Kinderarmut in Deutschland: “Kinder fühlen sich besonders vom sozialen Leben abgeschnitten und ohnmächtig”

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Was SOS-Kinderdorf e. V. so macht, war mir ehrlich gesagt jahrelang nicht ganz klar: Gutes, natürlich, aber wenn man ein Leben ohne große Mängel führt und es auch nicht anders kennt, fällt es leicht, alles andere auszublenden und nicht so genau hinzuschauen. Unsere Autorin Katharina hat erst letzte Woche geschrieben, wie es eigentlich sein kann, dass man sich “kollektiv von Menschen distanziert, denen es nicht so gut geht”? Herr Rebbe ist jemand der das nicht tut. Er schaut hin und nicht nur das; seit über zwölf Jahren arbeitet er für SOS-Kinderdorf und war auch davor schon in der Jugendhilfe aktiv. Der Vater von zwei Kindern, baut gerade das städtische Kinderdorf in Hamburg auf und ist Leiter des SOS-Familienzentrums in Hamburg. Wir haben ihn mal gefragt, was genau eigentlich Kinderarmut in Deutschland ist, warum Chancengleichheit so ein wichtiges Thema ist und wie genau SOS-Kinderdorf helfen kann (und auch wir!):

Hallo Herr Rebbe. Gleich einmal vorab: Was bedeutet eigentlich Kinderarmut in Deutschland?

Kinderarmut fühlt sich meines Erachtens für die in Deutschland Betroffenen anders an: Reichtum und Armut sind hier oft sehr dicht beieinander. In diesem Kontrast fühlen sich Kinder besonders vom üblichen sozialen Leben abgeschnitten und ohnmächtig. Die Kinder sind in den seltensten Fällen von lebensbedrohendem Hunger betroffen, vielmehr ‘verhungern’ sie oft sozial durch Ausgrenzung. In der Gesellschaft zeigen wir oft materiell, was wir haben, um dazu zu gehören. Wenn ich aber wenig bis nichts habe, werden meine Möglichkeiten auch geringer.

Und was hat Kinderarmut mit Chancengleichheit zu tun?

Schlechte Zähne, schlechte Kleidung, schlechter Haarschnitt… das alles kann schnell zu Vorverurteilung, Stigmatisierung führen. Die Kinder werden dann in eine Schublade gesteckt, dass sie nichts können und so werden sie nicht gut gefördert. Sie haben einen Stempel, der ungerecht, aber schwierig abzuschütteln ist. Wir sind alle nur Menschen und funktionieren oft unbewusst: So müssen wir an der Stelle ganz aktiv unsere eigenen Vorurteile bekämpfen, um die Person dahinter wieder objektiver mit seinen ganzen Potentialen wahrnehmen zu können. Chancengleichheit heißt dann, dass ich auch die Chancen bekomme, wie jemand, der zeigt, dass er Geld hat.

An dieser Stelle helfen wir z.B. ganz pragmatisch, indem wir gespendete Kinderkleidung weitergeben. Oder dass mit Hilfe von Spenden, Kinder ein Musikinstrument lernen können. Das stärkt das Selbstbewusstsein. Und vieles mehr.

HerrRebbe

Sie engagieren sich zunehmend in Städten für sozialschwache Familien. Wie kam es zu der Idee? Welche Bedürfnisse und Mängel sehen Sie besonders im urbanen Raum?

Es gibt seit Jahren eine demografische Entwicklung in die Städte hinein. Die Städte wachsen und manche ländliche Regionen verwaisen zunehmend. Es gibt deshalb zwei Bewegungen. Wir bleiben da, wo sich andere zurückziehen – also im ländlichen Raum. Aber wir sind auch da präsent, wo viele unsere Hilfe brauchen. Deshalb verfolgen wir das Konzept ‚städtisches SOS-Kinderdorf‘: quasi ‚ein Dorf für die Stadt‘. Hier gibt es ein Familienzentrum als Dorfplatz und Kinderdorffamilien, die drumherum angesiedelt werden. Hinzu kommen ergänzende Angebote wie Kita, ambulante Hilfen und Weiteres. Das Gute, was wir in unseren klassischen Kinderdörfern erleben, transportieren wir in die Stadt. Hier ist es vor allem die gegenseitige Unterstützung: Netzwerke bilden und fördern, in denen sich die Familien und ihre Kinder gegenseitig unterstützen. Wir fördern Hilfe zur Selbsthilfe. Ein Grundprinzip, dass sie in allen Angeboten wiederfinden. Denn die Menschen sollen ja nicht dauerhaft auf unsere Unterstützung angewiesen sein.

Kann man das Konzept vielleicht sogar deutschlandweit anwenden? Gibt es dafür schon Pläne?

Es ist eine Bewegung, die wir schon länger deutschlandweit anstoßen. In Berlin haben wir angefangen. Düsseldorf, Gera, Frankfurt sind schon gefolgt. Hamburg ist kurz davor.

Gleichzeitig haben wir in vielen Orten schon Familienzentren oder Mehrgenerationshäuser*, mit denen wir uns im urbanen Raum engagieren.

Knapp 15 % der Kinder leben in Hartz-IV-Haushalten. Wie kommt man an diese Kinder ran? Gibt es einen Weg ihnen direkt zu helfen?

Man muss dort sein, wo die Kinder sind. Sie finden uns in Stadtteilen, wo viele Familien unter schwierigen Bedingungen leben und den Alltag meistern müssen. Genau da setzen wir an. Die Familien sollen uns als hilfreich erleben und unsere Unterstützung gebrauchen können. So bieten wir mit unserem Familiencafé einen Ort der Begegnung und Vernetzung, wo es auch kostengünstige Mahlzeiten gibt. Nebenan ist der Kinderkleiderladen, wo es aufbereitete gespendete Kinderkleidung gibt. Für die Kinder bieten wir Kindergruppen, Hausaufgabenhilfe etc. für eine sinnvolle Freizeitgestaltung, aber auch um die schulischen Leistungen zu verbessern.

Noch einmal zurück zur Chancengleichheit: Wie kann man Kindern besseren Zugang zur Gesellschaft ermöglichen?

Bildung, Bildung, Bildung – das verbunden mit Unterstützungsangeboten für die Eltern hilft schon sehr. Mit Bildung meine ich nicht nur schulische Bildung: Es ist eine umfassende Förderung zum Beispiel mit Musik, Vorlesen, Vorbild sein, Gemeinschaft erleben. Sich selbstwirksam fühlen. Sich als wichtiger Teil einer Gemeinschaft fühlen. All die Anregungen, die Kinder zu einem guten Aufwachsen brauchen.

Und dann an die Hand nehmen. Sie mit Menschen zusammen bringen, die vielleicht auf der Sonnenseite stehen. Die etwas zu geben haben. Netzwerk und Beziehung ist der Schlüssel zu vielem.

Besonders in Ein-Eltern-Familien sind Kinder von Armut bedroht – wie kann man diese Familien besser unterstützen?

Gerade diese Familien profitieren besonders von einem funktionierenden Netzwerk. Denn wer springt ein, wenn die Mutter zum Beispiel krank wird, oder aus beruflichen Gründen an dem einen Nachmittag das Kind nicht versorgen kann und dann kein Partner oder die Oma zur Verfügung steht? Dann hilft die Freundin oder eine Einrichtung wie das SOS-Familienzentrum. Deswegen steht dieser Netzwerkgedanke bei uns ganz oben. Und Informationen brauchen sie: Wo gibt es was? Wo kann ich welche Vergünstigungen oder Unterstützung bekommen? Diese Informationen bieten wir.

Was können wir tun, um zu helfen?

Für all unsere Angebote brauchen wir Spenden. Nur an wenigen Stellen bekommen wir gerade in der präventiven Arbeit Geld vom Staat. Hier setzen wir Spenden sinnvoll ein, damit wir die Familien erreichen, bevor Schlimmeres passiert. Wir sorgen dafür, dass Kinder in besseren Bedingungen aufwachsen können. Zum einen, wenn sie bei uns sind, aber vor allem, wenn es uns gelingt, die Eltern zu befähigen, besser für ihre Kinder zu sorgen und mit ihnen umzugehen.

Dann kann man bei uns Kinderkleidung aber auch Zeit spenden. Wer mithelfen möchte, unsere Angebote auszuweiten und/oder zu bereichern, ist herzlich willkommen.

Wir danken Ihnen sehr für das Interview Herr Rebbe!

Anm. d. Red.: Mehrgenerationshäuser sind Treffpunkte für Menschen unterschiedlicher Generationen, unterschiedlicher Religion und unterschiedlicher Herkunft. Sie sollen für alle Beteiligten ein Netzwerk im Sinne einer Großfamilie schaffen.

SOS-Kinderdorf ist auf Spenden angewiesen. Wenn ihr unterstützen wollt, findet ihr hier weitere Informationen, auch speziell zum Thema Chancengerechtigkeit.

Aber auch das neue, zu Herzen gehende, Video von SOS-Kinderdorf wollen wir Euch nicht vorenthalten:

 

Dieser Beitrag entstand in freundlicher Kooperation mit SOS-Kinderdorf e. V.

Bilder: von Torsten Kollmer 

© SOS-Kinderdorf e.V. 

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