Von der “Hölle des Gleichen” und warum unsere Kinder authentische Eltern brauchen

birkin

Es gibt Tage, an denen würde ich gerne hinschmeißen. Das Kind abgeben. Mich morgens Früh betrinken. Schrill schreien. Den Kopf gegen die Wand hauen. Raus rennen. Gewiss, ich würde sicher bald wieder aufstehen. Ich ließe das Kind auch nicht lange dort, wo ich es “verstaut” hätte und mehr als einen Schnaps tränke ich wohl auch nicht. Nach dem Schreien folgte das Schweigen, vor der Wand hätte ich doch zu viel Respekt und wenn ich erst einmal an der frischen Luft wäre, ginge es wohl sehr bald besser.

Worum es hier nun aber gehen soll: Das alles tue ich nicht. Nie. Ich konditioniere mich ständig. Ich tue Dinge, weil ich annehme, dass es so wohl besser sein müsste fürs Kind. Ich mime eine bessere Version meiner selbst und verkenne dabei: dass das Kind den Braten doch ohnehin riecht.

Als ließen sich meine Wünsche, mein Begehren, mein Frust, meine Wut, ja – manchmal meine Ohnmacht von ihm abhalten. Oberflächlich mag das so sein. Aber was in mir rumort, rumort auch in ihm. Das nennt man Spiegeln und meint, dass wir letztlich doch alle durchlässig sind – bzw. unsere Emotionen vor den Kindern nicht zu verhindern sind.

Warum denn dann nicht eigentlich ungefiltert sein?

Gut, wir sprechen hier nicht davon, alles ungefiltert auf das Kind loszulassen. Genauso wie wir davon sprechen, dass unsere Kinder Grenzen bedürfen, um sich in dieser, unserer Welt zu verorten – ist es sehr sicher auch ratsam, emotionale Eskalationsmomente nicht am Kind vorbei zu schmuggeln, sie aber zumindest zu bremsen auf ein fürs Kind verträgliche und verständliche Maß. Weil man das in Beziehungen eben so macht: sich selbst hier und da zu kompromittieren im Willen um das Zusammenleben mit dem Gegenüber.

Aber eben auch wiederum nur bis zu einer gewissen Grenze. Denn irgendwann beginnt die Selbstverleumdung und ob die die bessere Variante darstellt, stelle ich hier mal zur Diskussion. Denn wenn wir davon ausgehen, dass unsere Kinder ohnehin mitbekommen, was bei uns so emotional läuft (und in der Regel ja dementsprechend auch darauf reagieren) – warum habe ich dann den Eindruck, dass sich eine ganze Reihe von uns Eltern bis zur Unkenntlichkeit verstellt, die eigenen Emotionen wegdrückt, stattdessen in ewig gesäuselten Dialogen versucht, das Kind vor den eigenen Unwuchten zu verhüten?

Ich habe ja schon einmal hier darüber geschrieben, wie ich vor allem im ersten Jahr mit meinem Sohn regelrecht in einem Ausnahmezustand funktionierte. Eigentlich sogar nur noch für ihn funktionierte, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle dahinter zurückstellte. Und so ungeheuerlich mir diese Selbstaufgabe heute deut, so sehr bin ich auch im Nachgang überzeugt: das hatte alles schon seine Richtigkeit. Irgendwie.

Seine Richtigkeit – um auf unser Thema zurückzukommen – hat aber eben auch, irgendwann wieder aus diesem Zustand herauszufallen. Sukzessive sicher. Aber das, was wir einmal vor den Kindern waren, begehrt früher oder später in uns auf. Und ich habe den Eindruck: besser früher als später. Wer sich zulange vergisst, wacht später umso deutlicher auf. Platzt die Luftblase eher mit einem großen Knall, als dass aus dem Ballon langsam die Luft entweicht. Und dann folgt erst einmal: die Sinnkrise.

Introjekte des Kindes als Reaktionen auf unausgesprochene Emotionen der Eltern

Auf der anderen Seite gilt es aber auch zu beachten, was verhinderte, weg geschobene, verdrängte Emotionen mit unseren Kindern machen. Nehmen wir dieses Ausgangsszenario: Die Ehe, die Beziehung der Eltern in der Krise. Anstatt das Kind daran teilhaben zu lassen, tendieren die allermeisten Eltern in dieser Situation wohl dazu, den Streit vorm Kind verbergen zu wollen.

Nur, dass Emotionen, Befindlichkeiten eben nicht zu verbergen sind – dass die Spannung zwischen den Eltern unweigerlich beim Kind ankommt. Mit der Konsequenz, dass das Kind vielleicht Eltern erlebt, die spielen, alles sei gut – aber trotzdem spürt, dass dem nicht so ist. In einer solchen Situation besteht dann die Gefahr, dass ein Kind das Ungleichgewicht zwischen den Eltern introjiziert – also annimmt, dass mit ihm etwas nicht stimmt – die Schuld am Streit der Eltern auf sich bezieht.

Die Frage ist doch (und ich habe sicher keine finale Antwort darauf): Was wiegt schwerer? Der Streit oder die Lüge als Realität, in der ein Kind aufwächst?

Rationalisierung der Liebe oder wo nur noch gute Gefühle erwünscht sind

Wenn man nun den großen Gedankenbogen schlagen möchte – und, das will ich natürlich -, dann ließe sich neben der Konditionierungsfrage unseren Kindern gegenüber noch ein weiteres verwandtes Problemfeld im Umgang zwischen Eltern und Kindern erschließen. Um mal Byung-Chul Han* zu zitieren:

Zur Krise der Liebe führt […] die Erosion des Anderen, die derzeit in allen Lebensbereichen stattfindet und mit zunehmender Narzissifizierung des Selbst einhergeht. Dass der Andere verschwindet, ist eigentlich ein dramatischer Prozess, der aber fatalerweise von vielen unbemerkt voranschreitet.

Und weiter:

Der Eros gilt dem Anderen im emphatischen Sinne, der sich ins Regime des Ich nicht einholen lässt. In der Hölle des Gleichen, der die heutige Gesellschaft immer mehr ähnelt, gibt es daher keine erotische Erfahrung. Diese setzt die Asymmetrie und Exteriorität des Anderen voraus. […] Die Negativität des atopischen Anderen entzieht sich der Konsumtion. So ist die Konsumgesellschaft bestrebt, die atopische Anderseits zugunsten konsumierbarer, ja heterotypischer Differenzen zu beseitigen. […] Die Liebe wird heute zu einer Genussformel positioniert. Sie hat vor allem angenehme Gefühle zu erzeugen. […] Sie ist frei von der Negativität der Verletzung, des Überfalls oder des Absturzes.

Die Übersetzung in unseren Eltern-Kosmos

Ich glaube, dass die von mir eingangs angerissene Konditionierung dem Kinde gegenüber und das – was Han hier anspricht – miteinander einhergehen, gar eine gesellschaftliche Entwicklung abbilden. Sich zu konditionieren, bedeutet gewisser Weise nicht anecken zu wollen. Konformität und das Gegenüber in friedlicher Koexistenz zu sich selbst. Am liebsten, scheint es mir zuweilen, wollen wir Eltern vor allem eines von unseren Kindern: bloß nicht zu viel Aufruhr, zu viel Stress und Streit. Bitte kein schreiendes, tobendes, gegen uns aufbegehrendes Kind. Und schlimmer noch: Wenn wir es vermeintlich ganz genau mit dem Attachment Parenting halten, ist der absolute Konsens – ja, quasi die Symbiose mit dem anderen, diesem kleinen Wesen, das uns entsprungen ist – der beste aller Wege.

Dass das eigentlich gar nicht im Sinne von Jesper Juul & Co. ist, steht auf einem anderen Blatt, das uns Eltern in den Zwischenzeilen der Ratgeberlektüre wohl zuweilen verloren zu gehen scheint: es geht nicht darum Streit, Dissens, das Kind als alternativ denkendes, fühlendes und handelndes Wesen zu vermeiden, gar zu verhindern. Ganz im Gegenteil sogar. Es geht Juul & Co. darum, unser Kind in seiner Andersartigkeit zu erkennen und dann eine Basis zu schaffen, wie wir als so unterschiedliche Wesen einen Umgang miteinander finden, mit dem beide Parteien gut leben können. Und zwar als voneinander unabhängige Individuen, die in Beziehung zueinander stehen.

Die Ebene des Konsenses als Gesellschaftsmodell

Nun beobachtet Han den Wunsch nach Konsens nicht nur als Konzept zwischen zwei Menschen. Er formuliert es in einem viel größeren Ausmaß für unsere Gesellschaft. Und zwar so:

Die vom Können beherrschte Leistungsgesellschaft, in der alles möglich, alles Initiative und Projekt ist, hat keinen Zugang zur Liebe als Verletzung und Passion.

Im Umkehrschluss bedeute das ganz simpel: Ratio statt Leidenschaft. Beziehung als optimierbare Gleichung anstatt dialektischer und lebendiger Begegnung.

Warum ich lieber etwas mehr Leidenschaft, als nur Ratio für mein Kind will

Ich glaube, Isabel war es, die irgendwann einmal sinngemäß schrieb, dass sie sich für Xaver wünsche, dass er so geborgen wie möglich in diese Welt starte, aber sie es auch gut finde, wenn er durch seine zuweilen verschrobenen Eltern so geprägt würde, dass aus ihm eine lustige Person geriete. Ich wünsche mir das für Julius auch. Und ich glaube, dass ich auf einem guten Weg bin, wenn ich Julius offen begegne.

Meine Realität kann ich vor ihm ohnehin nicht verbergen. Soll er also doch besser daran teilhaben, als sich darin total fremd zu fühlen. Ich will versuchen, nicht alle meine Stimmungen oder gar Neurosen vor ihm zu verstecken – sondern ihn mich authentisch erleben lassen. Also ranze ich lieber einmal zu viel “scheiße”, wenn ich wütend bin, als dass ich meine eigene Emotion verschlucke. Ich gestatte aber meinem Kind im Umkehrschluss auch, mich zuweilen scheiße zu finden und mir das sogar entgegen zu brüllen. Soll er doch brüllen. Gut so sogar, finde ich. Bislang hat es noch immer den Punkt gegeben, an dem wir wieder zueinander fanden, wir uns in den Armen liegend versöhnten. Ich habe großes Vertrauen, dass das auch so bleibt.

Ich will insofern kein ruhiges, angepasstes, nie maulendes Kind – das sich meint, mir als Person über seine eigenen Grenzen hinaus anzupassen. Dass in einer Umwelt lebt, in der es keinen Raum für schlechte Gefühle oder Streit gibt. Stattdessen ständig vorgegaukelt wird, alles sei toll und wir lebten in der besten Beziehung in der besten aller Zeiten. Nur, um hinter der Hand durch diese Verlogenheit belastet zu sein – daraus eine Wahrnehmung zu entwickeln, in der er sich selbst als Problem verortet, anstatt die Umstände zu verstehen.

Ich will gleichsam aber auch mich selbst nicht ständig in meinem Sein regulieren müssen aus der Angst heraus, ich würde meinem Kind ansonsten zu viel zumuten. Es verträgt mich schon, so wie ich ihn vertrage. Meistens mögen wir uns sogar ganz gerne.

 

Das Foto oben zeigt Jane Birkin und Serge Gainsbourg mit ihrer Tochter Charlotte. Die beiden müssen eine sehr wilde, leidenschaftliche, von Kämpfen und Raserei geprägte Beziehung geführt haben, glaubt man den Berichten. 

*Byung-Chul Han ist Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin. Die in diesem Text zitierten Sätze entstammen seinem Essay “Agonie des Eros.

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