Übers Generalisieren, Alltagsrassismus und viele offene Fragen

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Es fällt mir immer wieder auf, auch ich selbst tue es manchmal: “Die Vietnamesen” können toll kochen, “die Franzosen” gehen ganz anders mit ihren Kindern um. Und es passiert so schnell, da spricht man plötzlich von DEN Italienern, die ja immer noch eine machistische Kultur hätten und bestimmt nicht im Haushalt mit anpacken. Nur komisch, dass ich tatsächlich ein Exemplar zu Hause habe, das da irgendwie nicht reinpasst ins Bild. Da wird meinem Sohn, weil er Halbitaliener ist, ein Temperament zugeschrieben, das man als “typisch” italienisch begreift: Er sei ja jetzt schon “ein kleiner Frauenheld” und “liebe Pasta”! Wie niedlich. Natürlich sind diese kleinen Späße nicht so schlimm, ich lache sie schnell weg, ja, spiele sogar manchmal mit, ist ja harmlos!

Offene Fragen 

Nun Junio ist eben sehr hell, und wird in seinem Leben deshalb wahrscheinlich mit “relativ” wenig Vorteilen über Italiener konfrontiert werden. Anderen geht es da nicht so. Rebecca von Elfenkind beschreibt schmerzlich, welche schlimmen, rassistischen Äußerungen sie und auch ihre Kinder mitten in Berlin immer noch hören müssen. Oder auch eine Bekannte, die eine Tochter mit einem Mann aus Kolumbien hat, zu der jemand mal “im Spaß” meinte, sie müsse sich doch mit Kaffee gut auskennen, sie käme ja aus Kolumbien! Meiner Meinung nach ist das ganz klar Rassismus – Alltagsrassismus. Aber ist es dann nicht auch Rassismus, wenn man locker vom “südamerikanischen Temperament” spricht? Oder Italiener, die Deutsche als “sadistisch und kalt” bezeichnen? Wo ist die Grenze zwischen Rassismus und “kulturellen Vorurteilen”? Ist es nicht immer eine Fremdzuschreibung, die nichts mit dem Individuum zu tun hat?

Jetzt könnte man kritisieren; darf man jetzt nie wieder über “die” Italiener sprechen? Ich weiß es auch nicht. Oder “die” Schweden? Vielleicht darf man das schon. Vielleicht sollte man sich aber darüber bewusst sein, dass es das “DIE” so eigentlich nicht gibt. Dass das etwas Konstruiertes ist. Ich habe keine Lösung, aber ich wünsche mir im Alltag ein bisschen mehr Sensibilität. Nein, mein Freund kocht nicht jeden Tag Pasta. Und mein Sohn ist vor allem erst mal ein Mensch, nämlich Junio, und nicht Halbdeutscher oder Halbitaliener. Genauso wie sich die Ethnologie schon lange nicht mehr mit Ethnien, sondern mit deren Konstruktion beschäftigt, sollten auch wir einfach mal drüber nachdenken, wie schnell man mit Zuschreibungen um sich schießt, die doch eigentlich mit der Person vor einem nichts zutun haben und – warum man das tut.

Die Anderen

Dass man diese kulturellen Zuschreibungen nicht mit Formen struktureller Diskriminierung gleichsetzen kann, ist klar, aber im Kern haben sie vielleicht doch dieselben Wurzeln, nämlich das Schaffen von Andersartigkeit, von Fremdheit für die Bestätigung der eigenen Identität. Irgendwie scheinen wir das “Andere” zu nutzen, um uns selbst sicherer zu sein, wer wir sind. Die “Anderen”, sind anders als wir – ein identitätsstiftender Faktor, der auch gern von Populisten eingesetzt wird. “Die Muslime” und wir, um nur ein Beispiel zu nennen. Ich möchte aber nicht zu weit in sogenannte “Othering-Prozesse” abschweifen, auch wenn das sehr interessant ist. Wichtig ist nur zu erkennen, dass diese Unterschiede und viel dieser Andersartigkeit sozial, kulturell und politisch konstruiert ist. Natürlich heißt das nicht, dass Menschen alle “gleich” sind. Aber ihre Unterschiede ergeben sich eben nicht gleichermaßen anhand ihrer Herkunft oder Ethnie. Und ganz konkret für den Alltag: Die Individualität einer Person zu ignorieren ist immer fatal. Und aufgrund einer sozialen, kulturellen oder religiösen Herkunft auf Vorlieben oder “Schwächen” einer Person zu schließen genauso. Wikipedia definiert diese Art von Alltagsrassismus eben genauso: “Wenn ein „Wir“ konstruiert wird und von dieser Position aus Feststellung von Andersartigkeit, von negativer oder positiver Wertung und Abweichung von „unserer“ Normalität gegenüber den „Anderen“ machtvoll äußert oder praktiziert, mit der Folge, dass die so Kategorisierten ausgeschlossen werden“. Hier geht es also um Kategorisierung und letztendlich um das Ausgrenzen aufgrund von Ethnie oder sozialer, kultureller oder religiöser Herkunft.

Kulturelle Aneignung

Es erfordert ein reflektierendes Umdenken, in allen von uns. Und das ist gar nicht so einfach. Vor allem aber fordert es Sensibilität und Offenheit. Ist es ok, Kinder als “Indianer” zu verkleiden? Isabel und ich haben lange darüber diskutiert. Kulturelle Aneignung ist ein ernstes Thema, dass oft verharmlost wird, dass es aber auch einer privilegierten Machtposition heraus passiert, wird dabei oft nicht gesehen. Dabei wird argumentiert, dass es ja nur ein Spiel sei und nicht mehr Sinn dahinter stehe. Wenn man aber beliebig entscheidet, wo Sinn ist und was auf den “Rassismusprüfstand” gehoben werden sollte und was nicht, macht man sich die Welt, wie sie einem gefällt. Denn es gibt bestimmte Narrative, Erzählungen, über “andere Ethnien”, die eben Teil eines Weltbildes der “Kultivierten” und weniger “Kultivierten” sind. Und damit begibt man sich in sehr gefährliches Fahrwasser…

Und das heißt “koloniale Gewalt”: “Mit dem Vorwurf der kulturellen Aneignung wird meiner Ansicht vor allem eines sichtbar gemacht: die Kontinuität gewaltvoller Kolonialgeschichte. Das heißt, koloniale Gewalt wird als reale Gewalt, in Form von Rassismus und kultureller Aneignung, nicht in der Vergangenheit erlebt, sondern als alltägliche Erfahrung im Hier und Jetzt. Diese reale Gewalt besteht darin, die Deutungshoheit über die eigene Geschichte verloren zu haben und zu geschichtslosen bzw. vergangenen Objekten gemacht zu werden.” So beschreibt es die Wissenschaftlerin Noa Ha im Missy Magazin.

Jetzt könnte man meinem, ach, damit hat doch eine harmlose Faschingsparty nichts mehr zutun. Ich denke, doch, leider schon. Wir sind alle in einem geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext geboren, viele von uns mit Privilegien, die sehr, sehr viele Menschen auf der Welt nicht haben. Deshalb handeln wir von einer Machtposition heraus. Sich dessen bewusst zu werden ist eine Herausforderung, nichtsdestotrotz muss man es versuchen. Deshalb halte ich es wie die Bloggerin Ringelmiez, wenn sie den Einwand mancher Eltern, das Kind sei doch nun wirklich unschuldig, wenn es um koloniale Vergangenheit geht, mit dem Hinweis auf Verantwortung beantwortet: “Es geht nicht um Schuld, sondern um Verantwortung, die aus Geschichte erwächst. Wir leben in einem System aus Diskriminierung und Unterdrückung. Wenn du weiß bist und in Deutschland lebst, bist du eben eine Person mit Privilegien und die bringen auch Verantwortung mit sich.”

Orientalismus

Vor Kurzem habe ich dieses tolle Video entdeckt, was uns anhand von Edward Saids Orientalismus-Begriff (eine Theorie über den westlichen Blick auf Gesellschaften des “Nahen Ostens”) schnell erklärt, wie Weltbilder entstehen und welche Funktion sie hatten und haben. Besonders wie immer wieder Bilder “vom Anderen” konstruiert werden, wie Identitäten zugeschrieben werden.  Das Video erklärt auch kurz und knackig, was unser Weltbild mit Unterdrückung zutun hat und wie auch alltägliche, “harmlose” Dinge wie Erzählungen für Kinder, dazu beitragen. Es hilft also nur offen bleiben, sich selbst hinterfragen, die Medien hinterfragen und immer wieder sein eigenes Weltbild:

“Spot the stereotype – decode the fiction – unlearn the myth” 

Titelbild: Postkarte vom Etsy-Shop TheTypedQuote

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