die auch Interesse daran hatten. Inzwischen arbeiten wir ca 60 % in der Fotografie. Gerade als Team sind wir für die Kunden interessant. Wir arbeiten beide zusammen das Konzept aus, dann setzten wir uns ans Styling und Marie fotografiert. So kommt dann alles aus einer Hand. Unsere Herkunft als Produktdesigner ist dabei ein klarer Vorteil. Wir denken eher Dreidimensional und können uns die Dinge schon bildlich vorstellen – außerdem sind wir z.B. seit dem Studium jährlich bei der Mailänder Möbelmesse. Dadurch bekommt man einen ziemlich schnellen Überblick darüber, was gefragt ist, welche Möbel und Accessoires kommen und welche Farben wichtig für die folgende Saison aktuell sind. Die anderen 40 % arbeiten wir als als Grafikerinnen. Vorwiegend Editorial, aber natürlich auch Web und Corporate Identities.

Wie hat sich die Arbeit verändert, seit du Kinder hast?

Ich versuche in weniger Zeit, mehr zu schaffen. Ich arbeite konzentrierter, aber auch viel gestresster. Wenn eines der Kinder krank ist, muss von zu hause arbeiten. Ich rechne es Marie hoch an, dass sie das alles mit mir mitmacht.

War mit einem Kind alles noch einfacher – wie ist es jetzt mit zweien?

Ne, Anton war gerade am Anfang in der Kita sehr oft krank. Das war sehr anstrengend, weil ich immer wieder von meinen Plänen abweichen musste. Es hat sich mittlerweile aber eingependelt und Tilda ist viel robuster. Inzwischen spielen sie auch mehr miteinander. Bei Anton musste ich noch viel häufiger den Alleinunterhalter geben. Es ist also eher einfacher geworden.

Das macht Mut! Sag mal: Kinder und Karriere – geht das zusammen?

Ja, klar. Ich mag nur die Frage nicht. Einem Mann würde man die Frage nicht stellen.
Die werden dafür gelobt. Wow. Toller Mann, macht Kariere und hat zwei Kinder zu Hause. Bei Frauen hört es sich immer gleich negativ an. Die macht auf Kosten der Kinder Karriere. Oder ist komplett überfordert. Dass man seinen Job aus eigenem Antrieb macht und dass es allen in der Familie besser geht, wenn auch Frauen das machen, was sie möchten, scheint vielen immer noch nicht ganz klar zu sein.

Ich liebe deinen Einrichtungs-Stil, wann findest du Zeit, alles hübsch zu machen?

Danke! Im Moment verbringe die meiste Zeit damit, aufzuräumen, anstatt es hübsch zu machen. Das Wichtigste ist in meinen Augen, dass die Einrichtung wächst. Nichts finde ich schlimmer, als wenn mir Leute sagen, sie hätten sich jetzt alles neu gekauft. Das Persönliche geht dabei komplett verloren. Die Mischung machts. Genauso wie bei Fashion. Nur Schweden ist doof. Design, Flohmarktschätze und Erinnerungsstücke ist mein Stil, dann muss man auch seltener etwas ändern!

Ist Berlin ein gutes Pflaster um Kinder zu bekommen?

Ja, klar! Es gibt überall Vor- und Nachteile. Berlin hat keine Dorfidylle und ist manchmal laut und ruppig. Dafür gibt es aber Millionen Möglichkeiten. Bauspielplätze. Bauernhöfe. Schwimmbäder. Parks. Kasperletheater und Eisdielen bis zum Abwinken und das alles fußläufig. Für eine Stadt finde ich das ziemlich genial. Wir haben seit kurzem ein Lastenrad – Klischee wieder bestätigt – dadurch sind wir extrem flexibel und keiner quengelt bei längeren Touren. Außerdem sind Anton und Tilda wie gesagt in einer Waldkita: Anton ist mit seinen vier Jahren mehr in der Natur als ich es jemals war und erzählt mir von Bäumen und Käfern, von denen ich noch nie gehört habe, das ist toll!

Wie kommst du mit den Prenzlberg Klischees klar?

Ich bestätige es!! Zugezogen, ich mache Design, Marc ist Arzt, zwei Kinder. Auto vor der Tür und wir kaufen im Bio-Markt. Eklig! Von Außen betrachtet finden ich uns megaanstrengend. Bevor ich Kinder hatte, wollte ich eigentlich unbedingt weg, nach Kreuzberg, raus aus dieser heilen Welt Blase. Inzwischen wohne ich wieder gerne hier. Es gibt tausende Spielplätze, den Volkspark Friedrichshain und für uns Restaurant, Bars und Cafés.

Wie nervig fand ich die Proseccotrinkenden Eltern am Kollwitzplatz – ganz schön dekadent. Jetzt steh ich selber da. Ein Wein am Samstag in der Sonne und spielende Kinder ist einfach super. Man kann eben einfach nicht mehr so oft an einem Sommerabend spontan in eine Bar oder im Park sitzen bleiben mit zwei kleinen Kindern. Und nur weil man Kinder hat, will man ja nicht komplett auf sein altes Leben verzichten – es ist eh schon alles anders.
Außerdem muss ich mir in Prenzlauer Berg keine Sorgen um die Kinder machen. Ein bisschen ändern sich eben die Prioritäten.

Was ist das Nervigste am Mama-Sein?

Der Zeitmangel und das Gefühl nicht allen gerecht werden.

Und was das Schönste?

Die Händchen, die einen an die Hand nehmen wollen, das Kuscheln und die bedingungslose Liebe 🙂

Danke, Julia!

 

Julia Strathmann mit Anton (4) und Tilda (2), Herbst 2016

Fotos: Julia Nitzschke

Interview: Isabel Robles Salgado