Let’s talk about: Transgenerative Traumata oder inwieweit das Erbe der Kriegsgeneration bis heute mit uns als Eltern zu tun hat

transgenerative Traumata

Manche Themen sind Schlachtfelder. Weil sie so komplex angelegt sind, dass sie nur schwer journalistisch zu fassen sind, man Ihnen als Autorin nie oder nur in rudimentären Ansätzen gerecht werden kann. Worüber ich hier heute schreiben werde, treibt mich seit einiger Zeit um und lässt mich seitdem nicht los anzunehmen, dass es nicht nur für mich, meine kleine Familie und deren Verortung in die Biographie früherer Generationen von Bedeutung ist. Eher vielleicht für uns als Gesellschaft insgesamt und insbesondere für uns Eltern, die sich für ihre Kinder einen von den Kriegstraumata befreiten Weg wünschen.

Ich will hier insofern nur einmal wieder einen Denkanstoß setzen für alle jene, die mit dem Thema noch nicht in Berührung getreten sind, für deren Leben die Auseinandersetzung aber wertvoll sein könnte. Mir nämlich ging es genau so. Die Auseinandersetzung mit dem Thema hat in meiner Familie viel ins Rollen gebracht. Wer sich über diesen Post hinaus mit diesem Thema beschäftigen möchte, findet im Anhang sowohl eine kleine Literaturliste als auch ein Interview als Hörversion, das ich mit der auf transgenerativen Traumata spezialisierten Psychotherapeutin Ingrid Meyer-Legrand geführt habe sowie den Mitschnitt einer Radiosendung, innerhalb derer ich mich bereits mit dem Thema beschäftigt habe.

Alles fing bei mir mit Sabine Bode und ihrem Buch „Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ an. Darin beschäftigt sich Bode mit jener Generation, die als Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebten und die in der Öffentlichkeit als Opfer dieses Krieges erst sehr spät bedacht wurden. Sie behandelt darin jene Kriegskinder, die von Bomben und Vertreibung geprägt wurden und die vor dem Hintergrund all jener Gräuel in ihren Familien wenig Liebe und Sicherheit erfuhren. Aus jenen Kriegskinder, die ihre Wunden, ja – ihre emotionalen Verletzungen aus dieser Zeit häufig verdrängten, sind wiederum in großer Zahl Eltern erwachsen, die ihre eigenen Kriegsschrecken an die Kinder weitergegeben haben.

„In den Jahrzehnten nach dem Krieg kam es in vielen deutschen Familien zu einer brisanten Situation: Damals wurden die Kriegskinder selbst Eltern. Weil sie jedoch ihre Traumata nie verarbeiten konnten, agierten sie gegenüber ihren Kindern oftmals einfach ihr Traumata aus: Gewaltausbrüche, Gefühlskälte, Alkoholmissbrauch.“ (Ingrid Meyer-Legrand)

Nun könnte man sich fragen, was dieses Thema aktuell mit uns als Eltern-Generation überhaupt noch zu tun hat: scheint der Zweite Weltkrieg und die Erfahrungen der Kriegsgeneration vielleicht sogar verjährt. Wenn man nun aber hingegen annimmt, dass sich Traumata über viele Generationen vererben und auch dieser Tage immer noch Bücher wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ oder verwandte Monographien durch die Hände vieler Eltern gehen – dann begreife ich darin vor allem: die Referenz zu einem Umgang mit Kindern, wie ihn einmal u.a. Johanna Haarer unter den Nationalsozialisten mit „Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ Generationen von Eltern als Selbstverständlichkeit eingeimpft hat.

So schrieb etwa der Kinderarzt Eugen Knapp noch 1949:

“Wer kennt nicht jene unerträglichen kleinen Haustyrannen, die alles mit Geschrei und Wut erzwingen? Und was wird aus diesen Kindern in späteren Jahren?”

Ohne allzu sehr aus dem Nähkästchen plaudern zu wollen: Ich bin in dieser Tradition aufgewachsen, obwohl ich streng genommen zur Generation der Kriegsurenkel zähle, zwischen meinen Tätergeneration-Großeltern immerhin eine Eltern-Generation lag, von der man annehmen könnte, dass sie in der Aufarbeitung der Kriegsgräuel von ihren eigenen Kindern hätte vieles abhalten können. Stattdessen wuchs ich in einem Klima der Kälte auf, in dem es keine Erinnerungskultur gab, das Thema Krieg vielmehr unter den Mantel des Schweigens gehüllt wurde. Und zwar nicht, weil meine Eltern das, was sie wiederum als Kinder in der Beziehung zu ihren Eltern erlebt haben, gänzlich überwunden hätten – sie haben es vielmehr verdrängt und damit die Grundlage geschaffen, die Themen des Krieges an mich und meinen Bruder weiterzugeben. Oder wie Henryk M. Broder in einem Vorwort zu Hannah Arendts Bericht „Besuch in Deutschland“ über die Weigerung zu trauern geschrieben hat: „Eine solche Flucht vor der Wirklichkeit ist natürlich auch eine Flucht vor der Verantwortung.“

Und genau darum geht es mir: hinzuschauen und für mich und mein Kind Verantwortung zu tragen. Ihn nicht dem auszuliefern, was ich selbst an familiären Strukturen erlebt habe. Immer in der Annahme, dass nur die eigene Reflexion lösen kann, was ansonsten nicht zu vermeiden ist.

So schrieb etwa die Psychoanlytikerin Alice Miller in einer ihrer Bücher: „Es ist ein großes Glück, wenn unsere Kinder es merken und es uns sagen können, denn dann wird es ihnen möglich sein, die seit Generationen überlieferten Ketten der Macht, Diskriminierung und Verachtung abzulegen. Sie werden es nicht mehr nötig haben, Ohnmacht mit Macht abzuwehren, wenn ihnen die frühe Ohnmacht und narzisstische Wut zum bewussten Erlebnis geworden sind.“

Und gleichsam:

„In den meisten Fällen aber bleibt dem Menschen sein eigenes Kinderleiden affektiv verborgen und bildet gerade deshalb die verborgene Quelle neuer, manchmal sehr subtiler Demütigungen in der nächsten Generation.“

Wie man aus einem solchen Setting, also vom Krieg geprägter Eltern hervorgehen kann (nicht muss), bildet heruntergebrochen dieses Porträt ab:

Um mal in einem größeren Bogen die Ausmaße dieses Themas zu beleuchten: Nach Sabine Bode entwickeln 8-10 % der Menschen, die Krieg und Vertreibung hierzulande erlebt haben, im Alter psychische Krankheiten. Im Abgleich konterkariert Bode, dass in der Schweiz nur 0,7 % der alten Menschen mit derlei Symptomen befasst sind. Und mehr noch: weitere 25 % der Deutschen seien infolge ihrer Kriegserlebnisse in ihrer Lebensqualität eingeschränkt.

Kurzum: Bezeichnender Weise bin ich in den vergangenen Monaten und während der Auseinandersetzung mit diesem Thema einer großen Zahl an Menschen begegnet, die ihr Leben in irgendeiner Relation, manchmal irrationalen Befindlichkeit innerhalb ihrer Familien, begreifen.

Wer sich nun weiter mit dem Thema befassen will, sei als Einstieg diese Bücher empfohlen:

Sabine Bode, Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation.

Ingrid Meyer-Legrand, Die Kraft der Kriegsenkel. Wie Kriegsenkel heute ihr biografisches Erbe erkennen und nutzen.

Mit letzterer Autorin, Ingrid Meyer-Legrand, einer Psychotherapeutin, die sich auf das Thema Transgenerative Traumata spezialisiert hat, habe ich anhängendes Gespräch geführt. Darin befassen wir uns mit der Frage, welche Bedeutung das Thema für die Erben der Kriegsgeneration hat, wie es sich in ihrer Biographie abbilden lässt und welche Schlüsse wir daraus ziehen müssen im Umgang mit unseren Kindern.

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