Early Excellence – die individuellen Fähigkeiten der Kinder sehen

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In unserer Kita gibt es schon seit ein paar Monaten ein neues Modell, das sich “Early Excellence” nennt. Ein pädagogisches Leitkonzept, initiiert in Deutschland vom Pestalozzi-Fröbel-Haus.

Alle Eltern waren erst mal skeptisch, ich inklusive. Early Excellence, das klang nach Frühchinesisch und Kinderyoga, nach übertriebener Förderung. Dazu kam: wir hatten in den Monaten zuvor viele Probleme in der Kita gehabt, kleine und große und auch einige grundsätzliche, strukturelle. Zu diesem Zeitpunkt ein neues “Förderungs-Programm” zu starten, erschien uns völlig kopflos.

Das ist jetzt ungefähr ein halbes Jahr her, und ich muss sagen: mittlerweile bin ich begeistert. Vielleicht habt ihr letzte Woche in unserer Redaktions-Sitzung mitgehört, dass vor allem Katharina und ich es total kritisch sehen, dass unsere Kinder heute so “pathologisiert” werden. Dass immer beobachtet wird: wo sind Defizite, was läuft nicht so gut? Soll man mal zur Ergotherapie, zum Logopäden, zur Physio? Viele Eltern machen sich verrückt – manchmal hat man fast den Eindruck, sie wollen ihre Kinder irgendwie auffällig (und damit ja auch besonders) machen. Wenn das mit dem Klettern nicht gut klappt, wenn das Kind lispelt, zu lange in der Windel ist, verschlossen ist, noch nicht Laufrad fährt, den Stift komisch hält. Dann hat es eine Auffälligkeit, ist motorisch hinterher, oder hochsensibel, auf jeden Fall irgendwie “anders”. Ich schließe mich hier übrigens überhaupt nicht aus! Ich besitze einfach auch genug Bücher, in denen genau beschrieben ist, was das Kind normalerweise wann können soll. Und wenn es das nicht kann, schellen natürlich gleich die Alarmglocken.

Bei uns in der der Kita sind laut Leitung alle 75 Kinder völlig “normal” und jedes ist aber trotzdem auf seine Weise besonders. Unabhängig davon, dass es natürlich auch wirklich Diagnosen gibt, glaube ich, dass prinzipiell jedes Kind seine ganz individuellen Fähigkeiten und Interessen hat. Und andere Dinge kann es eben nicht so gut. Die Theorie, dass die meisten Kinder entweder sprachlich oder motorisch fit sind, kann ich zu Beispiel total unterschreiben, wenn ich mich mal im Freundeskreis umschaue. Die Kinder, die sehr gut sprechen, klettern meistens nicht gut und umgekehrt. So geht es ja in der Schule weiter. Gut in Mathe, mittelmäßig in Englisch. Genies, die alles richtig gut können, gibt es kaum. Und es müssen ja auch nicht immer alle alles können! Außerdem hat jedes Kind sein eigenes Tempo.

Also, was jetzt: “Early Excellence”?

Early Excellence bedeutet vieles. Das Wichtigste für mich aber ist die “positive Grundeinstellung” dem Kind gegenüber. Anstatt nach Defiziten zu suchen, werden die individuellen Interessen, Fähigkeiten und Talente gesehen und dann ressourcenorientiert gefördert. Und man geht davon aus, dass jedes Kind solche Fähigkeiten und Interessen hat, außerdem dass Kinder immer lernen wollen und interessiert sind.

Bei uns geht das einher mit einem “Beobachtungsmodell”, mit dem die Kinder begleitet werden, und nach diesem Prinzip laufen jetzt auch die Gespräche mit den Eltern ab. Überhaupt ist die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Erziehern noch viel wichtiger und intensiver geworden. Basis für das Beobachtungssystem ist immer das Spiel. Das Kind wird also im freien Spiel eine Woche lang immer wieder von mehreren Erziehern beobachtet. Nur ein paar Minuten und ganz unauffällig. Ein Kriterium ist hier das Wohlbefinden und die Engagiertheit des Kindes. Fühlt es sich wohl? Wirkt es entspannt? Ist es ausdauernd in seinen Tätigkeiten? Kann es äußern, was es braucht und mag, was ihm gefällt und was nicht? Hier geht es aber nicht um das Abhaken dieser Punkte, sondern es wird am Ende nur notiert, wertefrei. Und dann geht es um “Schemas”, die Wunderwelt des Lernens.

Die meisten Kinder bauen nämlich in ihrem freien Spiel Strukturen auf, die immer wiederkehren. Und fast immer gibt es dann ein oder zwei dominierende Schemas (es heißt wirklich so, nicht Schemata!), die in Folge dann ganz besonders unterstützt werden, um dem Kind die Möglichkeit zu geben, alle Varianten zu erforschen und seine Denkmuster weiterzuentwickeln.

Natürlich ist das nicht in jeder Kita umzusetzen, und es gibt auch Dinge, die die Erzieher nicht so toll finden, an unserem neuen – jetzt sehr offenen – System. Aber ich finde die Grundidee einfach schön. Dass die Kinder sich so entwickeln dürfen, wie sie sind und dass ihre Interessen und Talente schon im Kindergartenalter gefördert werden, auch wenn das so etwas wie Lego bauen oder Holzteile sortieren ist.

Denn es ist doch so: Jeder hat seine Steckenpferde, die ihm liegen. Es macht so viel mehr Sinn, diese zu fördern, anstatt auf Zwang an den Dingen zu arbeiten, die nicht so gut laufen.

Jetzt müssen wir das nur noch in der Schule so weiter machen…

Besonders deutlich wird das, was ich damit meine in dieser kleinen Geschichte:

Die “Leidenschaften” der Bildungsprogramme

Es gab einmal eine Zeit, da hatten die Tiere einen Kindergarten. Das Bildungsprogramm bestand aus Rennen, Klettern, Fliegen und Schwimmen und alle Tiere wurden in allen Fächern gebildet.

Die Ente war gut im Schwimmen, sogar besser als die ErzieherInnen. Im Fliegen war sie durchschnittlich, aber im Rennen war sie ein hoffnungsloser Fall. Da sie in diesem Bereich so schlecht war, musste sie immer wieder Rennen gehen. Das tat sie solange, bis sie auch im Schwimmen nur noch durchschnittlich war. Durchschnittlich war akzeptabel, deshalb machte sich niemand Gedanken darüber, nur die Ente.

Das Kaninchen war zuerst im Rennen an der Spitze der Gruppe, aber es bekam einen Nervenzusammenbruch und musste vom Kindergarten abgemeldet werden – wegen der vielen Förderstunden im Schwimmen.

Das Eichhörnchen war Bester im Klettern, aber die Erzieherin ließ die Flugstunden des Eichhörnchens am Boden beginnen, statt im Baumwipfel. Das Eichhörnchen bekam einen Muskelkater durch die Überanstrengung bei den Startübungen und wurde immer schlechter im Klettern und im Rennen.

Als die Bildungskommission es ablehnte, auch noch das Buddeln in die Bildungsvereinbarung aufzunehmen, gaben die Präriehunde in der Hoffnung auf Unversehrtheit ihres Nachwuchses ihre Jungen zum Dachs in die Gruppe.

Am Ende des Kindergartenjahres hielt ein anormaler Aal, der gut im Schwimmen war und etwas rennen, klettern und fliegen konnte die Schlussansprache in zwei Sprachen.

 

 

Quelle: Schäfer: Bildung beginnt mit der Geburt, Verfasser unbekannt.
Foto: Unsplash / Markus Spieske

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